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Erinnerungskultur

Irgendwann muss auch mal Schluss sein! Oder?

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Das Vernichtungslager Auschwitz ist der Inbegriff des Holocausts. So sah es auch der Philosoph Theodor W. Adorno, einer der wichtigsten Intellektuellen im Nachkriegsdeutschland. Wie kein anderer bescheinigte er der deutschen Gesellschaft einen Rückfall in die Barbarei, in primitive Gewalttätigkeit und primitiven Hass. Eine bekannte Formulierung Adornos aus einem Radiovortrag von 1966 lautet: »Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. [...] Ich kann nicht verstehen, daß man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat.« Und in der Tat sah es kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so aus, als würde Deutschland seine jüngere Vergangenheit aufarbeiten können. Die Schuldigen schwiegen über die systematischen Verbrechen an den Juden. Trotzdem gilt Deutschland im Ausland heute als Vorbild, was das Erinnern an den Nationalsozialismus angeht.

Zu Unrecht, findet Samuel Salzborn. Seiner Meinung nach sei die deutsche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sogar »die größte Lebenslüge der Bundesrepublik«. Salzborn ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Gießen und Berliner Antisemitismusbeauftragter. In seinem 2020 erschienenen Buch Kollektive Unschuld beschreibt er, wie die deutsche Gesellschaft ihre Schuld an den NS-Verbrechen nach dem Krieg von sich wies. Stattdessen stellte sie sich als Opfer Hitlers dar. Dass das nicht der Wahrheit entspricht, darüber ist sich die Geschichtswissenschaft einig. Längst hat sie umfangreiche Belege für die tiefen Verstrickungen der breiten Bevölkerung in die NS-Verbrechen geliefert. Die Tatsache, dass es in fast jeder Familie Täter:innen oder zumindest Mitläufer:innen gab, beziehungsweise Personen, die weggesehen haben, wird durch den Mechanismus der Schuldzurückweisung jedoch verdeckt.

Bundestagsabgeordnete, die in reden einen Schlussstrich unter der NS-Zeit forderten

Dieser Mechanismus finde, so Salzborn, seinen Ausdruck auch darin, dass ehemalige NS-Verbrecher selten juristisch belangt wurden. Eine ernsthafte Entnazifizierung fand praktisch nicht statt. Stattdessen wurden die Nationalsozialisten in die neue Bundesrepublik integriert – sie bekleideten politische Ämter und waren vielfach in der Verwaltung tätig. Die wenigen Verfahren gegen die Haupttäter des NS-Regimes stießen nicht nur in der Gesellschaft auf Ablehnung – die katholische Kirche verabschiedete beispielsweise 1948 eine Resolution gegen die noch laufenden Nürnberger Prozesse –, sondern auch in der Politik. In Bundestagsreden versuchten Abgeordnete bis Ende Sechzigerjahre, die deutsche Schuld an den NS-Verbrechen zurückzuweisen, und forderten, dass man einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen solle.

Die Leugnung von Schuld und die eigene Darstellung als Opfer der Nazis, sagt Salzborn, sei auch in Film und Literatur zu beobachten gewesen. Im sogenannten deutschen Heimatfilm der Fünfzigerjahre etwa wurde die deutsche Gesellschaft häufig als Leidtragende der alliierten Bombardierung oder der späteren Vertreibung abgebildet. Nur wenige Filmproduktionen hätten diesen Mechanismus demnach durchbrochen – etwa die vierteilige US-Fernsehserie Holocaust aus den Siebzigern, die erstmals mit dem deutschen Opfernarrativ brach, oder Steven Spielbergs Film Schindlers Liste von 1993. Salzborn kommt jedoch zu dem Schluss, dass der Opfermythos mit neueren Filmproduktionen der 2000er-Jahre, wie Der Untergang oder dem ZDF-Fernsehfilm Unsere Mütter, unsere Väter sogar wieder einen neuen Aufschwung erlebte. Doch nicht nur in Filmen, auch in der öffentlichen Meinung.

Martin Walser und die »Moralkeule« Auschwitz

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich Antisemitismus zunächst sehr offen gezeigt, etwa durch Straftaten wie das Schänden jüdischer Friedhöfe und Synagogen. Mit dem wirtschaftlichen und demokratischen Aufschwung der 50er- und 60er-Jahre ging dieser offen nazistische Antisemitismus in der Gesellschaft wieder zurück. Durch die Ächtung verlagerte er sich in halböffentliche Räume, etwa an die Stammtische. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Antisemitismus, wenn auch nicht mehr offen geäußert, praktisch unverändert stark in der Nachkriegsgesellschaft verankert blieb. Seit Mitte der 90er-Jahre verschieben sich die Grenzen des Sagbaren allerdings von Neuem, meint Salzborn, sodass die bereits vorhandenen antisemitischen Haltungen wieder zunehmend öffentlich artikuliert werden.

Durch Martin Walsers Rede wurden antisemitische Äußerungen wieder salonfähig

Als ersten spürbaren Übergang identifiziert er eine Rede Martin Walsers aus dem Jahr 1998, die dieser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche hielt. Darin bezeichnete er die Erinnerung an den Nationalsozialismus unter anderem als eine »Instrumentalisierung unserer Schande« und »Routine des Beschuldigens« und sprach von der »Moralkeule« Auschwitz. Seine Rede wurde oft als Polemik gegen die NS-Erinnerungskultur, aber auch als antisemitisch interpretiert. Salzborn stellt kritisch fest, dass die Öffentlichkeit auf die Äußerungen Walsers nicht mit einem Aufschrei reagierte. Das markiere einen Bruch, denn bis etwa Mitte der Neunzigerjahre habe es noch einen gesellschaftlichen Konsens darüber gegeben, antisemitische Äußerungen zu verurteilen und nicht als bloße Meinung zu akzeptieren. Durch Walsers Rede seien antisemitische Äußerungen, die häufig mit der Forderung verbunden sind, einen Schlussstrich unter die Geschichte zu ziehen, wieder salonfähig geworden. Salzborn bezeichnet dies als »Schuldabwehr-Antisemitismus«. Seiner Meinung nach ist die Schuldabwehr Ausdruck davon, dass das Opfernarrativ in der Bundesrepublik nach wie vor erfolgreich ist. Anhand zahlreicher empirischer Studien der letzten 70 Jahre zeigt er, wie die Schuldabwehr nach der Formel funktioniert: »Ich bin es leid, dass uns die Verbrechen an den Juden immer noch vorgehalten werden.« Salzborns Fazit: Nach dem Krieg wurde die Vergangenheit nur in Ansätzen aufgearbeitet. Die Abwehr eines Schuldeingeständnisses habe sich in den folgenden Generationen fortgesetzt.

Was Nazis bis 1945 und danach taten, Teil 1
Was Nazis bis 1945 und danach taten, Teil 2

Im Widerstand war weniger als ein Prozent der Bevölkerung

Zu diesem Ergebnis kam auch eine Analyse aus dem Jahr 2002. Für ihre Studie »Opa war kein Nazi« interviewten der Sozialpsychologe Harald Welzer, die Sozialforscherin Sabine Moller und die Psychologin Karoline Tschuggnall 40 Familien und 142 Einzelpersonen aus drei aufeinanderfolgenden Generationen und sprachen mit ihnen über den Alltag im Nationalsozialismus. Dass die Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern die Gräueltaten der Nazis, mit denen sie so viel in der Schule konfrontiert werden, selbst verübt hätten, also Täter:innen seien, deuteten die Nachkommen – auch die der dritten Generation – völlig um. Die Befragten neigten dazu, ihre Vorfahren eher als Opfer des Krieges darzustellen, manchmal sogar als Helfende der NS-Opfer. Auch neuere Studien bestätigen diese Beobachtung.

So fragte etwa das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld für eine 2020 veröffentlichte Studie 1.000 Menschen in Deutschland, für wie wahrscheinlich sie es hielten, dass sie selbst, ihre Vorfahren oder andere Menschen aus der Bevölkerung während der Zeit des Nationalsozialismus Täter, Opfer oder Helfer waren. Seit 2017 erforscht die Einrichtung in ihrem Erinnerungsmonitor (Memo), was, wie und wozu Bürger:innen in Deutschland mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus erinnern. Die Befragten schätzten, dass nur etwa ein Drittel der Deutschen zu den Täter:innen und etwa genauso viele von ihnen zu den Opfern des NS-Regimes gehört hätten. Geht es um die eigene Familie oder gar um die eigene Person, verschob sich die Einschätzung zugunsten der Unschuld. Nur 23 Prozent gaben an, die eigenen Vorfahren hätten zu den Täter:innen gehört, 36 Prozent erklärten hingegen, dass diese Opfer gewesen seien. Sich selbst hätten die wenigsten der Befragten bei den Täter:innen gesehen, wenn sie damals gelebt hätten. Viel eher wären sie Opfer und noch eher Helfende gewesen. Es zeigt sich, dass, je persönlicher die Schuldfrage wird, die Befragten diese immer stärker von sich weisen. Bestimmte Narrative über die Rolle der eigenen Vorfahren würden eher weitergegeben als andere, so der Sozialpsychologe und Mitautor der Memo-Studien Jonas Rees. Die Nachfolgegenerationen erinnerten sich überproportional selten an ihre Großeltern und Urgroßeltern als Täter:innen – und das trotz aller Bemühungen der Erinnerungskultur. Die Erinnerung an die Täterschaft bleibt im Familiengedächtnis verwischt.

Von sich selbst glaubten übrigens über 30 Prozent, dass sie eher beziehungsweise sehr wahrscheinlich aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet hätten. Ein Blick auf die Daten zeigt jedoch, dass die Realität eine andere war: Die Zahl der Deutschen, die potenziellen NS-Opfern halfen, beträgt laut Schätzungen nur 20.000 bis 200.000 – bei einer Bevölkerung von damals 70 Millionen Menschen in den Grenzen von 1938 sind das weniger als 0,3 Prozent.

Zustimmung der Deutschen zu bestimmten, antisemitischen Aussagen oder solchen, die eine Schlussstrichmentalität verkörpern
Zustimmung der Deutschen zu bestimmten, antisemitischen Aussagen oder solchen, die eine Schlussstrichmentalität verkörpern

»Man will natürlich kein Täter sein«

Die Auffassung Salzborns, dass es selbst in der dritten und vierten Generation nach der NS-Zeit keine Aufarbeitung gibt und die Schuld zurückgewiesen wird, gelte heute allerdings nicht mehr, sagt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Und auch ihr Wort hat Gewicht. Ihre Forschung hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die deutsche Erinnerungskultur heute so oft als vorbildlich betrachtet wird. Gegenüber KATAPULT erklärt Assmann, dass es etwa seit 2017 eine Reihe von Autor:innen gebe, die sich auf der Grundlage von Archivmaterial allmählich kritisch mit der Vergangenheit ihrer eigenen Vorfahren auseinandersetzen und Bücher schreiben nach dem Motto: »Mein Opa war ein Nazi«. Zum Beispiel Moritz Pfeiffers Mein Großvater im Krieg 1939-1945, Hermann Kinders »Die Herzen hoch und hoch den Mut«: Das Familienalbum meines lutherischen Vaters 1942-1949 oder Nora Krugs Heimat. Ein deutsches Familienalbum. Diese Werke seien mitunter Bestseller, die sich – in mehrere Sprachen übersetzt – auf der ganzen Welt verkauften.

Die Ergebnisse der Studie von Welzer und seinen Kolleginnen, nach der die Nachfahren der Tätergeneration deren mögliche Schuld größtenteils bestritten, stellt Assmann zwar nicht infrage. Sie verweist aber auf eine problematische Interviewmethode, bei der die Studienteilnehmer:innen den Fragestellern persönlich gegenübersitzen, womit »eine gewisse Zwangssituation« erzeugt werde, die für die Befragten »peinlich« sei. So würden sie ihre Vorfahren lieber von vornherein in ein gutes Licht rücken, um die unangenehme Situation zu überstehen. Immerhin stehen dabei die persönliche Familiengeschichte und der eigene Umgang damit auf dem Prüfstand. »Man will natürlich kein Täter sein, und man will auch nicht, dass die geliebten Vorfahren Täter waren«, sagt Assmann. Es verwundert sie, dass die These des einschlägigen Titels nach 20 Jahren immer noch so beliebt ist und man daran festhält, obwohl es inzwischen ganz andere Entwicklungen gibt.

Umfrage: Umfrage: Welche Rolle hat  die deutsche Bevölkerung während der NS-Zeit  eingenommen, welche  Ihre eigenen Vorfahren  und was wären  Sie selbst  am ehesten gewesen?

Leerstellen in der Erinnerung

Die aktuelle Memo-Umfrage bestätigt, dass jede:r vierte Deutsche dafür ist, einen Schlussstrich unter die nationalsozialistische Vergangenheit zu ziehen. Doch im Vergleich zu vorangegangenen Befragungen zeigt sich, dass das im Laufe der Jahre immer weniger Menschen fordern. Das heißt, immer mehr sind der Meinung, dass sich die deutsche Gesellschaft weiterhin mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen sollte. Das finden vor allem die jüngeren Befragten, die 16- bis 30-Jährigen. Über die Hälfte aller Befragten gibt zudem an, sich aus eigenem Antrieb eher viel bis sehr viel mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt zu haben.

Die Forscher:innen stellen jedoch einen Unterschied zwischen der Einschätzung des eigenen Wissens und dem tatsächlichen Wissensstand fest. Fast 60 Prozent bewerteten ihr eigenes Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus als gut bis sehr gut. Bei offenen Nachfragen – also ohne Antwortmöglichkeiten – wurde jedoch deutlich, dass die Befragten teilweise deutliche Wissenslücken aufwiesen. So nannten in der jüngsten Memo-Umfrage weniger als die Hälfte Sinti:zze oder Rom:nja als Opfer des Nationalsozialismus. Zur Erinnerung: Mehr als 500.000 Angehörige dieser Bevölkerungsgruppen wurden während der NS-Zeit ermordet. Fast 40 Prozent der Befragten teilen nicht oder nur teilweise die Ansicht, dass der deutsche Staat eine besondere Verantwortung für die an Sinti:zze und Rom:nja begangenen Verbrechen trägt. Und mehr als die Hälfte stimmte der Aussage nicht oder nicht eindeutig zu, dass die Ausgrenzung und Diffamierung von Sinti:zze und Rom:nja nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzt wurde. Obwohl das bis heute faktisch der Fall ist, etwa durch diskriminierende Darstellungen in Medien und Politik.

Orte an der Ostfront, an denen Juden von Deutschen massenhaft ermordet wurden

Und obwohl eine deutliche Mehrheit der Befragten die NS-Zeit als zentralen Bezugspunkt der deutschen Geschichte sieht, zeigen die Forscher:innen, dass sich die Befragten häufiger auf den »Zweiten Weltkrieg« beziehen als explizit auf den »Nationalsozialismus« oder die »nationalsozialistischen Verbrechen«. Daraus schließen sie, dass ein Teil der Befragten eher über allgemeine Kriegsereignisse und die weltpolitische Bedeutung des Zweiten Weltkriegs nachdenkt als über die Verbrechen oder die Verantwortung, an sie zu erinnern. So gebe es deutliche »blinde Flecken« – vor allem in Bezug auf die Verbrechen in Osteuropa.

Denn auf die Frage, welche drei europäischen Länder sie neben Deutschland am stärksten mit dem Zweiten Weltkrieg verbinden, nannten die Befragten am häufigsten Frankreich, Polen und Großbritannien. Dabei fällt auf, dass beispielsweise nur ein Prozent die Ukraine angab. Legt man jedoch ihre heutigen Grenzen zugrunde, so wurde jedes vierte jüdische Opfer des Holocausts dort ermordet. Noch vor der Errichtung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau hatten die Nazis in der Ukraine, Weißrussland und anderen Sowjetrepubliken bereits mehr als 1,5 Millionen Juden ermordet – die ersten Opfer des Holocausts. Die Historikerin Katja Makhotina von der Universität Bonn beschäftigt sich seit Jahren mit der Erinnerung an die osteuropäischen Opfer und ist in der Gedenkstättenarbeit tätig. Dass die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg eher auf West- und nicht Osteuropa ausgelegt ist, hat Makhotina zufolge nicht nur mit der antikommunistischen Haltung der frühen Bundesrepublik zu tun. Sondern auch mit der Nichtaufarbeitung der NS-Verbrechen im Osten.

»Trauern ohne nachzudenken«

Der Erfolg der extremen Rechten in Politik und Gesellschaft ist Salzborn zufolge ein Beleg dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kein Erfolg war. Auch Assmann glaubt, dass Phänomene wie Pegida und AfD Ausdruck einer »radikale[n] Abwehr« des Erinnerns sind. Dass es eine kleine Gruppe in der Gesellschaft gibt, die sich gegen diese Erinnerung an die Schuld der eigenen Vorfahren wehrt und lieber voller Stolz an diese denkt, macht für sie das Projekt einer verantwortungsbewussten und selbstkritischen Erinnerung in Deutschland aber nicht zunichte. Laut der aktuellen Memo-Studie sehnt sich auch etwas mehr als die Hälfte der Befragten nach einem neuen Nationalstolz. So zeigt sich, dass sich selbst renommierte Wissenschaftler:innen über die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Gesellschaft uneins sind. Fakt ist jedoch, dass die Erinnerungskultur mitunter ihre Wirkung verfehlt. Wo also liegen ihre Schwächen?

Der Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, vertritt die Auffassung, dass die Erinnerungskultur zu sehr mit der Trauer um die Opfer oder der Identifikation mit ihnen beschäftigt ist, als dass sie sich damit auseinandersetzt, warum Menschen überhaupt zu Opfern oder Tätern wurden. Zu einer umfassenden und nachhaltigen Erinnerungskultur gehöre auch, darüber nachzudenken, wie die nationalsozialistische Gesellschaft funktionierte, so der Historiker. Die deutsche Erinnerungskultur leidet laut Wagner daran, dass sie oft nur so etwas bedeutet wie »trauern ohne nachzudenken«. Sich auf die »gute« Seite der Opfer zu stellen, um sie zu betrauern, schaffe geradezu Erinnerungslücken darüber, was die eigene Familie damals zu den Verbrechen beitrug. Die Verengung der nationalsozialistischen Verbrechen auf die Shoah – die Vernichtung der Juden – führe zudem dazu, dass andere Opfergruppen der Nationalsozialist:innen wenig Beachtung finden. Zwar gab es in den letzten Jahren immer wieder Bundestagsdebatten über die Rehabilitierung von homosexuellen Opfern, Deserteuren, »Berufsverbrechern« oder »Asozialen«, doch bleibt dies eine Fachdebatte, die kaum ins öffentliche Bewusstsein dringt. Ein plakatives Beispiel für Wagners Argumentation ist, dass der 27. Januar – der Tag des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus – in den Medien oft »nur« auf den Holocaust bezogen wird. Die Geschichte der Shoah dürfe jedoch nicht isoliert von den anderen NS-Verbrechen betrachtet werden. Denn, wie die Studien gezeigt haben: Nicht selten gibt es Lücken in der Erinnerung.

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Fußnoten

  1. Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt a. M. 1971, S. 92.
  2. Müller, Vera: »Kein Mensch lebt im Augenblick«, Interview mit Aleida Assmann, auf: forschung-und-lehre.de (5.7.2021).
  3. Salzborn, Samuel: Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern, Leipzig 2020, S. 104.
  4. Die 68er-Generation, so die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann, konfrontierte ihre Vorfahren erstmals mit ihrer Vergangenheit. Doch diese Konfrontation vertiefte praktisch das Schweigen bis zum so genannten Historikerstreit in den 80er-Jahren, als sich die Holocaustforschung in der Wissenschaft etablierte und die Überlebenden der NS-Verbrechen erstmals in großer Zahl zu Wort kamen.- Telefonat mit Aleida Assmann am 4.8.2022.
  5. Salzborn 2020, S. 33-39.
  6. Ebd., S. 46-60.
  7. Walser, Martin: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede. Dankesrede, auf: friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.
  8. Salzborn 2020, S. 75f.
  9. Ebd., S. 75.
  10. Ebd., S. 69-79; 103-106.
  11. Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline: »Opa war kein Nazi«, 10. Aufl., Frankfurt a. M. 2021, S. 10-16.
  12. Zick, Andreas u.a.: MEMO III, Multidimensionaler Erinnerungsmonitor, Bielefeld 2020, S. 23.
  13. E-Mail Jonas Rees vom 29.7.2022.
  14. Hensel, Jana: Opa war kein Held, auf: zeit.de (3.3.2018).
  15. Telefonat mit Aleida Assmann am 4.8.2022.
  16. Ebd.
  17. Papendick, Michael u.a.: MEMO V 2022. Multidimensionaler Erinnerungsmonitor, Bielefeld 2022, S. 9; 20; 29-32.
  18. Ebd., S. 20; 25f.
  19. Schimek, Cornelia; Pasch, Eva: Jeder zweite Zeitungsartikel über Sinti und Roma ist diskriminierend, auf: katapult-magazin.de (1.2.2021).
  20. Papendick u.a. 2022, S. 35-36.
  21. Ebd., S. 13.
  22. Popowycz, Jennifer: The »Holocaust by Bullets« in Ukraine, auf: nationalww2museum.org (24.1.2022).
  23. Papendick u.a. 2022, S. 15.
  24. Salzborn 2020, S. 104.
  25. Telefonat mit Aleida Assmann am 4.8.2022.
  26. Telefonat mit Jens-Christian Wagner am 8.8.2022.

Autor:innen

Seit 2020 Redakteur bei KATAPULT.

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