Französische Philosophie
Dicker Vogel fördert Ungleichheit
Sprache

Karl Marx ist bekannt für sein Ziel, die Klassengesellschaft überwinden zu wollen. Jahrzehntelang schrieb er in seinem kleinen Zimmer – für die Gleichheit. Spezialisten bezweifeln das nicht, bis auf Jacques Rancière. Von BENJAMIN FREDRICH



Des kleinen Vogels Vorbild ist der große Vogel. Althusser, Bourdieu und viele andere Theoretiker haben Marx verehrt und ins 20. Jahrhundert gezerrt. Sie verherrlichten das marxsche Werk auf vielfältige Weise, Jacques Rancière allerdings scheint die ganze Sache um 180 Grad gedreht zu betrachten.

Karl Marx und auch seine französischen Interpreten Louis Althusser und Pierre Bourdieu beginnen ihre Philosophie (beziehungsweise Soziologie) mit der Beschreibung der ungleichen Gesellschaft. Für sie haben Menschen unterschiedliche Fähigkeiten und Stärken, weshalb sie sich für die jeweils Schwächeren einsetzen wollen. So weit, so großzügig...

Menschen besitzen allerdings die gleichen Sinnesorgane und eine ähnliche Funktionalität des Gehirns. Sie haben also in etwa die gleichen Voraussetzungen. So gesehen wirkt es übertrieben, eine Philosophie mit der Ungleichheit von Fähigkeiten und Stärke zu beginnen. Sie muss stattdessen mit dieser biologischen Gleichheit beginnen, behauptet Jacques Rancière. Wer mit Ungleichheit beginnt, endet auch immer wieder mit Ungleichheit. Wer Gleichheit haben will, muss seine Startgedanken mit der Gleichheit anfangen.

Marx, Bourdieu und Althusser machen das nicht und haben später Probleme zu erklären, warum sie denn überhaupt die Ungleichheit abschaffen wollen, wenn die Menschen doch zu so unterschiedlichen Dingen fähig sind. Alle drei Philosophen haben ihre Theorie allgemein auf einem falschen Fundament errichtet, findet Rancière.

Marx mache den Fehler, sich herablassend über das Proletariat zu äußern.



Das unterschätzte Proletariat
Die Kritik an Marx richtet Rancière gegen dessen Unterschätzung des Proletariats. Marx mache den Fehler, sich herablassend über das Proletariat zu äußern. Besonders negativ seien seine Ausführungen über das "Lumpenproletariat". Nach Marx hat das Lumpenproletariat kaum Bewusstsein über seine eigenen Interessen. Es besitzt nicht die Fähigkeit, sich politisch zu organisieren oder als Klasse zu verstehen.

Noch gravierender ist: Es ist nach Rancières Marxinterpretation bestechlich und durch diese Unzuverlässigkeit nicht zum Klassenkampf geeignet. Auf diese Weise werte Marx das Proletariat abwechselnd ab und idealisiere es an anderer Stelle wieder. Deshalb schreibt Marx auch nur die materielle Kraft dem Proletariat zu, während die geistigen Aufgaben von den Philosophen vollzogen werden:

"Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen."1


Den Proletariern wird abgesprochen, ausreichend geistige Fähigkeiten zu besitzen. Das Denken übernehmen die Philosophen, die dann ihre Gedanken in die Arbeiterklasse importieren. Nach Rancières strenger Auslegung will Marx das Proletariat sogar überwachen, denn die Arbeiter können die Realität unmöglich begreifen. Sie sind geboren, um zum Gegenstand der Revolution zu werden, aber sie sind sich ihrer revolutionären Rolle nicht bewusst:

"Les hommes font l'histoire mais ils ne savent pas qu'ils la font."
("Die Menschen machen die Geschichte, aber sie wissen nicht, dass sie sie machen.")2


Rancières fundamentale Kritik geht sogar so weit, dass er Marx eine revolutionsverhindernde Funktion anlastet. Er verschleppe die Revolution eher, als dass er sie befördere. Die Armen (Proletariat) brauchen nach dieser Sichtweise die Philosophen nicht. Es sind die Philosophen, die die Armen benötigen, um ihre "edle" Philosophie zu betreiben.3

Die unterschätzten schlechten Schüler
Über 100 Jahre später stellte ein französischer Soziologe die These auf, dass die soziale Herkunft eines Schülers unüberwindbare Leistungsunterschiede verursacht. Das war Pierre Bourdieu.4 Der französische Präsident François Mitterrand beauftragte Bourdieu deshalb, ein System zu entwickeln, welches diese Leistungsunterschiede der Schüler verringert. Bourdieus Ergebnis: Der Unterricht muss an die niedrigeren Fähigkeiten der sozial benachteiligten Schüler angepasst werden.

Für Rancière ist Bourdieus Analyse falsch, deshalb kann ihre Schlussfolgerung nur verkehrt sein. Bourdieu mache den Fehler, die Schüler in Fähige und Unfähige aufzuteilen. Alle Schüler, so Rancière, haben etwa die gleichen Fähigkeiten des Denkens. Ihre Leistungsunterschiede werden vielmehr durch Motivation und Durchsetzungskraft verursacht. Den sozial benachteiligten Schülern fehlt es lediglich an Mut und Selbstbewusstsein und nicht an Fähigkeit.

Der Mensch wird durch seine soziale Umgebung nicht intelligent oder dumm gemacht, er wird lediglich motiviert oder demotiviert. So schließt Rancière, dass Bourdieu seine Leser täuscht,5 indem er ihnen Unterschiede aufzeigt, die nicht existieren und die wahren Unterschiede der Schüler nicht nennt. Deshalb sei Bourdieu auch ein Philosoph, der die gesellschaftliche Hierarchie erhält und stärkt.

Der Ursprung der Gleichheit 
Den drei Philosophen entgegnet Rancière mit einer radikalen Version der Gleichheit. Er beginnt seine Überlegungen dort, wo die meisten Menschen das erste Mal in gut und schlecht geteilt werden – in der Schule. Rancière entwickelt eine Unterrichtsmethode, welche die Hierarchie zwischen Lehrer und Schüler abbaut und keine guten und schlechten Schüler kategorisiert.6 Nach dieser Theorie ist der Lehrer, der motiviert, deutlich erfolgreicher als der, der Erklärungen gibt.

"Der Erklärende braucht den Unfähigen, nicht umgekehrt. Er ist es, der den Unfähigen als solchen schafft. Jemandem etwas erklären heißt, ihm zuerst beweisen, dass er nicht von sich aus verstehen kann."7


Die Übertragung dieser Theorie in alle Bereiche des Lebens und auch des Politischen lässt Rancière konsequent, aber auch unflexibel erscheinen. Unterschiede entstehen in diesem Denkmuster nur durch unterschiedlich motivierte Menschen, durch unterschiedlich ausgebildeten Willen.

Althusser, Bourdieu und Marx setzen die Hierarchie als gegebene Tatsache der Gesellschaft (Unterricht) voraus. Sie wollen die Hierarchie zwar bekämpfen, aber der Ausgangspunkt ihrer Überlegung ist, dass Ungleichheit existiert. Die Pädagogik von Rancière hingegen beginnt mit Gleichheit. Seine Theorie ist deshalb radikal, weil er sie an den Anfang der Lehre setzt und nicht nur als Ziel der Lehre. In Bezug auf die politische Durchsetzung der pädagogischen Gleichheit bleibt Rancière zweideutig. Er kann abwechselnd revolutionär und reformistisch interpretiert werden.8

Rancières Analyse ist eigenwillig. Marx und seine Interpreten werden aus einer sonderbaren Perspektive betrachtet. Allgemein anerkannte Positionen sieht Rancière, als hängender Vogel, auf ungewöhnliche Art: Dadurch wird es mindestens zweifelhaft, ob die großen sozialistischen Theoretiker die richtige Mittel wählten, um ihre Ziele zu erreichen.



[1] Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, 1844, zit. nach: Marx-Engels-Werke, Bd. 1, Berlin (Ost) 1976, S. 378-391, hier: S. 391.
[2] Eigene Übersetzung aus: Rancière, Jacques: Le philosophe et ses pauvres, Paris 1983, S. 195.
[3] Ebd.
[4] Pierre Bourdieu und Jean Claude Passeron haben 1964 gemeinsam das Buch "Les Héritiers, Les étudiants et la culture" veröffentlicht, in welchem beide die oben genannte These das erste Mal nennen.
[5] Vgl. Davis, Oliver: Jacques Rancière. Eine Einführung, Übers. durch Britta Phol, Cambridge/Wien 2014, S. 48.
[6] In "Le Maître ignorant" (Der unwissende Meister) greift er auf die egalitäre Unterrichtsmethode des französischen Gelehrten Jean Joseph Jacotot (1770-1840) zurück. Jacotot fand durch Zufall heraus, dass seine Schüler immer dann besser waren, wenn er sie zum Lernen lediglich motivierte und keine fertigen Erklärungen anbot.
[7] Vgl. Rancière, Jacques: Et tant pis pour les gens fatigués. Entretiens, Paris 2009, S. 19.
[8] Rancière, Jacques: Le Maître ignorant. Cinq leçons sur l'émancipation intellectuelle, Paris 1987, S. 120-124.


11.05.2015

Schreiben Sie einen Kommentar


Vorname: *
Nachname:
E-Mail: *
Ihr Kommentar: *
CAPTCHA


1 - 8

Kommentare


richard mullins   11:37 Uhr 05.10.2015

Please excuse me if I gave any offense. I only discovered Ranciere (and Jacotot) today. I'm sure Jacotot got lots of negative comments in his day and I don't want to say anything at all negative about either Ranciere or Jacotot.

I am thinking that it is rare today for classes to be held in a collegial way where everyone is welcome to take part in the discussion, even if they don't know anything. For example, a typical paper on mathematics will leave even 90% of maths graduates lost after reading one or two lines. However there is no reason why maths papers could not be written in a way that would satisfy Jacotot. In fact already, Wikipedia is a step towards explaining things. In the future, people will abandon school if it is not collegial, and use other means to learn.





richard mullins   09:23 Uhr 05.10.2015

I agree with Ranciere that people are equal. However perhaps there still will be an identifiable syllabus - we don't want people doing dangerous things without certification. Perhaps certification could be greatly simplified compared to what it is now, but maybe the current system is not completely flawed.





richard mullins   09:13 Uhr 05.10.2015

I agree with Ranciere that people are equal. However you cannot take a person without thousands of hours of working maths problems, and place them in a maths class at Oxford - they would not last a single day. It was be as crazy as taking someone who has never held a tennis racquet before and asking them to compete at Wimbledon, or taking someone who has never swum and asking them to swim the channel.





Benjamin Fredrich   01:10 Uhr 13.05.2015

Lieber Marxist,

1.
Bitte den Artikel sorgfältig lesen. Rancière geht nicht von gleichen Menschen aus, sondern davon, dass die menschlichen Sinnesorgane (und Gehirne) ähnlich gut funktionieren.

Das hättest du auch im Artikel finden können: „Menschen besitzen allerdings die gleichen Sinnesorgane und eine ähnliche Funktionalität des Gehirns. Sie haben also in etwa die gleichen Voraussetzungen.“

2.
„Es geht nicht um Gleichheit sondern Herrschaftslosigkeit.“

Könnte es sein, dass Herrschaft Ungleichheit voraussetzt, nämlich zwischen denen die herrschen und denen die beherrscht werden? Oder andersrum: Ist Herrschaftslosigkeit trotz Ungleichheit (Hierarchie, Klasse) denkbar?

Ich kann übrigens gut verstehen, wenn ein Marxist gereizt auf den Artikel und Rancières Interpretation reagiert. Deine Beiträge könnten noch stärker wirken, wenn du dich auf deine Argumentation konzentrierst und die persönlichen Angriffe reduzierst.

Besten Gruß, Benjamin Fredrich

PS. OK, dann geht’s jetzt los:

"Ich habe nie, besoffen oder nüchtern, Äußerungen gemacht, daß die Arbeiter nur zu Kanonenfutter gut, obgleich ich die Knoten, unter die sich Klein by and by zu rangieren scheint, kaum gut genug dafür halte." (MEW 28, 596)

„Ich dehne diesen Band mehr aus, da die deutschen Hunde den Wert der Bücher nach dem Kubikinhalt schätzen." (MEW 30, 248)

"Willich und Kinkel könne er nicht anerkennen, so wenig wie die paar Lumpen, die sie gewählt haben. […] Voila unsere Straubinger; schlimm, daß mit solchen Leuten Weltgeschichte gemacht werden soll..." (MEW 28, 536- 537)







drei Marxist   21:11 Uhr 12.05.2015

Vielleicht noch einmal anders. Die Annahme, alle Menschen wären gleich, plus die dazugehörige Forderung nach der generellen Gleichheit aller,ist vielleicht der Wunsch Ranciéres, doch nicht der von Marx. Man kann also nicht von Marx etwas verlangen, was er nicht nur nicht wollte, sondern ausdrücklich kritisiert hat. Denn selbst die angeführte simple Gegenüberstellung von Klassengesellschaft und klassenloser stimmt nicht. Es geht nicht um Gleichheit sondern Herrschaftslosigkeit. Diese ganze Gleichheitskiste entspringt einer juristischen Denkart, die Marx sehr fern lag. Das war es was ich sagen wollte.

"Das Kapital ist eine analytische (!) Arbeit. Es beinhaltet nur an sehr wenigen Stellen Aussagen darüber, was Marx gesellschaftlich erreichen wollte."
Ich sehe, Du hast wirklich keinen Schimmer worüber Marx warum schreibt. Drum spare ich mir das weitere Schattengefecht.

P.s. welche Korrespondenz? mit wem?





Benjamin Fredrich   17:38 Uhr 12.05.2015

Lieber „Ein Marxist“,

vielen Dank für den ausführlichen Beitrag.

1.
Das Kapital ist eine analytische (!) Arbeit. Es beinhaltet nur an sehr wenigen Stellen Aussagen darüber, was Marx gesellschaftlich erreichen wollte. Wenn wir also danach fragen, ob Marx die Gleichheit erreichen oder erhalten oder abschaffen wollte, gibt uns dieses Werk kaum Antworten darauf. So erscheint deine Analyse am Thema vorbei zu sein.

2.
Marx‘ politische Schriften und sein Handeln sind in dieser Hinsicht deutlich interessanter. Der Punkt, der im Artikel auf die Gleichheit abzielt, ist nicht der, den du anführst, sondern dieser:

Klassengesellschaft = Ungleichheit
Klassenlose Gesellschaft = Gleichheit

Nach Rancière liegt das Spannungsfeld zwischen der gewollten Gleichheit der Klassenlosigkeit und der postulierten Unterschiedlichkeit der Fähigkeiten der Menschen.

3.
„Und wer das als Arroganz auslegt, der kann in seiner Uniblase gerne versauern.“

Bitte einmal Marx‘ Korrespondenz lesen und danach nochmal in Ruhe entscheiden, ob Marx nicht vielleicht doch ab und zu arrogant war ;-)

Beste Grüße, Benjamin Fredrich





zwei Marxist   20:25 Uhr 11.05.2015

Ein kleiner Nachtrag:

"Marx, Bourdieu und Althusser machen das nicht und haben später Probleme zu erklären, warum sie denn überhaupt die Ungleichheit abschaffen wollen".

Zumindest für Marx gilt das nicht. Er wollte nicht die Ungleicheit abschaffen. Im Gegenteil, es entsprach seiner kommunistischen Auffassung, dass es die Ungleichheit zwischen den Menschen ist, was bewahrt werden müsse. Sollte allerdings die Ungleichheit der Menschen ihnen zum Nachteil werden, etwa körperliche Schwäche eine Ursache für Armut oder bspw. das Geschlecht als Mittel der Unterdrückung (was Marx nie ernsthaft thematisiert hat), dann gilt es diese gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern. Marx kritisiert den gleichen Maßstab der an alle gelegt wird. Egal was, wer und wo sie sind.

Marx:
"Das Recht kann seiner Natur nach nur in Anwendung von gleichem Maßstab bestehn; aber die ungleichen Individuen (und sie wären nicht verschiedne Individuen, wenn sie nicht ungleiche wären) sind nur an gleichem Maßstab meßbar, soweit man sie unter einen gleichen Gesichtspunkt bringt, sie nur von einer bestimmten Seite faßt, z.B. im gegebnen Fall sie nur als Arbeiter betrachtet und weiter nichts in ihnen sieht, von allem andern absieht. Ferner: Ein Arbeiter ist verheiratet, der andre nicht; einer hat mehr Kinder als der andre etc. etc. Bei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Anteil an dem gesellschaftlichen Konsumtionsfonds erhält also der eine faktisch mehr als der andre, ist der eine reicher als der andre etc. Um alle diese Mißstände zu vermeiden, müßte das Recht, statt gleich, vielmehr ungleich sein." MEW Bd. 19 S. 21.

Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen. Das ist bekanntlich der Standpunkt Marxens. Wer da mit der Forderung nach genereller Gleichheit, ganz im Sinne von all den Parteien die immer nach gleichen Rechten für diese und jene schreien, der hat nicht kapiert worum es dem Herrn Marx ging.





Ein Marxist   19:40 Uhr 11.05.2015

Eigenwillig scheint es mir, das marxsche Denken zu kritisieren ohne ihn wirklich zu Wort kommen zu lassen. Zwar möchte ich nicht einem unkritischen Hinnehmen der marxschen Gedanken das Wort reden, dennoch sollte doch ein genauerer Blick in sein Werk unternommen werden, wenn ein so gewichtiger Einwand gegen seine Theorie hervorgebracht wird. Denn das was in dem Artikel über das
Verständnis Marxens in Bezug auf den Begriff der Gleichheit gesagt wird, scheint mir sehr verkürzt zu sein . Und was wäre, wenn Marx gar einen wichtigen Punkt träfe, wenn er von der Ungleichheit der Menschen ausgeht.
Also kurz mal in medias res:
Die Kritik Marxens an der Gleicheit ist sehr viel tiefer und ausgefeielter als das, was nach dieser Darstellung hier, Ranciére dagegen vorbringt. Der Autor des Artikels scheint nie einen Blick in das Kapital gemacht zu haben. Drum sei hier ein kurzes, von Marx stammendes Argument angeführt. Wenn die Warenproduzenten darum konkurrieren, wer von ihnen den geringsten Preis auf dem Markt erzielt, wer dadurch also die größeren Massen Kaufkraft auf sich und seine Waren ziehen kann, um was anderes konkurrieren sie dann, als um die Produktivität ihrer Arbeiten? Wer die Lohnstückkosten etc. niedrig hält, also mit wenig Geld viel Ware produziert, ja der macht Gewinn. Indem die Produzenten um die Effizienz iherer Arbeit konkurrieren, setzen sie ihre Arbeiten gleich. Sie messen sie mittels der Zeit bzw. stellt sich am Markt heraus, ob sie eventuell zuviel Zeit auf die Produktion der Waren verwendet haben. Was allen Warenarten gemeinsam ist, ist die Tatsache dass sie einen Preis haben und in diesem erscheint die Effizienz ihrer individuellen Arbeit. Marx sagt, der Wert der Ware sie die Erscheiungsform der abstrakten Arbeit, soll heißen der gesellschaftlich druchschnittlichen Arbeitszeit die nötig ist dieses oder jenes Produkt zu produzieren - und damit hat er wohl recht. Wir sehen also was hier passiert: Menschen, die in verschiedenen Verhältnissen leben, verschiedene Motivationen zur Arbeit haben, sogar gänzlich verschiedene Arbeiten ausführen, die also in dieser konkreten Form überhaupt nicht verglichen werden können, diese Menschen abstrahieren von ihrer tatsächlichen Verschiedenheit und konkurrieren um ihre abstrakte Arbeit. Unter der Hand werden die realen Unterschiede die zwischen den Menschen herrschen zur Quelle ihrer Untauglichkeit in der Konkurrenz. Wer nicht so produktiv ist wie der Kontrahent, ja der geht samt Geschäft unter. Die Forderung nach Gleichheit, auf dieser Ebene wäre ziemlich schräg, denn sie wird ständig hergestellt und gegen die Individuen gewand um ihre tatsächliche Ungleichheit zu Messen. Denn der Maßstab verschiedener Arbeitszeitquanta kann nur der Unterschied zwischen ihnen, d.h. die Ungleichheit sein. Indem die Produzenten ihre Waren gleichsetzen, manifestieren sie ihre Ungleichheit. Eine solche, dialektische Betrachtung taugt vielmehr zur Erklärung realer Ungleichheit und Benachteiligung als die bloße Berufung darauf, dass wir ja alle Menschen mit identischen Sinnesvermögen seien - eine nahezu naiver Standpunkt.
Doch hier soll es nicht stehen bleiben. Denn tatsächlich werden im Kapitalismus nicht nur Waren getauscht sondern auch Kapital, das heißt Wert + Mehrwert akkumuliert. Marx schreibt im Kapital: "Die Sphäre der Zirkulation oder des Warenaustausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der Tat ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham." MEW 23 S.190 Denn hier werden Äquvivalente getauscht und alle bekommen tatsächlich Dasjenige, was ihnen zusteht - den Wert ihrer Ware. Doch so kann logischweise kein MEHRwert, d.h. Kapital enstehen und die Produktion von Kapital ist es gerade, die erklärt werden soll. So muss (um vorweg zugreifen) den Arbeitenden zwar ihre vernutzte Kraft entgolten werden, doch über die Reproduktion der Kosten ihrer Lebenserhaltung hinaus von ihnen weiter gearbeitet werden. Diese Mehrarbeit,die den Arbeitenden NICHT gehört und letztlich den Profit der Unternehmen darstellt, ist es, die dazu führt, dass Kapital akkumuliert und vergrößert wird. So werden schon auf dieser Ebene (und ich habe das so oberflächlich wie irgend möglich dargestellt) die einen Enteignet und die Anderen dadurch bereichert - also faktische Ungleichheit produziert. Oder schlagender und in den Worten von Marx:
"Arbeitskraft wird hier gekauft, nicht um durch ihren Dienst oder ihr Produkt die persönlichen Bedürfnisse des Käufers zu befriedigen. Sein Zweck ist Verwertung seines Kapitals, Produktion von Waren, die mehr Arbeit enthalten, als er zahlt, also einen Wertteil enthalten, der ihm nichts kostet und dennoch durch den Warenverkauf realisiert wird. Produktion von Mehrwert oder Plusmacherei ist das absolute Gesetz dieser Produktionsweise. Nur soweit sie die Produktionsmittel als Kapital erhält, ihren eignen Wert als Kapital reproduziert und in unbezahlter Arbeit eine Quelle von Zuschußkapital liefert, ist die Arbeitskraft verkaufbar. Die Bedingungen ihres Verkaufs, ob mehr oder minder günstig für den Arbeiter, schließen also die Notwendigkeit ihres steten Wiederverkaufs und die stets erweiterte Reproduktion des Reichtums als Kapital ein." MEW 23 S. 647.

Unter dem Prinzip der Gleichheit vor dem Recht, wie es seit einiger Zeit in unseren Breitengraden gang und gäbe ist, besteht die Ungleichheit weiter und wird beständig Reproduziert. Die Unterschiede von Herkunft, Klasse, Geschlecht etc., ob einer Reich oder Arm ist, Mann oder Frau etc. bestehen zwar nicht mehr unmittelbar im Auge des Gesetzes, dennoch bestehen sie weiter und werden durch ihre formale Gleichheit entpolitisiert und individualisiert. Auch dies ist ein Strang der Marxschen Kritik: "Der Staat als Staat annulliert z.B. das Privateigentum, der Mensch erklärt auf politische Weise das Privateigentum für aufgehoben, sobald er den Zensus für aktive und passive Wählbarkeit aufhebt, wie dies in vielen nordamerikanischen Staaten geschehen ist." Das heißt, die Wählbarkeit ist nicht mehr an die Größe des Eiegntums einer Person gebunden. "Dennoch", so Marx weiter, "ist mit der politischen Annullation des Privateigentums das Privateigentum nicht nur nicht aufgehoben, sondern sogar vorausgesetzt. Der Staat hebt den Unterschied der Geburt, des Standes, der Bildung, der Beschäftigung in seiner Weise auf, wenn er Geburt, Stand, Bildung, Beschäftigung für unpolitische Unterschiede erklärt, wenn er ohne Rücksicht auf diese Unterschiede jedes Glied des Volkes zum gleichmäßigen Teilnehmer der Volkssouveränität ausruft, wenn er alle Elemente des wirklichen Volkslebens von dem Staatsgesichtspunkt aus behandelt. Nichtsdestoweniger läßt der Staat das Privateigentum, die Bildung, die Beschäftigung auf ihre Weise, d.h. als Privateigentum, als Bildung, als Beschäftigung wirken und ihr besondres Wesen geltend machen. Weit entfernt, diese faktischen Unterschiede aufzuheben, existiert er vielmehr nur unter ihrer Voraussetzung, empfindet er sich als politischer Staat und macht er seine Allgemeinheit geltend nur im Gegensatz zu diesen seinen Elementen." (Zur Judenfrage; MEW 1 S.354.)
Wir sehen, dass Marx ein sehr feines Verständnis davon hat, wie vermeitliche und Formale Gleichheit ein Vehikel dafür sein kann, dass reale Ungleichheit nicht nur nicht abgeschafft, sondern manifestiert wird. Denn bspw. alle als Eigentümer behandeln, bei völliger Abstraktion davon wie groß ein gegebenes Eigentum ist, bestärkt die die viel haben in dem sie plötzlich auf gleicher Ebene stehen die (praktisch) nichts auf dieser Erde für sich an Eigentum in Anspruch bringen können.

Nun zum letzten Punkt, wenngleich sehr viel mehr dazu hervorgebracht werden könnte. Die Beauptung, Marx betrachte die Arbeiter als dumme Lümmel und wolle ihnen einen Intellektuellen voranstellen der ihnen aufschwatzt was sie zu denken haben, ist eine glatte lüge und zielt auf den abgeschmackten Vergleich ab, in dem Marx für Stalinistischen Terror verantwortlich gemacht wird. Es stimmt einfach nicht, dass Marx diesen Leuten ihre Fähigkeiten abgesprochen hätte und sie schulmeisterlich belehren wolle (man schaue sich nur mal all die Kontakte an, die Marx mit Arbeitern aller Art hatte...). Im Gegenteil wollte eher ihnen, die nicht die Möglichkeit hatten den Tag in der Bibliothek zu verbringen, die keinen Doktor der Philsophie hatten und nicht über einen solchen Wissenschatz verfügten, erklären wie die Gesellschaft in der sie leben strukturiert ist. Und wer das als Arroganz auslegt, der kann in seiner Uniblase gerne versauern. Aber lassen wir Marx mal wieder selbst sprechen: "Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will. Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man die Welt ihr Bewußtsein innewerden läßt, daß man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt, daß man ihre eignen Aktionen ihr erklärt."MEW 1 S. 346.
Und was hat er Zeit seines Lebens anderes getan?

Wenn also ein Denker der Kategorie Marx auf eine so platte Weise, ohne jegliches recherchiertes Argument, entkräftet werden soll, dann kann man nur den Gang ins Studienzimmer raten. Denn kritiserenswertes gibt es da bei Marx ne Menge - doch dafür muss man erstmal wissen was er überhaupt sagt.




1 - 8
AUTOR/IN

ÄHNLICHE ARTIKEL

  1. Verteidigungspolitik Zweifelhafte zwei Prozent

  2. Asymmetrische Kriege Wie ein Begriff Kriege legitimiert

  3. Demografie Außereheliche Geburten 2016

  4. Geopolitische Raumbilder Die Welt als Nachbar

  5. Grenzverschiebung Launische Grenzen



ÄHNLICHE KARTEN















© 2018 Katapult gUG (haftungsbeschränkt)