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Editorial KNICKER 13

Das Problem mit der Statistik

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Klingt im ersten Moment nach plausiblen Zweifeln. Ist aber ein Trick: Skeptiker greifen einzelne Ereignisse heraus und belegen damit vermeintlich, dass die wissenschaftlichen Berechnungen falsch sein müssen. Sie verschweigen unter anderem, dass sowohl die Geschwindigkeit als auch das Ausmaß von Temperatur- und Meeresspiegelanstieg in der Geschichte beispiellos sind. Anders als früher betrifft das nicht mehr nur einzelne Regionen, sondern den gesamten Globus. Trotzdem bleiben bei vielen Leuten Zweifel, ob man den wissenschaftlichen Modellen wirklich trauen kann. 

Das Problem bei solchen Prognosen ist auch, dass sie das menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen. Als Spezies, die sich vor allem an konkreten Erfahrungen orientiert, können die meisten im Alltag nur wenig mit statistischen Ausreißern und Schwankungsbreiten anfangen. Einzelne Ereignisse wie ein nasser, kühler Sommer scheinen den Klimawarnungen zu widersprechen und daher die eigenen Zweifel zu bestätigen. Statistische Modelle hingegen kalkulieren mit Unsicherheiten und Fehlertoleranzen, sehen langfristige Trends und lassen sich nicht vom Eindruck des Moments täuschen.

Und die Statistik zeigt deutlich: Das Wasser in den Weltmeeren steigt im Mittel der letzten Jahrzehnte so schnell wie nie zuvor. Das heißt konkret: Viele Menschen werden ihr Land und ihre Heimat verlieren. In England und Wales gibt es inzwischen erste Umsiedlungspläne, weil eine Reihe von Küstenorten nicht gehalten werden kann. Sie zu schützen, wäre schlicht zu teuer. 

Die US-amerikanische Metropole New Orleans hingegen gehört zu jenen Städten, die den Anstieg des Meeresspiegels bereits jetzt unmittelbar spüren. Im sie umgebenden Küstengebiet geht alle paar Minuten eine Fläche von der Größe eines Tennisplatzes verloren. Nicht in Zukunft, sondern genau jetzt. Um die Stadt zu retten, wurden milliardenteure Sperranlagen errichtet. Diese können das Umland jedoch nicht schützen, im Gegenteil. Bereits bis zur Mitte des Jahrhunderts werden Berechnungen zufolge große Teile des Küstengebiets untergegangen sein. 

Viele der vom Klimawandel bedrohten Länder haben deutlich weniger Mittel zur Verfügung als die USA, um sich gegen das Wasser zu wappnen. Allein in Bangladesch dürften in den nächsten Jahrzehnten etwa 23 Millionen Bäuerinnen und Landwirte betroffen sein – bei einem Meeresspiegelanstieg um etwa einen Meter. Fällt dieser höher aus, werden es zig Millionen mehr sein. Geld zur Vorsorge? Fehlt. Sollte das so bleiben, werden im schlimmsten Fall aus Landwirten von heute die Klimaflüchtlinge von morgen. 

Was kommt auf das reiche Europa zu? Das haben wir für diese Ausgabe des KNICKERs recherchiert. Die positive Nachricht: Deutschland ist verhältnismäßig gut vorbereitet. Der Küstenschutz profitiert von jahrhundertelanger Erfahrung, die Infrastruktur ist robust. Aber vor allem: Die Verantwortlichen nehmen den Klimawandel ernst. Schon seit Jahrzehnten. Kein »Vielleicht wird es doch nicht so schlimm«, kein »Kann doch sein, dass die Prognosen alle nicht stimmen«. Die Vorhersagemodelle, so haben uns Wissenschaftlerinnen und Praktiker im Gespräch immer wieder verdeutlicht, wurden nicht nur stetig verbessert, sondern haben immer wieder bestätigt, womit zu rechnen ist. Und die Prognosen sind nicht einfach nur Statistik: Sie sind eine Überlebensversicherung für Millionen von Menschen – allein in Deutschland. Denn ohne diese Modelle kann kein passender Küstenschutz erfolgen. Norddeutschland bleibt dank dieser Prognosen voraussichtlich bewohnbar. Vorerst. Wenn der Klimawandel gebremst wird. Wenn nicht? Darauf hatte niemand, den wir aus Behörden und Forschung fragten, eine Antwort. Sie hoffen, dass wir es nicht dazu kommen lassen. 

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Autor:innen

Geboren 1988, ist seit 2017 bei KATAPULT und Chefredakteur des KNICKER, dem Katapult-Faltmagazin. Er hat Politik- und Musikwissenschaft in Halle und Berlin studiert und lehrt als Dozent für GIS-Analysen. Zu seinen Schwerpunkten zählen Geoinformatik sowie vergleichende Politik- und Medienanalysen.

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