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EDITORIAL Ausgabe Nr. 25

Бери

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Alexej steigt aus dem Auto, nimmt eine Kalaschnikow von der Rückbank, hält sie mir vor die Brust und sagt: »Bery!« Ich bin verwirrt. Meint er mich? Und was soll ich mit der Waffe? Was soll Bery? Er wiederholt: »Bery!« Ich frage ihn, warum ich plötzlich dieses Sturmgewehr nehmen soll. Erst jetzt dreht Alexej seinen Kopf zu mir, erschrickt kurz und sagt auf Englisch, »Sorry, ich dachte, du bist Yegor.« Und zieht die Waffe wieder zurück.

Sein Kollege Yegor ist aber gar nicht mehr hier. Er inspiziert bereits einen zerstörten russischen Panzer. Anscheinend ohne Waffe in der Hand. Das ist untypisch. Denn Yegor und Alexej sind ukrainische Soldaten. Sie sind meine Lebensversicherung, weil sie wissen, wo hier keine Minen liegen. Wir sind in Butscha, nahe der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Vor drei Tagen haben Medien das erste Mal von einem Massaker berichtet, das hier stattgefunden hat. Über 350 ermordete Zivilisten wurden gezählt. Sie sind auch jetzt noch sichtbar, zumindest indirekt: Neben den vielen zerstörten Häusern und Fahrzeugen sehen wir immer wieder längliche Sandberge mit Blumen darauf. Daneben kleine selbstgebaute Holzkreuze.

Dass man mir als deutschem Journalisten erlaubt, an diesem Ort zu sein, ist ungewöhnlich. Die ukrainische Armee lässt gerade nur Leute in die Kampfgebiete, zu denen sie Vertrauen aufgebaut hat. Aber KATAPULT? Uns kennen die Soldaten erst einen Tag. Für mich machen sie eine große Ausnahme. Sie vertrauen mir, weil einer unserer neuen Kollegen aus Kyjiw einen Kontakt beim Militär hat und ihm die Story von unserem Engagement erzählte. Dass wir kurzfristig 21 Ukrainer:innen eingestellt haben, dass wir eine ukrainische Zeitung gegründet haben, dass wir schusssichere Westen mitgebracht haben – das hat überzeugt. Nur durch KATAPULT Ukraine bekomme ich dieses Vertrauen und eben auch die militärische Begleitung. Alexej und Yegor – sie vertrauen mir und ich vertraue ihnen.

In Greifswald sieht die Sache anders aus. In der KATAPULT-Redaktion habe ich in den letzten Wochen viel Vertrauen verloren. Einige unserer Kolleg:innen sind unzufrieden, fühlen sich von den neuen Projekten überrumpelt und nicht genügend wertgeschätzt. Der Grund dafür bin ich. Meistens jedenfalls. Meine radikale Art, Aktionen zu starten, und meine Entscheidungen insgesamt wirken auf Außenstehende ganz gut, aber nach innen lösen sie bei einigen Sorgen und Unzufriedenheit aus.

KATAPULT war nach außen noch nie so erfolgreich und nach innen noch nie so unter Spannung. Wir sind mittlerweile fast 70 Leute. Die sympathische Gruppe aus der Anfangszeit sind wir schon lange nicht mehr. Dafür ist KATAPULT einfach zu groß und auch zu unfähig, eine Kultur für ein großes Team zu schaffen. Wir hatten anfangs viele Ausreden für die Situation gesucht: die vielen Lockdowns im letzten Jahr, der große Umzug in das Schulgebäude, der Krieg, die emotionale Überforderung und das rasante Personalwachstum. All das zusammen ist nicht gesund, aber es interessiert am Ende niemanden. Es bleibt, was es ist – eine Ausrede.

Der wirkliche Grund für die Probleme liegt in unserer, in meiner Unfähigkeit, ein so großes Unternehmen zu leiten. Erschwerend kommt hinzu, dass ich ein anstrengender Mensch bin. Für viele ist das, was ich mache, Terror. Wir haben auf den Krieg mit maximalem Einsatz reagiert: Wir haben Teams zusammengelegt, zeitweise ein 24-Stunden-Schichtsystem eingeführt, Gehälter eingespart, Leute eingestellt. Einige bei uns fanden den harten Kurswechsel richtig, andere kritisieren ihn. Das verstehe ich und manchmal denke ich auch darüber nach, ob nicht ich der Fehler im System bin, ob ich in einem kleinen, wendigen Unternehmen vielleicht besser aufgehoben wäre.

Natürlich werden wir uns mit dieser Situation nicht einfach abfinden. Denn gleichzeitig haben wir auch enorm viel geschaffen. Deshalb gehen wir gerade auch nach innen in die Offensive: Wir bauen neue Kommunikationskanäle auf, haben uns psychologische Betreuung geholt, stellen Leute für die innere Verwaltung ein und einige bilden derzeit einen Betriebsrat. Wir haben uns also etwas aufgerieben, das muss aber nicht so bleiben.

Wir werden alles probieren, die Probleme zu beheben. Das war sowieso immer unsere Stärke: das Probieren, solange bis es klappt. Und KATAPULT wird vor allem einem Prinzip treu bleiben: Hypertransparenz. Wir erzählen euch, wie es intern bei uns aussieht – egal ob positiv oder negativ.

Das KATAPULT-Festival

Durch den Krieg haben wir die meisten unserer Projekte verschoben. Diese Ausgabe kommt verspätet zu euch, unsere Schule wird vorerst auch Geflüchtetenheim und die Journalismusschule beginnt erst im Oktober. An einem wichtigen Termin halten wir aber weiterhin fest: dem KATAPULT-Festival! Es findet vom 21. bis zum 24. Juli in Greifswald statt. In unserer ganz neuen Schule. Wir laden euch alle ein, kommt nach Greifswald!

Es wird das größte KATAPULT-Festival Europas! Ich muss zugeben: Wir haben uns komplett verschätzt. Das wird jetzt alles viel größer, als wir es am Anfang geplant hatten. Wir geben etwa 300.000 Euro für den Bums aus. Wir haben die Kosten überhaupt nicht mehr unter Kontrolle und das ist der beste Hinweis für mich, dass ich es schon jetzt sehr gut finde. Es wird deshalb auch das bunteste, kreativste, genialste, lauteste, beste, fantastischste, fetteste, leiseste, zerstrittendste, abnormalste, normalste, peinlichste, liebste und katapultigste Festival, das ihr je gesehen habt!

Das Festival geht über vier Tage. Jeden Tag Konzerte: Rikas, Pabst, Goldroger, insgesamt 15 Bands und vielleicht auch Feine Sahne und die Ärzte. Jeden Tag Lesungen (El Hotzo liest auch!) und Buchmesse extrem. Rund um die Uhr Springburg, Volleyball, Heißluftballon fliegen, Drohnenrennen, Papierfliegerweitwurf, aber auch Führungen durch das Ökosystem Wald und unsere Baumschule vom KATAPULT-Forstwirt.

Die Redaktionsführungen durch unsere neue Zentrale mache ich zusammen mit Juli Katz. Wir zeigen euch, wo wir arbeiten, wie unser unfassbar überfülltes Lager aussieht, wie wir Ausgabe eins konserviert haben und wo Tim Ehlers seine Passwörter immer wieder nicht findet.

Wir geben Workshops mit Adobe Illustrator und darüber, wie man ohne aufzufallen Karten fälscht, wie eine Redaktion funktioniert und wie man seine Passwörter in einem TOTAL EINFACHEN Passwortmanager speichert und dann nicht mehr suchen muss. Nie wieder suchen!

Ihr könnt zelten, ihr könnt ins Hotel – uns alles egal. Wichtig ist nur, dass ihr kommt! Wir wollen euch kennenlernen! Wir wollen wissen, wer ihr seid! Das meine ich ernst. Kritisiert uns, gebt uns Hinweise, guckt uns komisch von der Seite an! Kommt zum KATAPULT-Festival!

Das Ticket für vier Tage kostet 50 Euro. Wer sich das nicht leisten kann, den subventionieren wir hart: Wer die 50 Euro nicht zusammenbekommt, darf kostenlos rein. Ohne Nachweis. Wir glauben euch. Wenn es missbraucht wird und es am Ende alle machen, sind wir pleite. Wir machen es trotzdem. Warum? Weil wir euch vertrauen. Hier könnt ihr euch Tickets für 50 und für 0 Euro holen. Entscheidet selbst:  www.katapult-festival.de

Vielleicht sollten wir auch einen Workshop über Kriegsberichterstattung anbieten. Ich hab Interesse! Denn mein Aufenthalt in Kyjiw ist voller merkwürdiger Ereignisse. Manche sind traurig, manche überraschend lustig. Insgesamt habe ich Ausrüstung im Wert von 70.000 Euro dorthin gebracht. Das Teuerste: die schusssicheren Westen. Die kosten derzeit etwa 1.000 Euro pro Stück. Das Beliebteste: die schusssicheren Westen.

Wir sind wieder in Kyjiw und halten an einer Tankstelle. Alexej und Yegor sind Profis und wir alle wieder sicher zurückgekommen. Wir verabschieden uns und machen ein gemeinsames Foto, was eigentlich streng verboten ist. Ich verspreche, das Bild nicht zu veröffentlichen. Alexej und Yegor vertrauen mir immer noch. Erst jetzt merke ich, dass Alexej gar keine schusssichere Weste trägt. Wie falsch! Ich ziehe meine aus, halte sie ihm vor die Brust und sage: Bery! 

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Autor:innen

Ist einsprachig in Wusterhusen bei Lubmin in der Nähe von Spandowerhagen aufgewachsen, studierte Politikwissenschaft und gründete während seines Studiums das KATAPULT-Magazin.

Aktuell pausiert er erfolgreich eine Promotion im Bereich der Politischen Theorie zum Thema »Die Theorie der radikalen Demokratie und die Potentiale ihrer Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten«.

Veröffentlichungen:
Die Redaktion (Roman)

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