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Fußball

Wenn England gewinnt, steigt die häusliche Gewalt

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Fast jede zwölfte Frau in England ist von häuslicher Gewalt betroffen. Und an Fußballspieltagen steigt die Wahrscheinlichkeit, vom eigenen Partner angegriffen zu werden, noch einmal an. Das zeigt eine Studie aus England. 

Für ihre Analysen verwendeten sie die Zahlen der häuslichen Gewalt zwischen 2010 und 2019 der West Midlands Police, jeweils an den Spieltagen der englischen Nationalmannschaft. Unterschieden wurde zwischen Taten, die unter Alkoholeinfluss begangen und solchen, die nüchtern verübt wurden  Die Übergriffe setzten die Forscher:innen mit dem jeweiligen Spielergebnis in Verbindung. Die Kategorien: England gewinnt, verliert oder spielt unentschieden. 

427.351 Fälle von häuslichem Missbrauch gingen im Zeitraum von 2010 bis 2019 bei der Polizei ein. Das sind 17 Prozent aller registrierten Straftaten überhaupt. Jeder vierte davon fand unter Alkoholeinfluss statt. Im Vereinigten Königreich fällt unter “häuslicher Missbrauch” sowohl körperliche als auch sexuelle Gewalt sowie psychischer, emotionaler und finanzieller Missbrauch, bedrohliches Verhalten, Stalking und Belästigung innerhalb einer Familie oder intimen Beziehung.

Fußball + Alkohol = Frau schlagen

Im untersuchten Zeitraum fanden drei Welt- (2010, 2014, 2018) und zwei Europameisterschaften (2012, 2016) statt. Bei den 22 ausgewerteten Spielen verlor beziehungsweise gewann die englische Nationalmannschaft jeweils achtmal und spielte sechsmal unentschieden. Die Forschenden untersuchten jeweils den Zeitraum vor und nach einem Spiel. Die Ergebnisse: Sechs Stunden vor einem Spiel waren die Gewaltdelikte auf ungefähr demselben Niveau wie an Nicht-Spieltagen. Während der Partien, die die englische Mannschaft gewann, stieg dann die Zahl der Gewaltdelikte unter Alkoholeinfluss an. Den Höhepunkt erreichten die Delikte drei Stunden nach einem Spiel. In fast 80 Prozent dieser Fälle von häuslicher Gewalt war der Täter ein Mann und die Betroffene eine Frau. 24 Stunden später pendelten sich die Gewaltdelikte wieder auf dem Niveau eines durchschnittlichen Tages ein. Die Gewaltdelikte stiegen auch bei einer Niederlage des Teams und bei Unentschieden, allerdings weniger stark. 

Das Problem ist Alkohol 

Es besteht kein Zweifel daran, dass Fußball in England die beliebteste Sportart ist. Wenn die Nationalmannschaft spielt, schauen die Leute zu. Es ist ein Zeichen des Nationalstolzes, der Gemeinschaft und lädt zum gemeinsamen Feiern ein - vor allem mit Alkohol. 

Am Tag des Viertelfinalsiegs Englands gegen Schweden bei der Weltmeisterschaft 2018 meldeten Krankhäuser in England eine Rekordzahl an Alkoholvergiftungen. Auch wenn Alkohol nicht die alleinige Ursache oder der Auslöser für gewaltbereites Verhalten ist: Er wirkt unterstützend und fördernd. Auch eine frühere Studie aus dem Jahr 2014 bestätigt die Zunahme häuslicher Gewalt, wenn die englische Nationalmannschaft spielt: um 38 Prozent nahmen die Fälle von Gewalt in der Partnerschaft zu, wenn England verlor, um 26 Prozent, wenn die Mannschaft siegte oder unentschieden spielte. 

Man könnte argumentieren, dass der Zusammenhang zwischen Fußball, Alkohol und Gewalt nicht kausal ist und es noch andere Faktoren gibt. Dazu zählen etwa die starke Polizeipräsenz an Spieltagen. Und auch Aufklärungskampagnen und eine höhere Sensibilisierung könnten die Zahlen nach oben getrieben haben. Derartige Einflüsse spielen nach Meinung der Forscher:innen allerdings eine Nebenrolle. Entscheidend sei der Alkoholkonsum. Und da an Wochenenden und in den Abendstunden besonders hemmungslos getrunken werde, empfehlen Forscher:innen einer weiteren Studie sogar, die Spiele vermehrt tagsüber und an Wochentagen stattfinden zu lassen. 

Wer Fußball schaut, sieht Alkohol

In England werden Fernsehübertragungen von nationalen Fußballspielen oft von großen Alkoholmarken gesponsert. Eine Analyse der Übertragungen der UEFA Europameisterschaft 2016 im Vereinigten Königreiche ergab, dass die Zuschauer im Durchschnitt 122 Hinweise auf Alkohol pro Übertragung erhielten. Zudem kamen frühere Forschungen zum Ergebnis, dass im Fernsehen übertragene Sportarten für männliche Sportfans als Auslöser dienen, um die eigene Männlichkeit zu definieren und auf eine Weise auszudrücken, die Dominanz und Kontrolle ermöglichen. Diese können sich auch durch häusliche Gewalt manifestieren. 

Strukturelle Männlichkeit ist immer das Hauptthema

Man muss hier festhalten, dass es bei den Zahlen nur immer um jene geht, die die Polizei auch tatsächlich aufzeichnet. Die Dunkelziffer an häuslicher Gewalt ist weitaus höher. Auch wenn Fußball und Alkohol hier der gemeinsamer Nenner sind, Gewalt gegen Frauen findet auch abseits täglich statt. Gewalt gegen Frauen ist ein Problem, das nicht mit weniger Fußballschauen gelöst werden kann. Unter anderem aber mit weniger Alkohol. 

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Fußnoten

  1. Trendl, Anna; Stewart, Neil; Mullett; Timothy L.:The role of alcohol in the link between national football (soccer) tournaments and domestic abuse - Evidence from England, in Social and Science Magazine (2021)
  2. Trendl, Anna: The link between England football victories and the recorded increase in alcohol-related domestic abuse is likely to be, auf: https://blogs.lse.ac.uk (23.2.2021)
  3. Kirby, Stuart et.al: Can the FIFA Cup Football (Soccer) Tournament Be Associated with an Increase in Domestic Abuse?, auf: journals.sagepub.com (2013)
  4. Ivandic, Ria et.al.: Football, alcohol and domestic abuse, Centre for Economic Performance (Juli 2021)

Autor:innen

Seit 2020 Redakteurin bei KATAPULT. Hat Journalismus und Kommunikation in Wien und Amsterdam studiert. Themenschwerpunkte sind Gesellschaftspolitik und feministische Themen. Macht auch Podcasts.

aufgewachsen in Franken, halber Mediengestalter, studierter Wirtschaftswissenschaftler und gelernter Aufnahmeleiter. Kümmert sich um Produktion, Vertrieb, ein bisschen Kultur und vielleicht bald Podcasts.

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