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Bodenverbrauch

Gebaut wird da, wo die Bevölkerung nicht wächst

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Im Erdreich des Dorfes Braggio im Süden der Schweiz ist es laut. Es klickt, brummt und knackt in allen Tonlagen. »Grasland« steht in dem kleinen Infokasten auf der Website des Projekts Sounding Soil, wenn man Braggio anklickt. Außerdem steht da »Bewirtschaftung: biologisch«. In Schleitheim im Schweizer Norden, nahe der deutschen Grenze, klingt der Boden anders. Dumpfes Knacken trifft hin und wieder auf klopfende Geräusche. »Bewirtschaftung: konventionell« steht dabei und ebenfalls: »Grasland«. Jeder Boden klingt anders, das zeigt das Forschungs- und Kunstprojekt.

Seit mehreren Jahre stecken Menschen dafür Aufnahmegeräte in Äcker, Blumenwiesen, Waldböden und Komposthaufen. Und machen daraus Wissenschaft. Bioakustik heißt sie und wurde von der Zürcher Stiftung Biovision in Zusammen­arbeit mit Künstler:innen als weltweit erste ihrer Art durchgeführt. Was im Boden so klickt und knackt, sind Organismen. Dazu zählen kleinste Spinnen, Pilze, Algen und vor allem Bakterien. In einer Handvoll Boden stecken mehr davon, als es Menschen auf der Welt gibt. Sie sorgen dafür, dass der Boden funktioniert – Wasser filtert, Kohlenstoff bindet, Nahrung liefert, das Klima stabilisiert. Aber nicht in jedem Boden steckt Leben. Ein Ort, der still ist, und das für immer, ist der Boden unter Beton.

Deutschland verbaut 375 Quadratmeter Boden – pro Minute

Gesunde Böden spielen eine oft unterschätzte Rolle beim Klimaschutz. »Sie speichern fünfmal so viel Kohlenstoff wie alles Leben oberhalb der Erde.« Gleichzeitig verbrauchen immer mehr Menschen auf der Erde immer mehr Platz. Die Folge: Die Fläche, die wir verbrauchen, zubauen und versiegeln, wird immer größer – und zwar auf allen Kontinenten. Mit Häusern, Straßen, Mülldeponien, Gewerbegebieten, Parks, Spiel- oder Parkplätzen. Das Ausmaß fällt dabei nicht auf, weil überall nur kleine Flächen genutzt werden. Entscheidend ist aber die Summe. In Deutschland wurden zwischen 2017 und 2020 jede Minute durchschnittlich 375 Quadratmeter Boden zugebaut. In der Schweiz sind es etwa 40 und in Österreich 80 Quadratmeter Boden, die im Minutentakt unter Beton, Pflastersteinen oder anderen Baumaterialien verschwinden. Bezogen auf ihre Fläche verbrauchen die Länder in etwa gleich viel, gemessen an ihren Einwohner:innen liegt Österreich jedoch weit in Führung. Ein Österreicher verbaut in derselben Zeit etwa doppelt so viel Boden wie jemand aus Deutschland oder der Schweiz.

Das österreichische Umweltbundesamt definiert Bodenverbrauch als »dauerhaften Verlust biologisch produktiven Bodens«. Fast die Hälfte des im Land verbrauchten Bodens wird vollständig versiegelt, also mit einer wasserundurchlässigen Schicht aus Beton oder Asphalt überzogen. Zubetonierte Böden nehmen keine Nährstoffe und keinen Regen mehr auf. Damit steigt die Hochwassergefahr, und weil weniger Wasser in den Boden gelangt, gibt es weniger Grund- und damit auch weniger Trinkwasser. Einmal zubetonierter Boden lässt sich auch kaum wieder zurückverwandeln, weil oft Beton- oder Asphaltreste zurückbleiben und die Fruchtbarkeit mindern. Damit ist er als Lebensraum für Tiere und als Versorgungsquelle für Menschen so gut wie verloren.

Bodenverbrauch pro Tag in österreichischen Bundesländern

Rund ein Fünftel der bewohnbaren und landwirtschaftlich geeigneten Fläche ist in Österreich bereits verbaut. Ein Grund für den massiven Bodenverbrauch ist das Bevölkerungswachstum. Die österreichische Bevölkerung hat in den letzten 19 Jahren um rund zehn Prozent zugenommen. Der Bodenverbrauch stieg im gleichen Zeitraum jedoch um fast 30 Prozent. Brauchen die Österreicher:innen mehr Platz als andere Europäer:innen? Jein. Der Hauptgrund ist, dass es so gut wie keine Bodenpolitik gibt, die den Boden schützt. Dafür hat Österreich rund eineinhalb Quadratmeter Einkaufsfläche pro Einwohner:in. Nur in Belgien sind es mehr. Auch der unverbaute Boden in den Bergen wird knapper. In Österreich werden etwa ein Fünftel der 100 besucherstärksten Skigebiete der Welt betrieben. Wirklich naturnaher Boden, der ohne Infrastruktur und weitgehend frei von Verkehr und Lärm ist, ist kaum mehr vorhanden. Bereits im Jahr 2010 wollte Österreich maximal 2,5 Hektar pro Tag verbauen. 2018 waren es im Schnitt immer noch täglich zwölf. Das Optimistische an den Zahlen: Es wird zwar weiterhin immer mehr Fläche verbraucht. Die Geschwindigkeit, mit der neuer Boden verbraucht wird, nimmt aber stetig ab.

Fortschreitende Versiegelung bedroht Ernährungssicherheit

Die Umweltorganisation WWF stellt Österreich eine schlechte Diagnose: Der Bodenverbrauch sorgt dafür, dass es auch den Tieren auf Österreichs Bergen und Wiesen schlecht geht. Seit den 80er-Jahren sind rund 70 Prozent der Wirbeltierbestände verschwunden. Durch die Bebauung der Flüsse mit Wasserkraftwerken und Stauseen sind mehr als die Hälfte der österreichischen Fisch­arten gefährdet.

Die fortschreitende Versiegelung bedroht auch die Ernährungssicherheit. Wenn es nicht genug Böden für Weizen oder Kartoffeln gibt, kann sich Österreich im Notfall auch nicht mehr selbst versorgen. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass Lieferketten auch mal unterbrochen werden können. Eine Studie der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit zeigt, dass das Land durch den Klimawandel zukünftig mit landwirtschaftlichen Ertragseinbußen von bis zu 19 Prozent rechnen muss. Die Abhängigkeit von importierten Lebensmitteln steigt demnach. Wenn Ackerflächen der Bodenversiegelung zum Opfer fallen, verschärft sich das Problem.

Seit Jahren warnen Forschende vor dem Flächenfraß. Passiert ist bisher jedoch wenig. Denn die Politik macht zwar Pläne und Vorgaben für die Bodenbebauung. Was tatsächlich mit den Flächen passiert, liegt aber in den Händen der einzelnen Gemeinden. Was diese unternehmen müssten, sei klar, so Gernot Stöglehner von der Universität für Bodenkultur Wien (Boku): leerstehende Häuser in der Ortsmitte sanieren und wieder bewohnbar machen. So könne man der Zersiedelung entgegenwirken. Und wo schon einmal eine Betriebshalle stand, soll wieder eine hin. Anders ausgedrückt: Bereits verbauter Boden muss besser genutzt werden.

So werden Flächen im DACH-Raum anteilig genutzt

Puzzeln für den Bodenschutz: Wo ist Bauen sinnvoll?

Wie Gemeinden solche Räume besser ausfindig machen können, dazu forscht Stöglehner. Der Professor für Raum- und Umweltplanung hat ein Konzept für Energieraumplanung entwickelt, das es Gemeinden erleichtern soll, das Klima mit raumplanerischen Mitteln besser zu schützen. Derzeit läuft ein Forschungsprojekt dazu in Nieder- und Oberösterreich. Erfolgreich abgeschlossen wurde es bereits in der Steiermark.

Das Konzept funktioniert so: Man schaut zunächst, welche Räume besonders stark genutzt werden, das heißt wo viele Menschen wohnen, arbeiten, einkaufen, zur Schule gehen oder sich erholen. Dann wird ermittelt, in welchen Gebieten die Infrastruktur gut ausgebaut ist: Wo gibt es bereits einen effizienten öffentlichen Verkehr? Welches Gebiet eignet sich für eine Fernwärmeversorgung und welches hat schon eine? All diese Daten legen die Forschenden übereinander: Je mehr Überschneidungen es für bestimmte Flächen gibt, desto eher sollte die Gemeinde versuchen, Menschen und Arbeitsplätze dort anzusiedeln. Einfach gesagt: Wenn ein Wohnviertel schon an die Fernwärme und das öffentliche Verkehrssystem angeschlossen ist, dann ist es sinnvoll, dort weitere Wohnungen zu bauen, statt auf der anderen Seite der Gemeinde, wo es nur eine Straße und freies Feld gibt. Will man Verbauung reduzieren, gilt es, solche Nutzungspotenziale ausfindig zu machen.

Ungenutzte Brachflächen können eine Gefahr für den Boden sein

Einige österreichische Gemeinden bemühen sich bereits verstärkt um Flächeneinsparungen. Einzelne Bundesländer vergeben zudem Förder­gelder für Gemeinden, die weniger Boden verbrauchen. Ulrike Böker vom österreichischen Verein Landluft, der sich gemeindeübergreifend für den Bodenschutz einsetzt, sagt, es brauche trotzdem dringend rechtliche Grundlagen. Bodenschutz dürfe nicht nur den einzelnen Gemeinden überlassen werden, so die Grünen-­Politikerin. Denn in Österreich machen die Länder die Raumordnungsgesetze, die Gemeinden setzen sie um. Der Bund gibt Leitlinien vor, etwa die Reduzierung des Nettoflächenverbrauchs bis 2030 auf 2,5 Hektar pro Tag – verbindlich sind solche Zielsetzungen allerdings nicht. Und solange eine Gemeinde ihr Einkommen nur über Kommunalsteuern erwirtschaften kann, wird sie mehr Boden verkaufen.

Zuwachs der in Österreich beanspruchten Flächen für die jeweiligen Zwecke, umgerechnet in Wiener Bezirke

Eigentum ist in Österreich stark geschützt – quasi unantastbar. Wenn jemand sein leerstehendes Haus oder das unverbaute Grundstück in der Stadtmitte nicht verkaufen möchte, sondern es für die Enkelkinder aufspart, dann gibt es für die Gemeinde keine rechtliche Grundlage, diesen Raum für sich oder andere nutzbar zu machen. In Österreich gibt es viele bereits als Bauland gewidmete Flächen, die brachliegen – als Erbe oder Spekulationsobjekt. Etwa ein Viertel des niederösterreichischen Baulandes wird so nicht genutzt. Das bedeutet zunächst zwar weniger Flächenversiegelung, sorgt jedoch für die Umwidmung weiterer unbebauter Brachflächen in Bauland. Denn andernfalls könnten sich keine neuen Gemeindemitglieder ansiedeln. Und so wächst das Potenzial versiegelter Böden in Wirklichkeit. Zudem kosten auch die ungenutzten Flächen Geld. Am Beispiel der Gemeinde Aschbach-Markt berechneten die beiden Raumplanerinnen Margit Aufhauser-Pinz und Elisabeth Polly die Kosten solcher ungenutzten Baugründe. 2,5 Millionen Euro haben die Aschbacher:innen für die Erschließung ausgegeben. Weitere gut 40.000 Euro zahlen sie nun jährlich für die Instandhaltung der Infrastruktur.

Klimaschutz trifft auf Stadtentwicklung

Wenn Boden derzeit geschützt wird, dann oft nur, weil es der Gemeinde selbst ein Anliegen ist. Daher brauche das Thema Bodenschutz einerseits dringend mehr Öffentlichkeit, andererseits aber auch gesetzliche Grundlagen, um ihn besser durchsetzen zu können, so Ulrike Böker. Im Gespräch mit KATAPULT lobt sie etwa die bayerische Verfassung. Diese sieht vor, dass die Verteilung und Nutzung des Bodens vom Staat überwacht wird. Und auch, dass Boden unter bestimmten Voraussetzungen für alle nutzbar gemacht werden kann. Diese rechtlichen Grundlagen sollen Menschen nicht ihres Eigentums berauben. Sie geben Gemeinden aber mehr Möglichkeiten, bessere Bodenpolitik zu betreiben. Das fängt damit an, dass Eigentümer:innen beispielsweise dazu angeregt werden, ihr ungenutztes Haus zu vermieten. Alles Probleme, die sich auch nach der derzeitigen Rechtslage lösen ließen, bestätigt auch Gernot Stöglehner von der Boku. Länder müssten dazu bereit sein, engere Grenzen zu ziehen, wenn es um die Verteilung von Boden geht, und mehr finanziellen Druck auf Gemeinden ausüben, damit diese weniger Flächen verbauen. Derzeit wird die Zuständigkeit für den Bodenschutz zu sehr zwischen Bund, Ländern und Gemeinden hin- und hergeschoben.

Nur weil Österreichs Böden vernachlässigt werden, heißt das nicht, dass es in anderen Ländern besser aussieht. Auch deutsche Kommunen versiegeln das Doppelte der Fläche, die sie laut Klimaziel vereinbart haben. Sie erleben dieselben Herausforderungen wie österreichische Gemeinden: In ländlichen Gebieten werden die Ortskerne immer leerer, während Wohngebiete rund um Einkaufszentren wachsen. Im städtischen Raum ist Boden begrenzt und unfassbar teuer, wodurch die Zersiedelung zunimmt. Junge Familien träumen vom eigenen Haus am Stadtrand, obwohl gerade das Einfamilienhaus dem Konzept vom klimaneutralen Wohnen widerspricht. Denn für jedes Haus muss eine eigene Struktur aus Straße, Abwasserkanal und Fernwärme gebaut werden – und sei es nur für eine einzelne Familie. Das kostet eine Gemeinde nicht nur Geld, sondern eben auch Boden. Gemeinden wollen aber den Zuzug und die Ansiedlung von Betrieben fördern. Sie wollen Parks, Schwimmhallen und Jugendzentren bauen, damit sich die Anwohner:innen wohlfühlen. Dafür ordnen sie bei der Baulandvergabe im Zweifel Boden- und Klimaschutz wirtschaftlichen und sozialen Überlegungen unter.

So viel Meter Straße pro Einwohner:in gibt es in diesen Ländern

Boden muss was kosten, sonst ist er nichts wert

Siedlungs- und Verkehrsflächen entstehen vor allem da, wo weder die Bevölkerung noch die Wirtschaft besonders stark wachsen – und damit an Orten, wo sie am wenigsten gebraucht werden. Zu dieser Erkenntnis kommt das Deutsche Institut für Urbanistik. Dagegen ist in Ballungsräumen, wo die Bevölkerung stark wächst, der Flächenverbrauch gering – schlicht und einfach deswegen, weil dort keine Freiflächen vorhanden sind. Oder extrem teuer. Gemeinden außerhalb der Ballungsräume hätten daher ein größeres Potenzial zum Einsparen von Fläche. Wie das funktionieren könnte, zeigt ein Modellversuch des Umweltbundesamtes in deutschen Kommunen: In einem realitätsnahen Planspiel erhielten 87 Kommunen Zertifikate für ihre Freiflächen. Wenn sie Flächen bebauen wollten, kostete sie das eine bestimmte Anzahl an Flächenzertifikaten. So wurden die Gemeinden angeregt, bereits bestehende Bauflächen zu nutzen, anstatt neue zu erschließen. Zudem wurden verschiedene Varianten für den Handel der Zertifikate entwickelt und getestet. So ließ sich mit nicht genutzten Flächen auch Geld verdienen. Eine Win-win-Situation für Gemeinden und den Bodenschutz.

Generell, so das Ergebnis des Modellversuchs, ist Boden aber viel zu günstig. Zwar erscheint Baugrund Bürger:innen mit durchschnittlichem Einkommen teilweise unerschwinglich. Werden allerdings die mittel- und langfristigen Folgen für Umwelt und Gesamtgesellschaft berücksichtigt, entsprechen die Preise für Boden nicht seinem tatsächlichen Wert. Das müsse sich ändern.

EU: Boden muss geschützt werden wie Meere und Luft

Der Wunsch nach den eigenen vier Wänden ist nachvollziehbar. Aber die Ansprüche der Menschen an die Wohnqualität nehmen auch zu. Während die durchschnittliche Wohnfläche pro Person in Deutschland im Jahr 1990 noch etwas über 36 Quadratmeter betrug – in den neuen Bundesländern sogar nur 28 –, sind es heute 47. Das geht auch zulasten des Flächenverbrauchs. Bis 2030 will Deutschland die Zunahme von Siedlungs- und Verkehrsfläche auf maximal 30 Hektar pro Tag verringern, bis 2050 sogar komplett stoppen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter asphaltierter Weg: Aktuell liegen wir bei 54 Hektar. Zwar sinkt auch in Deutschland die Geschwindigkeit, mit der neue Fläche bebaut wird – nach wie vor wird aber immer mehr Boden versiegelt. Die Gesellschaft wird sich also fragen müssen, wie und wo sie leben möchte.

Das Bündnis Bodenwende, ein Zusammenschluss aus Wissenschaftler:innen, Verbänden, Architekt:innen, Stadt- und Raumplaner:innen in Deutschland, beantwortet die Frage so: Boden muss allen gehören. Sie fordern ein Umdenken in der Bodenpolitik, kritisieren, dass Boden immer mehr »zur lukrativen Anlage und zum Spekulationsobjekt« geworden sei. Das verknappe und verteuere Bauland. Auch sollte einmal vergebenes Baurecht von der Gemeinde zurückgenommen werden können, wenn es keinen Bedarf mehr gibt. Für Österreich fordert die Naturschutzorganisation WWF einen Bodenschutzvertrag. Maximal einen Hektar pro Tag solle Österreich demnach bis 2030 bebauen dürfen. Außerdem müssten klimaschädliche Subventionen angepasst werden, wie beispielsweise die Pendlerpauschale. Sie fördere die Zersiedelung. Stattdessen solle der Staat in Sanierungen, mehrstöckige Bauweisen und Radwege investieren.

Auch die Europäische Kommission will Boden aktiver schützen. Sie kritisiert, dass es die EU-Länder nicht geschafft haben, für gesunde Böden zu sorgen. Auch sie pocht auf Gesetze zum Bodenschutz. Boden müsse im gleichen Ausmaß wie Meere und Luft geschützt werden, formuliert die Kommission in der EU-Bodenstrategie für 2030. Sie will, dass bis 2050 keine zusätzlichen Flächen mehr verbraucht werden. Betonflächen zu entsiegeln, ist eine Möglichkeit, um Boden zu renaturieren – wenngleich sehr aufwendig. Einige österreichische Gemeinden tun das bereits. Sinnvoller ist es, Boden gar nicht erst zu verbauen. Denn unter einer Betonfläche überleben Bodenorganismen nicht. Allein in Österreich verschwindet täglich Lebensraum von elf Millionen Regenwürmern. Einen entsiegelten Boden wiederzubeleben, kann – wenn es überhaupt gelingt – Jahre dauern.

Um den Boden besser zu schützen, möchte die EU in die Bodenforschung investieren. Wer bereits Daten liefern kann, ist das Kunst- und Forschungsprojekt aus Zürich mit seinen gesammelten Audioaufnahmen aus Schweizer Böden. Ihre gesammelten Töne geben Auskunft darüber, wie viele Organismen sich im Boden befinden. Über einen längeren Zeitraum gemessen, lassen sich mit den Daten auch Veränderungen im Boden nachweisen. Vielleicht ist es nicht verwunderlich, aber die bisherigen Ergebnisse der Kunsthochschule zeigen: Im unberührten Waldboden ist es lauter als auf dem bewirtschafteten Acker. Die Zürcher:innen gehörten zu den Ersten, die dem Boden eine echte Stimme gegeben haben.

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Fußnoten

  1. Biovision Stiftung für ökologische Entwicklung (Hg.): Sounding Soil, auf: soundingsoil.ch.
  2. Schweizer Radio und Fernsehen (SRF, Hg.): Ökoakustik: Die Tonspur des Klimawandels, auf: srf.ch (21.11.2019).
  3. Bundesverband Boden (Hg.): Bodenleben, auf: bodenwelten.de.
  4. Nabu (Hg.): Von Lebensraum bis Klimaschützer. Der Boden und seine Funktionen, auf: nabu.de.
  5. Destatis (Hg.): Erläuterungen zum Indikator »Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsfläche«, 2022.
  6. Umweltbundesamt Österreich (Hg.): Flächeninanspruchnahme, auf: umweltbundesamt.at; SRF (Hg.): Heisse Köpfe – Tipps zum Thema Entsiegelung der Böden, auf: srf.ch (29.6.2020).
  7. Umweltbundesamt Österreich.
  8. Quarks (Hg.): Darum sollten wir unsere Böden nicht zubetonieren, auf: quarks.de (21.2.2020).
  9. WWF Österreich (Hg.): WWF-Bodenreport 2021: Die Verbauung Österreichs, Wien 2021, S. 4.
  10. Ahrens, Sandra: Verkaufsfläche pro Kopf im Einzelhandel in Europa nach Ländern im Jahr 2018, auf: de.statista.com (26.1.2021).
  11. Ski Weltweit/Montenius Consult (Hg.): Die Liste der 100 größten Skigebiete der Welt. Saison 2019/20, Köln 2020, S. 26ff.
  12. Leitner, Tarek: Österreich: Versiegelt und zugebaut, auf: derstandard.de (11.7.2021).
  13. Pramer, Philip: Flächenverbrauch: Ein Land verliert den Boden, auf: derstandard.de (3.7.2021).
  14. Umweltbundesamt Österreich.
  15. Ebd.
  16. WWF Österreich 2021, S. 10f.
  17. Einbußen für den Zeitraum 2036-2065 im Vergleich zu 1981-2010. - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Hg.): BEAT – Bodenbedarf für die Ernährungssicherung in Österreich. Endbericht zum Forschungsprojekt Nr. 100975, 2018, S. 88.
  18. Telefoninterview mit Gernot Stöglehner am 31.1.2022.
  19. Amt der Steiermärkischen Landesregierung (Hg.): Das Sachbereichskonzept Energie. Leitfaden Version 2.0, Graz 2019.
  20. Abart-Heriszt, Lore: Energieraumplanung Steiermark. Umsetzung des Leitfadens in den Gemeinden Kapfenberg und Semriach, auf: verwaltung.steiermark.at.
  21. E-Mail von Werner Dedl, Pressesprecher Land Oberösterreich, 2.2.2022.
  22. Telefoninterview mit Ulrike Böker am 4.2.2022.
  23. Österreichische Raumordnungskonferenz (Hg.): Österreichisches Raumentwicklungskonzept ÖREK 2030, Wien 2021, S. 59.
  24. Lohninger, Daniel: Bauland horten ist teuer, auf: noen.at (10.2.2021).
  25. Ebd.
  26. Interview Böker 2022.
  27. Art. 161, Abs. 2 BayVerf.
  28. Interview Stöglehner 2022.
  29. Adrian, Luise u.a.: Aktive Bodenpolitik: Fundament der Stadtentwicklung. Bodenpolitische Strategien und Instrumente im Lichte der kommunalen Praxis, Berlin 2021, S. 7.
  30. Umweltbundesamt (Hg.): Modellversuch Flächenzertifikatehandel, Dessau-Roßlau 2019, S. 31.
  31. Institut der deutschen Wirtschaft Köln Medien (Hg.): Tabelle: Wohnfläche je Einwohner – Quadratmeter, auf: deutschlandinzahlen.de (Stand 2019).
  32. Destatis 2022.
  33. Bündnis Bodenwende (Hg.): Bodenpolitische Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl 2021, Berlin 2021, S. 4, 9.
  34. WWF Österreich 2021, S. 26.
  35. Europäische Kommission (Hg.): EU-Bodenstrategie für 2030. Die Vorteile gesunder Böden für Menschen, Lebensmittel, Natur und Klimanutzen, Brüssel 17.11.2021.
  36. Die Umweltberatung (Hg.): Bodenversiegelung und Flächenverbrauch, auf: umweltberatung.at.
  37. Anninger, Laura: Entsiegelung: Wie aus Straßen und Parkplätzen wieder Natur wird, auf: derstandard.de (19.1.2022).
  38. Maeder, Marcus u.a.: Sounding Soil: An Acoustic, Ecological & Artistic Investigation of Soil Life, in: Soundscape. The Journal of Acoustic Ecology, Chicago 2019, Nr. 18, S. 9.

Autor:innen

Ehemalige Redakteurin bei KATAPULT. Hat Journalismus und Kommunikation in Wien und Amsterdam studiert. Themenschwerpunkte sind Gesellschaftspolitik und feministische Themen. Macht auch Podcasts.

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