Zum Inhalt springen

Fehlgeburten

Urlaub oder Gefängnis

Von

Artikel teilen

In Neuseeland wurde im März 2021 ein viel gelobtes Gesetz verabschiedet. Es gesteht beiden Elternteilen nach einer Fehlgeburt drei Tage bezahlten Urlaub zu. Statt wie bisher Krankheitstage zu nehmen oder direkt wieder zur Arbeit gehen zu müssen, sollen die Betroffenen Zeit zum Trauern haben. Darüber hinaus, so die Hoffnung neuseeländischer Politiker:innen, könnte das Gesetz helfen, das Thema Fehlgeburt zu enttabuisieren.

Vergleichbare Gesetze gibt es nur in Indien und auf den Philippinen. In Indien stehen Frauen bereits seit den frühen 1960er Jahren sechs Wochen bezahlter Urlaub nach einer Fehlgeburt zu. Nur: Viel zu wenige Frauen nehmen das auch tatsächlich in Anspruch. Der Grund dafür: Sie sehen sich an ihren Arbeitsplätzen einem großen Druck ausgesetzt, die entsprechende Trauerzeit wahlweise zu verkürzen oder ganz auf sie zu verzichten. Zudem gilt der bezahlte Urlaub, anders als im neuseeländischen Fall, nur für Frauen.

Auf den Philippinen hingegen werden auch die männlichen Elternteile berücksichtigt. Ihnen stehen dort sieben Tage bezahlter Urlaub nach einer Fehlgeburt zu, Frauen bis zu sechzig.

35 Jahre Knast

Ganz anders stellt sich die Situation für Frauen in El Salvador dar. Dort wurden seit 1998 140 Frauen zu Haftstrafen verurteilt. Der Vorwurf: Abtreibung. Im erzkatholischen El Salvador ist diese verboten. Einige der Verurteilten bestritten jedoch, eine Abtreibung vorgenommen zu haben. Sie hätten stattdessen eine Fehlgeburt erlitten. Geglaubt wurde ihnen nicht, die Strafen fielen mit bis zu 35 Jahren Gefängnis sehr streng aus. Ähnlich sieht es in Teilen der USA aus. So wurde in Georgia 2019 ein Gesetz verabschiedet, dass die Mordanklage werdender Mütter ermöglicht, wenn eine Fehlgeburt auf ein mögliches Fehlverhalten zurückgeführt werden kann, etwa Drogen- oder Alkoholmissbrauch. Das Strafmaß liegt bei zehn bis 30 Jahren.

Aktuelle Ausgabe

KATAPULT ist gemeinnützig und unabhängig. Wir finanzieren uns durch Spenden und Abonnements. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.

KATAPULT abonnieren

Fußnoten

  1. Wamsley, Laurel: New Zealand Approves Paid Leave After A Miscarriage, auf: npr.org (25.3.2021).
  2. Saraswathy, M.: Miscarriage leave: India already offers this legally, but is it implemented?, auf: moneycontrol.com (27.3.2021).
  3. Congress of the Philippines (Hg.): Republic Act 8187, auf: ilo.org (ohne Datum).
  4. Smith, Kate/Thaler, Gilad: These women say they had miscarriages. Now they're in jail for abortion, auf: cbsnews.com (28.5.2020).
  5. Naftulin, Julia: Women deemed 'responsible' for having miscarriages could spend 30 years in prison under Georgia's new abortion law — but it's often impossible to determine the cause, auf: insider.com (10.5.2019).

Autor:innen

Geboren 1986, ist seit 2020 Redakteur bei KATAPULT. Er hat Politikwissenschaft und Geschichte in Freiburg und Greifswald studiert und wurde mit einer Arbeit im Bereich Politische Ideengeschichte promoviert. Zu seinen Schwerpunkten zählen die deutsche Innenpolitik sowie Zustand und Entwicklung demokratischer Regierungssysteme.

Neueste Artikel

Was geht in Österreich?

Sebastian Kurz war der Superstar der österreichischen Konservativen. Jetzt ist er als Bundeskanzler zurückgetreten. Gegen ihn und seine engsten Mitarbeiter wird ermittelt. Die Vorwürfe sind gravierend und zeigen, wie er mithilfe von Bestechung und Korruption an die Macht kam.

Kein Tempolimit in Deutschland

Momentan laufen die Sondierungsgespräche zwischen SPD, den Grünen und FDP. Bei Thema Tempolimit wollen die Parteien scheinbar auf Tradition setzen - und nichts verändern.

Kein Frieden in Sicht

Seit November 2020 dauert der Bürgerkrieg in Äthiopien bereits an. Eine baldige Lösung erscheint unrealistisch. Was den Konflikt so kompliziert macht.