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Medienwirkung

Du bist die Lügenpresse

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Es gibt sie, die Lügenpresse, andere reden auch von tendenziöser Berichterstattung: Einige Themen werden bevorzugt in der Presse behandelt und andere scheitern scheinbar an der Schranke medialer Aufmerksamkeit. Der Vorwurf der Lügenpresse – im Sinne einer einseitigen Berichterstattung – unterstellt diesem Vorgang eine bewusste Handlung. Das stimmt, zumindest teilweise.

Der Nachrichtenwert wird an unterschiedlichen Maßstäben festgemacht, wie beispielsweise Neuigkeit, Sensation oder Bedeutsamkeit. Abgesehen von nicht beeinflussbaren Ereignissen (wie Attentate oder Katastrophen) können große Medien themenbestimmend wirken – kleine springen auf, um nicht unterzugehen. Hier bestimmen die Leserzahlen und Klickraten. Gerade die privaten Medien sind angesichts vieler kostenloser Angebote im Netz an Verkaufszahlen gebunden, auf den Verkauf angewiesen – sei es der Verkauf von Druckprodukten oder online die Vermarktung von Anzeigeplätzen, die sich nach Klickzahlen richten.

Wenn mehrere große Themen zeitgleich das öffentliche Interesse erregen, ist es möglich, dass diese miteinander konkurrieren. Besonders im Netz ist diese Konkurrenz spürbar, weil die Klickraten bezüglich eines Beitrags direkt ablesbar sind. Aufgrund der »Jagd« der Medien nach öffentlicher Aufmerksamkeit dominieren daher oft wenige Themen.

Tendenziöse Berichterstattung ist deshalb auch eine »natürliche« Reaktion auf die Vorlieben der Leser. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Gleichzeitig werden die Aufmerksamkeit und die Neigungen durch die Presse gewissenmaßen gelenkt, indem diese das Interesse an einem bestimmten Thema durch »einseitige« Berichterstattung potenziert. Das wird bei Facebook-Usern durch interessensgeleitete Algorithmen zusätzlich verstärkt – oft geklickte Profile (wie auch Online-Auftritte von Medien) werden häufiger eingeblendet, weniger oft geklickte herausgefiltert.

Der Vorwurf der Lügenpresse – unabhängig von dem unsäglichen Begriff – ist daher nur eine Seite der Medaille. Einschalt- und Verkaufsquoten sind marktwirtschaftliche Faktoren, die der Leser – der Kunde – bestimmt. Zugespitzt ausgedrückt: Mediale und öffentliche Aufmerksamkeit bedingen einander.

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Fußnoten

  1. Im Falle Böhmermann vs. Panama Papers ist das sicherlich nur ein Grund. Die Böhmermann-Affaire ist – isoliert betrachtet – weniger komplex und zusätzlich in den größeren Kontext der Flüchtlingsdebatte eingebettet, was gegenüber den Panama Papers – medienwirkungstechnisch betrachtet – als »vorteilhaft« gewirkt haben könnte.

Autor*innen

Geboren 1983, ist seit 2015 Redakteur bei KATAPULT und vor allem als Layouter, Grafiker und Lektor tätig. Er hat Germanistik, Kunstgeschichte und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Greifswald studiert.

Sein wissenschaftliches Hauptinteresse liegt im Bereich der Sprachwissenschaft, speziell der Psycho- und Politolinguistik. 

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