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Editorial KNICKER 7

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»Ich habe 28 Kilogramm abgenommen«, steht neben dem makellosen Werbeanzeigengesicht, das einen Schlankmacher im Netz bewirbt. Ich glaube kein Wort. Weder dass die abgebildete Person ein Gewichtsproblem hatte, noch dass sie dagegen auch nur eine einzige Pille eingenommen hat. Irgendwas mit Wissenschaft steht ebenfalls dort – das glaube ich auch nicht. Die Strategie mit der Gewichtskorrektur per Pille ist schließlich uralt. Das gab es schon vor 100 Jahren – allerdings in umgekehrter Richtung.

Im frühen 20. Jahrhundert versprachen Werbeannoncen eine fast mühelose Gewichtszunahme – ganz einfach per Tablette. 17 Kilo mehr – in nur 40 Tagen, bewarb ein französischer Hersteller sein Wundermittel »Sargol«. Das war natürlich gelogen, das Präparat bestand lediglich aus etwas Zucker, Kakao, Eiweiß und Salz. Doch die Reklame verkörperte das Schönheitsideal dieser Zeit: Vollweib statt Mauerblümchen, starker Mann statt Lauch. Auch in den 1950ern warben Anbieter in Zeitungsannoncen noch mit Zu- statt Abnahme: Spätestens seit den 1970ern setzte sich jedoch ein neues Ideal durch. Schlank ist (angeblich) schick.

Die Realität jedoch sieht anders aus, die Menschen werden dicker. Weltweit. Das klingt zunächst positiv: Der Anteil der Unterernährten war noch nie so gering wie in diesem Jahrzehnt. Die Kehrseite aber ist, dass die Zahl krankhaft Übergewichtiger noch nie so hoch war – und sie weiter steigt. Das Problem: Damit verbundene Krankheiten und deren Spätfolgen belasten die Gesundheitssysteme. Vor dieser Herausforderung stehen nicht nur reiche Industrienationen, sondern auch Länder, in denen noch immer Menschen verhungern. Selbst dort steigt die Zahl der Adipösen.

Zugleich wachsen die Gewinne der Lebensmittelkonzerne wie Nestlé, Unilever oder Danone. Ihre Namen dürften nicht alle kennen – ihre Produkte hingegen schon. In den Supermärkten haben Kunden zwar die Wahl zwischen Abertausenden von Marken – tatsächlich aber gehören die meisten davon zu wenigen Lebensmittelriesen. Knorr-Suppen, Pfanni-Knödel oder Eis von Cornetto, Ben & Jerry's, Magnum, Solero und Langnese? Alles von Unilever. Die Konzerne beherrschen mit ihrem weitverzweigten Netz aus Herstellern und Unternehmensbeteiligungen den Großteil des globalen Lebensmittelmarkts. Je stärker er wächst, desto mehr Profit erwirtschaften sie. So können sie Preise und Geschäftsbedingungen diktieren, kleinere Konkurrenten aufkaufen, Steuern vermeiden – und einflussreiche Lobbyisten bezahlen.

Tragen diese Unternehmen mit ihren extrem kalorienreichen Produkten zum Übergewicht bei? Die Antwort ist eindeutig: Nein. Sagen die Lebensmittelkonzerne. Damit auch alle Bescheid wissen, finanzieren sie weltweit Kampagnen gegen Übergewicht, spenden an Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Ernährungsfragen beschäftigen, und sponsern wissenschaftliche Arbeiten zum Thema. Ihre Kernaussage: Schuld sind nicht unsere Produkte, sondern ausschließlich der schlechte Lebensstil der Menschen. Zu wenig Sport, zu viel Essen.

Das diene vor allem dazu, die Verantwortung von sich wegzuschieben, meinen Kritiker. Die Konzerne befürchteten schließlich, dass die Politik ihr Geschäft stärker regulieren könnte – ähnlich wie das vor Jahrzehnten bei der Tabakindustrie geschah. Und sie ringen um ihr Image, denn ein schlechter Ruf greift ihr Geschäftsmodell an. Damit haben die Großkonzerne ohnehin zu kämpfen, einige davon sehen sich immer wieder mit Vorwürfen von Kinderarbeit, Umweltverschmutzung oder Landraub konfrontiert. Auch deutsche Lebensmittelkonzerne stehen in der Kritik – beispielsweise wegen Preisdumpings und schlechter Arbeitsbedingungen.

Der KNICKER nimmt in dieser Ausgabe die Lebensmittelhersteller in den Blick und veranschaulicht, welche bekannten Marken zu welchem Konzern gehören. Sie erfahren, warum Aldi die Existenz ecuadorianischer Bananenpflücker bedroht. Und Sie lesen, mit welchen Strategien Nestlé und Co. sich neue Märkte erobern. Die KNICKER-Redaktion verspricht: Beim Lesen dieser Ausgabe nehmen Sie ab. Wissenschaftler, die das bestätigen, müssen wir nur noch finden.

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Autor:innen

Geboren 1988, ist seit 2017 bei KATAPULT und Chefredakteur des KNICKER, dem Katapult-Faltmagazin. Er hat Politik- und Musikwissenschaft in Halle und Berlin studiert und lehrt als Dozent für GIS-Analysen. Zu seinen Schwerpunkten zählen Geoinformatik sowie vergleichende Politik- und Medienanalysen.

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