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Raubkunst aus den Kolonien

Alles rechtmäßig geklaut

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In Berlin-Dahlem stapeln sich in der ethnologischen Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) über hundert Bananenkisten, deren Inhalt niemand kennt. Die Räume sind baufällig und sanierungsbedürftig. Wenn es stark regnet, dringt Wasser ein. Zum Schutz gegen Holzwürmer und Motten versprühten Mitarbeiter Chemikalien. Circa zwei Drittel, also insgesamt rund 330.000, der dort gelagerten Objekte könnten so beschädigt werden. Das Depot kann mittlerweile nur noch mit Kittel, Atemschutz und Handschuhen betreten werden. Ironischerweise erklären Fachleute bis heute, dass Museen in den afrikanischen Herkunftsländern nicht in der Lage seien, ihre Objekte fachgerecht aufzubewahren, dass es an der technischen Ausstattung und den Fachkenntnissen von Mitarbeitern mangele – und man deswegen das Kulturgut nicht zurückgeben könne. 

Schätzungen zufolge befinden sich etwa 90 Prozent der afrikanischen Kulturgüter aus dem Gebiet südlich der Sahara außerhalb des Kontinents. Europäische Kolonialmächte nahmen bei ihren militärischen und wissenschaftlichen Expeditionen im 19. und frühen 20. Jahrhundert Kunst- und Alltagsgegenstände aus den Kolonien mit. Von dort gelangten die Artefakte und menschliche Überreste in nationale Völkerkundemuseen und private Sammlungen der Eroberer. Darunter befinden sich auch Gegenstände aus asiatischen, ozeanischen oder karibischen Kolonien. Den Großteil der geraubten Stücke bekommt bis heute aber fast niemand zu sehen. Nur ein bis zwei Prozent der Sammlung würden überhaupt ausgestellt, sagt Clémentine Deliss, ehemalige Direktorin des Frankfurter Weltkulturen-Museums. Der Rest lagere im Depot.

»Als wüssten die was damit anzufangen«

Aktuelle Medienberichte zur Restitution, also der Rückgabe von Kulturgegenständen, konzentrieren sich auf Bronzen aus dem ehemaligen Königreich Benin – heute Nigeria. Britische Truppen plünderten während einer Strafexpedition im Jahr 1897 den Königspalast in der Stadt Benin, darunter Metalltafeln und Skulpturen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Etwa 5.000 Objekte gingen verloren. Über Auktionen und Ankäufe wurden die Stücke europaweit verteilt. Nach London hat Berlin mit über 500 Exemplaren die zweitgrößte Sammlung von Kunstgegenständen aus Benin. Über 1.000 dürften es deutschlandweit insgesamt sein. Genauere Zahlen gibt es nicht. 

Nach ihrer Unabhängigkeit ab 1960 forderten viele afrikanische Staaten einen Teil ihres kulturellen Erbes von Europa zurück. Seit mehr als 50 Jahren scheitern sie damit und müssen sich gegen rassistische und koloniale Behauptungen wehren. Ein Beispiel: Ab 1972 bemühte sich Nigeria bei mehreren europäischen Ländern, einige Objekte aus der geraubten Benin-Sammlung wenigstens als Leihgabe zu erhalten. Die Museumsdirektoren wehrten energisch ab. Sie betonten immer wieder, ihre Sammlungen legal erworben zu haben. Raubzüge hätten nicht stattgefunden. Hans-Georg Wormit, Präsident der Berliner SPK, bezeichnete die deutschen Museen zudem als Opfer des Zweiten Weltkriegs. Ihre materiellen Verluste würden Leihgaben nach Afrika schlichtweg nicht ermöglichen. In Stellungnahmen befürchteten die Museumsleiter eine Kettenreaktion und schließlich leere Ausstellungsräume. Afrikanische Museen seien außerdem in einem so schlechten Zustand, dass »etwa zurückgegebene Kunstwerke und Sammlungsgegenstände binnen kurzem dem Verfall anheimgegeben wären«. Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy zeigt anhand der Debatten aus der Zeit zwischen 1970 und 1985, dass einzelne westdeutsche Museumsdirektoren und Kulturverwaltungen systematisch die Rückgabe verhinderten.

Wie Museen um eine Rückgabe herumkommen

Aber gibt es denn überhaupt keine Bemühungen, die geraubte Kunst zurückzugeben? Nur oberflächlich. Vor einer internationalen Konferenz im Jahr 1982 erarbeitete eine deutsche Kommission ein vertrauliches Dokument. Es trägt den Titel »Rückgabe von Kulturgut«. Der Name trügt allerdings – denn der Inhalt des Papiers fasst genau genommen nur alle Gegenpositionen zusammen. Zudem liefert es praktische Hinweise zur Abwehr von Rückgabeforderungen. Ein Tipp: Keine Objektlisten der Sammlungen erstellen. Wenn niemand weiß, was sich in den Museen befindet, kann auch nichts zurückverlangt werden. 

Als eine der wenigen öffentlichen Gegenstimmen in Deutschland engagierte sich Hildegard Hamm-Brücher. Sie war Staatsministerin für Auswärtige Kulturpolitik und vertrat 1982 die Bundesrepublik auf der Unesco-Weltkonferenz über Kulturpolitik in Mexiko. Kurz nach ihrer Rückreise erklärte sie: Die Bundesrepublik sei bereit, Kulturgüter an die Herkunftsländer Togo und Kamerun zurückzugeben. Nach dem Regierungswechsel im Herbst 1982 schied Hamm-Brücher aus der Bundesregierung aus. Niemand verfolgte ihr Vorhaben weiter, das mediale Interesse schwand. 

Passiert ist seitdem wenig. Die erfolgten Restitutionen beschränken sich auf einige wenige Stücke. Darunter eine Bibel und eine Peitsche aus Stuttgart und die Cape-Cross-Steinsäule aus dem Berliner Deutschen Historischen Museum an Namibia. Zusätzlich wurden menschliche Überreste zurückgegeben. Meist sind das einzelne Knochen oder ganze Skelette und oftmals Schädel, die zu rassenideologischen Forschungszwecken gesammelt wurden. Der Mediziner 

Andreas Winkelmann hat sämtliche Rückgaben menschlicher Gebeine zwischen 1911 und 2019 erfasst. Er geht davon aus, dass sich über 20.000 Stücke menschlicher Überreste nichteuropäischer Herkunft in Deutschland befinden. Insgesamt wurden in über 100 Jahren unter anderem Knochen und Haare von 397 Individuen zurückgegeben – das sind gerade einmal rund zwei Prozent.

Danke für das Schwert, Senegal

Im Fall der Rückgabeforderungen von Kulturgut reagierten europäische Länder bislang entweder gar nicht oder ziemlich reserviert. Sie lehnten die Gesuche bislang meist ab. Bis zum Jahr 2017. Damals versprach der französische Präsident Emmanuel Macron, nach Möglichkeiten für eine vorübergehende oder endgültige Rückgabe kolonialer Raubkunst zu suchen. Ein wichtiges Signal, Frankreichs Kolonialgeschichte endlich aufzuarbeiten und die Beziehungen zu den ehemaligen Kolonien zu stärken. Er beauftragte Bénédicte Savoy und den senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr, ein Gutachten zu erstellen. In dem Bericht »Die Restitution des Afrikanischen Kulturerbes« beantworten sie die Frage: Wann und unter welchen Umständen kamen die Objekte in französische Sammlungen? Sie beschäftigten sich also mit der Herkunft und den Besitzverhältnissen von Objekten im Rahmen der sogenannten Provenienzforschung.

Savoy und Sarr sichteten Bestandslisten des Pariser Musée du quai Branly – Jacques Chirac, des Museums für außereuropäische Kunst. Dort befinden sich etwa 70.000 Artefakte aus dem Gebiet südlich der Sahara. Zwei Drittel der Objekte gelangten zwischen 1885 und 1960 in die Sammlung – während der Kolonialzeit. Die Autoren empfehlen, alle unrechtmäßig nach Frankreich gelangten Objekte zurückzugeben, wenn die Herkunftsstaaten dies wünschen. Dazu schlagen Savoy und Sarr eine umgekehrte Beweislast vor. Afrikanische Staaten brauchen nicht zu beweisen, dass sie die Gegenstände unrechtmäßig verloren haben. Stattdessen soll Frankreich zeigen, dass die Objekte mit voller Zustimmung der Besitzer in den nationalen Besitz gelangten. Daraufhin beschloss die französische Regierung, 26 Objekte aus Benin und ein Schwert aus dem Senegal zurückzugeben. Damit die Gegenstände aber tatsächlich an die Herkunftsländer übergeben werden können, ist eine Gesetzesänderung notwendig. Frankreichs Kulturgüter sind eigentlich unveräußerliches Staatseigentum. Deswegen wird jetzt jeder Rückgabefall einzeln geklärt – beziehungsweise aus dem Staatsgut »gelöst«. 

Auch andere europäische Staaten müssen sich zunehmend mit Rückgabeforderungen auseinandersetzen. Die Niederlande haben angekündigt, Stücke zurückgeben zu wollen. Österreich will bald nachziehen. Großbritannien ist noch zurückhaltend. Wenn, dann waren es bislang einzelne private Institute, die etwas zurückgegeben haben. In Deutschland beleuchtete unter anderem das Forschungsprojekt »Schwieriges Erbe« die Verbindung zwischen der deutschen Kolonialgeschichte und der ethnologischen Sammlung des Stuttgarter Linden-Museums. Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen analysierten insgesamt drei Regionalbestände aus den ehemaligen deutschen Kolonien Deutsch-Südwestafrika, Kamerun und Deutsch-Neuguinea. Knapp 91 Prozent der Gegenstände kamen zwischen 1884 und 1920 in die Sammlung. In jener Zeit also, in der das Deutsche Reich in den drei Regionen Kolonialmacht war. Knapp 35 Prozent der Objekte stammen von Angehörigen des Militärs. Personen aus kolonialwirtschaftlichen Unternehmen und der Kolonialverwaltung überließen dem Museum etwa 39 Prozent der Stücke.

Vier Leute zuständig für eine halbe Million Objekte

Bevor Museen über Rückgaben verhandeln, dokumentieren sie ihre Bestände und den Anteil an Raubkunst. Das ist zeitintensiv. Zur umfassenden Provenienzforschung fehlen schlichtweg die Kapazitäten. In den staatlichen Sammlungen des Landes Sachsen arbeiten acht Personen daran, die etwa 300.000 Objekte zu untersuchen. 2019 schrieb die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin vier Stellen aus – für mehr als eine halbe Million Objekte. Und allein um die etwa 320.000 Objekte des Pariser Musée du quai Branly online zu stellen, vergingen sechs Jahre. 70 Leute arbeiteten daran. Das zeigt: Die Aufarbeitung geht nur langsam voran. Es mangelt an Geld, Zeit und Personal. 

Als das Berliner Humboldt-Forum eröffnete, erreichte die Restitutionsdebatte in Deutschland einen neuen Höhepunkt. Das Museum im wiederaufgebauten Stadtschloss präsentiert eine Sammlung, deren Herkunft zum Teil noch immer fragwürdig ist. Darunter die Benin-Bronzen. Nigeria fordert sie seit 2019 zurück. Die Bundesregierung erkannte die Schreiben aber nicht offiziell an. Sie fordert stattdessen eine Liste mit den einzelnen Objekten und Gründen zur Restitution. Was nahezu unmöglich ist, wenn selbst in Deutschland niemand einsehen kann, wo wie viele Stücke lagern. Doch offenbar gibt es auch andere Lösungsansätze. Die »Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland« wird im Sommer 2021 erstmals Informationen über alle Benin-Bronzen in deutschen Museen veröffentlichen. Noch zum Ende des Jahres sollen Angaben zur Herkunft folgen. Warum? Im Frühjahr 2021 bekundeten einige Museumsleiterinnen und Museumsleiter sowie Kulturstaatsministerin Monika Grütters, sie seien bereit, Beutekunst zurückzugeben. Den Anfang sollen schon 2022 die Benin-Bronzen machen, so das Versprechen der Museumsleute.

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Fußnoten

  1. Häntzschel, Jörg: Verseucht, zerfressen, überflutet, auf: sueddeutsche.de (9.7.2019).
  2. Deutscher Bundestag (Hg.): Zustand des Sammlungsgutes in den Depots des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst in Berlin, Drucksache 19/12807, S. 3 (28.8.2019).
  3. Sarr, Felwine; Savoy, Bénédicte: The Restitution of African Cultural Heritage. Towards a New Relational Ethics, 2018, S. 3.
  4. Reichert, Kolja: Muss das weg?, auf: faz.net (14.1.2019).
  5. Memarnia, Susanne: Blamage mit Ansage, auf: taz.de (13.12.2020).
  6. Kurzhals, Frank: Deutschland hat die Rückgabe der Benin-Bronzen entschieden, auf: handelsblatt.com (30.4.2021).
  7. Savoy, Bénédicte: Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage, München 2021, S. 38ff.
  8. Zit. nach ebd., S. 55f.
  9. Ebd., S. 99ff.; 122.
  10. Ebd., S. 166; 176.
  11. Deutsche Welle (Hg.): Koloniales Erbe: Deutschland soll Kulturgüter zurückgeben, auf: dw.com (13.3.2019).
  12. Winkelmann, Andreas: Repatriations of human remains from Germany – 1911 to 2019, in: Museum & Society, (18)2020, Nr. 1, S. 40-51.
  13. Sarr/Savoy 2018.
  14. Einen Schwerpunkt innerhalb der Provenienzforschung in Deutschland bildete in den letzten Jahren die NS-Zeit, als Tausende Kunstwerke aus jüdischem Besitz enteignet, beschlagnahmt oder geraubt wurden. Der Bericht von Savoy und Sarr stieß die Debatte erneut an und sensibilisierte für das Thema koloniale Raubkunst. Daraus entstanden zahlreiche Forschungsprojekte.
  15. Hinzu kommen etwa 90.000 Dokumente, darunter Fotografien, Grafiken, Zeichnungen und Postkarten.
  16. Sarr/Savoy 2018, S. 47f.
  17. Deutschlandfunk (Hg.): »Entscheidung von großer Bedeutung«, auf: deutschlandfunk.de (19.12.2020).
  18. Grimme, Gesa: Provenienzforschung im Projekt »Schwieriges Erbe: zum Umgang mit kolonialzeitlichen Objekten in ethnologischen Museen«. Abschlussbericht, 2018, S. 18.
  19. Mükke, Lutz: Die alten Konzepte gehen nicht mehr auf, auf: faz.net (12.4.2018).
  20. Häntzschel 2019.
  21. Starzmann, Paul: Nigeria wirft Bundesregierung »Pedanterie« im Raubkunst-Streit vor, auf: tagesspiegel.de (13.1.2021).

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