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Mediengeschichte

Wie Westverlage die ostdeutsche Regionalpresse übernahmen

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Verbreitungsgebiete ostdeutscher Regionalzeitungen und (meist westdeutsche) Mediengruppe, zu der sie gehören.

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Ab Juli 1990 sollte die Treuhand nach einem Beschluss der Volkskammer Tausende DDR-Betriebe so rasch wie möglich privatisieren, sanieren oder abwickeln. 80 Prozent der in den nächsten vier Jahren „entstaatlichten“ Betriebe wurden an Westdeutsche verkauft, weitere 15 Prozent gingen an ausländische Bieter. So erging es auch den ostdeutschen Printmedien, die vor der Wende von der Staatspartei SED kontrolliert worden waren. Bis 2019 gehörten zwischenzeitlich alle größeren Regionalzeitungen westdeutschen Verlagen. Damals verkaufte der Kölner DuMont-Verlag die dramatisch heruntergewirtschaftete Berliner Zeitung an (Ost-)Berliner Unternehmer.

Als die DDR-Zeitungen Anfang der 90er privatisiert wurden, kam es mutmaßlich zu Unregelmäßigkeiten, an denen auch das Kanzleramt unter Helmut Kohl beteiligt war. Die Freie Presse aus Chemnitz etwa hatte kurz nach der Wende eine Auflage von mehr als 600.000 Exemplaren und war somit die größte Regionalzeitung der ehemaligen DDR - so viele Ausgaben verkaufen Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche und Taz heute nicht mal mehr zusammen. Klar, dass viele an einem Blatt dieser Größe interessiert waren. Ohne Ausschreibung wurde die Freie Presse an einen CDU-nahen Verlag in Kohls Heimatstadt Ludwigshafen verkauft. Der Spiegel berichtete damals über konkrete Hinweise darauf, dass sich das Kanzleramt beim Chef der Treuhand für den Verkauf der Zeitung an einen Weggefährten Kohls eingesetzte hatte.

1,2 Milliarden D-Mark für die Treuhand

Primär ging es der Treuhand aber darum, in kurzer Zeit sehr hohe Erlöse zu erzielen. Und tatsächlich ging der Verkauf der ostdeutschen Verlage in rasantem Tempo voran. Er begann im Oktober 1990 und war bereits im Sommer 1991 weitgehend abgeschlossen. Die Treuhand nahm 1,2 Milliarden D-Mark durch den Verkauf ein – nur die DDR-Brauereien wurden noch schneller verkauft. Gerade westdeutsche Zeitschriftenverlage nutzen die Gelegenheit, um in den seinerzeit noch hochprofitablen Zeitungsmarkt einzusteigen. Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung fasst zusammen, warum die ostdeutschen Verlage so attraktiv für Unternehmen aus Hamburg, Hannover, Köln oder Ludwigshafen waren: „Im Vergleich zu Westdeutschland hatten die Regionalzeitungen [im Osten] außerordentlich hohe Auflagen und waren quasi Monopolisten in riesigen Verbreitungsgebieten.“

Die Privatisierungen beschleunigten auch die Pressekonzentration in Deutschland. Das heißt, dass einige wenige Verlage den Großteil der Medien kontrollieren, was oft mit einer Abnahme der journalistischen Vielfalt einhergeht. Oft werden auch redaktionelle Strukturen zusammengelegt. Eine Zeitung übernimmt dann etwa Artikel einer anderen und recherchiert nicht mehr selbst. 

Mit ihrer schieren Größe sowie dem Geld aus Westdeutschland erstickten die einstigen SED-Zeitungen auch die meisten der rund 100 neu gegründeten alternativen Medien im Osten. Hatte es im Westen immer zum zentralen Ziel der Medienpolitik gehört, die Pressevielfalt zu bewahren, scherte man sich im Osten nicht groß um dergleichen. Die wenigen Medien-Neugründungen, die überlebten, kooperierten in der Regel bald mit den alten SED-Zeitungen.

Eigentlich hatte die Treuhandanstalt an jeden Kaufinteressenten nur eine Zeitung verkaufen wollen, doch die westdeutschen Verlage umgingen derartige Vorgaben trickreich. An die Spitze ihrer gekauften Zeitungen stellten sie außerdem oft westdeutsche Journalisten, die den Blättern eine starke inhaltliche Provinzialisierung verordneten. Wichtig war nur noch, was direkt vor der Haustür geschah, Ratgeber- und Lebenshilfethemen wurden ausgebaut. Später folgte dann ein Sparprogramm aufs nächste. 

Die Medienwissenschaftlerin Mandy Tröger sieht in der Art, wie die Westverlage in der ehemaligen DDR vorgingen und wie die alternativen Medien niedergewalzt wurden, auch einen von vielen Gründen dafür, warum die politischen Verhältnisse im Osten heute so sind, wie sie sind: “Die Wendeerfahrung ist auch eine Erfahrung der Desillusion, besonders der Bewegung von unten, die auf so vielen Ebenen kaputt gemacht wurde. Es zählten vor allem politische und wirtschaftliche Interessen des Westens.”

Anmerkung zur Grafik: Die Verlage SWMH, Medien Union und Neue Pressegesellschaft bilden mit ihrer Vielzahl von Eignern, Beteiligungsunternehmen und zwischengeschalteten Sub-Holdings samt weiterer Eigner ein schier undurchschaubares Geflecht. Deshalb behandelt auch der Medienwissenschaftler Horst Röper sie in seinen Studien zur Medienkonzentration als eine Verlagsgruppe. Wir verfahren ebenso.

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Autor:innen

Ist seit 2019 Redakteur bei KATAPULT. Studierte Islamwissenschaft und Zeitgeschichte. Journalistische Schwerpunkte: Kriege und Konflikte, internationale Politik, Autoritarismus und Menschenrechte.

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