Pariser Anschläge
Der Rache widerstehen
Sprache

Viele rufen derzeit nach Rache an den Terroristen. Das ist jedoch genau der falsche Weg, um Terror zu bekämpfen. Ein Kommentar von BENJAMIN FREDRICH



"Das ist ein Kriegsakt"1, sagte der französische Präsident Francois Hollande nach den Anschlägen in Paris. Ähnlich hat auch George Bush 2001 reagiert. Diese Reaktionen sind zwar nachvollziehbar, aber die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass Rache und Krieg gegenüber Terroristen nicht dazu führt, dass weniger Anschläge verübt werden. Der Westen sollte sich eine neue Strategie überlegen.

In Paris sind derzeit viele Bewohner gereizt und zu Vielem bereit - verständlich -, viele fordern mehr Sicherheit - zu Recht -, einige fordern aber auch die Todesstrafe und Krieg2 - zu Unrecht. So schrecklich die Anschläge auch waren, sie sind keine Rechtfertigung dafür, die westlichen Grundwerte abzuschaffen oder in den Krieg zu ziehen.

Der Kampf gegen den Terror hat den Terror eher gefördert. Die Armee der USA war acht Jahre im Irak und der ISAF-Einsatz3 in Afghanistan dauerte sogar 13 Jahre. Das Ergebnis dieser aufwendigen Einsätze ist ernüchternd: mehrere Tausend tote Zivilisten und Soldaten und keine (!) erkennbare Reduzierung von terroristischen Anschlägen. Der kriegerische Rückschlag scheint kein funktionierendes Mittel im Kampf gegen den Terror zu sein.

Bereits jetzt wird von vielen Seiten gefordert, hart zurückzuschlagen - nicht nur im eigenen Land, sondern auch in den vom IS besetzten Gebieten. Vielleicht wird die Französische Regierung gerade deshalb kriegerisch reagieren, weil die Terroristen von Paris das Gegenteil forderten.4 Aus Prinzip, so der Eindruck, müsse jedoch den Terroristen widersprochen werden.

Heute ist ziemlich offensichtlich, dass die langjährigen westlichen von den USA geleiteten Interventionen im Nahen Osten die Region eher destabilisiert haben. Der IS konnte diese Instabilität in den letzten Monaten nutzen. Jede weitere Intervention wird vermutlich ähnliche negative Ergebnisse erzielen.

Frankreich ist hart getroffen. Russland eigentlich auch - das hat aber kaum jemand bemerkt. Russen sind keine Franzosen und unsere Emotionalität gilt immer nur den Verbündeten. Anschläge im Libanon5 sind es sogar kaum wert, einen Hintergrundbericht zu veröffentlichen, denn Libanesen sind noch weniger Franzosen als es die Russen sind.

Die Forderungen an die französische Regierung sind hart. Sie muss dem Druck der emotionalen und affektgeleiteten Masse der Sozialen Medien widerstehen. Europa hat gemeinsame Grundwerte. Diese müssen auch dann gelten, wenn man im ersten Moment an die schlimmsten Racheszenarien denkt. Es gibt deshalb nur eine außenpolitische Reaktion, die derzeit sinnvoll ist: keine Reaktion.



[1] URL: http://www.lavoixdunord.fr/france-monde/hollande-accuse-l-ei-d-acte-de-guerre-les-ia0b0n3160324 15.11.2015.
[2] Vgl. URL: http://www.faz.net/aktuell/politik/terror-in-paris/gebete-wut-und-aggression-in-paris-13913401.html, 15.11.2015.
[3] "International Security Assistance Force", die Internationale Sicherheits- und Wiederaufbaumission der NATO in Afghanistan.
[4] Vgl. bspw. URL: http://www.stern.de/politik/ausland/nach-anschlaegen-von-paris--das-bekennerschreiben-des-is-im-wortlaut-6555432.html, 15.11.2015.
[5] Vgl. URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/libanon-doppelanschlag-in-beirut-a-1062567.html 15.11.2015.


16.11.2015

Schreiben Sie einen Kommentar


Vorname: *
Nachname:
E-Mail: *
Ihr Kommentar: *
CAPTCHA


1 - 4

Kommentare


Shawn   12:00 Uhr 24.11.2015

@Knut Musketier

Da bringen sie die Mikro- und die Makroebene aber ganz schön durcheinander.

Studien zur Terrorismusentwicklung gibt es zahlreiche. Diese stützen sich dabei beispielsweise auf den Global Terrorism Index und den Correlates of War Index. Inwiefern sich Kriege auf die Anzahl von terroristischen Anschlägen auswirken kann dort mit entsprechender Recherche nachvollzogen werden.

Das heißt nicht, dass jeder einzelne terroristischer Anschlag sich auf einen spezifischen Kriegsakt zurückführen lässt. Bei der Aussage würde man wieder die Mikro- und die Makroebene durcheinander werfen. Das ist in der Tat Unsinn.





Knut Musketier   21:23 Uhr 23.11.2015

Die Behauptung, der Terror wäre durch die Kriege im Irak oder in Afghanistan hervorgerufen worden, sntpuppt sich schon mit einem Blick auf die Jahreszahlen als Unsinn.
1993 = World Trade Center 1. Anschlag
1998 = Anschläge auf die US-Botschaften
2001, Sep = World Trade Center 2. Anschlag
2001, Okt = Beginn des Afghanistankrieges (Westen)
2003 = Beginn des Irak-Krieges

usw.





Rannug   18:09 Uhr 18.11.2015

Nichts tun, ist nicht nichts. Es ist auch nicht feige oder ängstlich.

Den Mut zu haben seine eigenen westlichen pluralistischen Werte weiter zu leben und zu verteidigen und nicht aus Rachemotiven heraus syrische oder irakische Kleinstädte zu bombardieren ist das klügste was man im Moment tun kann. Eine Reaktion kann auf solche schweren Anschläge nur noch mehr Offenheit und noch mehr aufgeklärtes Europa heißen. Alle anderen Reaktionen spielen den falschen Leute genau in die Hände.

Wie man langfristig die Region im nahen Osten stabilisiert und dem Terror entgegenwirkt ist eine andere Frage, aber eines scheint sicher, eine zerbombte, instabile Region ist wenig hilfreich





Pariser Tom   13:09 Uhr 18.11.2015

Alles schön und nett, aber ist das nicht auch eine extreme Entscheidung, in diesem Moment einfach nichts zu machen? Nichts? Das kann doch keiner wollen und der IS wird sich weiterhin ausbreiten! Wer weiß, wo das dann enden wird.



1 - 4
AUTOR/IN

ÄHNLICHE ARTIKEL

  1. Präsidentschaftswahl in Afghanistan 25 Prozent Wahlbeteiligung und mindestens fünf Tote

  2. Kriegsbeteiligung Gegen den Willen der Bevölkerung

  3. Für diejenigen, die wegen der Brüsseler Anschläge wieder gegen Flüchtlinge hetzen

  4. Videorückblick Brandanschläge auf Flüchtlingsheime 2015

  5. Krieg gegen den IS Zielloser Krieg



ÄHNLICHE KARTEN















© 2019 Katapult gUG (haftungsbeschränkt)