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EDITORIAL

Mal retten, mal sterben lassen

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Die Zeit dr├Ąngt. Es ist schon sp├Ąt am Abend, doch der Krieg nimmt keine R├╝cksicht auf Nachtruhe. Die Front r├╝ckt n├Ąher, die Erlaubnis zum Evakuieren haben sie zu sp├Ąt erhalten. Schnell das N├Âtigste packen. Keinen Ballast mitnehmen. Aber wie fliehen? Allein kann sich die Familie nicht retten. Der Vater ist schwerbehindert seit dem vorigen Krieg, die Mutter schwanger, das ├Ąlteste der sechs Kinder neun Jahre, das j├╝ngste knapp zw├Âlf Monate alt. L├Ąngst fahren keine Z├╝ge mehr, die einzigen Fortbewegungsmittel sind ein Pferdefuhrwerk und die eigenen Beine. Ohne Hilfe werden sie es nicht schaffen.

Zwischen ihnen und der neuen Heimat liegen Schnee, Eis und ├╝ber tausend Kilometer. Im k├Ąltesten Winter seit Jahren, im Januar 1945. An diesem Abend gibt der 17-j├Ąhrige Klemens der Familie ein Versprechen: Er wird sie nach Deutschland f├╝hren. Klemens ist Pole, bislang hat er als Knecht auf dem Hof der deutschen Bauernfamilie gearbeitet. Nun wagt er mit ihr den gef├Ąhrlichen Weg ├╝ber die gefrorene Oder, erleidet mit ihnen gemeinsam Hunger, Angst und bittere K├Ąlte. Von Westpreu├čen bis nach Bremen, fast zwei Monate lang. Gegen den Willen seiner eigenen Mutter.

Der junge Mann h├Ąlt sein Versprechen, die Familie ├╝berlebt ÔÇô bis auf die Gro├čmutter. Sie war auf dem Bauernhof zur├╝ckgeblieben, er war ihr Lebenswerk. Was mit ihr geschieht, erf├Ąhrt die Familie nie ÔÇô ihr Schicksal ist bis heute ungekl├Ąrt.

Diese Fluchtgeschichte ist ├╝ber 75 Jahre alt, hat aber f├╝r mich eine sehr aktuelle Bedeutung: Es ist die Geschichte meiner Familie, die Vorgeschichte meiner Geburt. Sie erz├Ąhlt von beeindruckender Solidarit├Ąt ÔÇô aber auch vom Gegenteil. Denn in der neuen Heimat war meine Familie keineswegs willkommen.

Der soziale Abstieg war total. ┬╗Ji s├╝nd jo Pulacken, ji k├Â├Ânt jo nich mol D├╝tsch schnacken┬ź, sagten die ├Ârtlichen Bauern ├╝ber sie. Wohnraum stellten die Dorfbewohner nicht freiwillig zur Verf├╝gung, die Beh├Ârden zwangen sie dazu. Die Gefl├╝chteten galten als L├╝gner. Konnte ja jeder behaupten, dass er einen Bauernhof besessen habe im fernen Osten. Noch Jahre behielt die Familie ihr Pferdefuhrwerk, f├╝r das sie keine Verwendung mehr hatte. Es sollte beweisen, dass sie fr├╝her einmal Landwirte, dass sie einmal mehr als nur ┬╗Fl├╝chtlinge┬ź gewesen waren.

Die Gefl├╝chteten, die im Deutschland des 21. Jahrhunderts ankommen, stehen im Verdacht, eigentlich zu viel zu haben, zu viel zu bekommen und das Sozialsystem auszunutzen. Die enorme Verbreitung von Falschnachrichten ├╝ber kriminelle Migranten und angebliche Pr├Ąmienzahlungen sagen einiges aus ├╝ber die Wucht, die das Thema in den vergangenen Jahren entfaltet hat. Und dar├╝ber, wie verlockend einfache Antworten sind ÔÇô auch in Bezug auf die Seenotrettung.

Viele Politiker und Publizisten werfen zivilen Rettungsmissionen seit Jahren vor, Helfer der Schlepper zu sein und die Fluchtbewegungen ├╝berhaupt erst auszul├Âsen. Belege haben sie daf├╝r nicht. Dass zivile Seenotrettung die Migration nicht verursacht, sondern einfach zu weniger Toten f├╝hrt ÔÇô das schlussfolgern mehrere wissenschaftliche Studien ├╝bereinstimmend. Doch nicht Fakten dominieren dieses Thema, sondern Stimmungen. Halbwahrheiten und Angstmache dringen in der ├ľffentlichkeit erfolgreicher durch als sachliche Daten.

Im Sommer 2018 fragte die Zeit auf dem Cover polemisch: ┬╗Oder soll man es lassen?┬ź Das sorgte f├╝r Emp├Ârung. Die Wahrheit aber ist: Wir lassen es l├Ąngst. Europas Antwort auf die Krise? Mal retten, mal sterben lassen, meistens wegschauen. Aus der Selbstverst├Ąndlichkeit, Menschen in Seenot zu bergen, ist erst etwas Optionales geworden, dann etwas Kriminelles. Dieser KNICKER beleuchtet, wie Europa versucht, mithilfe fragw├╝rdiger Kooperationen und Regulierungen Gefl├╝chtete abzuwehren.

├ťbrigens: Auch Klemens ├╝berlebte den Krieg. Ende der Neunzigerjahre lud er meinen Gro├čvater und dessen Geschwister zu einem Wiedersehen nach Polen ein. Allerdings starb er, kurz bevor sie dort ankamen. Doch er wusste, dass die Kinder, die er einst gerettet hatte, ihrerseits Familien gegr├╝ndet und einige bereits Enkel bekommen hatten ÔÇô darunter meine Geschwister und mich.

Aktuelle Ausgabe

Dieser Text stammt aus KNICKER-Ausgabe 10 zum Thema Seenotrettung. Wir finanzieren uns durch Spenden und Abonnements. Den KNICKER gibt es mit KATAPULT im Kombi-Abo oder als Einzelausgabe im KATAPULT-Shop.

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Authors

Sebastian Haupt, geboren 1988, ist seit 2017 bei KATAPULT und Chefredakteur des KNICKER, dem Katapult-Faltmagazin. Er hat Politik- und Musikwissenschaft in Halle und Berlin studiert und lehrt als Dozent f├╝r GIS-Analysen.

Zu seinen Schwerpunkten z├Ąhlen Geoinformatik sowie vergleichende Politik- und Medienanalysen.

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