Medienkritik
Der Osten hat die AfD in den Bundestag gewählt? Das ist falsch!

Nach der Wahl ist der "Ossi" wieder zum Feindbild der Medien geworden, weil er die AfD gewählt hat. Dabei kommen 68 Prozent der AfD-Wähler aus dem Westen. Von BENJAMIN FREDRICH




Der Osten hat die AfD in den Bundestag gewählt. Das ist falsch und den meisten Medien egal. Ohne die Ost-Stimmen wäre die Partei trotzdem mit 8,4 Prozent in den Bundestag eingezogen. Andersherum wäre sie hingegen gescheitert. Würden also lediglich die AfD-Stimmen der neuen Bundesländer gezählt, wäre die rechte Partei unter der 5-Prozent-Hürde geblieben.

Das liegt selbstverständlich daran, dass in den neuen Bundesländern nur etwa 20 Prozent der Deutschen lebt. Es ändert aber nichts daran, dass meist ein falsches Bild von der Wahl gezeichnet wird. Denn diese 20 Prozent sind allein kaum (nur über die 3 Direktmandate) in der Lage, eine Partei in den Bundestag zu wählen. Der Osten ist nicht für den Einzug der AfD verantwortlich.

Anerkannte Journalisten wie Heribert Prantl1 und Giovanni Di Lorenzo2 zeichnen derzeit ein falsches Bild über den Rechtsruck in Deutschland. Nur die Bild-Zeitung macht es noch schlechter und schreibt es explizit auf:

"So hat die AfD fast allen Parteien Wähler abgeluchst und den Sprung in den Deutschen Bundestag geschafft – vor allem wegen ihrer vielen Wähler im Osten Deutschlands."3

Richtig ist: Vor allem wegen ihrer vielen Wähler aus dem Westen ist die AfD in den Bundestag eingezogen. Das sind nämlich 3,9 Millionen. Im Osten haben hingegen 1,9 Millionen Menschen die AfD gewählt. Das sind 0,4 Millionen Stimmen zu wenig, um die 5-Prozent-Hürde zu erreichen. Nur durch "den Westen" konnte die AfD in den Bundestag "springen". Wer sich um einen Rechtsruck sorgt, muss bei der Analyse ganz Deutschland mit einbeziehen.

Edit 14:25 "(nur über die 3 Direktmandate)" hinzugefügt 

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[1] Vgl. "Anne Will. Nach der Protestwahl - Wäre Jamaika die richtige Antwort?" (1.10.2017).
[2] Vgl. "Maischberger. Wutwahl: Haben die Volksparteien ausgedient?" (29.9.2017).
[3] Becker, Robert: Bundestagswahl. Der Atlas der Partei-Hochburgen, auf: bild.de (28.9.2017), URL: bild.de/politik/inland/bundestagswahl2017/das-sind-die-hochburgen-der-parteien-53336730.bild.html.



03.10.2017

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Kommentare


Stefan Dresner   15:49 Uhr 14.10.2017

Es haben etwa 6-7% der westdeutschen Wahlberechtigten AfD gewählt und etwa 17-18% der ostdeutschen, wenn ich die Zahlen der AfD-Stimmen aus der Grafik nehme (Wahlberechtigte: https://www.bundeswahlleiter.de/info/presse/mitteilungen/bundestagswahl-2017/02_17_wahlberechtigte_laender.html ).

Die Unterschiede sind recht eindrücklich, wie ich finde (wie so viele andere Daten zu Ost-West-Unterschieden).

Sich vor diesem Hintergrund an dem Ausdruck (einer Boulevardzeitung!) \"vor allem\" hochzuziehen, erscheint mir verbissen, ist doch der einzige Grund für die \"68 Prozent der AfD-Wähler aus dem Westen\" schlicht in der Größe der westdeutschen Bevölkerung zu suchen.

Ich vermute, man erlaube mir diese Einschätzung, eine gewisse durch Identifikation mit \"dem Osten\" bedingte emotionale Verstrickung des Autors, denn sein Versuch erscheint mir etwas arg akrobatisch.

Ja, Herr Fredrich, Sie haben Recht!
Die BILD sollte mehr auf ihre Wortwahl achten, wollte sie als seriöses Medium wahrgenommen werden :)





Michael   11:46 Uhr 07.10.2017

Die Grundaussage des Textes (die Überschrift) und die Kritik an der tendenziösen und schlicht falschen Berichterstattung bleiben ja richtig. Und eben auch, dass es auch ohne Ostdeutschland zum Einzug der AfD gekommen wäre.

Aber: Sollte man den Artikel nicht besser noch einmal gründlich überarbeiten, da sich ja zu viele Passagen als falsch erwiesen haben? Denn wie sie ja selbst einräumten, wäre es ja auch ohne Westdeutschland gegangen.

Abgesehen davon, dass hier nun Falschaussagen trotz des unzureichenden EDITS weiterhin im Text verbleiben (und es dem Text - eben auch aufgrund des EDITS - wesentlich an Kohärenz mangelt), hat der Text auch eine tendenziöse Note, was sich ja verbietet, wenn man anderen dies (richtigerweise) unterstellt.

Das absolute Minimum wäre doch der deutliche Hinweis (vlt. sogar etwas versöhnlich-verständnisvoll), dass die Einschätzung, dass in Ostdeutschland etwas schief liegt (bzw. noch schiefer als in Westdeutschland), trotz der absoluten Zahlen und der Schieflage der Berichterstattung seine Berechtigung hat.

Denn dort wählten im Verhältnis ja immerhin doppelt so viele Menschen die AfD. Das sollte man nicht so unter den Teppich kehren, wie es hier geschehen ist...





Matti Illoinen   16:55 Uhr 06.10.2017


@Irene Sentner
Eines vorweg, die ehemalige DDR wurde platt gemacht, genauso wie heute Griechenland, die Treuhand machte mehr als 200 Milliarden DM Verluste und westliche Unternehmen suchten sich nur die Filetstücke heraus.
 
Woher haben Sie eigentlich diese Zahlen, würde mich schon interessieren. Sie wissen schon, dass es auch keine Brutkästen Massaker gab, und keine Massenvernichtungswaffen im Irak gegeben hat, worauf der Westen Völkerrechtswidrig den Irak überfiel? Oder der sog. Hufeisenplan, den es auch nie gab, aber zur Begründung diente um Exjugoslawien unter Deutscher Beteiligung, zu Bombardieren, im Übrigen auch Völkerrechtswidrig!


Das alle westlichen Länder mit seinen gerade einmal 12 % der Weltbevölkerung mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, sondern alleine seit dem Ende des 2 WK mehr als 40 illegale Kriege mit über 20 Mio. Getöteten auf Grund von Lügen führte und führt, siehe Syrien u.a. an wie vielen Putschs hat sich der Westen seit dem beteiligt? Wie viele zigtausend illegale Bombenabwürfe alleine während der Obama Administration über 20 Tsd.? Aber dafür bekommt man im Westen ja den Friedensnobelpreis? Ab wie viele Bomben bekommt man den im Westen eigentlich?

Ganz zu schweigen von den vielen illegalen Drohnen Einsätzen weltweit. Und wir erfahren eh nur die Spitze eines Eisbergs, wie viele illegale Aktionen hatte und hat der Weste täglich zu verantworten?

Der Westen setzt sich mit seinen gerade einmal 12 % der Weltbevölkerung regelmäßig über das Völkerrecht hinweg, und stürzt den Rest der Welt ins Chaos, sicherlich sind dafür sog. \"Linke\" nicht verantwortlich. Würde es der Westen ernst meinen mit Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Freiheit, müssten alle Verantwortliche verhaftet und in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagt werden.





Irene Sentner   16:39 Uhr 06.10.2017

\"Nach der Wahl ist der \"Ossi\" wieder zum Feindbild der Medien geworden, weil er die AfD gewählt hat.\"
Wieso haben \"die Medien\" eine Gruppe zum Feind erklärt, die nichts anderes getan hat, als eine demokratische Partei zu wählen?
Wieso werden nicht alle Wähler der LINKEN, ebenso der links-GRÜNEN zum Feind erklärt, weil sie einem faschistischen, menschenrechtsfeindlichen Weltbild anhängen, auf dessen Konto mehr als 100 Millionen Tote kommen - und dem noch viele Millionen Tote folgen werden, sollten sie ihre Politik durchsetzen können?





Reiner Rusch   22:28 Uhr 04.10.2017

Sie können schlicht nicht rechnen.
Der Text fing oben recht gut an. Es wurden sogar die Größenverhältnisse der Bevölkerung Ost vs. West aufgezeigt.
Bei den absoluten Stimmenanteilen wurde es am Ende aber vergessen.

Ein einfacher Plausibilitätstest hätte gereicht, um den Text direkt in Tonne zu hauen: Anteil Wähler im Westen bezogen auf diese Bevölkerungsanzahl - dito im Osten.





Olle   21:40 Uhr 04.10.2017

Nur ein Fünftel der Gesamt-Wähler im Osten und trotzdem wählen halb soviele wie im Westen die Nazis. Aber trotzdem nicht mehr rechte Stimmen dort? Über die 5% wäre die AfD nicht gekommen, wenn der gesamte Westen nicht gewählt, aber trotzdem gezählt hätte, oder wie ist das zu verstehen. Und die Direktmanadate der AfD kommen nochmal woher?
Was soll das denn für eine Logik sein?





Bernhard G.   15:28 Uhr 04.10.2017

Olaf Lenz: \"Prantl, di Lorenzo und sogar die Bild haben durchaus recht, wenn sie sagen, die AfD sei *vor allem* (nicht ausschließlich) wegen der Stimmen im Osten in den Bundestag eingezogen. Angesichts der Stimmen im Osten hätte der AfD im Westen ein Stimmanteil von ca 1% gereicht, um die 5%-Hürde zu nehmen.\"

Was für ein absurder Quatsch mit Soße. Wir können auch so rechnen: Wenn kein einziger Wähler im Osten die AfD gewählt hätte, wäre die AfD trotzdem nur mit den 4,1 Millionen Weststimmen und damit ca. 9% in der Bundestag eingezogen.
Die 1,8 Millionen Oststimmen hätten dafür allein nicht gereicht.





Bernhard Guettler   15:19 Uhr 04.10.2017

Die 3,9 Mio West- und 1,9 Mio. Oststimmen kommen nur dann zustande, wenn man Berlin 100% dem Osten zurechnet. Teilt man die knapp 225.000 Stimmen Berlins ungefähr nach der West- und Ostherkunft der Wähler, also 2/3 West und 1/3 Ost, dann käme man sogar auf ca. 4,1 Mio Wähler West und 1,8 Mio Wähler Ost der AfD.





Anke   14:41 Uhr 04.10.2017

Selbstverständlich ist es falsch, mit dem erhobenen Zeigefinger auf die neuen Bundesländer zu zeigen. Man darf aber nicht vergessen:
In den neuen Bundesländern leben nur 20% der Deutschen. Dennoch stammen 32% der AfD-Stimmen aus \"dem Osten\".
Generell sollte dieses wichtige Thema nicht auf eine bestimmte Personengruppe geschoben werden. Davon ändert sich nämlich nichts!
Es ist an der Zeit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und sie ernst zu nehmen!





Johannes Schmidt   12:05 Uhr 04.10.2017

Falsch. Schlampig recherchiert.

Falsch:
Gemäß § 6 (3) BundeswahlG hat die AfD schon mit den drei Direktmandaten aus den neuen Bundesländern die 5%-Sperrklausel überwunden (Grundmandat, Gesetzestext s. unten). Dann wären nicht nur die drei DirektkandidatInnen in den Bundestag eingezogen, sondern auch die 1,9 Mio Zweitstimmen der AfD innerhalb der Sitzverteilung zu berücksichtigen gewesen.

Schlampig recherchiert:
Die PDS zog 1994 mit nur 4,4% der Zweitstimmen (bundesweit) in den Bundestag ein. Man ahnt es schon: Grund waren die vier Direktmandate aus dem ehemaligen Ostteil der Stadt.

§ 6 Abs. 3 Bundeswahlgesetz (Hervorhebg durch d Verf):
(3) Bei Verteilung der Sitze auf die Landeslisten werden nur Parteien berücksichtigt, die mindestens 5 Prozent der im Wahlgebiet abgegebenen gültigen Zweitstimmen erhalten ODER in MINDESTENS DREI WAHLKREISEN EINEN SITZ ERRUNGEN HABEN.



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