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Landverteilung

Seagrabbing

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Die Aufteilung der Meere nahm ihren Ausgang bereits 1945. US-PrĂ€sident Harry S. Truman erklĂ€rte damals, dass das Einflussgebiet eines Staates auf die angrenzenden Meere und den Meeresboden erweitert werden mĂŒsse. Die wissenschaftliche – nicht politische – BegrĂŒndung lieferte die Geologie: Die kontinentale Landmasse (auch: Festlandsockel) endet nicht an der KĂŒste, sondern erstreckt sich auch unter dem Meeresspiegel weiter.

Dieser Idee folgend verstand Truman den Meeresboden als natĂŒrliche VerlĂ€ngerung des eigenen Territoriums. Bis dahin galt international die 3-Meilen-Regelung, die das Einflussgebiet eines Staates auf drei Seemeilen (5,56 Kilometer) vor dessen KĂŒsten beschrĂ€nkte. In den 50er Jahren wurde Trumans Proklamation auch völkerrechtlich anerkannt.

Der Grund fĂŒr diese Forderung ist schnell erzĂ€hlt: In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Offshore-Ölförderung an Bedeutung und die USA wollten mögliche untermeerische Vorkommen fĂŒr sich beanspruchen. Heute werden weltweit etwa 30 Prozent des Erdöls offshore produziert.

200 Seemeilen plus x

Besonders die Festlandsockel sind fĂŒr den Abbau von Rohstoffen interessant, da in den Sedimentschichten vor allem Öl und Gas lagern. Spekulationen der Internationalen Meeresbodenbehörde zufolge befanden sich im Jahr 2000 in den Festlandsockeln Ressourcen im Wert von etwa 12 Billiarden Dollar. Umgerechnet auf die Weltbevölkerung entsprĂ€che das mehr als 1,5 Millionen Dollar pro Mensch. Kein Wunder also, dass die USA und sĂ€mtliche KĂŒstenstaaten ein hohes Interesse an diesen Gebieten haben. Doch wer darf die Rohstoffe im Meeresboden abbauen?

ZunĂ€chst kann nur ein KĂŒstenstaat auf die angrenzende MeeresflĂ€che ein Hoheitsrecht ausĂŒben. Ausgehend von der sogenannten Basislinie – das ist die KĂŒstenlinie bei Niedrigwasser – gibt es verschiedene Zonen, die den Staaten jeweils unterschiedliche Nutzungsrechte einrĂ€umen. Das zwölf Seemeilen breite KĂŒstenmeer ist die erste Zone. Sie wird ohne EinschrĂ€nkung dem Staatsgebiet zugerechnet.

Dem KĂŒstenmeer schließt sich die 188 Seemeilen (348,18 Kilometer) breite »Ausschließliche Wirtschaftszone« an, in der fĂŒr den KĂŒstenstaat beschrĂ€nkte hoheitliche Rechte »zur Erforschung, Nutzung, Schutz und Management der natürlichen lebenden und nicht lebenden Ressourcen« gelten. Diese 200-Meilen-Zone bildet den juristischen Festlandsockel, denn er steht jedem KĂŒstenstaat zu und darf von ihm zum Abbau von BodenschĂ€tzen genutzt werden – unabhĂ€ngig davon, ob dieser Bereich geologisch betrachtet noch zur kontinentalen Platte zĂ€hlt oder nicht.

Da einige Staaten jedoch ĂŒber einen weitaus breiteren natĂŒrlichen, das heißt geologischen Festlandsockel verfĂŒgen, wurde dem SeerechtsĂŒbereinkommen (SR) der Artikel 76 hinzugefĂŒgt. Dieser besagt, dass ein KĂŒstenstaat eine grĂ¶ĂŸere FlĂ€che fĂŒr sich beanspruchen kann, wenn der geologische Festlandsockel ĂŒber diese 200 Seemeilen hinausragt. Diese Möglichkeit stĂŒtzt sich auf das von Truman formulierte VerstĂ€ndnis, dass der Festlandsockel »die unter Wasser gelegene Verlängerung der Landmasse des Küstenstaats« bildet und damit »natĂŒrlicherweise« dem Staatsgebiet zugesprochen werden muss. So können einige Staaten ihr untermeerisches Abbaugebiet aufgrund geologischer Sachlagen ĂŒber diese 200-Meilen-Zone hinaus erweitern.

Die wirtschaftliche Folgen geologischer Expertisen

Was simpel klingt, ist in der Praxis jedoch gar nicht so eindeutig zu bestimmen. Denn wo eine kontinentale Platte endet und eine ozeanische Platte beginnt, ist Interpretationssache. Die ÜbergĂ€nge sind fließend.

DarĂŒber hinaus mĂŒssen die »[...] Küstenstaaten ihre Ansprüche auf Ausweitung des Festlandsockels grundsätzlich innerhalb einer Frist von 10 Jahren anmelden, gemessen ab dem Termin ihres Beitritts (Ratifikation) zum SR.« So begann 1994 der Ansturm auf die Meere, denn jedes KĂŒstenland versucht selbstverstĂ€ndlich einen möglichst breiten Festlandsockel und dessen verborgene SchĂ€tze zugesprochen zu bekommen.

An dieser Stelle wird der Fall spannend: Um die Ausweitung des Festlandsockels zu erreichen, mussten die Staaten Daten ĂŒber die Beschaffenheit des Meeresbodens, den sie fĂŒr sich beanspruchen wollen, bei der eigens dafĂŒr eingerichteten »Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels« einreichen. Die Kommission interpretiert die Daten und gibt auf Grundlage dieser Interpretation der Dritten Seerechtskonferenz der Vereinten Nationen eine Empfehlung darĂŒber, ob dem KĂŒstenstaat der Meeresboden zugesprochen werden soll, es sich also um den Kontinentalschelf handelt, oder nicht.

Daraus ergeben sich verschiedene Probleme. Das Expertengremium, bestehend aus 20 internationalen Geologen, untersteht keinem Kontrollgremium. Ihre Empfehlungen stellen also de facto Entscheidungen dar. Die Mitglieder sind darĂŒber hinaus der Geheimhaltung verpflichtet, denn die eingereichten Daten enthalten zumeist geheime Informationen der Ölindustrie. Daher sieht sich die Kommission dem Vorwurf der Intransparenz ausgesetzt. Da dem Gremium auch Wissenschaftler aus AntragstellerlĂ€ndern angehören, kann ein Beigeschmack von Parteilichkeit nicht vollkommen beseitigt werden.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Auswertung der eingereichten Daten. Die Proben, die als Beweis fĂŒr die Zurechnung zum Festlandsockel dienen sollen, geben nicht eindeutig Aufschluss ĂŒber die tatsĂ€chliche Beschaffenheit des Meeresbodens. Vielmehr können die Daten nur interpretiert werden. Und diese Interpretationen können je nach Wissenschaftler oder Gremium – denn dieses wechselt alle fünf Jahre – unterschiedlich ausfallen.

Da ein Antragstellerstaat zudem die Möglichkeit hat, immer wieder neue Daten einzureichen, wird diesem die Erweiterung aller Wahrscheinlichkeit nach frĂŒher oder spĂ€ter zugesprochen. Die Zehnjahresfrist spielt dabei keine Rolle mehr, denn sie gilt bei der ersten Abgabe von Daten als eingehalten.

Erst die Wirtschaft, dann die Natur

So wird ein Großteil des Meeres nach und nach aufgeteilt. Sogar Teile der Arktis einschließlich des Nordpols fallen dieser Aufteilung zum Opfer. Ein PhĂ€nomen, das diesen Effekt verstĂ€rkt, ist, dass LĂ€nder auch fĂŒr ihre Inseln und Überseegebiete einen Anspruch auf die Anrechnung eines Festlandsockels haben. LĂ€nder wie Frankreich, die ĂŒber zahlreiche Überseegebiete verfĂŒgen, profitieren davon.

Die Regelung fĂŒhrt auch zu kuriosen Maßnahmen wie beispielsweise im Falle Japans: Um die winzige, aus abgestorbenen Korallen bestehende Pazifikinsel Okinotorishima – eigentlich ist es eher ein Korallenriff – zu sichern, und damit ein potentielles Abbaugebiet von 430.000 Quadratkilometern, werden aufwendig Korallen gezüchtet und an die abgestorbenen Riffteile verpflanzt. Ohne diese Sicherungsmaßnahmen wĂŒrde der nur knapp ĂŒber der WasseroberflĂ€che befindliche Landteil mit dem Anstieg des Meerespiegels irgendwann verschwinden.

Mit Mitteln wie diesen versuchen die Staaten, möglichst viel des gewinnbringenden Meeresbodens zu bekommen. Der Anteil der Meere, der der Allgemeinheit gehört, schrumpft mehr und mehr. Der Rest wird ausgebeutet, dient der Industrie als Rohstofflieferant.

Die Störung des Ökosystems Meer und Katastrophen wie das UnglĂŒck auf der Bohrinsel Deepwater Horizon im Jahre 2010, bei dem schĂ€tzungsweise 800 Millionen Liter Rohöl in den Golf von Mexiko gelangten, werden dabei billigend in Kauf genommen.

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Footnotes

  1. Zum Thema s. auch die Dokumentation »Die Eroberung der Weltmeere«, Regie: Max Mönch, Alexander Lahl, D 2015. ↩
  2. Vgl. Proclamation 2667 vom 28. September 1945: Policy of the United States with Respect to the Natural Resources of the Subsoil and Sea Bed of the Continental Shelf. ↩
  3. Vgl. Austin, Diane; Priest, Tyler; Pulsipher, Allan G.: Introduction and Background, in: U.S. Department of the Interior, Minerals Management Service, Gulf of Mexico OCS Region (Hrsg.): History of the Offshore Oil and Gas Industry in Southern Louisiana. Volume I: Papers on the Evolving Offshore Industry, New Orleans 2008, S. 1-10. hier: S. 8. ↩
  4. Vgl. »Die Eroberung der Weltmeere«, TC: 00:36:50-00:37:20. ↩
  5. Jenisch 2010, S. 374. ↩
  6. Art. 76, Abs. 3, SRÜ. ↩
  7. Jenisch 2010, S. 377. ↩
  8. Vgl. Art. 2, Abs. 4, Anlage 2 SRÜ. ↩
  9. Vgl. »Die Eroberung der Weltmeere«, TC: 00:43:50-00:48:40. ↩

Authors

Tim Ehlers, geboren 1983, ist seit 2015 Redakteur bei KATAPULT und vor allem als Layouter, Grafiker und Lektor tÀtig. Er hat Germanistik, Kunstgeschichte und Deutsch als Fremdsprache an der UniversitÀt Greifswald studiert.

Sein wissenschaftliches Hauptinteresse liegt im Bereich der Sprachwissenschaft, speziell der Psycho- und Politolinguistik.

 

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