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Waffenrecht

Mehr Waffen, mehr Sicherheit?

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Jüngst forderte die Vizevorsitzende der AfD, Beatrix von Storch, man solle das Waffengesetz lockern, um für mehr Sicherheit der eigenen Bevölkerung zu sorgen. »Angela Merkel ist gerade dabei, unser Land nachhaltig zu destabilisieren. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt, das Waffenrecht zu verschärfen«, erklärte sie.

Ähnliche Forderungen kennt man aus den USA, dem Land mit den meisten Feuerwaffen in Privatbesitz. Dunkelziffer unbekannt. Nach dem Grundschulmassaker 2012 in Newton ließ die National Rifle Association verlauten: »Der einzige Weg, einen bösen Kerl mit Waffe zu stoppen, ist ein guter Kerl mit Waffe«, so der NRA-Vizepräsident Wayne LaPierre. Also seien mehr Waffen ein Garant für mehr Sicherheit und Frieden.

Dieses Argument, das vielen Menschen hierzulande unsinnig erscheinen mag, ist das gängige Narrativ in der Debatte um die Verschärfung des US-amerikanischen Waffengesetzes. Es stellt sich also die Frage, ob dies entgegen intuitiver Vermutungen stimmt. Eine Reihe wissenschaftlicher Studien gibt darüber Aufschluss.

David Hemenway, Professor für Gesundheitspolitik an der Universität Harvard, erforscht die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Folgen von privatem Waffenbesitz in den USA. Gemeinsam mit Matthew Miller, Professor für Gesundheitswissenschaften und Epidemiologie in Harvard und Boston, publizierte Hemenway im Jahr 2000 die Studie »Firearm Availability and Homicide Rates across 26 High-Income Countries«, in der sie den Zusammenhang zwischen der Anzahl privater Schusswaffen und der Häufigkeit von Tötungsdelikten untersuchten.

Dafür erhoben sie Daten von 26 Ländern und kamen zu dem Ergebnis, dass ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der Anzahl von in Privatbesitz befindlichen Feuerwaffen und der Häufigkeit tödlicher Schussverletzungen besteht. Selbst unter Ausschluss des Ausreißers USA, dem Land mit den meisten Schusswaffen und den meisten Todesopfern durch Schussverletzungen, konnte eine signifikante Korrelation festgestellt werden.

Wo es mehr Schusswaffen gibt, gibt es auch mehr Schusswaffentote

Das heißt: Wo es mehr Schusswaffen gibt, gibt es auch mehr Schusswaffentote. Darüber hinaus entdeckten die beiden Wissenschaftler, dass Menschen mit einer Schusswaffe in den eigenen vier Wänden, wahrscheinlicher Opfer einer solchen werden. Dies steht konträr zu der Annahme, Schusswaffen erhöhten die Sicherheit ihres Besitzers.

Mark Duggan, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Chicago, bestätigte diese Ergebnisse im Rahmen eines inneramerikanischen Vergleichs. So identifizierte er in einer Studie mit dem Titel »More Guns, More Crime«, dass die Anzahl der privaten Waffen in den verschiedenen US-Staaten in einem positiven Zusammenhang mit der Anzahl tödlicher Konflikte steht. Über die Anwendung eines sogenannten Lag (Verzögerung) der Variable »Waffenbesitz« schloss Duggan auf einen kausalen Zusammenhang. Das heißt, dass bei einem Anstieg der Waffenkäufe um zehn Prozent in einem Jahr, die Anzahl der Opfer von Schusswaffen in dem darauffolgenden Jahr um über zwei Prozent ansteigt. Dementsprechend führen mehr Waffen zu mehr Kriminalität.

Eine Bostoner Gruppe von Wissenschaftlern untersuchte wiederum den Zusammenhang zwischen Waffengesetzen und Tötungsdelikten mit Schusswaffen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es mehr Opfer von Schusswaffen gibt, wo das Waffengesetz liberaler, also weniger streng ist. Sie unterschieden Gesetze bezüglich Schusswaffen hinsichtlich fünf Kategorien: Gesetze, die 1) illegalen Waffenhandel adressieren, 2) Background-Checks erleichtern oder implementieren, 3) die Sicherheit von Kindern fördern, 4) Militär- und Kriegswaffen verbieten und 5) Waffen an öffentlichen Orten und das allgemeine Tragen von Waffen verbieten. Ihr Ergebnis besagt, dass Staaten oder Counties, in denen es strengere Gesetze dieser Art gibt, geringere Opferzahlen in Bezug auf Schusswaffen verzeichnen.

Insgesamt zeigt eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien, dass privater Waffenbesitz nicht zu mehr Sicherheit führt – gemessen am Risiko, Opfer einer Schusswaffe zu werden. Im Gegenteil, mehr Waffen tragen zu höheren Opferzahlen bei. Ob es in Deutschland ein gesteigertes Interesse gibt, sich zu bewaffnen, hängt wohl maßgeblich davon ab, inwiefern es einer Partei wie der AfD gelingt, die Ängste der Menschen zu schüren. Denn rein wissenschaftlich betrachtet ist privater Waffenbesitz ein Risikofaktor.

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Fußnoten

  1. Grafe, Roman: Waffengesetz. Zu den Waffen, Bürger!, auf: zeit.de (5.3.2016).
  2. Nach Schätzungen des Small Arms Survey belaufen sich die privaten Schusswaffen in den USA auf über 270 000 000 Stück.- Small Arms Survey (Hrsg.): Estimating Civilian Owned Firearms, Genf 2011, S. 1. (Small Arms Survey Research Notes, Nr. 9)
  3. Die NRA ist mit etwa fünf Millionen Mitgliedern die größte und einflussreichste amerikanische Waffenlobbyorganisation.
  4. Vgl. Lee, Lois K.; Fleegler, Eric W.; Farrell, Caitlin et al.: Firearm Laws and Firearm Homicides. A Systematic Review, in: JAMA Internal Medicine, Chicago (110)2017, H. 1, S. 106-119.

Autor*innen

Schwerpunkte
Moderne politische Theorie
Internationale politische Ökonomie
Politische Kommunikation

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