Genozid an den Armeniern
Wann ist ein Völkermord ein Völkermord?
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Was ein Völkermord ist und was nicht, entscheidet nicht allein die Zahl der Getöteten, sondern die Absicht der Mörder. Einen Völkermord zu beweisen, ist deshalb nicht immer einfach. Von ELLA DAUM



"Et es wie et es"1, sagen die Kölner, es ist wie es ist. Zwischen 1915 und 1916 hat im Osmanischen Reich das "Komitee für Einheit und Fortschritt" der Jungtürken2 mehrere tausend Armenier umgebracht, das ist eine geschichtliche Tatsache. Trotzdem weigern sich viele der heutigen Türken, dies anzuerkennen, gerade in der Politik.

In Deutschland gibt es einen Paragraphen3, welcher die Leugnung oder Verharmlosung einer Handlung unter dem Nationalsozialismus unter Strafe stellt. Natürlich können die Verbrechen der NS-Zeit keinesfalls mit denen der Jungtürken verglichen werden. Beachtlich ist jedoch, dass durch diesen Paragraphen das alleinige Bestreiten einer geschichtlichen Tatsache, eine Lüge also, sanktioniert wird.

In der Türkei hingegen gilt das Leugnen als ein Zeichen besonderer Vaterlandstreue. Hier wird derjenige, der sich öffentlich über die damaligen Tötungen der Armenier kritisch äußert, nach Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches bestraft. Einer von ihnen ist der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk.4

Allerdings wird häufig nicht die Tatsache an sich, dass so viele Armenier durch die Jungtürken getötet wurden, in Abrede gestellt. Vielmehr will die türkische Regierung dies nicht als "Völkermord" anerkennen, sondern nennt es lieber "Massaker von 1915"5 oder "den so genannten Völkermord"6.

Nein, nicht jedes (Er-)Morden von Völkern ist ein Völkermord
Hierzu braucht es nach juristischer Definition des Völkermord-Tatbestandes auch ein Handeln in "Vernichtungsabsicht"7 – ein Tatbestand mit "überschießender Innentendenz", so wird dies im Strafrecht genannt. Es muss neben der eigentlichen Tat auch die besonders verwerfliche Gesinnung vorliegen, eben diese wird von dem Großteil der Türken bestritten.8

Im Nachhinein ist es jedoch schwer, einem Land die Absicht der Vernichtung eines ganzen Volkes nachzuweisen und ihm damit den stigmatisierenden Begriff des Völkermordes anzuheften.9 Denn der Völkermord gilt als schwerstes strafwürdiges Verbrechen überhaupt.

Auch für viele internationale Gerichte stellt der Nachweis der Vernichtungsabsicht eine Hürde dar, an der die Verurteilung eines Landes wegen Völkermordes oft scheitert.10 Allerdings – kommt das Ganze nicht einem spitzfindigen Streit um einen juristischen Begriff gleich, der eigentlich nur das enorme Ausmaß und Unrecht der Tat in einem angemessenen Maß beschreiben soll?

Müsste sich nicht die Türkei um der Opfer willen ihrer Geschichte stellen oder ist tatsächlich die Sachlage so ungewiss, die für eine solche Vernichtungsabsicht spricht? Schließlich ist eine Systematik der "Vorbereitung und Durchführung des Vernichtungsprozesses" eindeutig erkennbar.11 Möglicherweise ließe sich so aus den objektiv geschichtlich gesicherten Tatsachen auf einen subjektiven "Gesamtplan" schließen, die Armenier "als solche" vernichten zu wollen.12

Für die Opfer, Überlebenden und Nachkommen jedenfalls kommt das Winden um den Begriff des "Völkermords" der Leugnung der Tat selbst nahe.



Für die Opfer, Überlebenden und Nachkommen jedenfalls kommt das Winden um den Begriff des "Völkermords" der Leugnung der Tat selbst nahe. Ihnen wäre es wichtig, die Anerkennung für das zugefügte Leid zu erfahren, die sie verdienen.

Ein Bekenntnis fördert das Umdenken
In Deutschland stellt das ständige Erinnern und Gedenken der NS-Zeit einen wichtigen Bestandteil der Identität des Landes dar. Das ist neben anderen Gründen auch deshalb erforderlich, damit solche Verbrechen nicht wiederholt werden, um zu mahnen und zu warnen. Allerdings ist die Absicht der Nationalsozialisten, das jüdische Volk gezielt vernichten zu wollen, aufgrund von eindeutigen Dokumenten und Anordnungen unfraglich belegt. Als "Endlösung der Judenfrage" wurde hierbei das Ziel der NS-Führung bezeichnet, alle in Deutschland lebenden Juden zu ermorden.

Der Türkei kann grundsätzlich nicht vorgeschrieben werden, wie sie sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen hat, wie sie in Bezug auf den "Völkermord" an den Armeniern zu verfahren hat. Wie aber sollte sich Deutschland verhalten? Wegen der nicht eindeutig belegten Vernichtungsabsicht ebenfalls "nur" vom "Massaker an den Armeniern" sprechen oder auf juristische Korrektheit verzichten und sich mit den Opfern solidarisieren?

Bis jetzt drückte sich die deutsche Politik vor der Verwendung des Begriffs des "Völkermordes", bis ihn Bundespräsident Joachim Gauck in einem Gottesdienst im Berliner Dom aussprach,13 Bundestagspräsident Norbert Lammert folgte ihm.14

Indem sich immer mehr Länder mit der Problematik beschäftigen und die Verbrechen an den Armeniern entweder als "Völkermord" anerkennen oder nicht, sich aber bewusst für das eine oder andere entscheiden, desto mehr könnte auch die Türkei dazu gebracht werden, ihr Handeln zu überdenken. Denn der Tod hunderttausender Armenier steht fest. Dieser ist nicht zu bestreiten: "Et es wie et es".



[1] § 1 Et rheinisch Jrundjesetz (Das rheinische Grundgesetz).
[2] URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/184983/genozid-an-den-armeniern, 13.05.2015.
[3] Volksverhetzung, § 130 III StGB.
[4] URL: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/die-meinungsfreiheit-laesst-auf-sich-warten-1.10110481, 13.05.2015.
[5] URL: http://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/die-tuerkei-leugnet-den-voelkermord-an-den-armeniern-um-zu-vergessen-13555705.html, 13.05.2015.
[6] URL: http://www.zaman.com.tr/dunya_sozde-soykirim-yerine-artik-1915-olaylari-denecek_579625.html, 13.05.2015.
[7] Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes.
[8] URL: http://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/die-tuerkei-leugnet-den-voelkermord-an-den-armeniern-um-zu-vergessen-13555705.html, 13.05.2015.
[9] URL: http://www.welt.de/print-welt/article682595/Wir-haben-keinen-Genozid-begangen.html, 13.05.2015.
[10] URL: http://www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/gastbeitrag-voelkermord-voelkermord-an-den-armeniern-13566598.html, 13.05.2015.
[11] URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/184983/genozid-an-den-armeniern, 13.05.2015.
[12] URL: http://www.aga-online.org/documents/attachments/Stellungsnahme_Prof_Otto_Luchterhand.pdf, 13.05.2015.
[13] URL: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-04/armenien-joachim-gauch-voelkermord-genozid, 13.05.2015.
[14] URL: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-04/voelkermord-armenien-bundestag-erklaerung, 13.05.2015.



15.05.2015
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Kommentare


Benjamin Fredrich   23:03 Uhr 21.05.2015

Ich sehe deinen Punkt. Möglich wäre das natürlich gewesen. Ich finde es aber auch ganz nett, im Artikel wichtige Grundlagen zu geben, in der Karte konkreter zu werden und auf den ersten zu warten, der sich über die Karte aufregt und das Osmanische Reich verteidigt. Bisher ist das nicht passiert. 1:0 für dich.

Besten Gruß, Benjamin Fredrich





B. F. Fertig   22:19 Uhr 21.05.2015

Vielen Dank für die Antwort, Benjamin,

ich finde ja eben, dass mit der Aufnahme des Kreises implizit bereits die These aufgestellt ist, der Mord an den Armeniern ist in einer Reihe mit den weiteren Genoziden zu betrachten und diese werden anhand der Zahl der Ermordeten verglichen/gegenübergestellt. Zumindest ist die Karte betitelt mit "Völkermordeseit 1900". Eine Einschränkung bei den Armeniern ist hierbei nicht gemacht.
Diese Aussage hat ja durchaus einen kontroversen Charakter, wie ja auch im Text beschrieben wird. Der Erkenntnisgewinn der "recht strengen Definition des Völkermordes" spiegelt sich in der Karte nur bedingt wieder, explizit jedoch nicht am Beispiel des Osmanischen Reichs.
Die Antwort auf die Frage in kurz: Die These der Grafik im Text gut begründet wiederholen.

Lieben Gruß!





Benjamin Fredrich   21:48 Uhr 21.05.2015


Hallo B. F. Fertig

Der „Erkenntnisgewinn“ lag bei mir beispielsweise in der recht strengen Definition des Völkermordes.

Danke für deinen allgemeinen Hinweis. Wir sind, wie du auch, daran interessiert, steile Thesen zu produzieren. Das passt allerdings nicht immer. Vor allem finde ich es bei gerade diesem Thema angemessener, vorsichtig zu bleiben.

Was wäre denn für dich eine diskussionswürdige These für dieses Thema?

Beste Grüße, Benjamin Fredrich





B. F. Fertig   11:26 Uhr 21.05.2015

Liebes Katapult-Team,
ich finde einen Artikel zu dem Thema, dass kürzlich aus gegebenem Anlass umfassend in den Medien war interessant, wobei ich nicht auf den ersten Blick erkennen kann, wo hier der sozialwissenschaftliche Erkenntnisgewinn liegt.
Dennoch ist es gut, wenn man die Chance ergreift, auf diese Art ein Statement zu setzen, auch wenn mit einer letzlich etwas provokanteren These vielleicht eine lebedigere Debatte entstanden wäre.
Denn genau an diesem Punkt widersprechen sich Artikel und Karte. "Natürlich können die Verbrechen der NS-Zeit keinesfalls mit denen der Jungtürken verglichen werden", so die Autorin im Text. Was sich nicht vergleichen lässt ist vielleicht die Anerkennung und der Umgang, wie es richtig beschrieben wird. Die Taten lassen sich jedoch serwohl vergleichen, nämlich zum Beispiel genau so, wie ihr es in der Karte tut. Dass man dabei selbstverständlich die Verbrechen im Dritten Reichen in ihrer Abartigkeit und Einmaligkeit mit nichts gleichsetzen kann, bleibt unbestritten.
Grundsätzlcih finde ich es gut, wenn Artikel erscheinen, die sich nicht unbedingt mit aktueller Forschung sondern mit aktuellen Themen im allgemeiunen befassen, aber dann sollte man sich klar entscheiden, ob damit erklärt werden soll (dann würde eine interessante aufbereitung von Fakten zusammen mit einer solchen Karte genügen) oder zur Debatte und Diskussion anregen möchte. In diesem Fall würde ich mir zumindest eine kleine These oder Kontroverse wünschen, denn in dieser Form ist der Artikel ein Kommentar, der vergleichsweise wenige Ecken und Kanten hat.
Viel Erfolg und beste Grüße,

B. F. Fertig



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