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Editorial Ausgabe 28

Wultur

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Menschen schreiben mir deswegen Mails und sprechen mich darauf an. Immer wieder. Nur wegen dieses einen Satzes. Andere bewerben sich deshalb bei KATAPULT, obwohl wir gar keine Stelle ausgeschrieben haben. Immer aus dem gleichen Grund.

Der Satz geht so: »Schwacher Lokaljournalismus gefährdet die Demokratie.« Das ist keine These von mir, das hab ich mir nicht ausgedacht. Die Uni Zürich hat herausgefunden, dass Leute weniger häufig wählen gehen, wenn es in einer Region keinen vielfältigen Lokaljournalismus gibt.

Im Osten Deutschlands ist die Lage prekär. Bestimmte Redaktionen besitzen Monopolstellung. Eine Region, eine Zeitung. Das ist ungesund. Verschwörungstheorien, Ideologien, radikale Parteien verbreiten sich ungestörter. Was hilft dagegen? Eine Journalismuskultur, eine gute Ausbildung, eine Idee, wie man die Monopole beseitigt – gerade im Osten!

Die Realität? Von 23 deutschen Journalismusschulen steht nur eine einzige in den neuen Bundesländern. MV, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen sind komplett ohne Ausbildungsmöglichkeiten für Journalist:innen. Diese vier Länder gucken sich selbst dabei zu, wie ihre demokratischen Strukturen absterben.

Die Journalismusschule

Ihr wisst es schon längst: Wir werden deshalb eine eigene Journalismusschule eröffnen. Unser Verlagshaus, das zuvor bereits eine Schule gewesen ist, ist startklar. Und schon im Oktober gehts los! Im Osten, in Mecklenburg-Vorpommern, in der strukturschwächsten Region überhaupt. Wir bauen die Journalist:innenschule des Ostens und werden uns auf die Besonderheiten dieser Region einlassen.

Die KATAPULT-Journalismusschule wird selbstverständlich antielitär: Ihr braucht kein Studium, kein Abitur, ihr braucht nicht mal einen Hauptschulabschluss. Journalismus sollte von allen Bevölkerungsschichten betrieben werden. Ein Handwerk, das ganz radikal unabhängig vom Bildungsstand bleiben muss. Derzeit ist das nicht der Fall. Fast alle anderen Journalismusschulen nehmen nur hochausgebildete Menschen an. Manche verstehen den Job und sich selbst als gesellschaftliche Elite. Das muss aufhören!

Was ihr für die Schule braucht? Aufrichtigkeit und Mut. Bis heute lernen die Leute bei Burda und Springer, was durch menschenverachtende Überschriften gut klickt. Aufrichtigkeit am Arsch. Auch das muss aufhören.

Was kostet ein Studienplatz?

800 Euro pro Monat. Aber: Wer keine gut verdienenden Eltern hat, bekommt ein Stipendium von 1.500 Euro pro Monat, damit die gröbsten Lebenskosten gedeckt sind. Bewerbt euch in der richtigen Kategorie. Wir vertrauen euch. KATAPULT wird auch hier inklusiv bleiben und vergibt fünf Stipendien an Leute ohne Geld. Niemand darf ausgeschlossen werden.

Dieses Magazin hat mittlerweile über 100.000 Lesende. Im Abo und im Einzelhandel. Wenn unter euch jemand sein sollte, der oder die Geld über hat und Interesse daran, Journalismus in einer strukturschwachen Region zu stärken – auch ihr könnt ein Stipendium übernehmen. Jedes Stipendium führt dazu, dass jemand Journalismus erlernen kann, der es sich eigentlich nicht leisten kann. Wenn wir am Ende noch weitere fünf Stipendien dazubekommen, bieten wir zehn bezahlte und zehn solidarisch finanzierte Plätze an.

Du willst ein Stipendium übernehmen? Mail uns unter schule@katapult-magazin.de. Ob Einzelperson oder Firma, wir nennen alle diejenigen, die ein Stipendium finanzieren – im Schulgebäude und hier im Magazin.

Der Lehrplan

Was lehrt die KATAPULT-Journalismusschule? Als Basis natürlich das journalistische Handwerk, vom einfachen Schreiben bis zur Kriegsberichterstattung. Auch mit dabei: das dazugehörige Eskalationstraining für Soziale Medien und ganz wichtig: die KATAPULT-Grafikwerkstatt.

Im Aufbaumodul kommen wissenschaftliches Arbeiten und Datenjournalismus hinzu. Wenn diese vier Bereiche sitzen, geht es in die redaktionelle Praxis. Wir bieten Praktika für das KATAPULT-Magazin, den KNICKER, KATAPULT Ukraine und KATAPULT MV an. Der Quereinstieg in unseren Buchverlag kann in Ausnahmefällen auch funktionieren. Wer sein Praktikum lieber bei der New York Times oder beim Straßenfeger machen will, kein Problem.

Krebsow oder Kosovo

Ihr beendet die Schule mit einer Reise nach Krebsow oder in den Kosovo. Während der Schulzeit findet ihr heraus, was euch liegt – Berichte über Lokales oder internationale Politik – die wichtige Dorfstory oder die Metadatenanalyse – die aufwendige Grafik oder der tiefgehende Text. Eure Abschlussreise wird sich danach ausrichten.

KATAPULT-Schampus

Was bauen wir hier eigentlich insgesamt? Magazin, Verlag, Wald, dies und das – eine Journalismusschule – was soll das alles werden? Unsere ehemalige Schule mit 2.000 Quadratmetern ist einigermaßen renoviert. Einige Räume wollen wir an andere Firmen, Künstler:innen oder Leute vermieten, die alleine arbeiten, aber nicht alleine sein wollen. Heißt: KATAPULT wird sich nicht zurückziehen. Ganz im Gegenteil. Wir wollen Kontakt zu euch!

Wir sind mittlerweile Ladengeschäft, Geflüchtetenheim, Festival, Weihnachtsmarkt, Café. Das Greifswalder Theater kooperiert genialerweise bereits mit uns. Was noch kommt: ein Bandproberaum. Wir haben hier insgesamt 25.000 Quadratmeter Grundstück und bauen das in den nächsten Jahren immer weiter aus. Büroräume, Proberäume, Ateliers.

An diesem Ort sollen Kultur, Medien und Wirtschaft zusammenarbeiten. So wie ein Mehrgenerationenhaus für gute Organisationen – ein Mehrorganisationenhaus. Der Wirtschaft fehlt oft die Kultur. Deshalb packen wir beides zusammen. Wultur sozusagen. Ich wollte erst Firmen und Kunst nehmen, damit es Funst wird, aber wir bleiben jetzt bei Wultur, sonst passt die Überschrift nicht mehr.

Wir liegen am Rand Deutschlands, am Rand Mecklenburg-Vorpommerns, am Rand Greifswalds – wir haben enorme Freiheiten hier draußen, also nutzen wir sie auch. Wir errichten hier im Greifswalder Industriegebiet einen eigenen Campus, ein neues Kulturzentrum, einen KATAPULT-Mischcampus. Abgekürzt: KATAPULT-Schampus. Tschüss!

Zur KATAPULT-Journalismus-Schule

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Autor:innen

Der Herausgeber von KATAPULT und Chefredakteur von KATAPULTU ist einsprachig in Wusterhusen bei Lubmin in der Nähe von Spandowerhagen aufgewachsen, studierte Politikwissenschaft und gründete während seines Studiums das KATAPULT-Magazin.

Aktuell pausiert er erfolgreich eine Promotion im Bereich der Politischen Theorie zum Thema »Die Theorie der radikalen Demokratie und die Potentiale ihrer Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten«.

Veröffentlichungen:
Die Redaktion (Roman)
Die Redaktion II (Roman)

Pressebilder:

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Strg+C, Strg+V

Übrigens: Die Flagge des Tschad wurde 1959 eingeführt, die Rumäniens 100 Jahre früher - zwischenzeitlich erhielt diese jedoch ein Wappen. In ihrer heutigen Form hat die Trikolore Gültigkeit seit 1989. Mehr Doppelgänger in den Kommentaren.