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Nachrichtenkompetenz

Mein Lehrer glaubt das echt

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Schule soll nicht nur auf das Berufsleben oder die Universität vorbereiten. Sie soll Kinder auch dazu qualifizieren, selbständig und aktiv an der Gesellschaft teilzunehmen. Aus ihnen sollen schließlich mündige Bürger werden, die wählen, arbeiten und vernünftige Entscheidungen treffen können. Dafür müssen sie lernen, sich Wissen anzueignen und sich über aktuelle Ereignisse zu informieren. Diese Fähigkeit ist eine Grundlage der Demokratie.

Der Journalismus wird oft als die vierte Gewalt bezeichnet, weil er die drei Staatsgewalten kontrolliert. Wenn beispielsweise staatliche Institutionen Fehler machen oder von Korruption betroffen ist, tragen Journalisten das an die Öffentlichkeit. In Deutschland scheint das System gut zu funktionieren. Öffentlich-rechtliche und private Medien berichten auch über die Regierung kritisch. So sollte es in einer Demokratie sein: Das Volk überwacht die Politik und wählt Vertreter, die es für geeignet hält. Das kann aber nur funktionieren, wenn Bürger die Angebote der Medien wahrnehmen und sich über aktuelle Ereignisse, Probleme und mögliche Lösungsvorschläge informieren.

36 Prozent der Lehrer in Ostdeutschland haben kaum bis gar kein Vertrauen in deutsche Medien

Die meisten Deutschen tun das auch. 81 Prozent erkundigen sich täglich über das aktuelle Geschehen. Auch unter jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren informieren sich 61 Prozent tagesaktuell. Die wichtigste Informationsquelle ist für die gesamte Bevölkerung das Fernsehen, gefolgt vom Internet. Zeitungen belegen nur Platz drei. Doch betrachtet man nur junge Leute, verschiebt sich die Rangfolge: Menschen unter dreißig informieren sich überwiegend im Internet. Dann erst folgt das Fernsehen. Zeitung lesen nur acht Prozent der 16- bis 29-Jährigen. Selbst Radio und persönliche Gespräche sind wichtigere Informationsquellen für die junge Bevölkerung.

Das Problem dabei: Nicht alle Informationsangebote sind seriös, das gilt vor allem für das Internet. Dort ist einiges schlecht recherchiert, einseitig, vereinfacht oder schlicht gelogen. Immerhin: Das Vertrauen in Onlinemedien ist deshalb auch grundsätzlich geringer als das in klassischen Qualitätsmedien. Das größte Vertrauen genießen der öffentlich-rechtliche Rundfunk und überregionale Zeitungen. Selbst deren Onlineangebote bewerten die Deutschen als weniger vertrauenswürdig als ihre traditionellen Versionen. Allerdings empfindet jeder Zehnte Onlinebeiträge als glaubwürdig, wenn sie von den eigenen Freunden geteilt werden. Für die USA konnten Forscher zeigen, dass es sogar wichtiger ist, wer die Nachricht teilt, als wo sie ihren Ursprung hat.

Auch die Lehrkräfte der eingangs erwähnten Befragung vertrauen deutschen Medien größtenteils. 61 Prozent von ihnen haben großes oder sehr großes Vertrauen in sie. Allerdings hat auch etwa ein Viertel kaum bis gar kein Vertrauen in deutsche Medien, in Ostdeutschland ist deren Anteil sogar noch höher (36 Prozent). Nicht alle fühlen sich von klassischen Medien umfassend informiert. 19 Prozent aller Befragten stimmten der Aussage zu, man könne viele wichtige Nachrichten nur in sozialen Netzwerken, Foren und Blogs finden, weil diese von den Medien verschwiegen würden.

Soziale Netzwerke sind für die jüngere Generation noch wichtiger. Gut die Hälfte der 14- bis 29-Jährigen informiert sich dort über das aktuelle Geschehen. Allerdings können sie Falschinformationen und Fake News schlecht erkennen. Anders als man vermuten könnte, sei diese Schwäche unabhängig vom sozioökonomischen Status und der Schulform, berichtet die Organisation »Lie Detectors«. Die Nichtregierungsorganisation schickt in Belgien, Deutschland und Österreich Journalisten an Schulen, um Kindern beizubringen, Nachrichten kritisch zu betrachten. Dabei stellten sie fest, dass viele Schüler nicht zwischen Plattformen wie Instagram oder Facebook und den eigentlichen Quellen oder Verfassern unterscheiden können.

Dieses fehlende Vermögen, zu differenzieren, ist nicht verwunderlich. Denn das System aus Verfassern, Auftraggebern, Plattformen, Medienkonzernen und Politik wird im Schulunterricht kaum thematisiert. Und auch das Wissen der zuständigen Lehrkräfte über das Mediensystem ist mangelhaft. In der am Anfang erwähnten Studie wurden den 505 Lehrern auch Sachfragen zu Medien gestellt. Die meisten konnten diese richtig beantworten. Doch einige überschätzten den staatlichen Einfluss auf die Medien. 31 Prozent glauben, dass Journalisten in Deutschland eine Lizenz für ihre Arbeit brauchen. Und 24 Prozent glauben, die Bundespressekonferenz lege wöchentlich die Themen fest, über die Medien berichten sollen. Beides ist übrigens falsch.

Bundesländer wissen nicht, welches Fach zuständig ist

Die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) formulierte 2016 ihre Strategie »Bildung in der digitalen Welt«. Darin wird vor allem die Digitalisierung und die Bedeutung von Medienkompetenz hervorgehoben. Medienkompetenz bedeutet hier meist, die Kinder sollen lernen, mit dem Computer umzugehen und das Internet zu nutzen. Deshalb wurde festgelegt, dass möglichst bis 2021 alle Klassen über »eine digitale Lernumgebung und einen Zugang zum Internet« verfügen sollen. Das wird knapp. Bisher haben nur etwa ein Viertel der deutschen Schulen WLAN und die Ausstattung mit digitalen Endgeräten liegt unter dem EU-Durchschnitt. Etwa zehn Schüler kommen in Deutschland auf ein Gerät, in Dänemark und Luxemburg sind es halb so viele.



Medienkompetenz im Sinne der KMK-Strategie ist aber nicht dasselbe wie die Fähigkeit, Nachrichten zu verstehen und kritisch einzuordnen. Nicht alle digitalen Medien sind Nachrichtenmedien und nicht alle Nachrichten sind digital. Der Plan der Kultusminister sieht für allgemeinbildende Schulen sechs Kompetenzbereiche der Medienbildung vor. Zwei davon beinhalten Unterpunkte zur Nachrichtenkompetenz: »Informationsquellen analysieren und kritisch bewerten« zum Beispiel und »Bedeutung von digitalen Medien für die politische Meinungsbildung und Entscheidungsfindung kennen und nutzen«. Wann und wie Kindern diese Fähigkeiten beigebracht werden, ist den Bundesländern überlassen. Die Umsetzung ist jedoch mangelhaft.

Medienwissenschaftler der TU Dresden haben die Lehrpläne aller Bundesländer untersucht. Dafür berücksichtigten sie alle Pläne der fünften bis zehnten Klassen an Gymnasien und Realschulen für die Fächer Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde, Ethik, Medien und Demokratie – insgesamt 207 Lehrpläne. Ergebnis: 83 Prozent enthielten Vorgaben zur Medienkompetenz, aber nur 43 Prozent zur Nachrichtenkompetenz. Am häufigsten wird diese in Lehrplänen für das Fach Deutsch erwähnt, etwas weniger häufig auch in Gemeinschaftskunde. Fast 90 Prozent der Lehrer sehen das Thema Nachrichten am ehesten in den Fächern Gemeinschaftskunde, Sozialkunde oder Politik aufgehoben.

Doch etwa die Hälfte der Lehrer gab an, der Lehrplan lasse gar keine oder nicht ausreichend Zeit, um Nachrichtenkompetenz zu unterrichten. Knapp ein Viertel hat das Thema noch nie im Unterricht behandelt. Nicht zuletzt ist es auch eine Frage des jeweiligen Lehrers, ob er diese Fähigkeit vermittelt. Wer sich täglich informiert, unterrichtet häufiger Nachrichtenkompetenz.

Lehrer unterschätzen ihre Schüler

Die Lehrpläne schreiben im Bereich Medienkompetenz verschiedene Inhalte vor, je nach Fach und Bundesland. Der häufigste Inhalt ist die Textanalyse. Typische Themen sind der Aufbau einer Zeitung und verschiedene journalistische Textformen: Bericht, Kommentar, Reportage und so weiter. Auf das Mediensystem, das diese Texte produziert, geht nur knapp ein Drittel der Lehrpläne mit Nachrichtenbezug ein.

Lehrkräfte, die Nachrichtenkompetenz unterrichtet haben, erstellten eine Rangfolge der von ihnen intensiv behandelten Themen. Ganz oben: Fake News erkennen. Ganz unten stehen die sich ändernde Medienlandschaft zu verstehen, Journalisten und Amateure zu unterscheiden sowie Eigeninteresse der Medien einzuschätzen. Diese Themen kamen nur in etwas mehr als der Hälfte der Unterrichtseinheiten vor. 21 Prozent verzichteten auch darauf, den Zusammenhang zwischen Medien und Politik zu erörtern.

Wenn Jugendliche etwas über Journalismus lernen, dann geht es vor allem um Zeitungen. Über die Hälfte der Lehrpläne, die Nachrichten thematisieren, erwähnen dieses Medium. Andere Formate spielen kaum eine Rolle. Soziale Medien kommen nur in drei Prozent der Lehrpläne mit Nachrichtenbezug vor. In der Praxis sieht es ähnlich aus. Von den Lehrern, die bereits Nachrichtenkompetenz unterrichtet hatten, nutzten 90 Prozent Zeitungen im Unterricht. Das ist mit Abstand das am häufigsten eingesetzte Medium. Beiträge aus sozialen Netzwerken werden nur von 42 Prozent der Lehrer in der Praxis verwendet. Das könnte an der Gewohnheit liegen. Je älter die Lehrer waren, desto mehr Zeitungen und desto weniger Inhalte aus sozialen Medien nutzten sie im Unterricht. Verglichen mit allen Berufstätigen informieren sich Lehrer häufiger in Zeitungen und seltener über das Internet und Fernsehen. Das geht jedoch weit an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen vorbei, denn Zeitung liest in diesem Alter kaum jemand.

Die Lehrer schätzen zudem den Nachrichtenkonsum der Schüler nicht richtig ein. Die meisten gehen davon aus, dass sich weniger als ein Viertel ihrer Schüler zwischen 14 und 17 über aktuelle Ereignisse informiert. Tatsächlich aber tun dies nach eigenen Angaben über 40 Prozent dieser Altersgruppe. Ein guter Teil der Jugendlichen will sich also informieren. Und sie zeigen sich aufgeschlossen gegenüber Nachrichten im Unterricht. Das berichten Lehrer, die Nachrichtenkompetenz bereits unterrichtet haben. 62 Prozent von ihnen schätzen, dass sie ihren Schülern zumindest ein Grundverständnis vermitteln konnten.

Nur etwa 250.000 der knapp 700.000 Lehrer an allgemeinbildenden Schulen sind unter vierzig, gehören also zu den »Digital Natives«, die in der digitalisierten Welt aufgewachsen sind. Der Großteil der Lehrer zählt noch zu einer Generation, die sich ein Verständnis von Computern und Internet mitunter hart erarbeiten musste. Zu fehlendem Wissen und mangelnder Ausstattung kommt oft auch Skepsis gegenüber einer zu starken Digitalisierung. Die Schreibfähigkeiten der Schüler könnten leiden, Informationen aus dem Internet einfach kopiert und der Unterricht gestört werden. Unter solchen Voraussetzungen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Lehrer an den Schülern vorbeiunterrichten. Damit sich das ändern kann, müssen den Lehrern auch die nötige Zeit, das Wissen und die technische Ausrüstung bereitgestellt werden.

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Fußnoten

  1. Kultusministerkonferenz (Hg.): Bildung in der digitalen Welt, Berlin/ Bonn 2016, S. 10.
  2. Thomas, Tobias: Zur Rolle der Medien in der Demokratie, Düsseldorf 2020, S. 24.
  3. IfD 2020, S. 10ff.
  4. Fawzi, Nayla; Reinemann, Carsten; Obermaier, Magdalena: Vertrauen in Medien, München 2019, S. 5.
  5. Trebbe, Joachim: Fake News aus zweiter Hand, auf: tagesspiegel.de (20.10.2019).
  6. Institut für Demoskopie Allensbach (IfD, Hg.): Die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz in der Schule, Allensbach 2020. Befragte waren Lehrkräfte an Realschulen, Gesamtschulen oder Gymnasien.
  7. Ebd., S. 11.
  8. Lie Detectors (Hg.): Warum Lie Detectors?, auf: lie-detectors.org.
  9. Götzke, Manfred: Warum Schüler in Deutschland auf Fake News hereinfallen, auf: deutschlandfunk.de (16.2.2020).
  10. IfD 2020, S. 72.
  11. Kultusministerkonferenz 2016, S. 6.
  12. Eickelmann, Birgit u.a.: ICLS 2018 #Deutschland, Münster 2019, S. 14, 147.
  13. Kultusministerkonferenz 2016, S. 11f.
  14. Hagen, Lutz; Renatus, Rebecca; Obermüller, Anja: Nachrichtenkompetenz durch die Schule, Dresden 2017, S. 31ff.
  15. IfD 2020, S. 46.
  16. Ebd., S. 41f.
  17. Ebd., S. 93.
  18. Hagen/Renatus 2017, S. 36.
  19. IfD 2020, S. 61.
  20. Hagen/Renatus 2017, S. 37.
  21. IfD 2020, S.55f.
  22. Ebd., S. 99. (24) Ebd., S. 73. (25) Ebd., S. 59.
  23. Statistisches Bundesamt (Hg.): Lehrkräfte nach Altersgruppen und Bundesländern, auf: destatis.de (21.10.2020).
  24. Bitkom (Hg.): Lehrer sehen deutsche Schulen digital abgehängt, auf: bitkom.org (12.3.2019).

Autor*innen

Geboren 1987 und seit 2020 als Redakteurin bei KATAPULT vor allem für aktuelle Berichterstattung zuständig. Sie ist ausgebildete Fotografin und studierte Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

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