Propaganda während des 2. Weltkrieges
Comics im Kampf um Herzen und Köpfe
Sprache

"Unschwedisch" ist, was nicht neutral ist. Während des Zweiten Weltkrieges versuchte Schweden, selbst durch seine Comics die politische Neutralität zu unterstützen – erfolglos. Von MICHAEL SCHOLZ



"Psychologische Operationen" (Psychological Operations, PSYOPS) gewinnen heute immer mehr an Bedeutung. Die zunächst als psychologische Kriegsführung bekannte Form der Propaganda hat eine lange Tradition. Doch wenn es darum geht, Denken, Fühlen und Verhalten einer Zielgruppe zu beeinflussen, hat sich trotz des Begriffswandels, der Vielfalt und Modernisierung der Mittel und Kanäle bis heute nichts geändert.

Die Bedeutung von Bildern war hierbei immer groß und ist bis heute eher noch gewachsen. Mit der Einbeziehung von Comics, wie sie sich seit 1900 als eine moderne Form der Kombination von Bild und Text entwickelten, gerieten zunehmend auch Kinder und Jugendliche unter die Zielgruppen psychologischer Operationen.

Der Einsatz von Comics in der psychologischen Kriegsführung erlebte im Zweiten Weltkrieg einen ersten Höhepunkt. Zunächst ging es dabei um die psychologische Verteidigung. Die eigene Bevölkerung sollte von der Richtigkeit der Regierungspolitik nicht nur intellektuell, sondern auch emotional überzeugt werden. Neben den USA galt das auch für Schweden, wie in einem Forschungsprojekt an der Uppsala Universität gezeigt werden soll.1

Während des Zweiten Weltkrieges bot die schwedische Kinder- und Jugendpresse den Lesern der weit verbreiteten und beliebten Comics eine gefährliche Mischung aus Unterhaltung und Propaganda. Letztere bewegte sich zwischen der Rechtfertigung der schwedischen Neutralitätspolitik und einer direkten Kriegspropaganda im Sinne der Westmächte. Die illustrierten Zeitschriften offerierten damals bis zu sechs ganzseitige Comics in der Woche.

Die Tageszeitungen, die zum Ende des Krieges ihre Zurückhaltung gegenüber den Comics aufgegeben hatten, brachten täglich bis zu acht sogenannte Tagesstrips. Zum Kriegsende las ein Drittel der schwedischen Bevölkerung unabhängig von Alter, Bildung oder sozialer Stellung regelmäßig Comics.2

Ehrfurcht vor den Traditionen
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Herbst 1939 begann weltweit ein Kampf um die Herzen und Köpfe der Menschen. In Schweden, welches eine Politik der Neutralität verfolgte, koordinierte ein Informationsamt der Regierung die psychologische Verteidigung. Um den Verteidigungswillen zu stärken, erging an die Medien die Aufgabe, in der Bevölkerung "Ehrfurcht" vor den Traditionen "alter historischer Freiheit und Unabhängigkeit" sowie Gefühle der Verbundenheit mit der schwedischen Vergangenheit zu wecken beziehungsweise zu befördern.

Der Bonniers Verlag unterstützte diese Politik durch die Förderung von Comics mit nationalen Inhalten nach Vorlagen schwedischer Nationalepen, wie die "Erzählungen des Feldschers" von Zacharias Topelius, "Karl XII. und seine Krieger" von Verner von Heidenstam oder "Die Abenteuer des Röde Orm" von Frans G. Bengtsson.3 Sie erreichten ihre Leser ab dem Frühjahr 1942. Zu diesem Zeitpunkt erwies sich eine Berufung auf die schwedische Großmachtzeit als problematisch, denn nicht selten war hier Russland der Feind gewesen.

Anders als in den meisten Teilen Europas konnten in Schweden weiterhin Comics aus den USA erscheinen. Bulls Pressedienst war es durch geschickte Vereinbarungen mit deutschen und amerikanischen Nachrichtenbüros gelungen, den Vertrieb amerikanischer Comics in Nordeuropa für die kommenden Jahre sicherzustellen.

Kulturimport aus den USA
Zu Beginn des Jahres 1943 hatte sich an allen Fronten die Lage zugunsten der Anti-Hitler-Koalition entwickelt. Kaum jemand zweifelte an einer Niederlage Hitlerdeutschlands. Bereits seit Monaten diskutierte man in Stockholm über die Nachkriegsperspektiven des schwedischen Außenhandels.

Eine staatliche Kommission riet im Frühjahr 1943 dringend zum Ausbau der Kulturbeziehungen mit den Vereinigten Staaten. Das bedeutete ein Ende der Abwehr sogenannter unschwedischer Propaganda durch das Informationsamt. Als "unschwedisch" hatten bisher alle Bemühungen gegolten, Schweden in die militärische Auseinandersetzung beziehungsweise auf die Seite einer der Krieg führenden Mächte zu ziehen. Nun wurde jegliche Zensur beziehungsweise Kritik an der Westpropaganda eingestellt und die bisherige nationalistische Propagandastrategie verworfen; Kulturimport aus den USA galt fortan als vertrauensfördernde Maßnahme.

Dies sollte für den schwedischen Comic-Markt Folgen haben. Nicht nur, dass man sich von den Themen aus der schwedischen Heldengeschichte verabschieden musste und im Bereich Abenteuercomics den US-Importen weit unterlegen blieb. Schwerwiegender war, dass sich die amerikanischen Comic-Inhalte in den letzten Monaten dramatisch gewandelt hatten.

Zwar waren die von Bulls Pressedienst vertriebenen Comics bereits ab 1940 vom Kriegsgeschehen geprägt, doch thematisierten sie solche Probleme aus dem Kriegsalltag, die auch der schwedischen Propaganda am Herzen lagen, wie die Wachsamkeit gegenüber Spionen. Mit dem Kriegseintritt der USA hatten die meisten Comic-Helden einen militärischen Anstrich erhalten und wurden einem rücksichtslosen Schematismus unterworfen. Eine bei Bulls vorgenommene Zensur versuchte, diese Tendenzen abzuschwächen. Doch auch eigentlich harmlose und ideologiefreie Comics erwiesen sich bei näherer Betrachtung als für die US-Propaganda durchaus wertvoll.

So propagierten die Comic-Abenteuer der jungen, unabhängigen und im Beruf erfolgreichen Reporterin Brenda Starr ein modernes amerikanisches Frauenbild, verbunden mit einem Hochgesang auf den "American way of life". Dies entsprach den Zielen der psychologischen Kriegsführung der USA, zu denen die Verbreitung der amerikanischen kulturellen Traditionen und Errungenschaften gehörte.

Als im Juni 1942 zur Steuerung beziehungsweise Koordinierung der Medienpolitik während des Krieges von der US-Regierung das Office of War Information (OWI) gebildet wurde, galten Comics auch offiziell als Bestandteil der psychologischen Kriegsführung der USA. Nach staatlichen Vorgaben sollten sie die Moral der Bevölkerung und der Streitkräfte heben und auch im Ausland für die amerikanischen Kriegsziele wirken.

Dazu gehörte neben einer Ermunterung, sich in diesem Krieg zu engagieren, auch die Verbreitung eines Freund-Feind-Bildes, verbunden mit der Hasserziehung gegen Faschismus und Nazismus und der Propagierung der Kriegserfolge der alliierten Armeen. Die konkrete Anleitung der Comic-Produzenten erfolgte über das Writers' War Board (WWB), damals eine der wichtigsten nichtstaatlichen Propagandaorganisationen in den USA, in der sich Schriftsteller sammelten, um der Regierung für Propagandaaufgaben zur Verfügung zu stehen.

Weite Verbreitung fanden in Schweden die amerikanischen sogenannten Non-fiction-Comics mit biografischen Darstellungen aus dem Leben britischer Kriegshelden. Ab Mitte 1944 konnten die Leser von Familien- und Jugendzeitschriften den Abenteuern von Winston Churchill, General Montgomery oder Lord Louis Mountbatten folgen. Schließlich druckte sogar die einflussreiche Tageszeitung Svenska Dagbladet Comics über britische Kriegshelden. In Schweden versuchte man sich auch an Eigenproduktionen, die Partei für die Westmächte und gegen Hitlerdeutschland ergreifen sollten. Doch blieb es meist bei wenig geglückten Nachahmungen bekannter amerikanischer Comics.

Rassistische Propagandacomics
Als in den USA im Frühjahr 1944 eine einflussreiche politische Gruppierung eine Kampagne für die Durchsetzung harter Friedensbedingungen gegenüber Deutschland und Japan startete, schloss sich das Writers' War Board dieser Gruppe an und erteilte den Comic-Verlagen die Aufgabe, anti-japanische beziehungsweise anti-deutsche Themen zu bedienen und den Lesern ein schockierendes Bild von der Brutalität des Feindes zu vermitteln.

Nun nahmen rassistische Darstellungen in den Comics weiter zu. Die Japaner trugen dicke Brillen und hatten hervorstehende Zähne wie Nagetiere. Die deutschen Offiziere trugen ein Monokel und wiesen Schmisse im Gesicht auf, deutsche Soldaten waren aufgedunsene, schwerfällige Typen.

Hitlerdeutschlands Protest gegen diese Art von Propaganda im Naziblatt "Illustrierter Beobachter" im August 1944 machte auch bei Bulls in Stockholm keinen Eindruck mehr. Unterstützt durch westalliierte Dienststellen konnte Bulls den Vertrieb der Comics aus den USA weiter sicherstellen, darunter auch rassistische Propagandacomics. Dies galt nicht zuletzt für Bulls eigene Jugendzeitschrift, in der die Abenteuer von Superman, Jungle Jim oder Barney Baxter unzensiert abgedruckt wurden. Hatten die meisten schwedischen Publikationen bisher, zumindest was die Darstellung der deutschen Seite betraf, Zurückhaltung geübt, war Ende 1944 auch diese Hemmschwelle gefallen.

Vor allem galt das für ausdrücklich pro-westliche Publikationen. In ihnen konnte man zum Beispiel den Abenteuern eines jungen englischen Geheimagenten folgen, der in Italien deutsche Einheiten in die Luft sprengte. Eine schwedische Eigenproduktion ließ einen jungen schwedischen Seemann im besetzten Frankreich an der Seite der Resistance gegen mordende und vergewaltigende deutsche Soldaten agieren. Anti-deutsche Stereotypen fanden schließlich auch den Weg in die schwedische Tagespresse.

Zweifellos haben die amerikanischen Comics während des Krieges mit Erfolg US-amerikanische Werte in Schweden verbreitet und ihre zahlreichen Leser in Richtung Demokratie beeinflusst.



Zweifellos haben die amerikanischen Comics während des Krieges mit Erfolg US-amerikanische Werte in Schweden verbreitet und ihre zahlreichen Leser in Richtung Demokratie beeinflusst. Mit dem Ende des Krieges war die Hasserziehung mit rassistischem Einschlag und anti-deutschen Tendenzen aus den Comics auch verschwunden. Doch Untersuchungen zur Propaganda der Westmächte während des Krieges und zu deren Einfluss auf die politische Kultur Schwedens blieben selten und schenkten der Populärkultur, vor allem den Comics, bisher wenig Beachtung.

Dabei können Comics als "kulturelle Artefakte" viel erzählen über die Zeit beziehungsweise die Gesellschaft, in der sie entstanden sind und in der sie zirkulierten, und unsere Sicht auf die jüngste Vergangenheit erweitern. Die historische Forschung sollte deshalb der Populärkultur mehr Beachtung schenken und sich neben Film und Fernsehen verstärkt auch der Comics annehmen.




© Bulls Presstjanst , Zeichner: Frank Miller




[1] Scholz, Michael: Entertainment or Propaganda. Comic Strips in Sweden during World War II, aktuelles Projekt (gefördert durch die Stiftung Riksbankens Jubileumsfond; Kontakt: michael.scholz@hist.uu.se).- In dieser historischen Studie wird untersucht, wie sich die ideologischen Auseinandersetzungen um die schwedische Neutralitätspolitik während des Zweiten Weltkrieges in einem von der Forschung vernachlässigten Bereich, der Populärkultur, niederschlugen. Der Perspektivwechsel und die Einbeziehung einer neuen Quellengruppe, den Comics, sollen der Neutralitätsdebatte neue Impulse geben und die Presseforschung anregen, sich stärker den Comics zu widmen.
[2]
 Bildergeschichten haben in Schweden eine lange Tradition. Nach einer erfolgreichen amerikanischen Verkaufsoffensive übernahmen die von dem in Stockholm ansässigen "Bulls Pressedienst" vertriebenen US-Comics in Nordeuropa Mitte der 1930er Jahre die Marktführung. Bulls' Hauptabnehmer in Schweden war die illustrierte Wochenpresse. Unter den maßgeblichen Verlagen hielt allein der Åhlén-Åkerlund  Verlag auch schwedischen Eigenproduktionen von Comics die Treue. Seit 1929 gehörte er zum Albert Bonniers Verlag, damals bereits der größte Buchverlag Nordeuropas.
[3] Schwedische Originaltitel: "Fältskärns berättelser", "Karolinerna" und "Röde Orm".


14.04.2015

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