Spekulative Geografie
Der Traum vom australischen Binnenmeer

Als es noch weiße Flecken auf den Landkarten gab, blieb viel Spielraum für Spekulationen. Einige Theorien folgten "logischen" Überlegungen, andere waren frei erfunden. Von TIM EHLERS

<

>

Einfach mal machen. Einfach mal ein Binnenmeer in Australien einzeichnen, halb so groß wie Deutschland. Und vielleicht noch ein gigantisches Flussdelta. Wäre doch praktisch bei der ganzen Trockenheit dort. Was nach einem chinesischen Großbauprojekt klingt, ist tatsächlich ein Höhepunkt der sogenannten spekulativen Geografie des frühen 19. Jahrhunderts. Zu einer Zeit, als von Australien noch kaum mehr als sein Küstenverlauf bekannt war, vermuteten viele ein gewaltiges Flussnetz im Inneren des Kontinents. Den Gipfel dieser Spekulationen bildet aber die gerade beschriebene Karte Australiens. Sie stammt von Thomas John Maslen, einem pensionierten Leutnant der Ostindien-Kompanie, der sie 1830 erstmals veröffentlichte. Er hatte Australien nie gesehen.

Maslen sagte voraus, dass Entdecker einen großen Fluss finden würden, der vom Zentrum des Kontinents bis zur australischen Nordwestküste führe



Dennoch verband ihn eine Leidenschaft mit dem Kontinent, der er mit einer Anleitung für australische Entdeckungsreisen Ausdruck verlieh: "The Friend of Australia". Darin "gab er konkrete Hinweise für die Erkundung des Landes. Für Expeditionen ins Landesinnere empfahl er Kamele."1 Die beigelegte Karte, die er bereits 1827 anfertigte, war mehr als eine reine Illustration seiner Entdeckungsreisen. Maslen sagte voraus, dass Entdecker einen großen Fluss finden würden, der vom Zentrum des Kontinents bis zur australischen Nordwestküste führe, dem letzten unerforschten Abschnitt der australischen Küste.2 Den Fluss stellte er als eine Art Delta dar, das sich aus einem riesigen See speist.



Sein großes Interesse an Australien wurde durch den Umstand verstärkt, dass er es selbst nie bereisen konnte. Maslen, 1787 in London geboren, trat 1807 der Ostindischen Kompanie bei. Er beschrieb sich selbst als einen Mann mit romantischen und abenteuerlichen Neigungen, der in seiner Zeit in Indien wilde Gegenden, Dschungel ohne Straßen, dichte Wälder, gewaltige Berge und überschwemmte Länder bereiste. Kurz, er sah sich als Abenteurer. Mit nur 34 Jahren wurde er jedoch aufgrund seiner gesundheitlichen Verfassung pensioniert: Er litt an Asthma.

1821 kehrte er widerstrebend ins "elendige Klima Englands" und die "sibirische Wildnis"3 von Yorkshire zurück. Schon während seiner Zeit in Indien muss Maslen Armeeangehörige getroffen haben, die ihm von Australien berichteten. Die Rückkehr nach England steigerte sein Interesse an dem Kontinent enorm. Er las vermutlich alles, was er an Berichten und Kartenmaterial zu Australien bekommen konnte. Mit dem Ziel, auszuwandern, beantragte er 1828 die Auszahlung seiner Pension in Australien. Sein Wunsch wurde jedoch abgelehnt.

Verzweifelt bemühte er sich darum, die Erforschung des Kontinents zu fördern. Empfehlungen und Briefe an Herzöge blieben ohne Erfolg



Ohne Aussicht darauf, auswandern zu können, ließ er all seine Erfahrungen aus Indien und seine angelesene Expertise Australiens in sein Buch einfließen. Verzweifelt bemühte er sich darum, die Erforschung des Kontinents zu fördern. Empfehlungen und Briefe an Herzöge blieben ohne Erfolg. Möglicherweise war er sogar der Urheber eines zweifelhaften Berichts über eine angebliche Expedition ins Landesinnere Australiens: 1834 erschien ein Artikel über Australien im "Leeds Mercury", einer prominenten Provinzzeitung, der von einer Forschungsreise im Jahre 1832 berichtete. Die Entdecker seien von Norden aus 500 Meilen landeinwärts gezogen und wären dort auf Nachfahren von Überlebenden eines holländischen Schiffswracks gestoßen, die sich 170 Jahre zuvor von der Westküste ins Landesinnere begeben hätten.



Maslens falsche Karte von Australien und der dazugehörige Expeditionsratgeber hatten wenig Einfluss auf die darauffolgenden Entdeckungsreisen. Von seinen insgesamt 250 Exemplaren, die er 1830 veröffentlichte, blieben bis 1836 noch 100 übrig, die er ein zweites Mal herausgab, um sie loszuwerden. Anfang der 1830er Jahre fand der britische Kapitän und Entdecker Charles Sturt auf einer Expedition heraus, dass es kein Süßwasserbecken geben könne. Er war vermutlich der Einzige, der je danach gesucht hatte. Mit seiner Erkenntnis endete der kurzlebige Traum vom australischen Binnenmeer.

Ironischerweise hatte Maslen aber nicht ganz unrecht: Im Osten gibt es tatsächlich eines der weltweit größten Süßwasserreservoirs – das Große Artesische Becken. Es nimmt etwa ein Viertel der Fläche Australiens ein, liegt aber unter der Erde. 1878 wurde es von europäischen Siedlern entdeckt – 22 Jahre nach Maslens Tod.

Dieser Beitrag erschien in der achten Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr. 



[1] Brooke-Hitching, Edward: Atlas der erfundenen Orte. Die größten Irrtümer und Lügen auf Landkarten, München 2017, S. 36.
[2] Cook, Karen: Thomas John Maslen and "The Great River or Desired Blessing" on his map of Australia, in: The Globe, Canberra 2008, Nr. 61, S. 11-20.
[3] Eig. Übers.- Vgl. Cook 2008, S. 11, 14.


05.01.2018

Schreiben Sie einen Kommentar


Vorname: *
Nachname:
E-Mail: *
Ihr Kommentar: *
CAPTCHA



Kommentare
AUTOR/IN

ÄHNLICHE ARTIKEL

  1. Studie Fragen Frauen?

  2. Amoklauf Auswirkungen eines Waffengesetzes

  3. Bevölkerungsverteilung Die Hälfte der Australier...

  4. Demografie Außereheliche Geburten 2016

  5. Vorurteil Sechs wahre Vorurteile über Hessen



ÄHNLICHE KARTEN















© 2018 Katapult gUG (haftungsbeschränkt)