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Studie

Frauen sind gut fürs Patriarchat

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Studie: „Women’s Authority in Patriarchal Social Movements: The Case of Female Salafi Preachers“ von Richard A. Nielsen (Januar 2020)

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Richard Nielsen, Professor am Massachusetts Institute of Technology, hat sich die Frage gestellt, warum streng patriarchale Bewegungen wie der Salafismus Predigerinnen Autorität zugestehen. Er kommt zu dem Schluss, dass dies zwei maßgebliche Gründe habe: die Fähigkeit der Frauen, ein neues Publikum zu erreichen, und ihre Fähigkeit, besonders glaubwürdige Argumente für das Patriarchat vorzubringen.

Nielsens im American Journal of Political Science erschienene Analyse stützt sich auf die Predigten von 172 Männern und 43 Frauen auf einer populären salafistischen Website, die vor allem ein saudisches Publikum erreicht. Insgesamt wertete er den Inhalt von 21.324 Dokumenten aus. Auf Anfrage des Wissenschaftlers erklärten einige der Autorinnen, dass die Betreiber der Seite aktiv nach weiblichen Stimmen gesucht hätten.

Keineswegs seien Predigerinnen aber als bloße Marionetten zu verstehen. »Diese Frauen besetzen nicht passiv eine Rolle, die ihnen von Männern übertragen wurde. Vielmehr müssen sie aktiv und öffentlich authentische Argumente für das Patriarchat liefern«, schreibt Nielsen. Dies erfordere eine gewisse aktivistische Ausrichtung: »Es ist notwendig, dass diese Frauen eine eigene Agenda haben, sonst sind ihre Argumente nicht wirksam.«

Die Unterschiede fangen schon bei den Themen an. Meistens behandeln die Frauen Fragen rund um Erziehung, Ehe, Familie, Verwestlichung und – natürlich – Frauen. Bisweilen schreiben sie aber auch über »Männerthemen« wie Rechtsprechung oder (vermeintliche) Irrlehren. Die Predigerinnen berufen sich weitaus seltener auf Hadithe – die Überlieferungen der Handlungen und Aussprüche des Propheten Mohammed sind neben dem Koran die wichtigste Quelle für religiöse und rechtliche Normen. Stattdessen nutzen sie ihre Identität als Schwestern, Ehefrauen und Mütter und versuchen, auf dieser emotionalen Basis zu überzeugen. Dabei verwenden sie weitaus häufiger Personalpronomen als die Männer. Das Wort »ich« kommt in ihren Texten 24 Prozent öfter vor, »du« 58 Prozent häufiger und »wir« sogar mehr als doppelt so oft. Die Predigerinnen setzen also auf die persönliche Ansprache und beziehen ihre Autorität aus ihrer eigenen Identität.

Sowohl die Texte der Frauen als auch die der Männer werden dabei vor allem von männlichen Nutzern in den sozialen Medien geteilt. Doch der Anteil der Retweets durch Frauen ist bei Texten von Predigerinnen doppelt so hoch wie bei Predigten von Männern. Zudem scheinen die Texte der Predigerinnen es öfter aus der Filterblase zu schaffen.

Nielsen vergleicht diese Mechanismen mit denen einer anderen patriarchalen Bewegung: der US-amerikanischen Neuen Rechten. Auch hier spielten weibliche Stimmen eine zunehmend größere Rolle und auch hier lasse sich feststellen, dass die Aktivistinnen häufig identitätsbasiert argumentierten.

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