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Geschwindigkeitsbegrenzung

Lieber rasen statt Umwelt schonen

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Die Debatte um Tempolimits auf Autobahnen ist zur Glaubensfrage verkommen. Dabei ist sich die Wissenschaft einig, dass eine Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit aus ökologischer Perspektive sinnvoll wäre. Eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamts kommt zu folgenden Ergebnissen: Eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h würde die CO2-Emissionen um 1,9 Millionen Tonnen senken. Eine Deckelung bei 120 km/h würde 2,6 Millionen Tonnen einsparen. Und bei einem Tempolimit von 100 km/h wären es sogar 5,4 Millionen Tonnen. Insgesamt verursacht der Verkehrssektor in Deutschland CO2-Emissionen in Höhe von 162 Millionen Tonnen.

Zusätzlich zu den umweltpolitischen Effekten würde ein Tempolimit die Zahl der Verkehrstoten und -verletzten deutlich verringern. In Brandenburg sank sie nach Einführung der Höchstgeschwindigkeit 130 km/h um die Hälfte.

Tempolimit nein danke

Verkehrsminister Andreas Scheuer und die CSU wollen von einem Tempolimit auf deutschen Autobahnen allerdings nichts wissen. So startete die Partei zu Beginn des Jahres eine groß angelegte Online-Kampagne. Der Titel? “Tempolimit nein danke”. Hiermit stellten sich Minister und Partei gegen den ADAC. Dieser war zur gleichen Zeit von seiner ablehnenden Haltung gegenüber einer Geschwindigkeitsbegrenzung abgerückt. Scheuer kritisierte den größten Verkehrsclub Europas daraufhin und forderte die Rückkehr zur bisher vertretenen Position.

Mit einem Verzicht auf ein allgemeines Tempolimit befindet sich Deutschland übrigens in fragwürdiger Gesellschaft. Einer der weltweit wenigen Staaten, der auf eine Höchstgeschwindigkeit verzichtet? Nordkorea. In Europa herrscht auf den meisten Autobahnen eine flächendeckende Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 km/h. Lediglich in Polen dürfen Bürgerinnen und Bürger sich mit 140 km/h von A nach B bewegen.

Sonderregelungen gibt es in manchen Staaten für Fahranfänger. Diese dürfen beispielsweise in Frankreich auf Autobahnen nur 110 statt 130 km/h fahren. In Italien sind es sogar nur 100 statt der sonst geltenden 130 km/h.

Für Fahrerinnen und Fahrer im hohen Alter existieren vergleichbare Einschränkungen nicht. Dabei gelten sie für Unfall-Forscher als “Hochrisiko-Gruppe”. Im europäischen Ausland sind Fahrtauglichkeitstests für Seniorinnen und Senioren dementsprechend gängige Praxis. In der Schweiz werden beispielsweise die über 75-Jährigen regelmäßig zum Test gebeten, in Portugal sogar die über 50-Jährigen. Auch dies werde es mit ihm nicht geben, so Verkehrsminister Scheuer. Zusammenhängen mag dies mit der Altersstruktur der CSU-Wählerschaft. Am stärksten ist die Partei bei den über 70-Jährigen.

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Fußnoten

  1. Bayerischer Rundfunk (Hg.): Umweltbundesamt: Tempolimit 120 mindert CO2-Emissionen deutlich, auf: br.de (28.2.2020).
  2. Andor, Mark A./Gerster, Andreas/Gillingham, Kenneth T./Horvath, Marco: Running a car costs much more than people think - stalling the uptake of green travel, auf: nature.com (20.4.2020).
  3. Frahm, Christian/Nefzger, Emil: Tempolimit senkt Unfallzahlen drastisch, auf: spiegel.de (29.1.2019).
  4. Bayerischer Rundfunk (Hg.): Tempolimit: Scheuer kritisiert neue Haltung des ADAC, auf: br.de (26.1.2020).
  5. Ebd.
  6. ADAC (Hg.): Tempolimits in Europa einhalten, auf: adac.de (10.7.2020).
  7. Burmeister, Christian/Christ, Johannes: Ältere Autofahrer verursachen deutlich mehr Unfälle als früher, auf: goettinger-tageblatt.de (6.2.2019).
  8. Tagesschau (Hg.): Landtagswahl 2018 Bayern. Umfragen Wähler nach Altersgruppe, auf: wahl.tagesschau.de.

Autor:innen

Geboren 1986, ist seit 2020 Redakteur bei KATAPULT. Er hat Politikwissenschaft und Geschichte in Freiburg und Greifswald studiert und wurde mit einer Arbeit im Bereich politische Ideengeschichte promoviert. Zu seinen Schwerpunkten zählen die deutsche Innenpolitik sowie Zustand und Entwicklung demokratischer Regierungssysteme.

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