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Mensch-Tier-Studien

Arbeitnehmer Hund

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Anfang Mai hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Jack-Russell-Terrier Patron für seinen »selbstlosen Dienst« geehrt. Er soll in der Nordukraine über 200 Spreng­sätze erschnüffelt haben. Schon vorher galt der Hund dem Tagesspiegel zufolge als Maskottchen des Staatlichen Dienstes für Notfallsituationen der Ukraine. In Deutschland arbeiten solche Diensthunde unter anderem bei der Bundeswehr, dem Zoll und der Polizei. Sie erschnüffeln Gift, Minen und Leichen, suchen nach Personen oder Drogen.

Doch auch an anderer Stelle werden Hunde als Arbeitskräfte eingesetzt. Kangals wehren als Herdenschutzhunde Wölfe ab, Border Collies treiben Schafherden zusammen und Schäferhunde führen blinde Menschen. Auf der Jagd, bei der Therapie, im Krieg – überall spielen Hunde eine Rolle. Der Hund ist das älteste Haustier des Menschen. Und trotzdem ist er in den Sozialwissenschaften ein recht neues Thema. Unklar ist bis heute, wer den Hund überhaupt vom wilden Wolf zum zahmen Haustier gemacht hat. Mieke Roscher spricht gegenüber KATAPULT von einer Co-Evolution – Hund und Mensch hätten sich parallel zu- und miteinander entwickelt. »Ohne Hunde würde es die heutige menschliche Gesellschaft nicht geben«, sagt sie.

Roscher erhielt 2014 an der Universität Kassel die erste Professur für Human-Animal-Studies in Deutschland. Der Forschungszweig befasst sich mit der gesellschaftlichen Rolle von Tieren und geht davon aus, dass es kommunikative Prozesse zwischen Mensch und Tier gibt und diese mit Hunden besonders gut funktionieren. Und wieso gibt es überhaupt dieses besondere Verhältnis? Roscher ist sich sicher: weil der Hund dem Menschen zugewandt ist. Bei Meerschweinchen und Hamstern ist das nicht der Fall.

Mensch und Hund ähneln einander außerdem in emotionalen und sozialen Grundbedürfnissen und Fähigkeiten. Anders als etwa bei Fischen können Menschen die Körpersprache und Ausdrucksformen von Hunden leicht interpretieren. Hunde wieder­um können menschliche Gesten und Mimik lesen. Und weil Hunde schnell lernen und folgsam sind, eignen sie sich gut als Gefährten.

Dennoch gab es über die Jahrhunderte hinweg eine stetige Veränderung im Mensch-Tier-Verhältnis. Der Hund, der vor 100 Jahren lebte, ist nicht mehr der Hund von heute – weder biologisch noch kulturell. Im europäischen Raum und in westlichen Staaten hat man für Hunde vor allem eines entwickelt: Gefühle. Über die Jahrhunderte wurde der Hund vom Nutztier zum Gefährten mit Nutzen. Die meisten Hunde werden als Heimtiere gehalten. In Deutschland gibt es in jedem fünften Haushalt einen Hund und zwar durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. Insgesamt sind es 10,7 Millionen Tiere.

Sie werden wie Familienmitglieder behandelt, teilen den Wohn- und Arbeitsraum mit Menschen, schlafen in deren Betten und bekommen Menschennamen. Beschrieben werden sie mit menschlichen Eigenschaften, sind etwa treu oder geduldig. Manche behaupten: Hunde seien heute oft Kinderersatz. Roscher widerspricht dem: Die Beziehung zum Hund sei eine andere. Dennoch: Als »Quasipersonen« nehmen die Tiere »emotional aufgeladene Positionen« ein. Und das auch über ihren Tod hinaus. So gibt es in Deutschland etwa 160 Tierbestatter und 120 Tierfriedhöfe. Seit 2015 können sich Mensch und Hund in Deutschland gemeinsam bestatten, in Österreich sogar die gemeinsame Asche zum Rubin verarbeiten lassen.

110.000 Arbeitsplätze durch Hunde

Derartige Tierliebe schlägt sich auch finanziell nieder – der Hund ist mittlerweile ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Für Hundeheimtier­bedarf gaben die Deutschen im Jahr 2018 geschätzte 2,5 Milliarden Euro aus. Der Markt für Hundekosmetik, Hundepensionen, Hundefriseursalons und Hundejacken steigt. Tierheilpraktiker:innen und Tierphysiotherapie machen Millionen­umsätze. Hundehalterhaftpflicht-, Krankenvoll- und OP-Versicherung haben sich die Deutschen 2018 beispielsweise 615 Millionen Euro kosten lassen. Das alles schafft Jobs. 210.000 Vollzeitarbeitsplätze hängen hierzulande an der Heimtierhaltung, davon gehen etwa 110.000 auf Hunde. Zum Vergleich: In der Autobranche arbeiten 800.000 Menschen. Weil viele Leute in Tierheimen oder Hundeschulen in Teilzeit arbeiten, könnten es tatsächlich noch sehr viel mehr Jobs sein.

Kommissar Rex gegen Horst Schimanski

Kommissar Rex hat im deutschen Fernsehen öfter ermittelt als Tatort-Kommisar Horst Schimanski. Und durch die Streunerin Laika lernten die Menschen das All kennen. Für den Menschen rentiert sich die Beziehung zum Hund. Und für die Tiere? Auf jeden Fall, meint Roscher. Es gibt aber durchaus Entwicklungen, auf die sie kritisch blickt. Die Hundezucht beispielsweise verurteilt sie als Ergebnis einer Luxusgesellschaft. 250 bis 800 Rassen soll es mittlerweile geben, je nachdem, wen man fragt. Anders als bei anderen Zuchten geht es bei Hunden nicht darum, nahrhafter zu werden – sondern vor allem ums Aussehen. Und für die Tiere ist das mitunter gesundheits-, in einigen Fällen sogar lebensgefährdend.

Am bekanntesten sind wohl die Möpse, die kaum mehr atmen können. Weitere Beispiele: Sogenannte Teacup-Hunde wurden genetisch verkleinert, weil sie süß aussehen sollen – und wiegen nicht mal mehr ein Kilo. Labradore mit braunem Fell lassen sich besser verkaufen, sterben im Schnitt aber fast anderthalb Jahre früher als gelbe oder schwarze Artgenossen. Dalmatiner leiden häufig unter Gicht – als Folge eines defekten Gens. Dies wird allerdings nicht ausselektiert, denn es ist auch der Grund für das besondere Fell. So gesehen ist die Qualzucht das Problem »einer hoch kapitalistischen Gesellschaft mit ihrem immer stärker werdenden Drang nach Individualisierung«, so Roscher. Der jährliche Umsatz aus der Hundezucht wurde 2012 in Deutschland mit mehreren Hundert Millionen Euro veranschlagt.

Romantik eher schwierig

Die Beziehung zwischen Mensch und Hund wird also vor allem vom Menschen bestimmt – und dem, was er für richtig hält. Und gerade dieses Erkennen der Machtverteilung brauche es für einen unverklärten Blick auf das Verhältnis zwischen Mensch und Hund – aus ethischer Perspektive. Um sie besser zu verstehen, dürfen Hunde und die Beziehung zu ihnen nicht romantisiert werden. Mieke Roscher und die Human-Animal-Studies wollen die abendländische Auffassung des sogenannten Mensch-Tier-Dualismus stören oder zumindest hinterfragen. Dieser geht davon aus, dass der Mensch nicht zu den Tieren gehört, sondern sich grundlegend von ihnen unterscheidet, und er der Mittelpunkt der Welt ist. Die Human-Animal-Studies hingegen werfen die ethische Frage auf, ob der Mensch als Maßstab wirklich die einzige Herangehensweise ist, das Mensch-Tier-Verhältnis zu erforschen.

Und so macht Roscher noch einen weiteren Punkt auf. Aus ihrer Sicht erfüllen Hunde durch ihre Beziehungen zu Menschen noch eine andere Funktion: Sie leisten in den heutigen westlichen Gesellschaften einen großen Anteil an sogenannter Care-Arbeit. Darunter werden Tätigkeiten verstanden, die mit Fürsorge, Pflegen und Sich-Kümmern zu tun haben. Offensichtlich – das beweisen mittlerweile auch Studien – helfen Hunde bei emotionalen Problemen, zum Beispiel bei Einsamkeit in der Pandemie. Würde man Haushunde für diese Arbeit vergüten, würden sie pro Hundeleben 951.120 Euro verdienen. Gerechnet mit dem Bruttojahresgehalt einer Psychotherapeutin in Vollzeit.

Auch viele Menschen, die gerade aus der Ukraine fliehen müssen, nehmen ihre Hunde mit. In Unterkünften dürfen die Tiere aber nicht gehalten werden, weil es nicht genug Platz oder hygienische Bedenken gibt. Viele Hunde landen deshalb im Tierheim. Der Deutsche Tierschutzbund fordert deswegen, dass beispielsweise tierärztliche Kosten von der Regierung übernommen werden und die Tiere so bei ihren Besitzer:innen bleiben können.

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Fußnoten

  1. Mayer, Tobias: Selenskyj ehrt Minensuchhund Patron mit Medaille, auf: tagesspiegel.de (9.5.2022).
  2. Ebd.
  3. Bundeswehr (Hg.): Diensthundewesen, auf: bundeswehr.de.
  4. Der Polizeipräsident in Berlin (Hg): Direktion ZA - Diensthundführer. Grundausbildung, auf: berlin.de.
  5. Neurath, Ulrike: Tier und Tod. Mensch und Tier am Beispiel von Tierbestattungen, Frankfurt/M. 2019, S. 58.
  6. Katayama, Maki u.a.: Emotional Contagion From Humans to Dogs Is Facilitated by Duration of Ownership, in: Frontiers in Psychology, (10)2019.
  7.  Neurath, S. 60.
  8. Ebd., S. 39.
  9. The European Pet Food Industry (Hg.): Facts & Figures 2020. European Overview, S. 9.
  10. Burzan, Nicole; Hitzler, Ronald: Auf den Hund gekommen, Interdisziplinäre Annäherung an ein Verhältnis, Wiesbaden 2017.
  11. Meitzler, Matthias: Hunde, wollt ihr ewig leben? Der tote Vierbeiner - ein Krisentier, in: Burzan/Hitzler 2017, S. 177.
  12. Bundesverband der Tierbestatter (Hg.): Allgemeine Informationen, auf: tierbestatter-bundesverband.de.
  13. Hund als Haustier (Hg.): Hundebestattung: Was tun wenn der Hund gestorben ist?, auf: hund-als-haustier.de.
  14. Aeternitas (Hg.): "Ciao Bello" - Bestattungen für verstorbene Haustiere?, auf: aeternitas.de (8.10.2021).
  15. Heimtiere sind eine Unterkategorie der Haustiere und beschreiben Tiere, die aus Interesse und Liebhaberei gehalten werden. Dadurch unterscheiden sie sich von Nutztieren.
  16. Ohr, Renate: Heimtierstudie 2019. Ökonomische und soziale Bedeutung der Heimtierhaltung in Deutschland, Göttingen 2019, S. 19.
  17. Burzan/Hitzler 2017, S. 3.
  18. Ohr 2019, S. 23.
  19. Ebd., S. 27.
  20. Frohn, Philipp: Warum Hund und Katze immer wichtiger werden, auf: wiwo.de (30.5.2020).
  21. Ohr 2019.
  22. Tackmann, Undine: Wie viele Hunderassen gibt es?, auf: petsdeli.de.
  23. McGreevy, Paul D. u.a.: Labrador retrievers under primary veterinary care in the UK: demography, mortality and disorders, in: Canine Genetics and Epidemiology, (5)2018, Nr. 8.
  24. Ohr, Renate; Zeddies, Götz: Ökonomische Gesamtbetrachtung der Hundehaltung in Deutschland, Göttingen 2006, S. 6.
  25. Benz-Schwarzburg, Judith; Monsó, Susana; Huber, Ludwig: How Dogs Perceive Humans and How Humans Should Treat Their Pet Dogs: Linking Cognition With Ethics, in: Frontiers in Psychology, (11)2020.
  26. Meitzler 2017, S.177.
  27. Eigene Berechnung. Jahresgehalt einer Psychotherapeutin (79.260 Euro) x 12 Lebensjahre eines Hundes.- O.A.: Psychotherapeut Gehalt: Einstiegsgehalt, Entwicklung & Einflussfaktoren, auf: mystipendium.de.
  28. Deutscher Tierschutzbund (Hg.): Hilfsaufruf. Nicht-humanitäre Katastrophe rollt auf die deutschen Tierheime zu. Der Staat muss dringend präventiv handeln, auf: tierschutzbund.de (10.3.2022).

Autor:innen

Seit 2019 bei KATAPULT, seit 2020 Onlinechefin. Vor allem für die Berichterstattung über sozialpolitische Themen zuständig.

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