SpieleBibliothekWiki
EDITORIAL Ausgabe Nr. 25

Бери

KATAPULT war nach außen noch nie so erfolgreich und nach innen noch nie so unter Spannung. Wir sind mittlerweile fast 70 Leute. Die sympathische Gruppe aus der Anfangszeit sind wir schon lange nicht mehr.

von
Benjamin Fredrich
Benjamin Fredrich
Veröffentlicht am 13.05.2022
Article Thumbnail

Alexej steigt aus dem Auto, nimmt eine Kalaschnikow von der Rückbank, hält sie mir vor die Brust und sagt: »Bery!« Ich bin verwirrt. Meint er mich? Und was soll ich mit der Waffe? Was soll Bery? Er wiederholt: »Bery!« Ich frage ihn, warum ich plötzlich dieses Sturmgewehr nehmen soll. Erst jetzt dreht Alexej seinen Kopf zu mir, erschrickt kurz und sagt auf Englisch, »Sorry, ich dachte, du bist Yegor.« Und zieht die Waffe wieder zurück.

Sein Kollege Yegor ist aber gar nicht mehr hier. Er inspiziert bereits einen zerstörten russischen Panzer. Anscheinend ohne Waffe in der Hand. Das ist untypisch. Denn Yegor und Alexej sind ukrainische Soldaten. Sie sind meine Lebensversicherung, weil sie wissen, wo hier keine Minen liegen. Wir sind in Butscha, nahe der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Vor drei Tagen haben Medien das erste Mal von einem Massaker berichtet, das hier stattgefunden hat. Über 350 ermordete Zivilisten wurden gezählt. Sie sind auch jetzt noch sichtbar, zumindest indirekt: Neben den vielen zerstörten Häusern und Fahrzeugen sehen wir immer wieder längliche Sandberge mit Blumen darauf. Daneben kleine selbstgebaute Holzkreuze.

Dass man mir als deutschem Journalisten erlaubt, an diesem Ort zu sein, ist ungewöhnlich. Die ukrainische Armee lässt gerade nur Leute in die Kampfgebiete, zu denen sie Vertrauen aufgebaut hat. Aber KATAPULT? Uns kennen die Soldaten erst einen Tag. Für mich machen sie eine große Ausnahme. Sie vertrauen mir, weil einer unserer neuen Kollegen aus Kyjiw einen Kontakt beim Militär hat und ihm die Story von unserem Engagement erzählte. Dass wir kurzfristig 21 Ukrainer:innen eingestellt haben, dass wir eine ukrainische Zeitung gegründet haben, dass wir schusssichere Westen mitgebracht haben – das hat überzeugt. Nur durch KATAPULT Ukraine bekomme ich dieses Vertrauen und eben auch die militärische Begleitung. Alexej und Yegor – sie vertrauen mir und ich vertraue ihnen.

In Greifswald sieht die Sache anders aus. In der KATAPULT-Redaktion habe ich in den letzten Wochen viel Vertrauen verloren. Einige unserer Kolleg:innen sind unzufrieden, fühlen sich von den neuen Projekten überrumpelt und nicht genügend wertgeschätzt. Der Grund dafür bin ich. Meistens jedenfalls. Meine radikale Art, Aktionen zu starten, und meine Entscheidungen insgesamt wirken auf Außenstehende ganz gut, aber nach innen lösen sie bei einigen Sorgen und Unzufriedenheit aus.

KATAPULT war nach außen noch nie so erfolgreich und nach innen noch nie so unter Spannung. Wir sind mittlerweile fast 70 Leute. Die sympathische Gruppe aus der Anfangszeit sind wir schon lange nicht mehr. Dafür ist KATAPULT einfach zu groß und auch zu unfähig, eine Kultur für ein großes Team zu schaffen. Wir hatten anfangs viele Ausreden für die Situation gesucht: die vielen Lockdowns im letzten Jahr, der große Umzug in das Schulgebäude, der Krieg, die emotionale Überforderung und das rasante Personalwachstum. All das zusammen ist nicht gesund, aber es interessiert am Ende niemanden. Es bleibt, was es ist – eine Ausrede.

Der wirkliche Grund für die Probleme liegt in unserer, in meiner Unfähigkeit, ein so großes Unternehmen zu leiten. Erschwerend kommt hinzu, dass ich ein anstrengender Mensch bin. Für viele ist das, was ich mache, Terror. Wir haben auf den Krieg mit maximalem Einsatz reagiert: Wir haben Teams zusammengelegt, zeitweise ein 24-Stunden-Schichtsystem eingeführt, Gehälter eingespart, Leute eingestellt. Einige bei uns fanden den harten Kurswechsel richtig, andere kritisieren ihn. Das verstehe ich und manchmal denke ich auch darüber nach, ob nicht ich der Fehler im System bin, ob ich in einem kleinen, wendigen Unternehmen vielleicht besser aufgehoben wäre.

Natürlich werden wir uns mit dieser Situation nicht einfach abfinden. Denn gleichzeitig haben wir auch enorm viel geschaffen. Deshalb gehen wir gerade auch nach innen in die Offensive: Wir bauen neue Kommunikationskanäle auf, haben uns psychologische Betreuung geholt, stellen Leute für die innere Verwaltung ein und einige bilden derzeit einen Betriebsrat. Wir haben uns also etwas aufgerieben, das muss aber nicht so bleiben.

Wir werden alles probieren, die Probleme zu beheben. Das war sowieso immer unsere Stärke: das Probieren, solange bis es klappt. Und KATAPULT wird vor allem einem Prinzip treu bleiben: Hypertransparenz. Wir erzählen euch, wie es intern bei uns aussieht – egal ob positiv oder negativ.

Abo holen – unbegrenzt Karten und Studien bekommen

SOLI

0 €

/Monat

Lies KATAPULT in unserem Wiki

Alle Inhalte erscheinen 14 Tage nach Veröffentlichung im Wiki

Begrenzter Spielezugang

Empfohlen

BASIS

5 €

/Monat

Alle Vorteile von Soli

Lies KATAPULT auf unserer Internetseite und im Wiki

Unbegrenzter Spiele Zugang!

Exklusiver Newsletter - Die KATAPULT Woche

Genieße unser Magazin, Knicker und Pultu als Online Ausgabe oder PDF

INTENDANZ

6 €

/Monat

Alle Vorteile von Basis

Du ermöglichst die Existenz von KATAPULT und förderst Leute, die sich kein Abo leisten können