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Medienforschung

Deutscher Journalismus: linksgrün und abgehoben

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Zahlen vermitteln Objektivität. Auch für die These, dass die deutschen Medien links sind, dienen deshalb Zahlen als Beleg: Nur neun Prozent der Politikjournalisten neigen der CDU/CSU zu, der FDP sogar nur etwas über sieben Prozent. Etwa ein Viertel hingegen fühlt sich den Grünen verbunden.

Die Daten stammen aus einer Studie der Freien Universität Berlin (2010) unter Leitung der Kommunikationswissenschaftlerin Margreth Lünenborg. Gemeinsam mit ähnlichen Untersuchungen aus den Jahren 2005 und 2017 dient die Erhebung zahlreichen rechtskonservativen Zeitungen wie »Compact« oder »Tichys Einblick« als Beleg, um ihre Kritik an der deutschen Presselandschaft zu untermauern. Doch auch Redakteure von »Spiegel« oder »NZZ« behaupten mit Blick auf diese Daten: Die deutschen Medien sind linksgrün.

Auch Politiker aus dem konservativen Spektrum beklagen eine »linke Meinungsvorherrschaft«. So stellte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt fest, Medien, Kunst und Kultur seien von linken Eliten besetzt und »zu Meinungsverkündern, selbst ernannten Volkserziehern und lautstarken Sprachrohren einer linken Minderheit« geworden. 2018 rief er deshalb zur »bürgerlich-konservativen Wende« auf.

Die Zahlen scheinen eindeutig. Das Problem: Weder die zitierte Studie noch andere ähnliche Untersuchungen belegen die Behauptungen. Im Gegenteil, die Autoren dieser Studien weisen auf Nachfrage von Katapult darauf hin, dass ihre Ergebnisse häufig falsch interpretiert und bewusst verzerrend dargestellt würden. Belege für eine von Linken dominierte Presse sehen sie in ihren Studien nicht. Vielmehr müsse man die redaktionelle Linie des jeweiligen Mediums in den Blick nehmen und mit Hilfe von Inhaltsanalysen bewerten, welche politische Orientierung tatsächlich überwiege.

Studien werden falsch zitiert

Häufig unterschlagen Redakteure die wichtigste Zahl: Die größte Gruppe der befragten Journalisten gibt an, sich keiner Partei verbunden zu fühlen. Im Fall der 743 von Lünenborg und Simon Berghofer befragten Politikjournalisten waren das 36,1 Prozent. Die Parteineigung von Journalisten lässt sich daher auch nicht problemlos mit der der Bevölkerung vergleichen, denn die Gruppe, die keine Präferenz nennt, ist auch nicht der Gruppe der Nichtwähler zuzuordnen.

Dennoch ist die Beobachtung richtig, dass sich die Mehrheit der Journalisten zumindest nicht rechts der Mitte verortet. Daraus abzuleiten, die deutsche Presse sei links und repräsentiere nicht die Bevölkerung, ist jedoch verkehrt.

Inwiefern die persönliche politische Orientierung Einfluss auf die Berichterstattung hat, hängt von zahlreichen Faktoren ab, unter anderem dem beruflichen Selbstverständnis. Auch das erfragen die verschiedenen Journalismusstudien. Lünenborg und Berghofer verdeutlichen in ihrer Befragung, dass für über 80 Prozent der Befragten der Anspruch im Vordergrund steht, ihr Publikum neutral und präzise zu informieren.

Das bestätigt auch Nina Steindl von der LMU München. In einer Erhebung aus dem Jahr 2017 stimmten 82 Prozent von 771 Journalisten aus verschiedenen Ressorts der Aussage zu, dass es ihnen »sehr oder extrem wichtig« sei, als neutrale Beobachter zu berichten. Im Gegensatz dazu gaben in der gleichen Erhebung weniger als ein Prozent der Journalisten an, dass sie die Regierung unterstützen oder ein positives Bild von ihr vermitteln möchten.

Europa: Auflagenstärkste Zeitungen sind wirtschaftsliberal und konservativ

Der vielleicht wichtigste Fehlschluss ist: Von der politischen Orientierung der befragten Journalisten lässt sich nicht unmittelbar auf deren Berichterstattung schließen. Entscheidend ist vielmehr, welche Reichweite die Medien haben, für die sie arbeiten – und welche politische Linie diese verfolgen. Die persönliche Orientierung eines Journalisten und die redaktionelle Linie des zugehörigen Mediums unterschieden sich zum Teil sehr deutlich, meint Lünenborg.

Beispiel Printmarkt: Die auflagenstärkste Tageszeitung in Deutschland ist »Bild«, herausgegeben vom Axel-Springer-Verlag. Dem Boulevardblatt und seinem Verlag wird immer wieder ein unsauberer Kampagnenstil vorgeworfen, politisch positioniert sich der Branchenführer klar konservativ. Die Reichweite der zweitgrößten überregionalen Tageszeitung, der »Süddeutschen Zeitung« mit linksliberaler Ausrichtung, wird auf etwa 1,2 Millionen Menschen geschätzt. Auf Platz drei folgt die »FAZ«, die etwa 0,8 Millionen Menschen erreicht und sich als liberal-konservatives Medium versteht.

Zu den drei auflagenstärksten politischen Wochenmagazinen zählt mit dem »Spiegel« lediglich ein Magazin, dass sich selbst als liberales, jedoch »im Zweifelsfalle linkes Blatt« beschreibt – wie Gründer Rudolf Augstein einst formulierte. Der »Focus« verfolgt hingegen eine Berichterstattung, die explizit gegen progressive Positionen gerichtet ist. Gründer Helmut Markwort konzipierte das Magazin als Gegenstück zum »Spiegel«, der langjährige Mitherausgeber Uli Baur verortet es »im Zweifel rechts«.

Einige Blogs führen als Beleg für eine linke Dominanz auch Studien an, die die linke politische Orientierung von Medienmachern in verschiedenen Ländern Europas beweisen sollen. Diese sind jedoch nicht repräsentativ. Auch in Europa zeigt sich stattdessen: Unter den auflagenstärksten Zeitungen finden sich nur wenige linksliberale, aber viele wirtschaftsliberale und konservative Medien: Die Boulevardzeitung »The Sun« in Großbritannien, »Ouest France« in Frankreich, oder die rechtskonservative »De Telegraaf« in den Niederlanden.

Chefredakteure sind konservativer als ihre Mitarbeiter

Die meisten Befragungen zur politischen Einstellung von Journalisten arbeiten nicht mit Parteineigung, sondern der Selbstverortung auf einer Links-rechts-Skala. Seit Jahrzehnten sieht sich der Großteil der befragten Journalisten dabei etwas links der Mitte positioniert. Die politische Ausrichtung ihres Mediums empfinden sie jedoch als etwas oder sogar deutlich weiter rechts ihrer Einstellung.

Das ist plausibel, wie der schweizerische Medienforscher Vinzenz Wyss von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur 2017 herausfand. Er untersuchte die Angaben von rund 900 Schweizer Journalisten und folgert: Je höher die Befragten auf der Karriereleiter stehen, desto weiter rechts verorten sie sich. Leitende Redakteure neigen demnach viel häufiger zu konservativen Positionen als ihre Mitarbeiter. Gilt das auch für Deutschland? Die Studien der LMU München (2017) und der FU Berlin (2010) geben darüber keinen Aufschluss. Dennoch, glaubt Medienwissenschaftlerin Lünenborg, gelte für Deutschland Ähnliches, wie sie auf Nachfrage von Katapult bestätigt.

Wie stark die politische Ausrichtung eines Mediums von der Chefetage abhängt, zeigt sich bei etablierten Medien, die einen Wechsel der Führungsebene erleben. So hat sich die liberale »Neue Zürcher Zeitung« – ein Leitmedium im deutschsprachigen Raum – unter dem neuen Chefredakteur Eric Gujer seit 2015 deutlich nach rechts geöffnet. Auch beim politischen Magazin »Cicero« beobachten Fachjournalisten einen klaren Rechtskurs, seitdem Christoph Schwennicke nicht nur Chefredakteur (seit 2012), sondern auch Herausgeber ist (seit 2016). Ob sich Journalisten bei der Auswahl und Bewertung von Themen gegen die leitenden Redakteure durchsetzen können, hängt dabei stark von der inneren Organisation des Mediums ab, der sogenannten »inneren Pressefreiheit«.

Die öffentliche Debatte muss unterscheiden: Linksliberal ist nicht gleich links und konservativ nicht gleich rechtspopulistisch. Die Behauptung einer linken Meinungsherrschaft versucht jedoch, alle Differenzierungen verschwimmen zu lassen. Liberal und links werden gleichgesetzt, demokratische Traditionen als linke Projekte etikettiert. Das gilt nicht nur für Deutschland. So titelte 2017 auch der eigentlich sozialdemokratisch orientierte »Tages-Anzeiger«, die auflagenstärkste Schweizer Tageszeitung: »Fast drei Viertel aller SRG-Journalisten sind links«. Zahlreiche nationale Medien übernahmen die Angaben kritiklos, auch rechtspopulistische Publizisten zitierten die Schlagzeile.

Der Autor der Studie, Vinzenz Wyss, wehrte sich über Twitter. Das Hauptproblem: Die Mitte umfasst durchaus eine leichte Streuung nach beiden Seiten. Die verschiedenen Abstufungen in beide Richtungen als einheitlich »links« oder »rechts« zu bezeichnen, ist deshalb irreführend. In der Umfrage von Wyss definierten sich 18 Prozent als leicht links der Mitte, knapp 18 Prozent als eher links und lediglich acht Prozent als links­außen. Leicht rechts der Mitte beziehungsweise eher rechts verorteten sich jeweils etwa sieben Prozent der Befragten. Auf rechtsaußen entfiel weniger als ein Prozent der Angaben.

In Deutschland arbeiten eine Reihe rechter Medien mit ähnlichen Zuspitzungen, etwa »Tichys Einblick« (Herausgeber Roland Tichy war Chef der »Wirtschaftswoche«), »Compact« oder die reformierte »Epoch Times«. Sie füllen eine Lücke in der deutschen Presselandschaft, in der es bislang kaum publikumsstarke, offen rechtspopulistische Angebote gab. Ihnen nutzte vor allem die starke Polarisierung um das Thema Migration und Flucht. Mit ihrer klaren Positionierung konnten sie zahlreiche Abonnenten gewinnen – durch undifferenzierte, fast ausschließlich negative Berichterstattung. Die etablierten Medien hingegen diffamierten sie als »linke Systemmedien« oder »Lügenpresse«.

Das linksliberale Meinungsmagazin »Der Freitag« beklagt deshalb, die Asyldebatte sei vor allem von rechts geführt worden. Die Berichterstatter zeigten sich schnell bereit, Positionen etwa von AfD und Pegida zu diskutieren. Linke Perspektiven seien stattdessen selten gewesen. Die Vereinbarungen mit der Türkei oder Libyen zur Schließung der Fluchtrouten, die Bekämpfung von Fluchtursachen oder die Schicksale der Abgeschobenen erfuhren kaum kritische Beleuchtung.

Inhaltsanalysen, die sich mit der Fluchtdebatte auseinandersetzen, kommen zu differenzierten Ergebnissen. Tatsächlich stellte der Medienwissenschaftler Michael Haller anhand einer Untersuchung von überregionalen Tageszeitungen (»FAZ«, »Die Welt« und »Süddeutsche«) fest, dass sich Journalisten gerade zu Beginn der Debatte 2015/2016 nicht kritisch genug mit dem Regierungskurs auseinandergesetzt hätten. Zu selten hätten sie die Asylpolitik infrage gestellt oder kritisch zur »Willkommenskultur« Stellung bezogen.

Die mangelnde Differenzierung wirkte sich jedoch nicht nur zugunsten der Geflüchteten aus. Das zeigt der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer in einer 2019 veröffentlichten Untersuchung. Zwar seien Flüchtlinge zu Beginn überwiegend positiv, Migration als Phänomen aber fast durchweg als Bedrohung dargestellt worden. Seit den sexuellen Übergriffen in Köln zur Silvesternacht 2015/16 habe Kriminalität zudem sowohl in Zeitungen als auch in Fernsehberichten eine überproportional große Rolle gespielt.

Eurokrise: Griechen kamen nicht zu Wort

Für eine linke Dominanz beim Thema Migration fehlen Belege, eher deuten die Studien auf eine starke Übereinstimmung zwischen Berichterstattung und Regierungspolitik hin. Das gilt auch für ein weiteres Megathema der letzten Jahre: die Eurokrise. Im Fall Griechenland unterstützten die meisten deutschen Medien die neoliberale Austeritätspolitik der deutschen Regierung. Die Medienforscher Kim Otto und Andreas Köhler urteilen: Die deutsche Presse differenzierte nicht genug und berichtete häufig wertend statt neutral. Griechische Politiker und Betroffene seien nur selten zu Wort gekommen und wurden meist negativ dargestellt. Debatten über Alternativen zur Sparpolitik, wie sie in angloamerikanischen Medien geführt wurden, fehlten überwiegend.

Deutsche Journalisten suchten die Schuld für die Krise vor allem bei den südeuropäischen Staaten. Makroökonomische Ungleichgewichte als Auslöser seien hingegen kaum zur Sprache gekommen, wie Heribert Dieter von der Stiftung Wissenschaft und Politik bemängelt. Die geringe Vielfalt der Berichte ist problematisch, aber nicht links. Sie entsprach eher rechtsliberalen bis konservativen Krisendeutungen.

Obwohl also wenige Journalisten in Umfragen angeben, sich mit der Politik der Regierung gemeinmachen zu wollen, scheinen sie nicht immer kritisch genug zu berichten. Die Presse selbst kritisch zu hinterfragen, ist deshalb wichtig. Die Behauptung einer von Linken dominierten Presse aber ist vor allem eines: Irreführung. Das zeigen die Inhaltsanalysen. Zudem sind statt der politischen Ausrichtung einzelner Journalisten die grundlegende Orientierung des Mediums und die Ausrichtung der Chefredaktion von zentraler Bedeutung.

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Fußnoten

  1. Vgl. Lünenborg, Margreth und Berg­hofer, Simon: Politikjournalistinnen und -journalisten, Berlin 2010.
  2. Alle Zitate von Dobrindt, Alexander: Wir brauchen eine bürgerlich-konservative Wende, auf: welt.de (4.1.2018).
  3. So Margreth Lünenborg (FU Berlin) und Nina Steindl (LMU München) gegenüber Katapult.
  4. Vgl. Steindl, Nina; Lauerer, Corinna; Hanitzsch, Thomas: Journalismus in Deutschland. Aktuelle Befunde zu Kontinuität und Wandel im deutschen Journalismus, in: Publizistik, (62)2017, S. 420.
  5. Hausmitteilung, in: Der Spiegel, 1971, Nr. 40, S. 3.
  6. Vgl. o.A.: Neue Studie – Unsere Medien sind links geprägt!, auf: neopresse.com (11.06.2018).
  7. Vgl. u.a. Lünenborg/Berghofer 2010, S. 13; vgl. Weischenberg, Siegfried u.a.: Die Souffleure der Mediengesellschaft, Konstanz 2006.
  8. Vgl. zusammenfassend Daum, Matthias; Shaller, Caspar: Druck von rechts, auf: zeit.de (13.12.2017).
  9. Vgl. Bednarz, Liane: Was im »Cicero« gesagt werden darf. »Kriegs- und Auschwitz-Komplex«, auf: starke-meinungen.de (1.7.2016).
  10. Vgl. u.a. Köster, Elsa: Wir lassen es längst, auf: freitag.de (23.1.2019); Dell, Matthias: Die neue Ordnung, auf: freitag.de (1.7.2018).
  11. Vgl. Haller, Michael: Die »Flüchtlingskrise« in den Medien, hrsg. von der Otto-Brenner-Stiftung, Frankfurt/Main 2017. (OBS-Arbeitsheft 93)
  12. Untersuchter Zeitraum: 31.5.2015 bis 31.1.2016.- Vgl. Maurer, Marcus u.a.: Auf den Spuren der Lügenpresse. Zur Richtigkeit und Ausgewogenheit der Medienberichterstattung in der »Flüchtlingskrise«, in: Publizistik, (65)2019, Nr. 1, S. 15-35.
  13. Vgl. Otto, Kim; Köhler, Andreas: Die Berichterstattung deutscher Medien in der griechischen Staatsschuldenkrise, hrsg. von der Otto-Brenner-Stiftung, Frankfurt/Main 2016.
  14. Vgl. Dieter, Heribert: Deutschlands zweischneidige Außenwirtschaftspolitik. Gründe und Optionen für den Abbau der Leistungsbilanzüberschüsse, Berlin 2017. (SWP-Studie 13, Juli 2018)

Autor:innen

Geboren 1988, ist seit 2017 bei KATAPULT und Chefredakteur des KNICKER, dem Katapult-Faltmagazin. Er hat Politik- und Musikwissenschaft in Halle und Berlin studiert und lehrt als Dozent für GIS-Analysen. Zu seinen Schwerpunkten zählen Geoinformatik sowie vergleichende Politik- und Medienanalysen.

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