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Waldrodung vs. Serverabgase

Buch oder E-Paper – was ist umweltschädlicher?

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»Bitte kein Papier schicken!« Einige Zeitungsleser nutzen nur noch E-Paper – sie wollen dadurch die Umwelt schonen. Denn beim Druck und Vertrieb einer Zeitung entstehen Umweltschäden durch Waldrodung für das Papier und CO2-Emissionen durch den Transport. Beim E-Paper fällt das alles nicht an. Es gilt als Elektroauto des Verlagswesens, emittiert wenig CO2 und braucht kaum Rohstoffe. Ist diese Sichtweise eigentlich zutreffend? Nein.

Auch E-Paper belasten die Natur. Die Umweltschäden, die durch die Herstellung elektronischer Geräte und Serverfarmen entstehen, ist den meisten Zeitungslesern nur weniger bewusst. Amazon ist einer der größten Anbieter für E-Paper und musste bereits eine halbe Million US-Dollar zahlen, weil es seine Dieselgeneratoren für Großrechner unerlaubt laufen ließ. Die Rechenzentren der Internetkonzerne befinden sich schon lange auf den Listen der größten Umweltverschmutzer der USA. Im Silicon Valley verbrauchen die Server dieser Unternehmen sogar 90 Prozent des gesamten Strombedarfs.

Was ist umweltschädlicher, das gedruckte Magazin oder das E-Paper?

Ein E-Reader lohnt sich ökologisch erst, wenn beispielsweise über 340 Zeitungen mit dem elektronischen Gerät gelesen wurden. Liest man weniger, bevor man sich ein neues Gerät kauft, ist die Umweltbelastung größer. Zu genau dieser Fragestellung existieren bereits mehrere Studien. Harish Jeswani und Adisa Azapagic haben diese Studien miteinander verglichen und einen Mittelwert gebildet. Die Autoren schreiben, dass sich ein E-Paper (bestätigt durch alle Studien) nur dann ökologisch lohne, wenn damit »sehr viel« gelesen werde.

Ein E-Reader hat erst dann einen geringeren CO2-Fußabdruck, wenn mit dem Gerät über 40 Bücher gelesen werden oder 130 Berichte, die mit einem Laserdrucker ausgedruckt worden wären. Wenn ein gedrucktes Produkt aber mehrfach (oder von mehreren Personen) gelesen wird, vervielfacht sich das Verhältnis. Lesen beispielsweise zwei Personen ein und dasselbe gedruckte Buch, verändert das die gesamte Rechnung. In dem Fall lohnt sich ein E-Reader beispielsweise erst, wenn 80 Bücher damit gelesen werden.

Energiefresser Internet

Nicht nur das E-Paper ist umweltbelastend, jede Nutzung des Internets stößt CO2 aus. Es wirkt zunächst harmlos, weil ein Internetnutzer nicht direkt merkt, was seine Klicks auslösen. Dabei ist das Internet mittlerweile einer der größten Energieverbraucher der Welt. Eine Milliarde Menschen googeln jeden Tag irgendetwas, auf Facebook werden täglich 5,6 Milliarden Likes hinterlassen – ja, jedes Like muss gespeichert werden. Jede Onlineüberweisung, jede Suchanfrage und jedes hochgeladene Foto kosten Speicherplatz in den Serverfarmen von Google, Facebook und Amazon.

Und Speicher laufen nur mit Energiezufuhr. Zusätzlich wird jede Serverfarm grundsätzlich mit Notstromaggregaten ausgestattet, weil die Kunden keine Ausfälle mehr dulden. Diese werden in den meisten Fällen mit Diesel betrieben, sind so groß wie ein Einfamilienhaus und müssen zu Probezwecken regelmäßig eingeschaltet werden. In China und der Mongolei werden Server hingegen hauptsächlich mit Kohlestrom betrieben. In Ulan-Bator, der Hauptstadt der Mongolei, wird derzeit die größte Serverfarm der Welt gebaut. Schon heute gibt es kaum eine Stadt auf der Welt, in der die Luftverschmutzung höher ist.

Apokalypse durch Bitcoin

Das Internet ist nicht sauber, weil es vor allem viel Energie für »seinen« Speicher benötigt. Deshalb sind Technologien wichtig, die wenig Speicherplatz benötigen. Das Gegenteil davon ist die Blockchain, die auch für Bitcoin genutzt wird. Eine einzige Bitcoin-Überweisung stößt so viel CO2 aus wie eine 1.800 Kilometer lange Autofahrt mit einem durchschnittlichen Verbrennungsmotor.

Das gesamte System der immateriellen Währungen ist so umweltschädlich, wie es das klassische Hartgeld nie sein konnte. Allein die Transaktionen von Bitcoins verbrauchen fast so viel wie die Stromerzeugung in der Schweiz und wenn die Begeisterung dafür weiter steigt, wird der Verbrauch irgendwann höher sein als der der USA.

Die Blockchain-Technologie ist so angelegt, dass jede Überweisung einen neuen Datensatz (block) an alle alten Überweisungen anhängt, wodurch eine Kette (chain) entsteht, die immer länger wird und immer mehr Speicherplatz benötigt. Die Blockchain ist so programmiert, dass sie zu einer riesigen Datenmasse anwächst. Mit jeder Transaktion werden alle folgenden Transaktionen umweltschädlicher. Dass diese Technologie erfunden und dann auch noch genutzt wurde, zeigt, dass ein Bewusstsein für Umweltschäden durch zu hohe Datenmengen kaum vorhanden ist.

Das Internet belastet den Planeten und im Internet werden schon Weltuntergangsszenarien erstellt, in denen sich Facebook-Nutzer in den Erstickungstod liken. Das ist natürlich verkürzt dargestellt. Dennoch ist das Internet ein großes Problem für die Umwelt geworden und höchstwahrscheinlich wird es noch viel größer werden.

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Fußnoten

  1. Vgl. Maak, Niklas: Auch das Internet hat einen Auspuff, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (13.1.2018), S. 9.
  2. Bspw. »Toxic Air Contaminant Inventory«, abrufbar auf: baaqmd.gov.
  3. À 40 Seiten.
  4. Vgl. Jeswani, Harish; Azapagic, Adisa: Is e-reading environmentally more sustainable than conventional reading?, in: Clean Technologies and Environmental Policy (17)2014, H. 3, S. 803-809.
  5. À 360 Seiten.
  6. À 100 Seiten.
  7. Vgl. Maak 2018.
  8. Eine Bitcoin-Transaktion erzeugt 386,68 kg CO2, eine 1.800 km lange Autofahrt (8l/100km) erzeugt 387 kg CO2. Eigene Berechnung. Berechnungsgrundlage: CO2-Rechner, auf: klimaneutral-handeln.de; Bitcoin Energy Consumption Index, auf: digiconomist.net; How Much Is 100kg Of CO2?, auf: greensteve.com (27.11.2012).
  9. Bitcoin Energy Consumption Index, auf:
    digiconomist.net; strom.ch.

Autor*innen

Ist einsprachig in Wusterhusen bei Lubmin in der Nähe von Spandowerhagen aufgewachsen, studierte Politikwissenschaft und gründete während seines Studiums das KATAPULT-Magazin.

Aktuell pausiert er erfolgreich eine Promotion im Bereich der Politischen Theorie zum Thema »Die Theorie der radikalen Demokratie und die Potentiale ihrer Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten«.

Veröffentlichungen:
Die Redaktion (Roman)

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