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Studie

Schwächte übertriebene Zensur die DDR?

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Studie: „Sometimes Less Is More: Censorship, news Falsification, and Disapproval in 1989 East Germany“ von Christian Gläßel und Katrin Paula (Dezember 2019).

Es gibt für autoritäre Regime gute Gründe, Zensur nur zurückhaltend anzuwenden. Nicht zuletzt nützt Autokraten die freiere Meinungsäußerung, um zu erfahren, was die Bevölkerung denkt. Oft lassen sie auch etwas Meinungsfreiheit zu, damit die Bürger sich ihrem Ärger Luft machen können – solange sich Kritik nur gegen die niedrigsten und verzichtbarsten Kader des Regimes richtet. Gerade diese lokalen Beamten lassen sich besser überwachen, indem man ein wenig Meinungsfreiheit zulässt.

Die Mannheimer Politikwissenschaftler Christian Gläßel und Katrin Paula zeigen nun am Beispiel der DDR, dass zu viel Zensur Regime auch destabilisieren kann. Verliert die Bevölkerung durch zu unbedarfte Propaganda das Vertrauen in die Staatsmedien, fällt dem Staat eines seiner wichtigsten Herrschaftsinstrumente weg. Besondere Vorsicht müssten Autokratien walten lassen, wenn es der Bevölkerung möglich ist, offizielle Informationen durch alternative Nachrichtenquellen selbst zu falsifizieren – durch das Internet eine zunehmende Herausforderung. In der DDR war alles noch übersichtlicher: Hier bestand das Hauptproblem der (Des-)Informationspolitik des Regimes im Westfernsehen, das in weiten Teilen des Landes empfangen werden konnte.

Die Studie widmet sich der medialen Begleitung der Emigrationskrise im Jahr 1989. Im Mai hatte der Ostblockstaat Ungarn mit der Demontage seiner Grenzbefestigung zu Österreich begonnen. Immer mehr DDR-Bürger versuchten daraufhin, über die Grenze nach Westeuropa zu gelangen. Doch obwohl der Zaun abgebaut wurde, wurden die Patrouillen verschärft. Binnen weniger Monate wuchs die Zahl der Ostdeutschen, die auf eine Möglichkeit zur Flucht warteten, erheblich an. In Budapest, Prag und Warschau besetzten DDR-Flüchtlinge die bundesdeutschen Botschaften, um ihre Ausreise zu erzwingen.

Gläßel und Paula stützen sich bei ihrer Untersuchung vor allem auf drei Datensätze: Transkripte der »Aktuellen Kamera« – das DDR-Äquivalent zur »Tagesschau« – aus dem Jahr 1989, das Programm der »Tagesschau« im selben Zeitraum und die nationale Medienbefragung der DDR – eine Reihe wöchentlicher repräsentativer Umfragen zum Medienkonsum der Bevölkerung und zu deren Bewertung einzelner Fernsehprogramme wie der »Aktuellen Kamera«.

Die Nachrichtensendung hielt sich ab August strikt an die Weisung des Politbüros, die Zensur zu verstärken: Auf die Flüchtlingsbewegung wurde bestenfalls als westdeutsche Verschwörung gegen den Sozialismus Bezug genommen. Die westdeutschen Medien hingegen berichteten nahezu täglich über die Vorgänge, so auch die »Tagesschau« – und etwa 90 Prozent der DDR-Bürger sahen regelmäßig Westfernsehen. Erst mit dem Rücktritt Erich Honeckers am 18. Oktober 1989 kam es unter Egon Krenz zu einer Liberalisierung der Berichterstattung. Fortan berichtete die »Aktuelle Kamera« deutlich objektiver als zuvor über die Flüchtlinge und sogar öfter als die »Tagesschau«.

Die Publikumsbefragungen aus dieser Zeit zeigen: Während der Phase der verstärkten Zensur nahm die Akzeptanz der Bevölkerung für die Berichterstattung der »Aktuellen Kamera« deutlich ab. Mit Einsetzen der Lockerung ab Mitte Oktober wuchs die Akzeptanz wieder. Dabei hatte die Berichterstattung der »Tagesschau« während der Phase der verstärkten Zensur einen nennenswerten negativen Effekt auf die Bewertung der »Aktuellen Kamera« durch die DDR-Bevölkerung.

Nach der Liberalisierung der Berichterstattung schlug sich die »Tagesschau« nicht mehr auf die Zuschauerbewertungen der »Aktuellen Kamera« nieder. Dies bestätigt sich laut den Forschern auch bei einem Blick aufs sogenannte »Tal der Ahnungslosen« – jene Regionen im Nord- und Südosten der DDR ohne Westfernsehen. Hier war kein Effekt von »Tagesschau«-Berichten auf die Bewertung der DDR-Nachrichten festzustellen. Dabei machte es übrigens keinen Unterschied, ob ein Zuschauer SED-Mitglied war oder nicht: Die Zensur wirkte sich in einem sehr ähnlichen Maße negativ auf die Bewertung der Berichterstattung aus.

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