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NUTS-2

Deutschland, Europas Reichenviertel

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In Deutschland ist noch 30 Jahre nach dem Mauerfall die innerdeutsche Grenze erkennbar. Die westdeutschen Regionen verfügen fast alle über mehr Wirtschaftskraft als der europäische Durchschnitt. Nur in den sogenannten NUTS-2-Regionen Trier und Lüneburg liegt das BIP pro Kopf Einkommen darunter, genau wie im Osten Deutschlands. Die einzige Ausnahme dort ist Berlin.

Das Europäische Statistikamt (Eurostat) greift zum Erfassen, Zusammenstellen und Verbreiten von Statistiken auf die sogenannte NUTS (Nomenclature des unités territoriales statistiques) zurück. Durch NUTS-2 werden Basisregionen voneinander unterschieden. Sie dienen als Grundlage zur Anwendung regionaler Entwicklungspolitik und werden unter anderem genutzt, um Ansprüche auf Investitionsmittel zu bestimmen.

Die Größe der Fläche und Einwohnerzahl, welche eine solche Basisregion umfasst, ist sehr variabel. Dennoch ermöglicht diese Unterteilung ein präziseres Gesamtbild der EU als die Staatenebene. Das Einteilen der Gebiete oberhalb und unterhalb des EU-weit durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf verdeutlicht, dass sich Wohlstand sowohl über Staatsgrenzen hinweg als auch innerhalb eines Landes unterschiedlich verteilt.

So lässt sich das Phänomen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR auch in weiteren, einst sozialistischen Ländern beobachten. In vier Fällen bildet dort die Hauptstadt die einzige Region über dem europäischen Mittelwert. Von diesen belegen Bratislava und Prag sogar Plätze in der Top 10 aller Regionen.

Allerdings zeichnet sich mit Frankreich selbst in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Union eine ähnliche Tendenz ab. Neben dem Großraum Paris befindet sich nur eine weitere Region im überdurchschnittlichen Bereich. Auf der einen Seite verkörpert die Metropolregion eindeutig den Motor des Landes: Ein Fünftel der Bevölkerung erwirtschaftet dort fast ein Drittel des nationalen BIP. Gleichzeitig wird dieser Zentralismus aber auch dafür kritisiert, dem Rest Frankreichs die Ressourcen zu entziehen. Die wirtschaftlichen, akademischen und politischen Spitzen der französischen Bevölkerung zieht es meistens nach Paris.

Bis vor Kurzem zählte noch eine weitere Megacity zur EU: London. Die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs ist die einzige Stadt, die sich durch die NUTS-2-Klassifizierung in mehrere Regionen unterteilt. Auf diese Weise wird dort die Wohlstandsverteilung innerhalb einer Stadt ersichtlich. Während der die City umfassende Bezirk Inner London West den höchsten Wert Europas besitzt (620 Prozent des EU-Durchschnitts), liegen die südlichen und nordöstlichen Außenbereiche der Stadt unter dem EU-Schnitt. Des Weiteren ergibt sich in England ein deutlicher Unterschied zwischen Norden und Süden.

Die EU-Regionen sind nur Konstruktionen von Statistikern und haben auch ihre Nachteile. So kann ein armes Umland statistisch verschleiern, dass sich in einer Region auch eine reiche Stadt befindet, und eine reiche Stadt kann die Armut ihres Umlands verstecken. Mehrere Staaten entschieden sich in den letzten Jahren dazu, ihre Hauptstädte von größeren Regionen abzuspalten, wodurch die Überbleibsel im Schnitt deutlich ärmer dastanden und sich so für EU-Subventionen qualifizierten.

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Fußnoten

  1. Eurostat (Hg.): Bevölkerung am 1. Januar nach NUTS-2-Region, auf: ec.europa.eu (Stand: 20.2.2020).
  2. Ebd.

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