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Avocados

Drogenkartelle unterstützen für 99 Cent

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Jede vierte Avocado, die über die Ladentheke geht, finanziert mexikanische Drogenkartelle. Bei zuletzt 8,2 Milliarden Kilogramm jährlich geernteter Früchte weltweit. Hierzulande sind sie als sogenanntes Superfood seit Jahren äußerst beliebt. Während Avocados in deutschen Supermärkten aktuell vor allem aus Peru kommen, ist zu erwarten, dass der Anteil mexikanischer Exemplare steigen wird. Denn seit April 2020 gilt ein neues Freihandelsabkommen zwischen Mexiko und der EU. Mexikanische Produzent:innen sitzen vor allem im Bundesstaat Michoacán, wo die lokale Bevölkerung vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert. Und doch stellt die Avocado Michoacán vor große Probleme. Der Grund: Die Avocadoindustrie zieht Drogenkartelle an.

Dargestellt sind Morde und Mordraten in Mexiko pro Landkreis
Transparenzhinweis: Wir haben die Karte ausgetauscht. In einer vorherigen Version stand an dem Kreis von Ciudad Juárez fölschlicherweile "Mexicali".

Kartelle stellen sich breiter auf

Das organisierte Verbrechen hat eine lange Geschichte in Michoacán, genauso wie der Anbau von Avocados. Der Boom beider Branchen begann aber erst 1997, als das US-Landwirtschaftsministerium die Einfuhr aus 24 Kommunen Michoacáns erlaubte. Bis dahin waren mexikanische Avocados vom US-Markt verbannt, offiziell um der Übertragung von Krankheiten vorzubeugen. Erzeuger:innen nutzten die neue Freiheit und konzentrierten sich auf den Export ihrer Früchte. Mit Erfolg: Die US-Amerikaner:innen lieben Avocados und so stieg die Gewinnmarge schnell von umgerechnet zwölf Cent pro Kilo auf heute fast vier Euro. Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge wird die Avocado bis 2030 die meistgehandelte tropische Frucht nach der Banane sein.

Diesen gewinnbringenden Markt nutzten zunehmend auch Drogenkartelle für sich. Statt ihr Geld nur mit dem Drogenhandel zu machen, weiteten sie ihr Tätigkeitsfeld aus. Gemeint ist damit aber nicht, dass sie plötzlich Avocados anbauten. Vielmehr erpressten sie zunehmend Landwirt:innen, entführten sie und verlangten Lösegelder oder forderten Schutzgeld zur Abwehr rivalisierender Drogenkartelle.

Diese Erweiterung ihrer Geldquellen hat dem Soziologen Joel Salvador Herrera und dem Politologen César Martínez-Álvarez zufolge zwei Gründe. Zum einen suchten Kartelle nach alternativen Wegen, um an Geld zu kommen, weil ihr Markt immer umkämpfter wurde. Damit kann das organisierte Verbrechen beispielsweise zusätzliche Waffen kaufen, die es für seine illegalen Geschäfte benötigt. Zum anderen bedeutet die Vorherrschaft auf dem Avocadomarkt Macht. Sie ermöglicht es den Kriminellen, ganze Ortschaften zu kontrollieren, die von Avocados abhängig sind. Heute sind in fast zwei Dritteln aller mexikanischen Ortschaften Drogenkartelle aktiv.

Was haben mexikanische Avocadoexpote eingespielt?

Drogenkartelle zahlen bessere Löhne

So auch in Tancítaro, einem der wichtigsten Zentren des Avocadoanbaus. Die Frucht gedeiht hier so gut, dass einer von fünf Menschen davon lebt. Dass die staatlichen Institutionen im gesamten Bundesstaat Michoacán zudem eher schwach sind, hat laut Wirtschaftswissenschaftlerin Ruth Ornelas dazu geführt, dass sich hier derart viele Kartelle angesiedelt haben. Hinzu kommt, dass der Avocadoanbau ein traditioneller, nicht technologisierter Sektor und überdies standortgebunden ist. Gleiches gilt zum Beispiel für die Limetten-, Eisen- und Holzindustrie. Auch sie sind in Mexiko von kriminellen Strukturen durchsetzt.

Zusätzlich mache es der große Anteil informeller Arbeiter:innen – darunter Selbständige und Schwarzarbeiter:innen – dem organisierten Verbrechen besonders leicht, meint Ornelas. In Michoacán arbeiten zwei Drittel aller Beschäftigten im informellen Sektor, beispielsweise als Schuhputzer:innen oder Straßenverkäufer:innen. Die Kartelle können sie leicht rekrutieren, weil sie oft besser zahlen als normale Arbeitgeber.

Weniger Morde, mehr Gewalt

Auch haben Kartelle besonders in den ländlichen Regionen Michoacáns für einen Ausbau der Infrastruktur gesorgt. Sie haben das Geld, das der Regierung fehlt, und können zum Beispiel Krankenhäuser und Straßen errichten. Trotz dieser eigentlich positiven Aspekte leidet die Bevölkerung unter der Präsenz der Kriminellen, vor allem unter der Gewalt. Die bricht immer dann aus, wenn rivalisierende Gruppen den herrschenden Kartellen ihr Gebiet streitig machen. Dann kommt es zu Kämpfen und einem Anstieg von Morden und Schutzgelderpressungen.

Die Politolog:innen Megan Erickson und Lucas Owen von der Universität Washington sind der Frage nachgegangen, ob eine höhere Nachfrage nach Avocados zu mehr Gewalt seitens der Kartelle in Michoacán geführt hat. Dazu verglichen sie die Mordraten der Gemeinden, die vom Avocadoanbau profitieren, mit denen ohne nennenswerte Avocadoexporte. Außerdem bezogen sie auch solche Kommunen in ihre Untersuchung mit ein, die die Frucht erst seit 2016 exportierten – dem Jahr, in dem die USA die Importregelungen für Avocados lockerten. Überraschenderweise zeigt die Analyse, dass die Mordrate in den Gemeinden, die Avocados erst seit 2016 in die USA exportieren durften, seitdem gesunken war. Erickson und Owen schlussfolgern, dass die Anwesenheit von Kartellen nicht zwangsläufig zu mehr Gewalt führt. Kritiker:innen der Studie, wie die Forscherin Jessica Lynn Rudo, machen auf die begrenzte Aussagekraft der Ergebnisse aufmerksam. So seien zwar die Mordraten zurückgegangen, doch hätten andere Formen von Gewalt zugenommen, etwa Erpressungen, Entführungen und Vergewaltigungen.

Wirtschaftsbremse Erpressung

Die Präsenz von Drogenkartellen schadet der Bevölkerung aber auch auf andere Weise: Sie steht der wirtschaftlichen Entwicklung im Weg, erklärt Ruth Ornelas. Regelmäßige Erpressungen, die eine wesentliche Einnahmequelle der Drogenkartelle darstellen, und die daraus resultierende permanente Unsicherheit für die Bevölkerung führen zu Landflucht. Schätzungsweise 800 Familien verließen wegen der Gewalt die Gemeinde Chinicuila im Westen des Bundesstaates – mehr als die Hälfte der Einwohner:innen. Auch staatliche Institutionen wie die Polizei oder der Bürgermeister haben sich aus Chinicuila zurückgezogen.

Die verbleibende Bevölkerung kann schlechter mit der Konkurrenz aus anderen Ländern mithalten. Unter anderem, weil sie Schutzgeld entsprechend ihres Produktions- und Exportvolumens und der Größe ihrer Plantagen zahlen muss. Darüber hinaus schreckt die Präsenz des organisierten Verbrechens inländische und ausländische Investor:innen ab. Ornelas schätzt, umgerechnet 14 Millionen Euro habe etwa das Kartell Caballeros Templarios, zu Deutsch »Tempelritter«, allein 2009 in der Avocadoindustrie erpresst. Das entspricht gut einem Zehntel des Werts einer achteinhalb Tonnen schweren Lieferung synthetischer Drogen, die von mexikanischen Behörden im selben Jahr beschlagnahmt wurde. Und das war nur ein Kartell von vielen, wenngleich es mittlerweile aufgelöst wurde.

Regierung entfacht Drogenkrieg

Ein weiteres Beispiel für den immensen Einfluss der Drogenkartelle auf die Gesellschaft sind illegale Waldrodungen. Beispielsweise im 18.000-Seelen-Ort Cherán, der etwa 50 Kilometer westlich von Michoacáns Hauptstadt Morelia liegt. Die Kleinstadt verlor zwischen 2008 und 2011 rund 130 Quadratkilometer Wald – die Hälfte der gesamten Fläche der Gemeinde. Neben dem Verkauf des Holzes nutzen die Kartelle die gerodeten Flächen zum Anbau von Marihuana oder Avocados. Die Zerstörung der Wälder löste in der Bevölkerung Cheráns besonders große Wut aus, denn sie haben für das dort ansässige indigene Volk der Purépecha eine spirituelle Bedeutung.

Auf die Regierung konnte sich Cherán nicht verlassen. Das hatten die vergangenen Jahre gezeigt: Bis 2006 hatte sie, trotz vermehrter gewalttätiger Übergriffe auf die Bevölkerung, nur das Nötigste im Kampf gegen die Kartelle getan. Der 2006 gewählte Präsident Felipe Calderón versuchte mit der bislang größten Offensive, die Kartelle zu zerschlagen. In der Folge nahm das Militär mächtige Drogenbosse fest. Statt jedoch die Gewalt einzudämmen, sorgten die Maßnahmen für eine Zersplitterung der Kartelle aufgrund interner Streitigkeiten und fehlender Führungskräfte. Neben der Gewalt durch große Kartellgruppen bekämpften sich nun auch die Splittergruppen untereinander. Gab es vor der Intervention Präsident Calderóns sechs große Kartelle in Michoacán, so sind es heute mehrere Dutzend kleinere und aggressivere. Deren Einkommensquellen wurden noch diverser, Übergriffe auf die Zivilbevölkerung noch häufiger. Die Militäroffensive wird daher rückblickend als Beginn des sogenannten Drogenkriegs betrachtet. Als Calderóns Nachfolger 2012 das Militär größtenteils abzog, füllten erneut Kartelle das Machtvakuum.

Selbstverwaltung besiegt Drogenkartelle

Die Gemeinde San Francisco Cherán verfolgt deshalb eine ganz andere Strategie. Ausgehend von einer Gruppe Frauen formierte sich dort ab 2011 ziviler Widerstand – ähnlich wie in rund 50 weiteren Gemeinden Michoacáns. Unterstützt von Landwirt:innen und anderen Freiwilligen bildeten sie Bürgerwehren. Sie nennen sich Autodefensas – Selbstverteidigungsgruppen – und verteidigen sich nicht nur gegen Kartelle, sondern auch gegen die mit ihnen verbündete Polizei. Korrupte Politiker:innen wie der Bürgermeister wurden vertrieben. An jedem Ortseingang errichteten sie Barrikaden, um Besucher:innen zu kontrollieren und Kartellmitglieder abzuweisen. Auch über Land patrouilliert die Bürgerwehr.

Die Kleinstadt geht noch einen Schritt weiter: Seit 2014 nimmt sie als erste Gemeinde Mexikos eine Selbstverwaltungsklausel der Verfassung wahr. Das ist möglich, weil mehr als die Hälfte der Bevölkerung den Purépecha angehört. Die neue Rätedemokratie und die Ernennung einer eigenen Gemeindepolizei basieren auf indigenen Bräuchen und werden von der Regierung anerkannt. Parteien und Korruption soll es nicht mehr geben.

Zu den bedeutendsten Entscheidungen des zwölfköpfigen Gemeinderats zählt das Verbot, Avocados kommerziell anzubauen. Auch der illegale Holzhandel konnte eingedämmt werden, seitdem die Wälder nicht nur bewacht, sondern auch aufgeforstet werden. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen reichen bis in den Gesundheitssektor. So gibt es weniger Fehlgeburten, da Landwirt:innen weniger aggressive Pestizide verwenden, um die Avocadoproduktion zu maximieren. Zudem wird das Grundwasser geschont, weil der wasserintensive Avocadoanbau es nicht mehr belastet.

Die bisher beste Methode gegen die Kartelle

Durch die Anerkennung einer Selbstverwaltung hat auch die Autodefensa in Cherán einen Son­derstatus. Sie gilt als Gemeindepolizei und erhält Waffen von der mexikanischen Regierung. Doch auch dieses System ist nicht perfekt. Andernorts entwickelte sich 2013 aus einer Selbstverteidigungsgruppe ein besonders gewalttätiges Drogenkartell: Los Viagras. Dessen Kämpfe gegen das Kartell Jalisco Nueva Generación, eines der größten und gefährlichsten Kartelle der Welt, dauern bis heute an. Einst gegründet, um sich vor den Grausamkeiten der Kartelle zu schützen, zeigen die Viagras, dass Korruption ein allgegenwärtiges Problem ist.

Und auch die basisdemokratische Regierungsform Cheráns funktioniert nicht vollkommen unabhängig: Kapitalverbrechen wie Mord werden noch immer vor staatlichen Gerichten verhandelt, an denen Purépecha-Bräuche keine Beachtung finden. Außerdem berichten Ratsmitglieder von Schikanen seitens der Regierung Michoacáns, indem diese beispielsweise das Budget für Sozialprogramme nicht auszahlt. Trotz allem gilt Cherán seit Jahren als Erfolgsmodell: Schon 2017 wies die Stadt die niedrigste Mordrate ganz Michoacáns und eine der niedrigsten des ganzen Landes auf. Das streben auch die 15 Gemeinden an, denen Mexikos Regierung kürzlich ebenfalls einen Sonderstatus als indigene Selbstverwaltungen gewährt hat.

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Fußnoten

  1. Food and Agriculture Organization of the United Nations (Hg.): Crops and livestock products, auf: fao.org.
  2. United Nations (Hg.): UN Comtrade Database, auf: comtrade.un.org.
  3. Erickson, Meghan; Owen, Lucas: Blood Avocados: Cartel Violence Over Licit Industries in Mexico, Washington 2020, S. 12.
  4. Rudo, Jessica Lynn: Beyond the Guacamole: A history of how drug organizations became involved in the avocado industry, Pensacola 2021, S. 2.
  5. Herrera, Joel Salvador; Martínez-Álvarez, César B.: Diversifying violence. Mining, export-agriculture, and criminal governance in Mexico, in: World Development, (151)2022, S. 1-14.
  6. Kennedy, Lucy: The Avocado War, Staffel 2, Folge 1, 2019, ab Min. 00:16:20.
  7. Ornelas, Ruth G.: Organized Crime in Michoacán: Rent-Seeking Activities in the Avocado Export Market, (46)2018, Nr. 5, S. 762.
  8. Ebd., S. 773.
  9. Ebd., S. 781.
  10. Gobierno de México (Hg.): Michoacán de Ocampo, auf: datamexico.org.
  11. Ornelas 2018, S. 781.
  12. Erickson/Owen 2020, S. 1.
  13. Rudo 2021, S. 6.
  14. Ornelas 2018, S. 781.
  15. Ebd., S. 761.
  16. Comision Mexicana de Defensa y Promocion de los Derechos Humanos (Hg.): Boletín: situación de desplazamiento interno forzado en México, auf: mailchi.mp; Arrieta, Carlos: Crimen organizado asesina la Navidad en Chinicuila; nada que festejar en Michoacán, auf: lasillarota.com (23.12.2021).
  17. Ornelas 2018, S. 785.
  18. Amnesty International (Hg.): Ein Vorbild für Mexikos Indigene, auf: amnesty.ch (August 2012).
  19. Ernst, Falko: America's appetite for avocados is helping to fuel the Mexican cartels, but giving up guacamole isn't the solution, auf: businessinsider.com (23.2.2020).
  20. Welch Guerra, Paul: Wie eine kleine Stadt die Drogenmafia besiegt, auf: deutschlandfunkkultur.de (22.2.2022).
  21. Ebd.
  22. Amnesty International 2012.
  23. Agren, David: The Mexican indigenous community that ran politicians out of town, auf: theguardian.com (3.4.2018).
  24. Welch Guerra 2022.

Autor:innen

Hat Deutsch-Lateinamerikanische BWL in Münster und Mexiko City studiert. Seit April 2020 ist sie Projektleiterin bei KATAPULT, seit Herbst 2021 leitet sie die Produktion des KATAPULT-Magazins.

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