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Musikstreaming

„Danke Spotify für alles” – Interview mit Rapper MC Smook

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Der Rapper MC Smook (*1992) fiel ab 2014 als Teil des Dunstkreises um den österreichischen Rapper Money Boy auf, weckte die Aufmerksamkeit der Szene jedoch besonders in den letzten Jahren immer wieder durch kreative Promophasen und ironische und gesellschaftskritische Texte. Auch die Geschäftspraktiken von Spotify standen bereits mehrmals im Zentrum seiner Kritik.

KATAPULT: Daniel Ek hält ungefähr zehn Prozent der Anteile von Spotify. Das Unternehmen hat er 2006 nach eigenen Aussagen mehr oder weniger aus Langeweile gegründet. Er war aufgrund seiner erfolgreichen IT-Karriere in der schwedischen Werbebranche und dem Verkauf mehrerer eigener Unternehmen schon vorher reich – aber: Geld bedeute ihm nichts, wenn man kein Projekt habe, dass man leidenschaftliche verfolge, so Ek. MC Smook, wie fühlen sich solche Aussagen an, wenn man als Künstler bei Spotify am Ende so rund 0,3 Cent pro Stream rausbekommt?

MC Smook: Ich würde zunächst Herrn Ek nicht absprechen, dass er mit Leidenschaft dabei sei. Spotify ist, mal ganz objektiv betrachtet, die übersichtlichste Streaming-App und unangefochtener Branchenprimus. Nichtsdestotrotz sind seine Leidenschaft und Aussagen radikal neoliberal getrieben und konträr zum allgemeinen Verständnis von Kunst. Würde ihm wirklich was am Wohlergehen aller Musiker:innen auf seiner Plattform liegen, würde er das Geld fairer verteilen wollen. Mich motivieren solche Missstände eher, da ich wirklich glaube, dass das Verteilungssystem reformierbar ist, wenn mehr Künstler:innen dagegen vorgehen würden. Vor allem die, die eher vom System profitieren. Zwar erschafft sich Spotify immer mehr ein mächtiges Monopol, aber ich glaube, der ganze Betrieb ist kein autokratischer Staat, der sich vor allen Wünschen auf Künstlerseite verschließt.

KATAPULT: Du hast deine ersten Alben noch selbst auf CD gebrannt und spielst in deinen Texten immer wieder mit Referenzen aus den 90er- und 2000er-Jahren. Wärst du gern als Musiker noch Teil der CD-Jahre gewesen?

MC Smook: Auf gar keinen Fall. Zum Glück musste ich nie wirklich eine CD in den Handel bringen, da parallel zu meiner Bekanntheit das Streamingzeitalter begann. Und das Brennen von CDs in meiner Kindheit für den Schulhof zwischen 2003 und 2007 war eher eine Qual. MySpace war dann die Erlösung. Genauso wie Streaming auch die Erlösung für den ganzen Deluxeboxen-Quatsch im Deutschrap ist. 

KATAPULT: Kennst du deine eigenen Streamwerte und kannst du anhand der monatlichen Streams ungefähr erahnen, was für dich am Ende auf den jeweiligen Plattformen herausspringen wird?

MC Smook: Ja, die Werte kann ich entweder bei Spotify for Artists oder Apple Music for Artists einsehen, aber auch im System meines Vertriebs. Ich kann noch nicht genau abschätzen, wie viel ich mit dem Release meines neusten Albums „Kuschelrap Vol. 1" einnehmen werde. Bald kommt auch noch „Kuschelrap Vol. 2". Für den Monat Juni hab ich vom Vertrieb, gemessen an den Gesamtstreams durch Neuerscheinung und Backkatalog, nur rund 300 Euro bekommen, da die Neuerscheinungen ab Mitte März größtenteils noch nicht ausgezahlt wurden, was aber normal ist – es dauert immer ein paar Monate bis das Geld ankommt. 95 Prozent des Gelds im Juni kam von Spotify. 

KATAPULT: Neben der Kritik an Spotify und Co. werden auch immer öfter Labels und Vertriebe als Teil des Problems benannt. Welche Rolle spielen dein Label und Vertrieb für dich?

MC Smook: Mein Vertrieb versucht, mich bei jedem Release in die angesagten Playlists zu pitchen und das hat in letzter Zeit, vor allem nach „Deutschrap Brandneu", erstaunlicherweise gut geklappt. Anscheinend können die Spotify-Playlist-Kurator:innen gut mit Kritik umgehen. Trotzdem ist es in den meisten Fällen entscheidend für die Platzierung in einer Playlist, ob das Release bei einem Majorlabel oder zumindest Majorvertrieb erscheint. Genauso wie damals im Radio oder im Musikfernsehen werden solche Veröffentlichungen priorisiert.

KATAPULT: Du veröffentlichst selbst in der Regel mehrere EPs und Alben jährlich – genau wie Ek das will. Hat er dich gebrochen oder ist das einfach deine Art?

MC Smook: Seit der Streaming-Ära release ich sogar weniger, weil man für alles etwas Vorlaufzeit benötigt. Früher habe ich oftmals vormittags recordet und den Track abends auf YouTube oder Soundcloud hochgeladen. Ich habe Spaß an kreativem Output. Daniel Ek gefällt das.

KATAPULT: Der Spotify-Algorithmus bevorzugt in der Regel eher kürzere Lieder und Lieder ohne längeres Intro, die sofort mit dem Refrain beginnen. Das liegt unter anderem daran, dass Streams erst als solche gezählt werden, wenn man ein Lied mindestens 30 Sekunden lang hört, bevor man eventuell weiterskippt. Hast du solche Gedanken manchmal im Kopf, wenn du neue Musik aufnimmst?

MC Smook: Diesen Faktor blendet man tatsächlich bei der Entscheidung einer Singleauswahl nicht mehr aus. Es liegt natürlich einerseits am informellen Befehl der Musikindustrie, andererseits ist auch die aktuelle Musik, die man momentan hört, so getrimmt. Und man lässt sich natürlich auch davon inspirieren. Es bedingt sich also gegenseitig. 

KATAPULT: Die Aufnahme eines Tracks in den von Spotify selbst kuratierten Playlisten, wie beispielsweise Spotifys meistgestreamter Playlist „Today’s Top Hits”, kann bis zu 20 Millionen zusätzliche Streams zur Folge haben. Du hast dich in deinem Lied „Deutschrap Brandneu” – aus dem wir auch die Überschrift des Artikels „Danke Spotify für alles” geklaut haben – ironisch für die Aufnahme in die beliebte gleichnamige Spotify-Playlist bedankt. Wie viel bedeutet dir die Platzierung deiner Tracks in diversen Playlists? Ist es das erste, was du nach der Veröffentlichung neuer Musik checkst?

MC Smook: Für Künstler:innen von meiner Reichweite ist das ein enormer Push, vor allem was die ersten sieben Tage nach dem Release angeht. Je mehr User den Song streamen und in ihrer persönlichen Playlist speichern, desto eher gerät man in den Spotify Algorithmus, der über die Langlebigkeit eines Releases entscheiden kann. Landet dein Track 1-3 Wochen nach Release in die algorithmische Playlist „Discover Weekly" sammelt der Track Woche für Woche Streams von neuen Hörer:innen. Vor allem nach dem "Deutschrap Brandneu" Release war ich sehr gespannt, ob die darauf folgenden Singles es in die benannte Playlist schaffen. Tatsächlich habe ich auch immer direkt Freitag nachts nachgeschaut und mich über die erfolgreichen Pitchings gefreut. Aber es würde mich niemals traurig machen, falls es nicht so wäre. Die feste Base hört es sowieso.

KATAPULT: Auf „Deutschrap Brandneu” sagst du „Vertriebsdeal ist egal, ihr habt geschulte Ohren. Was Hiphop ist und was nicht, liegt in der Hand der Kuratoren”. Was stört dich am meisten an den Playlists?

MC Smook: Mich stört die fehlende soundästhetische Vielfalt, die primär im Hip Hop vorhanden ist, aber nicht in den Playlists widergespiegelt wird. Die Ressourcen wären da. Deutschrap Brandneu bspw. beinhaltet meistens 100 Songs, von denen aber leider Tracks von Majorartists 1-2 Wochen länger drinbleiben dürfen, während Tracks von Indie Artists, dem Format getreu, nach einer Woche die Playlist verlassen müssen. Ich weiß, dass in Deutschland langjährige Kenner:innen der Szene diese Playlists kuratieren und wünsche mir mehr Mut bei der Auswahl und Platzierung der Songs. Wenn das nicht passiert, werden die Leute immer mehr gelangweilt von Musik sein. Insbesondere die Gen Z wird keinen kulturellen Bezug zur Musik mehr haben. Es ist wichtig, stetig neue Musikrichtungen und Genreausrichtungen zu entdecken, um Spaß an Musik zu haben. Spotify handelt dementsprechend kontraproduktiv. 

KATAPULT: Du bist für deine kreativen Promophasen bekannt. So hast du schon Erotikalender und Podcasts veröffentlicht oder Albumboxen voller Alltagsgegenstände verkauft. Auf Social Media schlüpfst du zudem regelmäßig tagelang ironisch in verschiedene Rolle: mal neoliberaler Unternehmer, mal patriotischer Fußballfan, mal Anwalt Saul Goodman aus der gleichnamigen TV-Serie – je nach Thema der nächsten Veröffentlichung. Spürst du Druck, durch solche Aktionen in der schnellen Musikbranche regelmäßig aufzufallen und so deine Musik zu vermarkten, sind das wichtige Einnahmequellen, um die wegfallenden Konzerte und die niedrige Bezahlung durch die Streamingdienste zu kompensieren oder macht das einfach nur Spaß?

MC Smook: Dieser Quatsch macht einfach nur Spaß. Natürlich kurbeln solche Aktionen die Releases an, aber würde ich wirklich ausschließlich erfolgsorientiert Musik vertreiben wollen, müsste ich mir ein festes Image zulegen, welches die Konsument:innen auf Abruf aus ihrer Schublade herausholen können. So funktioniert nun mal im Regelfall Erfolg in der Musikwelt. Meine Aktionen gefallen den Szene-Nerds, aber überfordern die normalen Konsument:innen, die sich nicht 24/7 mit Musik beschäftigen wollen. Und das ist vollkommen okay so. Abseits von Musikveröffentlichungen finanzieren mir aber Merchartikel die Miete und den Kühlschrank. Sollte es wieder normale Auftritte geben, wird auch ein Urlaub wieder drin sein.

KATAPULT: Hast du Hoffnungen darauf, dass es irgendwann mal ein faireres Streaming-Konzept geben wird? Wie müsste das für dich aussehen?

MC Smook: Das Ende des Kapitalismus und der Beginn eines modernen Sozialismus wäre das fairste Konzept, nicht nur für uns Musiker:innen. Aber bis dahin wünsche ich mir, dass die Leute, die jeden Monat 10 Euro für ein Abo zahlen, nicht 9,50 Euro davon Justin Bieber und den anderen Top 100 meistgestreamten Artists geben, sondern nur fair aufgeteilt den Musiker:innen, die sie auch wirklich gehört haben. Das muss doch technisch wohl möglich sein, lieber Daniel Ek.

Footnotes

  1. Arte [Hrg.]: Tracks: Was passiert mit den Streaming-Milliarden?, Minute 24:45, auf youtube.com (23.4.2021).

Authors

Julius Gabele, geboren 1993, ist seit 2017 Redakteur bei KATAPULT und vor allem für die Berichterstattung internationaler Politik zuständig. Er hat Geographie an der Universität Augsburg und der Universitat de Barcelona studiert. Er ist zudem als freiberuflicher Fotograf tätig.

Zu seinen Schwerpunkten zählen geopolitische Konflikte und Entwicklungspolitik.

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