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Sprachanalyse

Die Sprache der AfD

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Die sprachlichen Parallelen des Geschichtslehrers Björn Höcke zur Sprache des Nationalsozialismus waren sogar den eigenen AfD-Kollegen unangenehm, auch wenn sie sich nicht direkt von ihm oder seinen Aussagen distanzierten.

Dass die besondere Art der Kommunikation Teil eines speziellen Politikstils der AfD ist, hat nun eine Studie des Sprachwissenschaftlers Joachim Scharloth nachgewiesen. Er ist Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden.

Ist der Vorwurf des Populismus gerechtfertigt? Scharloth geht von drei Merkmalen aus, die den Populismus kennzeichnen: (1) Als Politikstil zeichnet er sich dadurch aus, dass er das etablierte System mittels Skandalisierung und Tabubruch infrage stellt. Als Ideologie verwendet der Populismus (2) den Begriff des Volkes als Bezeichnung für eine homogene, entindividualisierte Masse (anstatt als Bezeichnung für ein Staatsvolk) und (3) nimmt eine feindselige Haltung gegenüber Eliten ein.

Grundlage der vergleichenden textbasierten Studie bilden die Wahlprogramme der rheinland-pfälzischen Landesverbände von AfD, CDU, FDP, Grünen, Die Linke, NPD und SPD sowie deren Mitteilungen auf den jeweiligen Webseiten. Hier wird deutlich, dass die Wahlprogramme der anderen Parteien doppelt bis viermal so umfangreich sind (21.523 bis 44.582 Wörter) wie das der AfD (9.863 Wörter). Einzig die NPD gibt sich noch wortkarger (1.727 Wörter).

Die AfD neigt zu Verschwörungstheorien, genauso wie die NPD

Um das Merkmal der Skandalisierung zu prüfen, wurden alle Pressemitteilungen auf die Häufigkeit bestimmter Wörter und Wortgruppen untersucht. Dabei hat Scharloth auf bereits vorhandene Wortschatzsammlungen zurückgegriffen, die die verschiedenen Worte und Wortarten nach Bedeutungs- und Fachgruppen ordnen.

Zu skandalisierenden Vokalbeln zählen beispielsweise Substantive wie »Blindheit«, »Chaos«, »Desaster« oder »Dummheit«, aber auch Adjektive wie »abartig«, »abnorm« oder »absurd«. Die Auszählung skandalisierender Begriffe ergab, dass die AfD diese etwa 36 Prozent häufiger verwendet, als der Durchschnitt aller Parteien.

Auch Intensivierer, also Ausdrücke, die eine Aussage emotional aufladen und die Nachdrücklichkeit von Überzeugungen verstärken, lassen sich überdurchschnittlich oft in den Texten der AfD finden (+28 Prozent). Intensivierer sind beispielsweise Begriffe wie »absolut«, »grundsätzlich«, »sehr« oder Superlativformen wie »äußerst« oder »einzigartig«.

Gleiches gilt für die Anzahl von Kommunikationsverben, die auf Konflikte verweisen: +25 Prozent. Wobei hier die FDP sogar einen Wert von 68 Prozent über dem Durchschnitt aufweist. Kommunikationsverben sind Wörter wie »kritisieren«, »verurteilen« oder »vorhalten«. Diese Ausdrücke inszenieren einen Konflikt.

Neben der überdurchschnittlich hohen Anzahl an negativen Adjektiven (+42 Prozent) wurde in den Texten der AfD auch eine Vielzahl von Vokabeln aus dem Bereich »Verschwörung« nachgewiesen (+30 Prozent). Das wurde nur noch von der NPD überboten (+75 Prozent)

Neben der überdurchschnittlich hohen Anzahl an negativen Adjektiven (+42 Prozent) wurde in den Texten der AfD auch eine Vielzahl von Vokabeln aus dem Bereich »Verschwörung« nachgewiesen (+30 Prozent). Das wurde nur noch von der NPD überboten (+75 Prozent).

So kommt Scharloth zu dem Ergebnis, »[...] dass die Pressemitteilungen der AfD stärker emotionalisieren und skandalisieren als die aller anderen Parteien.«

Wir sind das Volk – die Anderen nicht

Die AfD zumindest in Rheinland-Pfalz verfolge keine völkische Ideologie, so Scharloth. Der Umgang mit dem Begriff »Volk« ist jedoch ein eigentümlicher. Volk wird nicht positiv, das heißt durch Gemeinsamkeiten definiert. Stattdessen konstituiert die AfD das Volk durch die Abgrenzung »Wir und die Anderen«, ähnlich wie es sich bei der Ablehnung der Eliten zeigt. Die Anderen, das sind dabei vor allem Asylsuchende und Migranten.

Darüber hinaus gibt sich die AfD besonders bürgernah, indem sie in einem besonderen Maße die politische Teilhabe der Bürger verbalisiert. Ersichtlich wird dies an den Wortverbindungen mit den Wortteilen /bürger/ und /volk/. Wörter wie »Volksbeteiligung«, »Volksbegehren« oder »Bürgerentscheid« werden bei der AfD besonders häufig verwendet.»

Frontstellung gegen das »Establishment« und seine Sprache

Die Feindseligkeit gegenüber Eliten beziehungsweise das »Establishment« wie Politiker, Medienmacher oder Akademiker zeigt sich auf verschiedene Weisen. Zunächst nennt Scharloth die eigene Abgrenzung der Partei als Hort der Wahrheit und Vernunft gegenüber den vermeintlichen Blendern und Manipulanten des etablierten Systems.

Zu diesem Schluss gelangt man bei der Untersuchung derjenigen Begriffe, die »auf Lüge, Manipulation und einen allgegenwärtigen Verblendungszusammenhang verweisen«. Zu den insgesamt acht untersuchten Kategorien gehören Wörter wie »angeblich«, »offensichtlich« oder »so genannt/sogenannt«. In fast allen Bereichen liegt die Anzahl der Ausdrücke über dem Durchschnitt. Das legt auch nahe, dass die AfD zu Verschwörungstheorien tendiert.

Nicht nur gegen die Eliten grenzt sich die Partei ab, sondern auch gegen deren Ausdrucksweise. Das geschieht durch sogenannte metasprachliche Markierungen. Scharloth untersuchte den Gebrauch von Anführungszeichen sowie des Wortes »so genannt/sogenannt«. Die AfD – ebenso wie die NPD – nutzt diese sprachlichen Mittel im Vergleich zu den anderen Parteien geradezu inflationär, um sich von gängigen Ausdrücken zu distanzieren. Das geschieht beispielsweise bei Begriffen wie »Flüchtling«, »Gender Studies«, »Political Correctness« oder »Wissenschaftler«.

»Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor anderen, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag«
Sprache kann verschleiern, aber sie ist auch verräterisch. Der Ausdruck und die Art der Kommunikation lässt einen tiefen Einblick in die Denkweise der AfD, ihrer Sprecher und ihrer Sympathisanten zu. Am deutlichsten wurde das bisher im Falle Höckes, der keinen Hehl aus seinen geistigen Anleihen macht.

Es geht aber auch subtiler, wie die Untersuchung zeigt. Wichtig ist, zu erkennen, was die AfD will – das etablierte System abschaffen. Trotz häufiger Verurteilungen kann die AfD sich frei äußern und das bestehende System kritisieren. Ob sie das Gleiche ihren Kritikern zugestehen würde, wenn sie die Chance zu einer Reform bekäme, bleibt zu bezweifeln. Ein Blick nach Polen zeigt, wie schnell Meinungs- und Pressefreiheit Rechtspopulisten zum Opfer fallen.

Die Auswertung der Studie finden Sie auf der Webseite des Blogs »surveillance and security« von Prof. Dr. Joachim Scharloth.

Fußnoten

  1. Vgl. URL: http://www.security-informatics.de/blog/?p=1790, 11.04.2016.
  2. Vgl. Szacki, Jerzy: Populismus und Demokratie. Versuch einer Begriffsklärung, in: von Thaden, Rudolf; Hofmann, Anna (Hrsg.): Populismus in Europa - Krise der Demokratie?, Göttingen 2005, S. 19-24; Geden, Oliver: Diskursstrategien im Rechtspopulismus, Wiesbaden 2006.
  3. Zu den Sprachgruppen und Sprachsammlungen sowie der verwendeten Literatur vgl. Biedermann, Reinhard: Die deutschen Gradadverbien in synchronischer und diachronischer Hinsicht, Diss., Heidelberg 1969; Bierwisch, Manfred: Semantik der Graduierung. Grammatische und konzeptuelle Aspekte von Dimensionsadjektiven, Berlin 1987, S. 91-286; Bubenhofer, Noah; Scharloth, Joachim: Sprachthematisierungen. Ein korpuslinguistisch-frequenzorientierter Zugang, in: Aptum, 2/2014, S. 140-154; Dornseiff, Franz: Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen, Berlin/New York 2004; Harras, Gisela; Winkler, Edeltraud; Proost; Kristel: Handbuch deutscher Kommunikationsverben, Bd. 1, Berlin/New York 2004; Niehr, Thomas: Kampf um Wörter? Sprachthematisierungen als strategische Argumente im politischen Meinungsstreit, in: Panagl, Oskar; Stürmer, Horst (Hrsg.): Politische Konzepte und verbale Strategien. Brisante Wörter - Begriffsfelder - Sprachbilder, Frankfurt/M. u.a. 2002, S. 85-104; Os, Charles van: Aspekte der Intensivierung im Deutschen, Tübingen 1989; GermaNet, URL: http://www.sfs.uni-tuebingen.de/GermaNet/.
  4. Klemperer, Victor: LTI. Notizbuch eines Philologen, 22. Aufl., Stuttgart 2007, S. 20.

Autor*innen

Geboren 1983, ist seit 2015 Redakteur bei KATAPULT und vor allem als Layouter, Grafiker und Lektor tätig. Er hat Germanistik, Kunstgeschichte und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Greifswald studiert.

Sein wissenschaftliches Hauptinteresse liegt im Bereich der Sprachwissenschaft, speziell der Psycho- und Politolinguistik. 

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