Indien
Demokratie der Wenigen
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Als im Mai 2014 Modi zum neuen Ministerpräsidenten gewählt wurde, versprach er ein "neues Indien". Warum dies leere Versprechungen bleiben werden und welche Rolle die Mittelklasse dabei spielt, erklärt ANNA MARIA REIMER



Nach den Wahlen zur Volksversammlung am 16. Mai 2014 erscheint 67 Jahre nach Indiens Unabhängigkeit eine neue Ikone auf der politischen Bühne Indiens: Mit 282 von 543 Sitzen erringt die rechts-nationale Indische Volkspartei, die Bharatiya Janata Party (BJP), zwar nur eine knappe Mehrheit im Unterhaus, der Lok Sabha,1 doch lässt sie damit alle anderen Parteien weit hinter sich.2

Der ehemalige Ministerpräsident von Gujarat, Narendra Modi, der sich im Wahlkampf als Vertreter des "neuen Indien" darstellte, ist nun Indiens neuer Premierminister. Wie der "Vater" der Nation, Mahatma Gandhi, stammt auch Modi aus Gujarat. In seiner Antrittsrede folgt Modi seinem Beispiel und verspricht, seine Zeit als Premierminister der Verbesserung der Lage der Armen Indiens zu widmen:

"Deshalb ist die neue Regierung den Armen, den Millionen von Jugendlichen und Müttern und Töchtern, die nach Respekt und Ehre streben, gewidmet. Dorfbewohner, Bauern, Dalits und die Unterdrückten, diese Regierung ist für sie, für ihre Hoffnungen und das ist unsere Verantwortung. […] Und deshalb ist unser Traum, ihre Träume zu erfüllen."3


Ob ihre Träume nun endlich wahr werden, scheint zweifelhaft. Aber wie kam es zu diesem Sieg? Und welches Gesicht trägt das "neue Indien", das Modi und seine Partei im Wahlkampf unermüdlich beschworen haben, wirklich? Angesichts der Tatsache, dass im 21. Jahrhundert jeder sechste Mensch Inder/in sein wird,4 erscheinen diese Fragen nicht nur für Indien-Interessierte aktuell, sondern sind auch von globalem Interesse.

Eine ganz andere Sicht auf den Wahlsieg der Volkspartei und Modi eröffnet der Autor und Journalist Pankaj Mishra. Er verweist auf den Einfluss und das Geld der großen Korporationen und Industriemagnaten wie Ratan Tata und Mukesh Ambani, die den Wahlkampf der BJP großzügig finanziert haben und hinterfragt daher kritisch die Loyalität Modis gegenüber den Armen und Ausgestoßenen der indischen Gesellschaft.

Sein Erbe als Ministerpräsident zeichnet sich vornehmlich durch den Transfer – durch Privatisierung oder direkte Geschenke – nationaler Ressourcen an die größten Korporationen des Landes aus. Seine engsten Verbündeten – Indiens wichtigste Geschäftsleute – haben daher ihre Medienteilmärkte der Modi-Verklärung zur Verfügung gestellt; abweichende Journalisten wurden entfernt oder zum Schweigen gebracht.5

Die Bedeutung der indischen Mittelklasse
Insofern unterscheidet sich der ehemalige Teeverkäufer also nicht von jenen korrupten Politikern, die er so oft dafür schilt, dass sie ihre Macht hauptsächlich dem Einfluss anderer verdanken. Doch der Wahlsieg der BJP kann nicht allein durch die Unterstützung Einzelner erklärt werden. Vielmehr muss hier jene Bevölkerungsschicht thematisiert werden, die seit der wirtschaftlichen Öffnung 1990 zur treibenden politischen Kraft Indiens geworden ist, nämlich die neue indische Mittelklasse.

Diese Gruppe treibt Indiens wachsenden Konsum hauptsächlich an und hat damit das Interesse von Soziologen und Politikwissenschaftlern geweckt. Die Liberalisierung der Wirtschaft und die Abwanderung der gut Ausgebildeten haben das politische Gewicht der Mittelklasse in der Heimat entscheidend erhöht. Nachdem sie im Ausland erfolgreich geworden sind, entdecken die "Non-Resident Indians"6, die in den USA, Kanada, dem Vereinigten Königreich und Australien arbeiten, nun ihre Wurzeln und identifizieren sich zunehmend mit dem neuen, starken Indien und der Ideologie der Hindutva, also des politischen Hinduismus, den die BJP vertritt.7

Laut Christiane Brosius fokussiert die Stadt die soziale Einwirkung der neuen Mittelklasse.8 Tatsächlich scheint das neue Indien ein (hyper-)urbanisiertes Land zu sein: Nirgends schreitet die wirtschaftliche Entwicklung so schnell voran wie hier und nirgends zeigt sich so klar wie hier, wie wenig vom neuen Wohlstand unten ankommt:

"Die indische Regierung hat immer wieder versprochen, bis zum Jahr 2010 die Armut zu beseitigen. Doch obwohl viele Studien eine schnelle Steigerung des Wohlstands der aufstrebenden Mittelklassen bis hin zu den 'Superreichen' prognostizieren, bleibt die Zahl der unterprivilegierten Haushalte in Indien erstaunlich stabil. Weiterhin wird die Befürchtung geäußert, dass die Beseitigung der Armut nur ein Slogan der Neo-Liberalisierung sei, ein Teil des 'leuchtenden Indien', welches keine 'dunklen Flecken' auf seiner glänzenden Fassade erlaubt."9

Das Gesicht von Indiens Städten und vor allem das der Großstädte ist unleugbar von dunklen Flecken verdeckt, die zeigen, dass die indische Ökonomie noch immer wesentlich von der billigen Arbeitskraft der unteren Kasten, den Dalits (als Unberührbare bezeichnet), der außerhalb des Kastensystems stehenden Gesellschaftsgruppe, den OBC's (other backward castes), und den Wanderarbeitern abhängt. In Mumbai machen die Slumbewohner tatsächlich keine Minderheit aus, sondern 50% der Gesamtbevölkerung.10

Die auf urbanem Brachland, unter Highways, auf öffentlichen Plätzen und dem Bürgersteig stehenden, notdürftigen Behausungen dieser Menschen werden zwar stetig von der Stadt "bereinigt", jedoch kehren die Armen immer wieder zurück, da sie nur hier Arbeit finden. Die Tatsache, dass sich die Zahl der Slumbewohner zwischen 1981 und 2001 verdoppelt hat,11 zeigt, dass die wirtschaftliche Liberalisierung viel zur Polarisierung zwischen Arm und Reich beigetragen hat. Modis Versprechen, die Armut zu bekämpfen, erscheint daher als primär rhetorisches Zugeständnis, wie es auch seine Vorgänger im Amt bereits pflegten.

Zwar hat es die indische Volkspartei verstanden, durch ihre Fokussierung auf hinduistische Werte auch die Armen und Ungebildeten anzusprechen, die ihre kulturellen Werte und Traditionen von der Globalisierung bedroht sehen, jedoch hat sie der Mittelklasse gleichzeitig politische Priorität eingeräumt. Dieser Umstand zeigt sich deutlich in den Verdrängungskämpfen der Großstädte. Obwohl viele wohlhabende Stadtbewohner in "gated communities" leben, die von einem Heer Angestellter am Laufen gehalten werden, welche sich daher in unmittelbarer Nähe ansiedeln, ziehen immer mehr Bürgerinitiativen gegen die Besetzer bzw. Slumbewohner in den Kampf.

Dabei geben Stadt und Justiz fast immer dem Interesse Ersterer an einem sauberen und bedrohungsfreien Wohnumfeld den Vorrang vor den Bedürfnissen der Dienstleistungsklasse. Interessanterweise berufen sich die Vertreter solcher Initiativen aber auf das Recht der Allgemeinheit, eine lebenswerte Umgebung und deklarieren ihre Interessen somit implizit als Allgemeininteressen. Gleichzeitig werden immer mehr Flächen privatisiert und überwacht und somit der Nutzung durch andere entzogen. Das ist kennzeichnend für die zunehmend aggressive Art, auf die die indische Mittelklasse ihre Bürgerrechte für sich einfordert, wobei sie von den Medien zunehmend Schützenhilfe erhalten.

Da Wohlstand unabdingbar mit dem Zugang zu Bildung verknüpft und Korruption weitverbreitet ist, bleibt er denen, die nichts haben, auf das sie aufbauen können verwehrt.



Die Ausgrenzung der Muslime
Aggressive Verdrängung und Marginalisierung erfährt auch eine andere Gruppe, nämlich Indiens Muslime. Obwohl überwiegend säkular orientiert, werden Muslime in Fernsehen, Internet und Filmen häufig als ungebildete, mittelalterlich gesinnte und bösartige Menschen verunglimpft. Hier zeigt sich eine Übereinstimmung mit dem politischen Aufstieg der indischen Volkspartei in den späten 1990ern, als sich Muslime zunehmend Gewalt und Hass ausgesetzt sahen, welcher in den Massenunruhen von Mumbai (1992/93) und Gujarat (2002) kulminierte.12

Dass Modi, damals Ministerpräsident von Gujarat, nicht nur die systematische Tötung von hunderten Muslimen als Vergeltung für einen vermeintlichen Brandanschlag von Muslimen13 auf einen Zug von Hindu-Pilgern in Kauf genommen hat, sondern der Polizei sogar befohlen haben soll, den Hindu-Radikalen beim Töten freie Hand zu lassen, wird von seiner Partei wie auch von den Massenmedien zwar bestritten. Jedoch zeigen unabhängige Recherchen wie die des investigativen Magazins "Tehelka", dass Politik und Justiz die Aufklärung der Vorfälle zu verhindern suchten.14

In "No God In Sight"15 entwirft der Autor Altaf Tyrewala, ein ehemaliger Wirtschaftsjournalist, ein fiktionales und doch schmerzhaft realistisches Bild vom Leben der Muslime in Mumbai zehn Jahre nach den Aufständen. In diesem Buch sehen sich die muslimischen Charaktere immer noch täglichen Anfeindungen und Diskriminierung ausgesetzt. Und wenn der wirtschaftliche Aufstieg auch größere Freiheit verheißt, bleibt diese doch auf den Konsum beschränkt.

So verdrängt die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufstieg alle anderen Ansprüche auf persönliches Glück. Neben Krishna und Ram – den Lieblingsgöttern der Hindu-Nationalisten, in deren Namen sie 1992 eine Moschee aus dem 16. Jahrhundert in Ayodhya zerstörten und damit landesweite Aufstände auslösten – sind Ganesh und Lakshmi, die Götter des Wohlstands, wohl die meistverehrten im Hindu-Pantheon.

Die Orientierung auf eine neoliberale, marktradikale Form des Kapitalismus, die die BJP vertritt und die Renaissance eines Hindu-Nationalismus, der über viele Jahrzehnte brachlag, sind nicht etwa Phänomene, die lediglich zufällig zeitgleich auftreten, vielmehr bedingen sie einander gegenseitig. Da Wohlstand unabdingbar mit dem Zugang zu Bildung verknüpft und Korruption weitverbreitet ist, bleibt er denen, die nichts haben, auf das sie aufbauen können verwehrt. Auch die Zugehörigkeit zu einer niederen Kaste ist oft immer noch ein Hindernis. Das enorme Frust- und Gewaltpotential, das so aus der Unmöglichkeit wirtschaftlicher Teilhabe erwächst, wird also umgelenkt auf Muslime aber auch auf "Terroristen", Pakistaner und andere Feindbilder.

Der gegenwärtige Zustand der indischen Demokratie
"'Demokratie in Indien', warnte Bhimrao Ramji Ambedkar, Hauptverantwortlicher für den Entwurf der Verfassung Indiens, [...] ist nur ein oberflächlicher Belag auf einem indischem Boden, der im Wesentlichen undemokratisch ist.'16 Ambedkar betrachtete Demokratie in Indien als ein Versprechen von Gerechtigkeit und Würde für die verachteten und verarmten Millionen des Landes, das nur durch eine intensive politische Auseinandersetzung erreicht werden kann.

Mehr als zwei Dekaden war diese Möglichkeit nun einer Zangenbewegung ausgesetzt: einer Form von globalem Kapitalismus, die nur eine kleine Minderheit bereichern kann, und einem fremdenfeindlichen Nationalismus, der praktischerweise immer Sündenböcke für das großangelegte sozioökonomische Scheitern und Frustration liefert."17

Letztlich scheint das neue Indien (zu) tief verwurzelt im alten Indien. Es hat im neoliberalen Kapitalismus einen fruchtbaren Nährboden gefunden, auf den sich die Paradigmen des alten Indien oft nahtlos übertragen lassen. Diese andere Moderne – wenn man sie denn so bezeichnen will – definiert sich durch ihre radikale Umsetzung eines Gemeinwesens, indem der Mächtige bzw. Wohlhabende treibende Kraft und Maßstab allen Handelns ist. Somit muss auch die weitverbreitete Vorstellung eines "archaischen Indien", das im vermeintlichen Widerspruch zur technokratischen Moderne steht, grundlegend revidiert werden.

Nicht im Aufeinandertreffen von jahrtausendealten Traditionen und postmoderner Lebenswirklichkeit liegt das Problem, sondern in der Tatsache, dass sich die Gesellschaftsvorstellungen des alten Indien ein Wirtschaftssystem wie das aktuelle aneignen und bestehende Unterschiede immer unüberwindbarer werden. Hier scheint die Logik der Aufklärung, die von einer Bindung des politischen Fortschritts an den ökonomischen Fortschritt ausgeht, obsolet und kann nicht länger zur Erklärung herangezogen werden. Welchen Weg das neue Indien auch immer geht, es kann nicht unter der Linse westlicher und europäischer politisch-historischer Entwicklungen betrachtet und verstanden werden.



[1] Lok Sbha (Hindi) bedeutet Volksversammlung.
[2] Interessanterweise entfielen davon allein 194 Sitze auf nur sechs Bundesstaaten im Nordwesten Indiens, darunter auch Modi’s Heimatstaat Gujarat.– Vgl. Sircar, Neelanjan: The Numbers Game: An Analysis of the 2014 General Election, Philadelphia 2014, URL: https://casi.sas.upenn.edu/iit/nsircar, 30.03.2015.
[3] The Hindu (20.05.2014), URL: http://www.thehindu.com/news/national/text-of-narendra-modis-speech-at-central-hall-of-parliament/article6030457.ece, 30.03.2015.
[4] Varma, Pavan K.: Being Indian. Inside the Real India, London 2006, S. 1.
[5] Mishra, Pankaj: Narendra Modi and the new face of India, in: The Guardian (16.05.2014), URL: http://www.theguardian.com/books/2014/may/16/what-next-india-pankaj-mishra, 30.03.2015.
[6] Inder oder Menschen indischer Abstammung, die nicht in Indien leben.
[7] Vgl. Varma, Pavan K.: Being Indian, Neu Dehli 2004, S. 183f.
[8] Vgl. Brosius, Christiane: India's middle class. New forms of urban leisure, consumption and prosperity, New Delhi 2010, S. 2.
[9] Ebd., S. 5.
[10] Bronger, Dirk: Metropolen, Megastädte, Global Cities. Die Metropolisierung der Erde, Darmstadt 2004, S. 163.
[11] Ebd., S. 164.
[12] In wissenschaftlichen Publikationen sprechen die Autoren meist von Pogromen bzw. ethnischen Säuberungen statt von Unruhen.
[13] Laut offiziellem Report der Regierung wurden 790 Muslime und 254 Hindus getötet und 2500 Menschen verwundet.– N.N.: Gujarat riot death toll revealed, in: BBC News (11.05.2005), URL: http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/4536199.stm, 30.03.2015.
[14] Vgl. URL: http://archive.tehelka.com/story_main35.asp?filename=Ne031107what_they.asp, 30.03.2015.
[15] Tyrewala, Altaf: No God in Sight, New Delhi 2005.
[16] In einer Rede an die verfassungsgebende Versammlung am 04.11.1948.
[17] Mishra, Pankaj: Narendra Modi and the new face of India, in: The Guardian (16.05.2014), URL: http://www.theguardian.com/books/2014/may/16/what-next-india-pankaj-mishra, 13.03.2015.


22.05.2015

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Kommentare


Frank Tentler   17:55 Uhr 02.12.2016

Simon schrieb:
"Schon mal in Bangalore gewesen, ein Kollege von mir war da und was ich von den News-Insidern bekommen habe, ich erinnere mich, waren alleine die letzten Wahlen dort der Albtraum. Da will man nicht ohne Footballhelm ins Parlament von Kannada (cool die Autokorrektur kennt den indischen Staat) gehen."

Der Bundesstaat heißt Karnataka, die Sprache dort ist Kannada, Bangalore heit jetzt Bangaluru, ich nehme an, sie meinten einen Crickethelm, im bezug auf Wahlen ist zumindest der Erfolg der AAP und deren Art von Wahlkampf sehr positiv.)
Die Muslime wurden, zum Beispiel unter Modi im Gujarat, verdrängt, vertrieben und getötet, auch da man deren Anteile am Geschäftsleben, Immobilien usw. so, unter Maskierung eines religiösen Konfliktes, übernehmen wollte. Also brutalste "Marktveränderung" durch faschistische Methoden. Von daher muss dieser vorgebliche Hindu/Muslim Konflikt, der nach dem Motto "teile und herrsche" Optionen für die Zukunft bietet, unmenschliche, auch um Wahlen zu gewinnen, am köcheln gehalten werden.
Zumindest ist dies eine gewichtige Facette. Namaskar, Frank





Anna Maria R.   12:06 Uhr 29.05.2015

Hallo Simon,

danke für Deinen Kommentar auf den ich gern antworte.

Zunächst einmal hatte ich auf die Wahl der Informationen in der Graphik keinen Einfluss - die Redaktion hat die Informationen ausgewählt und visualisiert. Der Vergleich mit China ist wohl auch der Aktualität des wirtschaftlichen Indien-China Vergleichs geschuldet.

Erstens hat die föderale Organisation Indiens als solche nicht allein mit der ethnischen bzw. linguistischen Splitterung zu tun. Muslime, Christen, Parsen, Jains und viele andere Minoritäten leben in vielen Bundesstaaten Indiens - wenn es auch örtliche Schwerpunkte gibt, bei den Muslimen also beispielsweise eben Kashmir, Gujarat und Mumbai. Hindus bilden aber in fast allen Staaten (Kashmir, die Mehrheit.

Der Punkt meines Artikels ist eben genau der: Es gibt weder den Hindu noch den Muslim - nur will die politische Hindutva Bewegung genau darüber hinwegtäuschen denn sowohl der RSS (ultra rechte Hinduistische Bewegung mit faschistischer Ideologie) als auch die BJP suchen einerseits die Hindus entgegen aller ökonomischen und regionalen Unterschiede zu einen, und den ‚inneren Feind‘ zu schaffen. Dieser innere Feind ermöglicht die Illusion von Einigkeit, auch wenn sowohl der BJP selbst, als auch ihren politischen Hardlinern völlig klar ist, dass dieses Konstrukt bzw. Narrativ ständig mit Macht aufrecht erhalten werden muss. Der muslimische/pakistanische Terrorist als Archetyp des Bösen lässt sich aber gerade in der aktuellen globalen Lage (Jihad, ISIS Terror etc.) ganz wunderbar ‚verkaufen‘ und ist aktuell daher deutlich dominanter wahrzunehmen (sie Bollywoods böse muslimische Mobster) als Christen oder Sikhs. Letztere wurden z.B. unter Indira Gandhi abgeschlachtet - zumindest momentan ist die ‚battle line‘ aber verwischt.

Nun zu Indien und Pakistan - da beide einmal ein Land waren - bis zur Teilung durch die Briten 1947 - haben sie logischerweise viele Ähnlichkeiten. Und gerade ihre ethnische Zersplitterung zeigt ihre Verwandtschaft.

Im Übrigen: Soziale Brennpunkte sind - nachdem ich in Delhi gelebt habe und auch in vielen anderen kleineren und größeren Städten wie Mumbai war - wirklich in fast jeder Stadt zu finden da die Unterklassen eine unendlich viel größere Gruppe als die Mittelklasse ausmachen und eben NICHT die Minderheit.

Die Unterschicht wünscht sich Technik? Aus welcher Quelle hast du das? Ich habe mit Leuten zusammen gewohnt (vornehmlich Inder und einige Europäer/Amerikaner) die in NGOs mit Slum Bewohnern zusammen arbeiteten. In den Gesprächen äußerten diese allerdings hauptsächlich folgende Wünsche: Eine feste Bleibe, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Bildung für ihre Kinder. Auf dem Land war v.a. der Wunsch nach Unabhängigkeit von lokalen Kredithaien und teurem Saatgut zu hören....ein Fernseher war da eher untergeordnet in der Bedeutung.


Was Pakistan betrifft - da hast Du sicher Recht. Aber ich habe keinen Artikel über Pakistan oder die Bilder die man von dort sieht geschrieben.


Welche Weisheit soll ich aus den Worten: „Man hat den Wählern Honig ums Maul geschmiert, wie bei uns“ ziehen? Das die politische Rhetorik dieselbe wie bei uns ist, ist kann wohl kaum ein Erkenntnisgewinn sein.

Wenn Modi aber in seiner Rede tatsächlich auch den Unterklassen Besserung verspricht, muss er sich eben auch von ihnen und nicht nur von den Mittelklassen (die auch sehr heterogen sind) daran messen lassen! Riesige Fortschritte - ja. Aber wo??? Allein das Binnenmarktwachstum zeigt nicht, wie fortschrittlich ein Land ist. Das GDP pro Kopf schon eher.

Die Worldbank Datenbank belegt tatsächlich einen RÜCKGANG des Pro Kopf GDP (http://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD?page=4)


Per capita GDP im Jahr 2014 lag Indien auf Platz 160!!!! (https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/rankorder/2004rank.html


Das Problem der Abhängigkeit von Importen lässt sich langfristig nur lösen, wenn nicht nur Rohstoffe abgebaut werden sondern auch hier verarbeitet werden - und zwar nicht nur Kleidung und Nahrungsmittel sondern High-Tech. Da importiert man aber momentan noch lieber aus Hongkong, Taiwan, Japan, etc....



Gruß,

Anna Maria






Simon L.   15:37 Uhr 28.05.2015

Guter Artikel,
mit ein paar naja nicht ganz richtigen Aussagen, alleine die angezeigte Graphic ist mit der Realität nicht wirklich vereinbar und auch die Infos zu Mumbei/Bombay sind nur bedingt richtig. Indien, genauso wie Pakistan, ist ein föderaler Staatenbund. Also weniger ein Bundesstaat, als ein Land mit starker ethnischer Zersplitterung, ähnlich Amerika.

Schon mal in Bangalore gewesen, ein Kollege von mir war da und was ich von den News-Insidern bekommen habe, ich erinnere mich, waren alleine die letzten Wahlen dort der Albtraum. Da will man nicht ohne Footballhelm ins Parlament von Kannada (cool die Autokorrektur kennt den indischen Staat) gehen.

Es ist keine Frage zwischen Moslems und Hindus.

Weder gibt es den Moslem, noch den Hindu. Besonders von Indien sind uns hier in Deutschland kaum die kastenunabhängigen Konflikte bekannt, die zwischen den ethnischen Gruppen auftreten und in den Parlamenten der einzelnen Staaten ihren Spiegel finden. Wir kennen ja nur Bollywood und farbenfrohe Menschen und schöne Frauen. Dass das mit der Realität und der Unterdrückung in Indien wenig zu tun hat ignorieren wir, weil wir die Vorstellung/Faszination als ausgleich zu unserem Leben hier nicht verlieren wollen. Das Indien dabei die größte Demokratie der Erde ist, macht diese Konflikte leider nicht leichter. So zeigt ein Blick nach Pakistan, das wir es ebenfalls mit einem zutiefst zerstrittenen Land zutun haben. Dabei sind die ethnischen Mehrheiten äusserst moderat. Nur in den Stammesgebieten nahe Afghanistans, und in den an den Iran angrenzen Gebieten kommt es vermehrt zu Auseinandersetzungen, die dann leider auch das ein und andere Mal, das ganze Land erfassen können. Die ethnischen Auseinandersetzungen sind hier bestimmender als religiöse Vorstellungen. Es ist im Grunde wie in Indien, wo sich bei der Vielzahl der ethnischen Gruppen, der Hass und Armut gegenseitig entladen. Dabei ist selbst Pakistan ein wunderschönes Land, das leider durch seine inneren Spannungen, nach Außen ein schlechtes Image hat. Städte wie Lahore oder Karatschi bieten mehr als Terror.

Okay, Karatschi ist aufgrund der riesigen Slums ein Brenntpunkt für Kriminalität und Gewalt aber das ist Kalkutta auch. -.-

Uns setzt man aber leider hauptsächlich Bilder aus den umkämpften Stammesgebieten im Nord-Westen vor. So bekommen wir immer ein falsches Bild der Länder, wenn wir nur einen Teil davon sehen, so wie in Indien.

Es ist eine Frage des gefühlten Wohlstands, der Stabilität, der inner-indischen Konflikte.

Indien hat riesen Fortschritte gemacht und seine Binnennachfrage förmlich explodieren lassen, daher ist gerade die aufstrebende Mittelklasse und die sich mehr Technik wünschende Unterschicht für die Politik interessant. Weil beide sich mit domestizierten indischen Marken gut identifizieren können und Indien genauso wie in China einen Binnenmarkt für Hightech schaft, um sich weniger abhängig vom Export zu machen.
Und genau an dieser Wachstumskurve des Binnenmarktes, wird sich die neue Regierung in Indien messen lassen müssen. Da diese ohne die Stabilität und die Begrenzung der inner-indischen ethinschen Konflikte nicht zu halten ist.


Mit anderen Worten, man hat den Wählern mal wieder Honig ums Maul geschmiert, auch nicht anders als bei uns ;)

[Kommentar aus google+: https://plus.google.com/u/1/112556901424266667269/posts/75HCf4KA6Ek]



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