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Kinderbücher

"Sei du, sei anders, sei beschämt und schüchtern oder auch nicht" - Interview mit Saša Stanišić

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Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad, Jugoslawien, geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Seine Erzählungen und Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Für seinen teils autobiografischen Roman Herkunft erhielt er 2019 den Deutschen Buchpreis. Nun schreibt Stanišić auch Kinderbücher – über einen Zwerg, der einem Drachen die Zahnbürste stibitzt und über Piraten, die lieber faulenzen und Kuchen essen als auf Schatzjagd zu gehen. Immer dabei - ein Taxi (manchmal aus Käse), dem keine Entfernung zu weit ist, nicht einmal der Mond.


Die Corona-Pandemie hatte 2020 zahlreiche negative Auswirkungen auf die Wirtschaft. Der Buchmarkt blieb allerdings stabil und wuchs sogar minimal um 0,1 Prozent. Während der Markt für Reiseführer um 26,1 Prozent einbrach, verzeichneten Kinder und Jugendbücher neben naturwissenschaftlichen Fachbüchern als einzige Warengruppe ein Wachstum, und das sogar um fast fünf Prozent.

KATAPULT: Das Buch Hey, hey, hey, Taxi!, das du zusammen mit der Illustratorin Katja Spitzer veröffentlicht hast, enthält ausnahmslos Geschichten, die du dir für deinen Sohn ausgedacht hast. Ich finde, es spricht große Liebe aus dem Text, das merkt man an schönen Details wie z. B., dass jeder Text mit „zurück zu dir“ endet. Aber entstand das Buch vielleicht auch aus einem schlechten Gewissen heraus wegen deiner vielen Reisen?

Saša: Ich war vielleicht 6-8 Tage im Monat unterwegs auf Lesereise, und das auch nur im Jahr nach einer Neuerscheinung, dafür nahm ich mir zu Hause viel Zeit für den Kleinen. Jedenfalls war es nicht schlechtes Gewissen, das die Geschichten schrieb, sondern etwas weitaus Grundsätzlicheres: die Lust am Erfinden, die mein Sohn und ich teilen, und die in der Idee zum Taxi als Zentrum der erfundenen Welt den produktivsten (über Jahre schon dauernden) Output hatte. 

Das formelhafte „zurück zu dir“ habe ich dabei in unseren spontanen Erzählungen niemals benutzt, da vertraue ich auch den Vorleser*innen und deren Gefühl, ob sie es überhaupt brauchen. Für mich war der Augenblick des gemeinsamen Erfindens einer Geschichte bereits der Höhepunkt an Nähe: die geteilte Anwesenheit in dieser schönsten aller Kommunikationen, dem Erzählen/Zuhören.

2020 wurden keine anderen deutschsprachigen Bücher so oft in andere Sprachen übersetzt wie Kinder- und Jugendbücher. Mit 37,7 Prozent machten sie die wichtigste Warengruppe fürs Lizenzgeschäft aus. Neben Chinesisch, Russisch, Türkisch, Koreanisch, Rumänisch und Tschechisch wurde Kinder- und Jugendliteratur vor allem ins Spanische (88 Bücher), Französische (66), Italienische (56) und ins Englische (39) übersetzt. Hingegen wurden im letzten Jahr nur 1.625 Kinder- und Jugendbücher ins Deutsche übertragen.

KATAPULT: Inwiefern hat dein Sohn dir beim Schreiben geholfen?

Saša: Beim Schreiben gar nicht, er kann noch nicht schreiben, beim Erfinden aber. All diese Geschichten (und viele mehr) sind ganz spontan entstanden im Augenblick des Erzählens. Oft fragte ich meinen Sohn, ob er eine Idee habe, wie es weitergehen solle. Oder konkreter: Wie ich aus einer schwierigen Situation in der Geschichte wieder rauskommen. Oder noch konkreter: „Was wollen die Piraten wirklich?“ Antwort: „Kuchen“. Also gab es dann auf dem Piratenschiff Kuchen. 

Er hat nicht bei allen Geschichten die Finger im Erzählspiel gehabt, ich würde sagen, vielleicht bei der Hälfte. Ich bilde mir auch ein, dass die Vorleser*innen erkennen können, wo: Dort, wo es noch anarchischer wird als ohnehin schon, noch wilder auch, noch besser also!

KATAPULT: Du hast ja bereits mehrere Romane für Erwachsene geschrieben. Was war dir in deinem ersten Kinderbuch wichtig zu erzählen, worauf kam es dir an?

Saša: Ein paar Themen, die meinen Sohn beschäftigt haben in den Jahren, seit wir erzählen, waren mir wichtig im Sinne einer (fast gänzlich) ohne Moral aufgesetzten Spielwelt, aus der dann die Vorleser*innen für sich und die eigene Lebenswirklichkeit wiederum Impulse (vielleicht) nehmen können. 

Das „Anderssein“ war z. B. darunter, da es also ein Phänomen darstellte, das ihn stark beschäftigt hat. Oder auch die Scham und die Schüchternheit. Vieles, das mit Musik zu tun hatte, und ja, vieles, das mit Regeln zu tun hatte, auch Verboten. Etwas Umwelt dazu, natürlich Freundschaft und Glück.

Aber auch Fantasie an sich war mir als zu erzählendes Motiv wichtig. Wenn man viel Zeit mit einem Kind in diesem Alter verbringt, dann merkt man sein großartiges Kurven zwischen Vorstellungskraft und Kraft des Alltags, zwischen kindlichen Fiktionen also und Händewaschen vergessen zu haben. Und so gibt es Kinder, die lieben realistische und „echte“ Momente im Alltag (und im Erzählen), und solche, die am liebsten ständig Drachen um sich haben möchten – im Alltag und im Erzählen. Das Buch ist im Grunde für beide da und sagt: Sei du, sei anders, sei beschämt und schüchtern und musikalisch oder auch nicht, folge den Regeln (aber wisse von der Freiheit dabei und dahinter), stell dir Welten vor und sei fest in unserer. Oder all das eben auch nicht. 

Schließlich ist auch Beliebigkeit ein großes Thema der Kindheit, zumindest dann wenn die Kindheit einigermaßen „normal“ abläuft und beliebig sein darf, ohne Zwänge des Politischen, des Gesellschaftlichen, der Klasse, der Armut etc.

KATAPULT: Was wolltest du anders machen als in anderen Kinderbüchern? Ich gehe davon aus, dass du als Vorleser für deinen Sohn sehr viele kennengelernt hast.

Saša: Ich mache das eigentlich nie, wenn ich schreibe: Etwas gezielt anders machen wollen als andere Autor*innen. Ich mache wirklich einfach nur mein Ding. Klar lese ich manche Bücher lieber vor als andere, aber ich würde niemals da sitzen und denken: So, der Astrid Lindgren zeig ich’s jetzt!

KATAPULT: Hattest du Inspirationen für die Geschichten, z. B. aus Märchen oder Mythen?

Saša: Das alles ist eine sehr, sehr eigene Vorstellungswelt. Zwar kommen Riesen vor oder auch Piraten und Topoi aus Märchen und Fabeln auch, doch wenig davon ist kulturell tradiert oder spezifisch in einer unpersönlichen Weise, die also nichts zu tun hat mit meinem Sohn und mir. Das sind also im Grunde unsere Riesen, unsere Piraten, unsere Heldinnen und immer so weiter, und die machen unsere Sachen.

Ich bin der Meinung – übrigens für die „Erwachsenenbücher“ auch –, dass es ganz okay ist, Erzähltraditionen zu kennen, aber auf sie arg zu verweisen oder gegen sie anzuschreiben oder so, das ist höchstens dann notwendig, wenn genau das auch irgendwie Thema ist. Wenn es aber darum geht, einfach eine geile Geschichte zu erzählen, dann braucht man oft das, was war oder aus dem etwas Erzähltes kam, nicht wirklich als Bezugspunkt. Also: Ich. Ich brauche das nicht. (Liebe es, wenn ich es in fremden Büchern entdecke und entschlüssle!)

KATAPULT: Was sind die Unterschiede zu deinem sonstigen Schreiben, fiel es dir leichter? Bei einem Kinderbuch ist ja immerhin bedeutend weniger Text nötig.

Saša: Ja, es war schon einfacher, aber gar nicht vordergründig wegen der kleineren Textmenge, sondern – und ich sag jetzt etwas total Banales – weil das Erfinden und das Schreiben wesentlich mehr Spaß gemacht haben. Einfach loslassen, fast jedem Einfall folgen und gucken, ob dahinter eine gute Geschichte lauert, und dann immer wieder eben dieses gemeinsame Gefühl mit dem Kind, wenn uns beiden eine Geschichte oder eine Figur gefällt und mein Sohn stolz sagt „Die kommt ins Buch!“, das ist einfach etwas so Fantastisches, das gab es in dieser erfüllenden und leichten Weise bei meinen anderen Texten nicht.

Ansonsten ist der Prozess gleich: gute Sätze finden, gute Sätze aneinanderreihen.

KATAPULT: Du hast in einem anderen Interview gesagt, dass ihr beim Schreiben/Illustrieren nicht auf typische Kinderbuchelemente oder auf Verkäuflichkeit geachtet habt. War das nur mit dem mairisch Verlag umzusetzen? Oder hast du auch mal überlegt, das Buch bei einem der Kinderbuchverlage von Penguin Random House zu verlegen, zu der dein Hausverlag Luchterhand gehört?

Saša: mairisch macht wunderschöne Bücher und ich wollte ein wunderschönes Buch und auch eines, das den Vorstellungen von meinem Sohn und mir in der illustratorischen Aufmachung entspricht. Der Teil wurde dann sogar noch viel besser als unsere Vorstellungen. Außerdem bin ich mit allen im Verlag befreundet, und das alles sind doch einfach sehr gute Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit.

KATAPULT: Mit welchen Kinderbüchern bist du aufgewachsen und was denkst du jetzt über die?

Saša: Ich kann es gar nicht wirklich mehr sagen. Mit irgendwelchen Märchen und Fabeln, die ich alle vergessen habe oder heute verachte, weil sie so strunzdoof sind oder so komisch belehrend, ja, der Fuchs ist schlau, mein Gott, na und?

KATAPULT: Welche Kinderbücher würdest du heute Eltern empfehlen?

Saša: Das zu sagen fällt mir extrem schwer, weil ich nicht weiß, wem die Empfehlung konkret gilt. Auch „Hey, hey, hey, Taxi!“ ist ganz bestimmt nicht ein Buch für jedes Kind. Kinder, die klare Erzählhaltungen und Abläufe und vielleicht auch so etwas wie klare „Held*innen“ mögen, werden an meinem wankelmütigen, undefinierten „Ich“ oder an den ständigen Wortspielereien, oder auch an einer gewissen strukturellen Wackeligkeit keine Freude haben. 

Daher: Lieber keine Empfehlung. Oder doch, eine, weil ich glaube, dieses Buch muss universell jedem gefallen: Wazn teez? von Carson Ellis.

KATAPULT: Die Geschichten sind nicht nur ausgesprochen fantasievoll, sondern auch in einer sehr rhythmischen Sprache verfasst: Könntest du damit leben, wenn dein Sohn später Rapper wird?

Saša: Wenn er damit glücklich ist ...


Saša Stanišić, Katja Spitzer: Hey, hey, hey, Taxi!, mairisch, 69 Seiten, 18 Euro, ab 4 J.

Authors

... hat das Büchermachen in Leipzig und Edinburgh studiert und dann einen Verlag mitgegründet: Voland & Quist. Seit 2021 ist er Verlagsleiter bei KATAPULT.

Geboren 1993, ist seit 2021 Redakteurin beim KATAPULT-Verlag. Sie hat Sprach-, Kultur- und Translationswissenschaft in Germersheim und Moskau und Kulturwissenschaft, DaF und englische Literaturwissenshaft in Greifswald, Lancaster und Saskatoon studiert.

Veliko Kardziev, 1993 geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität in Dresden. Seit 2020 ist er Projektleiter bei KATAPULT.

Geboren 1992 in Kampala. Sie hat Technikjournalismus und PR (B.A) in Nürnberg sowie internationalen Journalismus (M.A) in Sheffield studiert. Sie ist seit 2021 Redakteurin bei KATAPULT.

macht eine Grafikdesign Ausbildung und war von Juli bis August 2021 Praktikant_in beim KATAPULT-Verlag.

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