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Pegida

Besorgniserregende Bürger

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Ich habe schon mehrere Artikel über Pegida geschrieben, aber noch nie einen Teilnehmer gesehen. Als Investigativer müsste ich doch mindestens einmal dort mitmarschiert sein und das erst recht, wenn sich diese Ausgabe von KATAPULT mit Europas neuen Rechten beschäftigt, dachte ich – gedacht, gemacht: Ankunft 18 Uhr in Dresden, der zweitschönsten Stadt Deutschlands. 4. April 2016. Am Bahnhof versammeln sich 3.000 Besorgte. Nach einer kurzen Begrüßung erteilt Lutz Bachmann den Befehl zum Spazieren, denn Pegida nennt seine Demos offiziell Spaziergänge. Ich folge.

Zwischenstand nach 500 Metern: Manche haben viel Schrift auf der Kleidung und könnten eine neue Hose vertragen, andere würden in Blankenese nicht auffallen. Alles in allem sind keine Nazis in Sicht, oder geben sich nicht zu erkennen. Das sind tatsächlich » ganz normale Bürger «. Wir erreichen Kilometer eins. Am Straßenrand stehen vier Menschen, deren Hautfarbe nicht weiß ist. Jemand neben mir schreit in deren Richtung: AB-SCHIE-BEN, bereits beim zweiten Mal schreien alle anderen mit: AB-SCHIE-BEN... AB-SCHIE-BEN... Ich bin mittendrin und falle durch Unterlassen auf.

Neuer Zwischenstand bei 1,1 Kilometern: Rassismus. Eventuell wurden gerade vier in Deutschland geborene deutsche Staatsbürger angebrüllt, weil sie nach Einschätzung der besorgten Masse aussahen wie Geflüchtete. Das ganze passiert noch zwei Mal, immer dann, wenn die Pegidianer glauben, einen Ausländer zu sehen.

Wir laufen im Kreis und kommen wieder am Bahnhof an. Die Vorträge beginnen. Der erste Pegida-Redner macht einen Witz. Wenige verstehen ihn, vielleicht weil er halb auf Englisch ist. Seine Rede ist vorne und in der Mitte etwas zu kompliziert. Applaus gibt es nur für einfache und eindeutige Aussagen. Am Ende sagt er den Satz » Merkel muss weg! « – das funktioniert ganz gut. Die Pegidianer wiederholen mindestens fünfmal » Merkel muss weg «. Weil das so erfolgreich ist, wiederholt der Redner den Satz auch noch dreimal und die Masse antwortet jeweils fünfmal.

Man könnte meinen, die ganze Sache ist deshalb nach hinten raus eintönig geworden. In Wirklichkeit war sie dazu auch noch etwas langweilig und lediglich ganz am Ende lustig, denn da sagt der Redner: » Zieht Frau Merkel die Zwangsjacke an! «, und die Masse schreit im Takt: ZWANGS-JA-CKE... ZWANGS-JA-CKE... ZWANGS-JA-CKE. Es gibt Begriffe, die eignen sich besonders gut für einen stimmungsvollen Schlachtruf. Dieser gehört nicht dazu.

Wer schreit da eigentlich mit? Wer ist Pegida? Viele Alte, wenige Junge, viele Männer, wenige Frauen, manche aggressiv vorlaut, andere nicht – und alle besorgniserregend rassistisch oder mindestens tolerant gegenüber Rassisten, denn nur die ertragen die Situation mit den vier vermeintlichen Ausländern.

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Autor:innen

Ist einsprachig in Wusterhusen bei Lubmin in der Nähe von Spandowerhagen aufgewachsen, studierte Politikwissenschaft und gründete während seines Studiums das KATAPULT-Magazin.

Aktuell pausiert er erfolgreich eine Promotion im Bereich der Politischen Theorie zum Thema »Die Theorie der radikalen Demokratie und die Potentiale ihrer Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten«.

Veröffentlichungen:
Die Redaktion (Roman)

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