Verkehrssicherheit
Als die Gurtpflicht die Freiheit bedrohte

Sich im Auto anzuschnallen, ist heutzutage Pflicht. Von den Vorteilen des Sicherheitsgurtes ließen sich die Deutschen allerdings nur schwer überzeugen. Seine Einführung stieß auf erbitterten Widerstand und spaltete die Öffentlichkeit der Siebzigerjahre.



Darf ein Staat seine Bürger dermaßen disziplinieren? Viele sahen durch die Einführung der Gurtpflicht ihre Freiheit bedroht.

Dabei gab es gute Gründe für einen Sicherheitsgurt. Der westdeutsche Straßenverkehr war damals ein »Gemetzel«, so beschrieb es der Soziologe Helmut Schelsky 1971. Die Bilanz gibt ihm Recht: 19.000 Verkehrstote allein im Jahr 1970. Die Ferienmonate erwiesen sich als besonders opferreich, mehr als 4.000 Tote forderte der Verkehr von Anfang Juli bis Ende August. 1971 war die Zahl sogar auf über 21.300 gestiegen. Zum Vergleich: 2018 starben auf deutschen Straßen insgesamt 3.285 Personen.

Dass Sicherheitsgurte helfen würden, war bekannt. Doch beim Thema Auto waren die Deutschen sensibel. Bei einer 1974 vom Bundesverkehrsministerium durchgeführten Studie, die die Gründe für die Ablehnung ermitteln sollte, verweigerten einige Befragte die Aussage oder beschimpften die Interviewer. Trotz statistischer Gegenbeweise kursierten zahlreiche urbane Legenden, etwa: Nach einem Unfall würde man im Auto bei lebendigem Leib verbrennen oder bei einem Sturz ins Wasser ertrinken, weil man sich nicht befreien könnte. Noch 1975 titelte der Spiegel »Gefesselt ans Auto«. Die Debatte damals dominierten Fake News.

Aufgrund des starken öffentlichen Widerstandes und rechtlicher Bedenken setzte die Bonner Politik zunächst auf Werbung statt auf gesetzliche Vorschrift. Plakate, Anzeigen und Fernsehen sollten die Fahrer von den Vorteilen des Sicherheitsgurts überzeugen – mit mäßigem Erfolg, und das, obwohl die Regierung dafür allein im Jahr 1974 acht Millionen Mark ausgab. 1976 folgte deshalb die Gurtpflicht, Verstöße wurden jedoch nicht geahndet. Auch das führte kaum zu einer Verbesserung, drei Jahre später nutzte im Stadtverkehr immer noch lediglich die Hälfte der Autofahrer den Gurt. 1984 wurde dann doch ein Bußgeld in Höhe von 40 Mark eingeführt. Die Zahl der Gurtbenutzer stieg, heute liegt der Anteil bei etwa 95 Prozent. In ihrer Freiheit fühlen sich dabei die wenigsten eingeschränkt.

Dieser Text erschien in der 14. Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.

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20.08.2019

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Kommentare


Mirko Fischer   13:29 Uhr 28.08.2019

Hallo Leute,
schaut euch im Vergleich die Fakten zur Helmpflicht fürs Radfahren an. Das ist ein gutes Gegenbeispiel, wie man mit Fake News etwas lanciert, was statistisch tatsächlich nicht nachweisbar ist, aber in unserer hysterischen Gesellschaft dankbar aufgegriffen wird.
Erste Ansätze bieten die Helmpflichten und Erfahrungen in Australien und Neuseeland. Außerdem die berüchtigte Seatle Studie, die dem Helm fast 90% Schutz vor schweren Kopfverletzungen attestierte, aber wissenschaftlicher Humbug war.
Achtung: dieses Thema ist ein Mienenfeld





Stefan   12:32 Uhr 20.08.2019

Eine ähnliche Debatte gab es damals bei der Einführung der Katalysatorpflicht. Da gab es so Argumente wie: "Katalysatoren halten maximal 3 Jahre und kosten dann beim Wechsel Tausende von Mark."
Die gleiche Debatte lief doch unlängst dieses Jahr mit der Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen, welches ja angeblich gegen den gesunden Menschenverstand verstoßen würde.



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