Skip to content

Mecklenburg-Vorpommern

Nord Stream 2: Klimarettung mit Klimakiller

Share article

55 Milliarden Kubikmeter Erdgas jĂ€hrlich und Investitionen von fast 10 Milliarden Euro stehen bei Nord Stream 2 aktuell auf dem Spiel. Nachdem die US-Regierung 2019 den Druck auf beteiligte Firmen erhöht hatte, stand das Projekt quasi still. Eine Schweizer Firma, welche mit ihren Schiffen die Rohre in der Ostsee verlegte, zog sich im Dezember 2019 vollstĂ€ndig vom Projekt zurĂŒck. Nun will der russische Staatskonzern und Betreiber der Pipeline, Gazprom, den Bau mit Hilfe russischer Verlegeschiffe fertigstellen. UnterstĂŒtzung dafĂŒr kommt auch aus Schwerin.

Dort segnete der Landtag mit den Stimmen von SPD, CDU und Linken die GrĂŒndung einer Klimastiftung ab. Das Startkapital fĂŒr die »Stiftung Klima- und Umweltschutz MV« belĂ€uft sich auf 200.000 Euro vom Land Mecklenburg-Vorpommern und bis zu 60 Millionen Euro von der Nord Stream AG, also Gazprom. MinisterprĂ€sidentin Schwesig kam dann auch gleich auf eine Idee, wie die Stiftung sich zuerst einbringen könnte: benötigte Maschinen und Materialien fĂŒr Nord Stream 2 beschaffen. Denn die angekĂŒndigten US-Sanktionen können zwar gegen private Unternehmen eingesetzt werden, aber nicht gegen staatliche Organisationen, wie eben jene Klimastiftung.

Die Brückentechnologie, die keine ist

Die Landesregierung ist sich einig, dass sie das Projekt weiter vorantreiben möchte. Denn Erdgas sei, im Vergleich zu Kohle und Öl deutlich weniger belastend fĂŒr das Klima. Eine “BrĂŒckentechnologie” zwischen den alten, fossilen und den zukĂŒnftigen, erneuerbaren EnergietrĂ€gern. DarĂŒber hinaus mĂŒsse man die Sicherheit in der Energieversorgung garantieren. Doch ExpertInnen widersprechen dem.

Das Deutsche Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung (DIW) kam bereits 2018 zu dem Schluss, die Ostseepipeline Nord Stream 2 sei “zur Sicherung der Erdgasversorgung nicht notwendig”. Die europĂ€ische Energieversorgung sei sogar bei einem vollkommen unwahrscheinlichen Komplettausfall der russischen Lieferungen bestens aufgestellt. Ebenfalls stellt das DIW heraus, dass das Projekt fĂŒr Gazprom nicht rentabel sei und vor allem politische Interessen hinter dem Projekt stĂŒnden. Russland kann so die Ukraine umgehen, sowie auch die eigene Position auf dem europĂ€ischen Energiemarkt ausbauen.

Doch nicht nur energiewirtschaftlich ist das Projekt zweifelhaft, auch das Klima wird dank der neuen Pipeline in Mitleidenschaft gezogen. Denn das saubere Image des Erdgases ist irrefĂŒhrend. Der Berliner Think-Tank “Energy Watch Group” kam 2019 in einer Studie zu dem Schluss, dass Erdgas durch seine hohen Methanemissionen den Klimawandel enorm beschleunige. Ein vollstĂ€ndiger Umstieg von Kohle und Erdöl auf Erdgas wĂŒrde den Treibhauseffekt des deutschen Energieverbrauchs um 40 Prozent steigern.

Sozialdemokratisches Greenwashing?

Anstatt eine milliardenschwere neue Pipeline durch die Ostsee zu legen, hĂ€tte Deutschland die an den europĂ€ischen KĂŒsten bereits vorhandenen FlĂŒssiggasterminals nutzen können. Deren Auslastung ist weiterhin niedrig. Deutschland wĂ€re dann unter anderem aus den Niederlanden versorgt worden. Auch FlĂŒssiggas (LNG) ist keine Energiequelle fĂŒr die Zukunft. Aber es hĂ€tte die Belastung fĂŒr das Ökosystem Ostsee vermeiden können, sowie eine stĂ€rkere AbhĂ€ngigkeit von einzelnen Staaten, in dem Fall Russland. Wirtschaftsminister Peter Altmaier plant aber, trotz Nord Stream 2, weiterhin mit LNG-Terminals in Deutschland. Diese Planungsversprechen dienten ursprĂŒnglich dazu, die USA von Nord Stream 2 zu überzeugen. Anstatt also einen Fokus zu setzen, werden an allen Ecken klimaschĂ€dliche Projekte gefördert.

Die EU hat sich in ihrem “European Green Deal” selber einen raschen Ausstieg aus Kohle und Gas vorgenommen. DarĂŒber hinaus prognostizieren sowohl das DIW, als auch die International Energy Agency einen klaren Rückgang des Erdgasverbrauchs innerhalb der Europäischen Union. Davon unabhĂ€ngig wird Russland weitere Gasfelder am Polarkreis erschließen, für Nord Stream 2.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) prüft aktuell eine Klage wegen Missbrauchs des Stiftungsrecht gegen die Klimastiftung MV. DarĂŒber hinaus haben die DUH und der Naturschutzbund Deutschland erfolgreich Beschwerde gegen den Weiterbau eingelegt. Dieser war eigentlich fĂŒr den 15. Januar geplant. Nun drohen die ersten Sanktionen aus den USA in Kraft zu treten. Es bleibt also weiter unruhig fĂŒr das Projekt und seine schwindenden UnterstĂŒtzerInnen auf deutscher Seite.

Aktuelle Ausgabe

KATAPULT ist gemeinnĂŒtzig und unabhĂ€ngig. Wir finanzieren uns durch Spenden und Abonnements. UnterstĂŒtzen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin fĂŒr nur 19,90 Euro im Jahr.

KATAPULT abonnieren

Footnotes

  1. ZEIT Online (Hg.): Finanzminister vereinbaren Klimakoalition, auf: zeit.de (18.01.2021). ↩
  2. NDR (Hg.): Landtag stimmt fĂŒr eigene Stiftung zum Weiterbau von Nord Stream 2, auf: ndr.de (18.01.2021). ↩
  3. Christopher Hirsch, DPA (Hg.): Nord Stream: UmweltschĂŒtzer protestieren gegen geplante Stiftung, auf: ostsee-zeitung.de (20.01.2021). ↩
  4. Tobias Schulze (Hg.): Nord Stream 2 wird LĂ€ndersache, auf: taz.de (18.01.2021). ↩
  5. DIW (Hg.): Zweite Ostseepipeline ist ĂŒberflĂŒssig, auf: diw.de (19.01.2021). ↩
  6. Energy Watch Group (Hg.): Erdgas beschleunigt Klimawandel durch alarmierende Methanemissionen, auf: energywatchgroup.org (20.01.2021). ↩
  7. Katharina Seiler (Hg.): Kindler: Kritik an ScholzÂŽ LNG-Miliiarden-Angebot, auf: ndr.de (18.01.2021). ↩
  8. EU Kommission (Hg.): Der europĂ€ische GrĂŒne Deal, auf: ec.europa.eu (20.01.2021). ↩
  9. S&P Global (Hg.): IEA slashes 2040 European gas demand forecast by further 21 Bcm, auf: spglobal.com (20.01.2021). ↩
  10. Artjom Maksimenko (Hg.): Gasfeld Bovanenkovo: Ressourcen fĂŒr Nord Stream 2, auf: energate-messenger.de (18.01.2021). ↩
  11. Deutsche Umwelthilfe e.V. (Hg.): Deutsche Umwelthilfe geht gegen Nord Stream 2-Fake-Stiftung von Manuela Schwesig vor, auf: presseportal.de (20.01.2021). ↩
  12. SPIEGEL (Hg.): UmweltverbĂ€nde gehen gegen Weiterbau von Nord Stream 2 vor, auf: spiegel.de (20.01.2021). ↩
  13. ZEIT Online (Hg.): US-Regierung verhĂ€ngt Sanktionen gegen Ostseepipeline, auf: zeit.de (20.01.2021). ↩

Authors

Ole Kracht
geboren 1994, ist seit 2020 Redakteur bei KATAPULT. Seine Arbeitsschwerpunkte sind aktuelle Berichterstattung sowie die Betreuung der Social-Media-KanÀle.

Latest Articles

Wie Geschäftsleute den Kolonialismus ermöglichten – und heute noch davon profitieren

»Deutsche Schutzgebiete«, wie die deutschen Kolonien hießen, gibt es seit gut 100 Jahren nicht mehr. Einige der Handelsunternehmen von damals jedoch schon. Kaufmänner trieben die Ausbeutung in Übersee voran und profitierten davon. Und: Die Firmen und ihre Erben stehen immer noch gut da.

Arbeitskosten pro Stunde

Es gibt riesige Unterschiede bei den Kosten für eine Stunde Arbeit zwischen verschiedenen europäischen Ländern.

Sichere Häfen für multinationale Konzerne

Geht es nach den USA, sollen zukünftig multinationale Konzerne weltweit einen Mindeststeuersatz zahlen. Europa will ebenfalls härter gegen die internationale Steuervermeidung vorgehen, bleibt aber Teil des Problems.