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Kartografie

Wie eine Karte die Geschichte des Israel-Palästina-Konfliktes verfälscht

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Israel breitet sich aggressiv aus und Palästina schwindet – das ist die simple Botschaft einer populären Zusammenstellung von vier Karten, die immer wieder im Internet die Runde macht, sogar von Wissenschaftlern geteilt wird und bisweilen auch von seriösen Medien nachgebaut wurde. Doch die Grafik ist manipulativ und verfälscht die Geschichte.

So werden etwa grundverschiedene Konzepte in der Darstellung vermischt. Die erste Karte zeigt die – angeblichen – privaten Besitzverhältnisse von Land im britischen Mandatsgebiet Palästina. Dieses bestand von 1920 bis 1948 und hatte die Herrschaft des Osmanischen Reichs über das Gebiet abgelöst. Die politische Kontrolle Palästinas lag in dieser Zeit also bei Großbritannien. Doch selbst die Darstellung des privaten Landbesitzes ist falsch, denn sie schreibt alle Gebiete, die nicht in jüdischem Besitz waren, einfach der arabischen Bevölkerung zu. Doch große Teile des Landes, so etwa fast der gesamte nahezu unbesiedelte Süden, gehörten niemandem und waren in öffentlicher Hand.

Die zweite Karte zeigt den Teilungsplan der Vereinten Nationen, der einen jüdischen und einen arabischen Staat schaffen sollte. Dieser Plan wurde jedoch nie umgesetzt, unter anderem deshalb, weil die arabischen Staaten nicht bereit waren, eine Teilung des einstigen Mandatsgebiets zu akzeptieren. 1947 entbrannte ein Bürgerkrieg. 1948 intervenierten Ägypten, Jordanien und andere arabische Staaten in Palästina. Die israelische Gegenoffensive führte zur Eroberung großer Teile der Gebiete, die laut UN-Plan der arabische Staat hätten werden sollen. Hunderttausende Araber flüchteten. Viele wurden zudem vertrieben.

Auch die dritte Karte der „Palestinian Land Loss“-Grafik ist inkorrekt. Nach dem Krieg von 1948/49 standen die palästinensischen Gebiete nicht unter palästinensischer Kontrolle. Jordanien hatte das Westjordanland annektiert, Ägypten besetze den Gazastreifen. Dieser Zustand währte bis 1967, als die arabischen Staaten Truppen für einen weiteren Eroberungskrieg zusammenzogen. Israel startete einen präventiven Gegenangriff und besetzte das Westjordanland und Gaza. Diese Besatzung währte bis Mitte der 90er-Jahre. Nun verhandelten Palästinenser und Israelis und so entstand überhaupt erstmals eine palästinensische Selbstverwaltung. Die vierte Grafik wiederum schlägt die von Israel verwalteten Gebiete des Westjordanlands einfach dem israelischen Staatsgebiet zu – das entspricht nicht der rechtlichen Realität.

Karten täuschen Objektivität vor – doch die Geschichte der Kartographie ist immer auch eine Geschichte von Manipulationsversuchen. Nahezu jede Karte verzerrt die Realität ein wenig, denn ohne Vereinfachung geht es nicht. Auch unsere hier präsentierten alternativen Darstellungsformen tun dies – sie fokussieren auf den israelisch-palästinensischen Konflikt und klammern andere umstrittene zwischenzeitlich besetzte Gebiete wie den Sinai und die Golanhöhen aus. Nichtsdestotrotz können Karten komplexe Sachverhalte auf eine eingängige Weise verständlich machen. Die „Palestinian Land Loss“-Grafik tut das jedoch nicht, sie verfälscht Geschichte. Der Hinweis darauf, dass diese Karte nicht die Realität abbildet, verneint im Übrigen nicht, dass die Siedlungspolitik der israelischen Regierung hochproblematisch und ein Grund dafür ist, dass eine Lösung des Konflikts in weiter Ferne liegt.

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