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Verschwörungstheorien

Promis in Ken Jebsens Verschwörungsdelirium

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Xavier Naidoo, Sänger und ehemaliges DSDS-Jurymitglied, teilt in seiner Telegram-Gruppe mit knapp 70.000 Mitgliedern Verschwörungstheorien: »Bill Gates hat Corona erfunden«, heißt es dort, und die Pandemie diene den »Weltmächtigen« als Vorwand, um die von ihnen seit Jahren geplante absolute Kontrolle mittels einer Diktatur zu erreichen. Attila Hildmann, Fernsehkoch und Kochbuchautor, steht mit Naidoo in Kontakt. »Eine Stunde mit Xavier telefoniert [...]. größter Ehrenmann! Wir beide sind bereit für diese Sache Kopfschüsse zu kassieren!«, schreibt Hildmann an seine knapp 50.000 Telegram-Follower. Dort ruft er zum Widerstand auf und warnt vor dem »Tag X«, dem Tag der vermeintlichen Impflicht, der am 15. Mai ausgeblieben war. Bill Gates stehe hinter dem Virus, außerdem sei dieser ein “Satanist und Kinderficker”, der den Gesundheitsminister Jens Spahn beauftragt habe, ein »Ermächtigungsgesetz« (vermeintliche Impfpflicht!) einzuführen, was zum »Völkermord« führe. Viele dieser Informationen hat er - genau wie Naidoo - von der YouTube-Seite von Ken Jebsen, die momentan als deutschsprachige Sammelstelle verschiedener Verschwörungstheorien dient.

Ken Jebsen - Pseudowissenschaftler und Verschwörungstheoretiker

Ken Jebsen ist ehemaliger Fernseh- und Radiomoderator, der 2011 vom RBB wegen Verletzung journalistischer Standards gefeuert wurde. Seine Sendungen produziert er seitdem selbst und veröffentlicht sie auf YouTube. Bekannt wurde er durch 9/11-Verschwörungstheorien und beispielsweise der These, dass der jüdische Investor Georg Soros sich für Frauen- und Abtreibungsrechte einsetze, um am Verkauf toter Embryos zu verdienen.

Fast eine halbe Million Menschen haben seinen YouTube-Kanal mittlerweile abonniert. Besonders seit dem Ausbruch des Coronavirus hat sich seine mediale Reichweite erhöht. In den Videos wird die Pandemie unter anderem als »Gehorsamkeitsexperiment« bezeichnet und behauptet, Bill und Melinda Gates hätten sich »über die WHO in die Weltdemokratien hineingehackt«. Sie würden jetzt mehr Macht besitzen als »seinerzeit Roosevelt, Churchill, Hitler und Stalin gemeinsam«. Immer wieder verstrickt sich Jebsen in seinen Videos in unlogische Gedankenkonstrukte. So führt er in einem Video mehrere Minuten aus, wieso Medien wie »Spiegel« oder der »Süddeutschen Zeitung« nicht zu trauen ist (Bill Gates!), belegt dann aber wenige Minuten später mit Artikeln genau dieser Medien seine pseudowissenschaftlichen Aussagen.

Verschwörungstheorien sind auf der Straße angekommen

Auch außerhalb des Internets wächst Jebsens Einfluss. Neben Naidoo oder Hildmann beziehen sich viele Demonstrierende der sogenannten Hygiene-Demos auf Informationen aus Jebsens Videos. Bei den deutschlandweiten Demonstrationen werden mitunter nicht nur die staatlichen Corona-Maßnahmen, sondern auch die komplette Existenz des Virus infrage gestellt. Viele Protestierende informieren sich nicht nur bei Jebsen, sondern folgen auch direkt seinen Demonstrationsaufrufen oder denen von Promis, die sich auf dessen Videos beziehen. Bei den Demonstrationen in Berlin trat Jebsen zudem als Redner auf.

Für »Keinohrhasen« gefolgt, gefährliche Fehlinformationen bekommen

Anfang Mai postete der Tänzer und TV-Moderator Detlef D. Soost auf seinem Instagram-Kanal mit knapp 50.000 Followern ein Foto seiner Familie und schrieb: »Impfpflicht ab 15.5? Ohne die Möglichkeit selbst für meine Kinder, für meine Family entscheiden zu können, ob wir das wollen oder nicht ?? [...] Ohne dass ich mich dazu äußern kann ohne dass ich mich frei entscheiden kann in diesem Land ?? Sind wir demokratisch oder diktatorisch ?? [...]« In einem Livevideo auf Instagram sagt er: »KenFM ist jetzt nicht so schlecht. Extrem, aber hat auch den einen oder anderen positiven Ansatz!« Auch Schauspieler Til Schweiger verbreitete Ende April in den sozialen Medien Videos von Ken Jebsens Interviewpartnern und schrieb über dessen Youtube-Kanal, er sei »der Knaller«.

Wenn neben den bekannten Verschwörungstheoretikern Naidoo und Hildmann auch Promis ihre Popularität nutzen, um Jebsens Videos zu verbreiten, erreichen dessen abstruse Aussagen ein neues, breiteres Publikum. Die Follower von Schweiger und Soost folgen den beiden aber zuallererst, weil sie Schweigers Liebeskomödie »Keinohrhasen« oder Soosts Ernährungstipps mögen und erwarten Unterhaltung statt Jebsens Falschinformationen. Oftmals wissen ihre Follower nichts über Jebsens radikalen, menschenverachtenden und pseudowissenschaftlichen Hintergrund.

EDIT: 17.06.2020

Richtigstellung
In einer älteren Version dieses Artikels wurde behauptet, Ken Jebsen sei vom RBB wegen Antisemitismus-Vorwürfen gefeuert worden. Dies trifft nicht zu. Herr Jebsen wurde nicht wegen antisemitischer Äußerungen entlassen. Weiter wurde behauptet, Herr Jebsen leugne den Holocaust. Auch dies trifft nicht zu. Entsprechend wurde der Artikel korrigiert.

Die Redaktion

Fußnoten

  1. Die Quellen zu den Zitaten aus den jeweiligen Telegram-Gruppen haben wir absichtlich nicht verlinkt. Auch bei Aussagen aus Ken Jebsens YouTube-Videos verzichten wir auf die Quellenangabe.
  2. Stöber, Silvia: Jahrmarkt der kruden Ideen, auf tagesschau.de (am 1.5.2020).
  3. Instagram (Hg.): Impfpflicht ab 15.5? [...], auf Instagramprofil von Detlef Soost (4.5.2020).
  4. Instagram (Hg.): Corona, auf Instagramprofil von Detlef Soost, (5.5.2020).
  5. Der Kommentar wurde mittlerweile gelöscht. Screenshots u.a. hier.
  6. Hildmann veröffentlichte vor Kurzem in seiner Telegram-Gruppe ein Foto, dass ihn als Teil, oder zumindest Sympathisant, der rechtsextremen, türkischen Gruppe “Graue Wölfe” zeigt. Die Gruppierung mit über 10.000 Mitgliedern in Deutschland ist für über tausend Morde in der Türkei verantwortlich. Zuletzt wurde in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai in Dortmund ein Deutsch-Kurde zu Tode geprügelt. Der mutmaßliche Täter ist Anhänger der Grauen Wölfe.

Autor*innen

Geboren 1993, ist seit 2017 Redakteur bei KATAPULT und vor allem für die Berichterstattung internationaler Politik zuständig. Er hat Geographie an der Universität Augsburg und der Universitat de Barcelona studiert. Er ist zudem als freiberuflicher Fotograf tätig. Zu seinen Schwerpunkten zählen geopolitische Konflikte und Entwicklungspolitik.

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