Geschichte des Wahlverhaltens
Warum Frauen rechts wählen

Rechtsradikale und -populistische Parteien werden vor allem von Männern gewählt. Trotzdem haben immer mehr rechte Parteien weibliche Parteispitzen und nutzen feministische Ideale, um Wählerinnen für sich zu gewinnen. Von ELLA DAUM

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Rechtsextremismus und -populismus gelten als Männerdomänen. Sie sind mit den Begriffen "Stärke" und "Dominanz" verbunden, die zum traditionellen Männerbild passen. Thematisch scheinen Rechtsextremismus und emanzipiertes Frausein einander auszuschließen: Rechte Parteien propagieren die traditionelle Rollenverteilung, sind gegen das Abtreibungsrecht und eine Frauenquote.

Hätten bei den Landtagswahlen in Berlin nur Männer gewählt, wäre die AfD zweitstärkste Partei geworden



Parteien am rechten Rand sind tatsächlich eher Männerparteien. So sind 64,2 Prozent der AfD-Wähler männlich, wie aus der Mitte-Studie von 2016 hervorgeht.1 Auch die jüngsten Wahlergebnisse bestätigen das. Bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen wählten fünf Prozent der Frauen die AfD, im Gegensatz zu neun Prozent der Männer.2 Hätten bei den Landtagswahlen in Berlin nur Männer gewählt, wäre die AfD sogar zweitstärkste Partei geworden.3

Von rechts nach links, aber nie extrem
Frauen waren schon immer zurückhaltender mit der Wahl extremer Parteien. Bis zur Bundestagswahl 1972 wählten Frauen aber konservativer als Männer. Zeitweise lag die weibliche Wählerschaft der CDU um 10 Prozentpunkte über der männlichen.4 In der Wissenschaft wird dieser Umstand "traditional gender gap"5 genannt und mit Statusunterschieden der Geschlechter erklärt. Frauen waren weniger in das Berufsleben integriert, dafür aber enger an Kirche und Familie gebunden. Deshalb fühlten sie sich eher von christlichen Parteien angezogen.



Ab den 80er Jahren erhielten mehr Frauen in Deutschland eine höhere Bildung und ersetzten das Hausfrauendasein durch Berufe. Ihre Bindung an die Kirche verlor ihre Kraft und feministische Bewegungen erstarkten. Mehr Frauen wählten linke Parteien, die ihre neuen Interessen berücksichtigten. Der prozentuale Anteil weiblicher Wähler dieser Parteien war jetzt höher als der der männlichen ("inversed gender gap").6

Ein Jahrzehnt später erfuhren die rechtsradikalen Parteien in Europa einen Aufschwung. Vor allem Männer fühlten sich von ihnen angezogen, Frauen weniger. Dieser Unterschied wird als "radical right gender gap" bezeichnet, als geschlechtsspezifische Lücke bei der Wahl rechtsradikaler Parteien. Verschiedene Studien haben untersucht, warum es sie gibt.

Männer fürchten keine soziale Stigmatisierung
Die Politikwissenschaftlerin Terri E. Givens von der Universität Texas wollte wissen, ob die politische Haltung gegenüber Einwanderung oder die unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnisse von Frauen und Männern ausschlaggebend für ihr unterschiedliches Wahlverhalten bei extremen Parteien ist.7



Sie fand heraus, dass Arbeiter in Konkurrenz mit günstigen Arbeitskräften aus Entwicklungsländern und mit Einwanderern stehen.8 Weil Frauen aber weniger in handwerklichen Berufen arbeiten, stehen sie in keinem Konkurrenzverhältnis zu Einwanderern. Sie seien deshalb weniger ausländerfeindlich und wählten seltener rechtsradikale Parteien.

Je enger die Kirchenbindung, desto niedriger sei auch die Wahrscheinlichkeit, rechtsradikale Parteien zu wählen



Einen anderen Ansatz verfolgten Forscher der Universitäten Paris und Mailand: Sie stellten zwischen der Bindung einer Person an die katholische Kirche und der Wahl des Front National einen Zusammenhang fest.9 Der moderne Katholizismus, mit seinen humanistischen und universellen Werten, widersetze sich der Ausländerfeindlichkeit rechtsradikaler Parteien. Je enger die Kirchenbindung, desto niedriger sei auch die Wahrscheinlichkeit, rechtsradikale Parteien zu wählen. Das treffe vor allem auf Frauen zu, denn sie seien zum einen religiöser als Männer und zum anderen empfänglicher für die von der Kirche vermittelten Werte.

Zudem sind extreme Parteien ihrer Natur nach polarisierend und stehen oft in Verbindung mit Gewalt oder Aggression. Das schrecke vor allem Frauen ab, da sie dazu erzogen werden, nicht aggressiv oder gewalttätig zu sein, so das Urteil einer Studie von Politikwissenschaftlern aus Amsterdam und Göteborg.10 Auch seien Frauen empfindlicher bezüglich der sozialen Stigmatisierung einer Partei. Das kann dazu führen, dass sie generell zurückhaltender bei der Wahl von neuen, unbekannten Parteien sind, bei denen noch nicht sicher ist, wo sie ideologisch einzuordnen sind.

Vier der erfolgreichsten rechtsextremen oder rechtspopulistischen Parteien in Europa werden von Frauen angeführt



Feminismus hilft rechten Parteien
Ändert sich etwas an der Abneigung von Frauen gegenüber rechtsradikalen Parteien, wenn an deren Spitze eine Frau steht? Politikwissenschaftler der Universität Kopenhagen haben herausgefunden, dass weibliche Parteispitzen Wählerinnen eher ansprechen als Wähler. Bei einer männlichen Parteiführung ist der Zuspruch hingegen unter den Geschlechtern ausgeglichen.11

Vier der erfolgreichsten rechtsextremen oder rechtspopulistischen Parteien in Europa werden von Frauen angeführt: Frauke Petry ist Sprecherin der AfD, Alice Weidel Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl; Pia Kjaersgaard ist Mitgründerin und Vorsitzende der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei; in Norwegen steht Siv Jensen an der Spitze der rechten Fortschrittspartei; und Marine Le Pen vom Front National wäre fast französische Präsidentin geworden.

Die Entwicklung des französischen Front National kann ein Indiz dafür sein, dass sich die Wählerschaft von rechtsextremen Parteien mit einer Frau an ihrer Spitze ändern kann. Bis 2011 war Jean-Marie Le Pen, Vater von Marine Le Pen, Vorsitzender der Partei. 2007 trat er das letzte Mal zu den Präsidentschaftswahlen an. In der ersten Runde konnte er damals nur sieben Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer von sich überzeugen.12 Marine Le Pen wurde in der ersten Wahlrunde im Mai 2017 hingegen von 24 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen gewählt. Zwar wählten immer noch eher Männer den Front National, der Unterschied zu den Wählerinnen betrug aber nur noch vier Prozentpunkte.

Neu ist die Taktik rechtsradikaler und rechtspopulistischer Parteien, Frauen mit feministischen Einstellungen anzuziehen



Das kann zum einen daran liegen, dass Marine Le Pen versuchte, den Front National vom antisemitistischen Gedankengut ihres Vaters zu befreien, wodurch sie ihm die soziale Stigmatisierung nahm. Zum anderen spricht sie als Frau auch eine weibliche Wählerschaft an.

Neu ist die Taktik rechtsradikaler und rechtspopulistischer Parteien, Frauen mit feministischen Einstellungen anzuziehen, die sie mit rassistischem oder antiislamischem Gedankengut verbinden: der muslimische Mann als Bedrohung der Frauenrechte. Diese Befürchtung teilen sogar Feministinnen wie Alice Schwarzer. Die Soziologin Sara R. Farris bezeichnet diese Vorgehensweise als "Femonationalismus".13

Parteien am rechten Rand setzen die Forderung nach mehr Gleichstellung der Geschlechter gezielt ein, um Frauen zu gewinnen. Eigentlich spielt Gleichstellung in ihren Wahlprogrammen sonst kaum eine Rolle. Auch die AfD instrumentalisierte die Geschehnisse der Silvesternacht 2015/16 und bezeichnete sie als Auswirkungen der unkontrollierten Zuwanderung, die den Schutz von Frauenrechten gefährde.14

"Ich bin eine Frau und als Frau empfinde ich die Einschränkungen der Freiheiten, die sich durch die Entwicklung des islamischen Fundamentalismus vervielfachen, als extreme Gewalt", sagte auch Marine Le Pen in ihrem offiziellen Wahlkampfvideo.15 Sie hat die Bedeutung von Frauen, wie auch andere Politiker rechter Parteien, für ihren Wahlkampf erkannt.

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[1] Vgl. Decker, Oliver; Kiess, Johannes; Brähler, Elmar (Hg.): Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Die Leipziger "Mitte"-Studie 2016, 2. Aufl., Gießen 2016, S. 71.
[2] Vgl. ARD; Infratest dimap: Umfragen. Wer wählte was? Landtagswahl Nordrhein-Westfalen 2017. Wahlverhalten nach Geschlecht, auf: wahl.tagesschau.de.
[3] Vgl. Rütten, Finn: Siegeszug der Rechten. Fünf erstaunliche Fakten über AfD-Wähler, auf: stern.de (20.9.2016).
[4] Vgl. Konrad-Adenauer-Stiftung (Hg.): Alter gegen Geschlecht: Was bestimmt die Wahlentscheidung?, von Viola Neu, Sankt Augustin 2004, S. 5ff.
[5] Vgl. Inglehart, Ronald; Norris, Pippa: The Developmental Theory of the Gender Gap: Women's and Men's Voting Behavior in Global Perspective, in: International Political Science Review, Thousand Oaks (21)2000, H. 4, S. 441-463.
[6] Vgl. Mayer, Nonna: Point de vue. Quand les femmes s'y mettent, auf: le1hebdo.fr (11.3.2015).
[7] Vgl. Givens, Terri E.: The Radical Right Gender Gap, in: Comparative Political Studies, Thousand Oaks (37)2004, H. 1, S. 30-54.
[8] Vgl. Barisione, Mauro; Mayer, Nonna: The transformation of the Radical Right Gender Gap: The case of the 2014 EP Election. (Paper für die 4. European Conference on Politics and Gender, Universität Uppsala, 11.-13.6.2015 und die 22. International Conference of Europeanists, Paris, 8.-10.7.2015)
[9] Vgl. Bruno Cautrès; Nonna Mayer: Les paradoxes du Gender Gap à la française, in: Le Nouveau Désordre électoral. Les leçons du 21 avril 2002, Paris 2004, S. 207-228.
[10] Vgl. Brug, Wouter van der u.a.: The Gender Gap in Voting: Extremity, Ambiguity and Social Cues. (Paper für European Conference on Politics and Gender 2013)
[11] Vgl. Kosiara-Pedersen, Karina; Hansen, Kasper M.: Gender Differences in Assessments of Party Leaders, in: Scandinavian Political Studies, Oxford (38)2015, H. 1, S. 26-48.
[12] Ipsos/Dell (Hg.): 1er tour Présidentielle 2007 - Comprendre le vote des Français, auf: ipsos.fr.- Telefonumfrage vom 22.4.2007, 3.397 Befragte.
[13] Vgl. Farris, Sara: Die politische Ökonomie des Femonationalismus, in: Feministische Studien, Berlin (29)2011, H. 2, S. 321-334.
[14] Vgl. Geyer, Steven: Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof. AfD-Chefin Petry nennt Gewalt Folge falscher Asylpolitik, auf: mz-web.de (5.1.2016).
[15] Video "Clip officiel n°4 - France Télévisions | Marine 2017", auf: youtube.com.- Eig. Übers.





25.08.2017

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