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Studie

Israel greift Palästinenser an, wenn die Medien abgelenkt sind

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Studie: „Attack When the World is Not Watching? – US News and the Israeli-Palestinian Conflict“ von Ruben Durante und Ekaterina Zhuravskaya (Mai 2018)

Zeitungen oder Fernsehsender können nicht unendlich viele Nachrichten veröffentlichen. Es gibt Tage, an denen so viel passiert und die Nachrichtendichte so hoch ist, dass es nicht alle wichtigen Geschehnisse in die Berichterstattung schaffen. Denn bei konkurrierenden Neuigkeiten müssen die Redaktionen entscheiden, über welche sie berichten.

Schon lange wird vermutet, dass Politiker unpopuläre Entscheidungen auf Tage legen, an denen gesellschaftliche Großereignisse stattfinden. Am selben Tag, als beispielsweise 1994 die italienische Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft stand, erließ die Regierung Berlusconi eine Verordnung, die bei Verdacht auf Korruption anstelle einer Haftstrafe Hausarrest vorsah. Daraufhin wurden teils schon geständige Korruptionsverdächtige freigelassen. Und als die Medien im Jahr 2008 die Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in Peking übertrugen, marschierte Russland in Georgien ein.

Im Konflikt zwischen Israel und Palästina ist die mediale Aufmerksamkeit besonders groß. Insbesondere die amerikanische Öffentlichkeit reagiert empfindlich auf Meldungen zu zivilen Opfern durch israelische Militäraktionen. In einer Studie untersuchten daher die Politökonomen Ruben Durante und Ekaterina Zhuravskaya die US-Berichterstattung über Militär­einsätze beziehungsweise Terroranschläge im israelisch-palästinensischen Konflikt.

Dafür analysierten sie die vier größten US-Abendnachrichten zwischen 2000 und 2011. Aus dem Inhalt und der Dauer der drei längsten Meldungen im Verhältnis zur Gesamtsendung bildeten sie die Nachrichtendichte. Dann ermittelten sie, welchen Geschehnissen besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Neben Naturkatastrophen und akuten Krisen beeinflussten auch vorhersehbare politische und sportliche Ereignisse den Fokus der Berichterstattung. Dieser Kalender des Nachrichteneinflusses enthielt bundesweite Wahlen, Amtseinführungen von Präsidenten, Parteitage, Reden zur Lage der Nation, entscheidende Vorwahlen und Super Tuesdays, also Wahltage mit mehreren Abstimmungen. Abgesehen von der Fußballweltmeisterschaft hatten Sportereignisse keinen signifikanten Effekt.

Für den gleichen Zeitraum untersuchten sie Militäreinsätze und Terroranschläge im Israel-Palästina-Konflikt. Tatsächlich fielen solche Aktionen sehr häufig mit Ereignissen zusammen, über die im US-Fernsehen besonders ausführlich berichtet wurde. Besonders drei Arten von Operationen schienen auf Tage mit hoher Nachrichtendichte abgestimmt: Missionen, die Todesopfer auch auf ziviler Seite fordern, Angriffe mit schweren Waffen und Einsätze in dicht besiedelten Gebieten.

Die Ergebnisse legen nahe, dass die israelische Regierung die geringere Aufmerksamkeit der US-Medien gezielt nutzt, um einer negativen Berichterstattung zu entgehen. Die Untersuchung palästinensischer Terror­angriffe wiederum ergab keine Korrelation zwischen Aktion und hoher Nachrichtendichte.

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