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33 Sportereignisse, die die Welt verändern

Sport war, ist und wird immer politisch sein

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In der sechsten Minute der Nachspielzeit läuft Pierre Womé an, um sein Land in einen kollektiven Freudentaumel zu stürzen. Die Verwandlung des strittigen Foulelfmeters würde Kameruns Ticket für die Fußball-WM in Deutschland 2006 bedeuten. Er trifft nur den Pfosten. Weil das 1:1 gegen Ägypten nicht ausreicht, um Platz eins gegen die »Elefanten« aus Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) zu verteidigen, verwüsten verärgerte Fans das Haus und beschädigen den Mercedes des Unglücksschützen. Womé kann sich später mit dem Wissen trösten, dass sein Fehlschuss eine weitere Eskalation des ivorischen Bürgerkriegs vorerst unterbunden hat. Wie das?

Rund 2.000 Kilometer westlich von Kameruns Hauptstadt Yaoundé feierten in diesem Moment die Menschen in Côte d’Ivoire ihre erste Teilnahme an einer Weltmeisterschaft – ausgelassen und gemeinsam! Und das ist das eigentliche Wunder an diesem Oktoberabend 2005. Stürmerstar Didier Drogba bat nach dem 3:1-Sieg im Sudan die Medien in die Kabine der Ivorer, wo er wenig später – sein Team um sich geschart – ein Mikrofon in den Händen haltend live zur vom Bürgerkrieg gebeutelten Nation sprach. »Ivorerinnen und Ivorer aus dem Norden, Süden, der Mitte und dem Westen«, begann er. »Wir haben heute bewiesen, dass alle Bewohner Côte d’Ivoires zusammenleben können, dass wir gemeinsam für ein Ziel spielen können, die WM-Qualifikation.« Man habe versprochen, dass die Feierlichkeiten das Land einen werden, sagte er und ging anschließend mit seinen Teamkameraden flehend auf die Knie: »Vergebt! Vergebt! Vergebt!« Ein so reiches Land dürfe nicht in einen Krieg stürzen. »Legt die Waffen nieder. Haltet Wahlen ab!« Dann werde alles gut. Und ohne Waffen feiere es sich schließlich auch viel besser.

Auf den Rausch der Partynacht folgen tatsächlich wochenlange Verhandlungen der Rebellen im Norden mit der Regierung von Präsident Laurent Gbagbo im Süden, an deren Ende ein Waffenstillstand vereinbart wurde. Die Elefanten hatten für Frieden gesorgt. Zwei Jahre später, nachdem sich die Waffenruhe als brüchig herausgestellt hatte und sich allmählich Ernüchterung breitmachte, war es abermals Drogba, der den Menschen Hoffnung einhauchte. Kurz nachdem er die Auszeichnung als Afrikas Fußballer des Jahres erhielt, tourte er durch sein Heimatland und verkündete in der Rebellenhochburg Bouaké, dass das nächste Heimspiel der ivorischen Nationalmannschaft hier und nicht wie üblich in der größten Stadt Abidjan stattfinden solle – ein weiteres Zeichen der Versöhnung. Drogba selbst setzte mit dem 5:0 gegen Madagaskar den Schlusspunkt eines euphorischen Fußballfestes, bei dem Soldaten beider Seiten gemeinsam auf den Tribünen feierten. Fünf Tore und ein bereits im März 2007 unterzeichneter Vertrag zur Teilung der Macht sollten der Bevölkerung vier Jahre relativen Friedens schenken, ehe sich die Gewaltspirale erneut zu drehen begann und Tausende starben.

Die Macht des Sports

Die völkerverbindende Kraft des Sports stößt also immer wieder an ihre Grenzen und wird von der Tagespolitik eingeholt. Immer wieder stehen alte Rivalitäten, die durch Fußballspiele, Wasserballpartien oder Cricketmatches zelebriert und teils geschürt werden, einer Versöhnung im Weg. Sport kann sicher nicht alle Probleme lösen. Ganz im Gegenteil: Durch seine extreme Popularität verschlimmert er manches Übel auf unserem Planeten. Wenn etwa Rennserien wie die Formel 1 um die ganze Welt jetten, ist das schlecht fürs Klima. Wenn sich autoritäre Regime durch die Ausrichtung von Sportevents ein besseres Image ihres Landes versprechen, werden zahlungskräftige Fans oft geblendet und leiden am Ende zumeist Arbeiter:innen, deren Rechte beim Stadionbau missachtet werden. Wenn China afrikanischen Staaten Stadien schenkt und im Gegenzug Militärstützpunkte im Land errichtet, bringt es das globale Machtgefüge ins Wanken und kann ein Wettrüsten zur Folge haben.

Wie kaum ein anderer Nebenaspekt des Lebens hat Sport aber eben auch die Möglichkeit, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wenn Superstars ihre Stimme erheben, um den latenten Rassismus in unserer Gesellschaft anzuprangern oder Homosexuellenrechte einzufordern, können aufgeklärtere Generationen an Sportfans heranwachsen. Längst mussten Sportvereine auch die Macht von Unternehmen und Fans anerkennen. Sie zwangen beispielsweise zahlreiche US-Teams, ihre rassistischen Logos auszutauschen – vermeintliche Tradition hin oder her. Dieser Trend bleibt.

Wer den Sport möglichst vielen Menschen öffnen will, muss aber nicht nur über gleiche Bezahlung für Frauen reden und ihnen erlauben, anzuziehen, was sie verdammt noch mal wollen, sondern auch über die richtigen Regeln für die Teilnahme von trans* Frauen diskutieren. Eine Diskussion, die die Sportwelt noch lange begleiten wird. Weniger lange wartet sie hoffentlich auf vermehrte Outings männlicher Sportprofis. Dafür braucht es aber freilich wieder die Akzeptanz der Fans.

Über all dem steht, dass Sport immer auch politisch ist – sei es wegen des Auftretens, der Aussagen oder der Aktionen aktiver Athlet:innen, oder eben der Sportbegeisterten auf den Tribünen oder im Internet. Niemand gibt seine politische Überzeugung beim Betreten des Stadions wie eine Jacke ab. Alle Menschen bringen ihre Werte und Lebenserfahrung mit, egal ob in Onlinefanforen oder der Sportkneipe, dem Fußballbeisl um die Ecke. Gerade dies sind aber oft die Orte, wo der Satz »Sport soll bitte schön unpolitisch bleiben« am häufigsten fällt. Die bunt gemischten Geschichten in diesem Buch sollen dazu beitragen, diese Floskel nicht nur infrage zu stellen. Sie sollen auch helfen, sich öfter mal zu fragen, wo es vielleicht mehr politische Haltung braucht, und zu verstehen, wieso sich die Politik regelmäßig in den Sport einmischt. Man kann das gut finden oder nicht, man sollte es aber nicht ignorieren. Wer das tut, läuft sonst Gefahr, instrumentalisiert zu werden. Sport war, ist und wird noch sehr lange politisch sein.

Sport soll unpolitisch sein? So ein Blödsinn! In 33 Beispielen illustriert Fabian Sommavilla, warum Sport fast immer auch politisch ist.

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Autor:innen

Ehemaliger Praktikant bei KATAPULT.

Schwerpunkte
Kritische Geopolitik
Grenzstreitigkeiten
Terrorismus
Sicherheitsforschung

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