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Putin

Was bedeutet die Drohung mit atomarer Abschreckung?

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Am Sonntag gab der russische Präsident Wladimir Putin den Befehl, die Abschreckungsstreitkräfte seines Landes in „ein besonderes Regime der Alarmbereitschaft“ zu versetzen. Dazu zählen auch Atomstreitkräfte, obwohl er diese nicht explizit erwähnte. Nachdem diese Meldung über viele Ticker rausgegangen war, haben sich unter anderem in Sozialen Netzwerken viele Nutzer:innen besorgt geäußert. Auch KATAPULT haben zahlreiche Fragen erreicht. Etwa, was jetzt konkret drohe, wie viele Sorgen man sich machen müsste – und was man gegen die Angst tun könne.

Droht ein Atomkonflikt? Wahrscheinlich nicht

Das Beste gegen die Angst ist, zu verstehen, worum es Putin hierbei geht. Denn trotz der Sorge vor einer weiteren Eskalationsstufe bedeutet diese Nachricht nicht, dass der Einsatz atomarer Waffen wahrscheinlich wäre. Sie entspricht dem Kommunikationsstil Putins in diesem Krieg: aggressiv und mit maximalen Drohungen. Es geht um Abschreckung. Er will in der Ukraine freie Hand haben – und nutzt dafür größtmögliche rhetorische Mittel.

Das Ziel ist, insbesondere die Nato-Staaten davon abzuhalten, militärisch auf Seiten der Ukraine einzugreifen, die selbst kein Nato-Staat ist. Mit der Ankündigung hat Putin also noch einmal den Preis einer (ohnehin sehr unwahrscheinlichen) Intervention des Westens deutlich gemacht: eine mögliche nukleare Auseinandersetzung. Er müsste in einem solchen Fall allerdings damit rechnen, dass als Reaktion Atomraketen auch auf Russland folgen würden. Im schlimmsten Fall würde dann eine extrem zerstörerische Gewaltspirale beginnen – mit verheerenden Folgen für Europa und Russland.

Sowohl Putin als auch die anderen Staatsführer haben daher ein großes Interesse daran, eine solche Eskalation zu verhindern – trotz der scharfen Rhetorik. Deshalb war das Szenario, dass Nato-Staaten in der Ukraine unmittelbar eingreifen, immer schon unwahrscheinlich. Kurzgefasst: Im Hinblick auf unmittelbare militärische Konfrontationen ist die Ukraine auf sich gestellt – Putin will, dass das so bleibt und verstärkt daher seine Drohungen in Richtung Westen.

Auch Experten bewerten eine nukleare Auseinandersetzung weiterhin als unwahrscheinlich. So sagte Dan Smith, Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri, der Deutschen Presse-Agentur: „Ich glaube nicht, dass ein Atomkrieg eine wahrscheinliche Folge dieser Krise ist“. Marina Henke, Professorin für Internationale Beziehungen an der Hertie School Berlin, urteilt gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Der Einsatz von Nuklearwaffen ist nicht Putins erste, zweite oder dritte Wahl.“ Dennoch sei laut ICAN (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) wohl anzunehmen, dass die Gefahr des Einsatzes nuklearer Waffen immer auf dem Tisch liegt und wohl auch steigt.

Unterdessen reagierten die USA bislang betont gelassen auf Putins Anordnung, US-Präsident Biden stieg seinerseits nicht darauf ein und setzt derzeit offenbar eher auf Deeskalation.

Auch der Generalinspektor der deutschen Bundeswehr Eberhard Zorn hält die Aussagen von Putin zwar für relevant, aber nicht unmittelbar besorgniserregend. Man verfolge die Lage, könne aber derzeit keine konkrete Bedrohung in der Praxis erkennen.

Was, wenn der Ernstfall dennoch eintritt?

Dass es zu einer nuklearen Eskalation kommt, hält Politologin Marina Henke für sehr unwahrscheinlich. Zwar gebe es Szenarien, in denen sich Putin so sehr bedrängt fühlen könnte, dass er atomare Waffen tatsächlich in Betracht zieht. Aber auch die seien nicht wahrscheinlich. In solchen Überlegungen geht es zudem nicht um strategische Atomwaffen, die ganze Landstriche verwüsten können, sondern um kleinere, taktische Nuklearwaffen. Diese verfügen nur über eine geringe Sprengkraft. Sie könnten etwa über der Ostsee oder dem Schwarzen Meer gezündet werden. Dadurch würde die Umwelt in großem Maß verseucht, Menschen aber nicht direkt zu Schaden kommen. Ziel eines solchen Einsatzes wäre die psychologische Wirkung: Die Bevölkerung des Gegners in Schrecken zu versetzen, sodass sie Druck auf die eigene Regierung ausübt, sich Putins Willen zu beugen.

Das erste Szenario, das einen solchen Einsatz prinzipiell auslösen kann, wäre ein unmittelbarer Eingriff der Nato in den Konflikt. In einem zweiten Szenario „verläuft der Krieg in der Ukraine schlecht für Russland, es gibt viele Opfer und Putin macht dafür die Unterstützung aus dem Westen verantwortlich. Zum Beispiel durch Waffenlieferungen, wie es sie bereits von einigen Nato-Mitgliedstaaten gibt“, so Henke. Dennoch: Nukleare Optionen sind mit einem extrem hohen Risiko behaftet, die Eskalationsspirale weiter zu befeuern. Dass Putin einen solchen Weg wählt, halten die meisten Expert:innen weiterhin für sehr unwahrscheinlich.

Drohungen sollen verunsichern

Auch der Osteuropa- und Militärexperte Gustav Gressel glaubt nicht, dass der Einsatz von Atomwaffen absehbar sei. Putin habe das Arsenal an konventionellen Waffen bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Bis dahin stelle sich die atomare Frage nicht, sagte der Wissenschaftler des European Council on Foreign Relations gegenüber dem Merkur. Zudem bezwecke Putin, die Ukraine – oder zumindest Teile davon – wieder an Russland anzugliedern. Ein Atomschlag auf ukrainischem Gebiet würde diesem Ziel zuwiderlaufen. 

Eine atomare Eskalation gegenüber den Nato-Staaten hält Gressel für noch abwegiger. Ihm zufolge befürchte Putin, dass Russland auf einen atomaren Schlag der Nato nicht ausreichend vorbereitet sei. Er glaube, auf dem nuklearen Gebiet der Schwächere zu sein. Daher interpretiert Gressel die wiederholte Drohung mit Atomwaffen des russischen Präsidenten als Zeichen der Schwäche. „Das Spiel mit dem Atomkrieg als politische Waffe ist Putins einziges Mittel, um die Öffentlichkeit zu verunsichern oder zu beeinflussen.“ Denn noch nie sei die internationale Ablehnung gegenüber russischen Militäraktionen so entschieden gewesen wie jetzt. 

Auch die chinesische Seite werde laut Gressel zunehmend nervös, weil sie mit einer so starken Reaktion des Westens nicht gerechnet habe. Viele chinesische Unternehmen sind vom amerikanischen Markt abhängig – die Sanktionen könnten auch sie treffen. In Reaktion auf die russischen Drohgesten hatte zuletzt auch der chinesische Staatspräsident Xi Jinping alle Seiten zu Zurückhaltung und Deeskalation aufgerufen.

Jodtabletten kaufen? Unnütz

Immer wieder gab es seit Beginn des Krieges Meldungen, dass sich Personen in Deutschland Vorräte an Jodtabletten anlegen würden – ausgelöst durch Nachrichten über russische Truppen und erhöhte Radioaktivität in Tschernobyl. Die Anweisung Putins zur Alarmierung der Abschreckungsstreitkräfte führte erneut zu einem gestiegenen Interesse. Die Google-Suchanfragen schnellten in die Höhe.

Sich Vorräte mit solchen Tabletten zuzulegen ist jedoch nicht sinnvoll. Denn die frei erhältlichen Dosierungen sind viel zu gering. Nur die sehr hoch dosierten Jodtabletten, die etwa bei Reaktorkatastrophen von den Behörden ausgegeben würden, könnten in einem solchen Fall vor Schilddrüsenkrebs schützen.

Wir werden ein Newsteam aufbauen – mit Leuten, die in der Ukraine bleiben, mit welchen, die gerade nach Deutschland flüchten, und mit welchen, die in die Ukraine reisen werden. Ab und zu wird gedruckt.

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Fußnoten

  1. Abschreckungswaffen sind Waffen, gegen die eine Abwehr kaum oder nicht möglich ist. Dazu gehören beispielsweise auch Überschallwaffen.
  2. Claus, Michael: Warum nun sogar von Atomwaffen die Rede ist, auf: zdf.de (25.2.2022).
  3. Schulz, Sven Christian: Atombombe als letztes Mittel: Wann und wo Russland zur Nuklearwaffe greifen könnte, auf: rnd.de (28.2.2022).
  4. Claus (2022).
  5. Sanger, David E.; Broad, William J.: New York Times (): Putin Declares a Nuclear Alert, and Biden Seeks De-escalation, auf: nytimes.com (27.2.2022).
  6. Schulz (2022).
  7. Hauberg, Sven: Putin droht mit Atomwaffen. Experte erklärt, was Alarmbereitschaft bedeutet - und wie groß die Gefahr ist, auf: merkur.de (03.03.2022).

Autor:innen

Geboren 1988, ist seit 2017 bei KATAPULT und Chefredakteur des KNICKER, dem Katapult-Faltmagazin. Er hat Politik- und Musikwissenschaft in Halle und Berlin studiert und lehrt als Dozent für GIS-Analysen. Zu seinen Schwerpunkten zählen Geoinformatik sowie vergleichende Politik- und Medienanalysen.

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