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Sexualisierte Gewalt in der Rapszene

„Wir wollen keinen Skandal. Wir wollen euch umerziehen” – Interview mit Jane von @deutschrapmetoo

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Jane arbeitet als Autorin unter anderem zu feministischen Themen. Wegen Anfeindungen im Internet möchte sie anonym bleiben. Auf Instagram ist sie als @lowerclassjane aktiv.


Triggerwarnung: Sexualisierte Gewalt

KATAPULT: Der Musikjournalist Johann Voigt schreibt auf Vice (Anmerkung: Der Artikel wurde mittlerweile aufgrund von Abmahnungen der Anwält:innen des beschuldigten Rappers von der Website entfernt.), dass vieles am aktuellen Fall ein Novum sei. Zum ersten Mal äußere sich der Beschuldigte direkt zu Vorwürfen und auch sein Label sah sich gezwungen, eine allgemeine Stellungnahme zu veröffentlichen. Wegducken, die Sache von Anwält:innen klären lassen und abwarten bis die Vorwürfe verpuffen wie sonst immer, funktioniere dieses Mal nicht. Was ist dieses Mal anders?

Jane: Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass die Kritik von innen heraus kommt und nicht von außen aufgesetzt wird. Das ist eine Thematik, die so überfällig ist und viele Leute in der Vergangenheit beschäftigt hat. Ich glaube, die Leute sind einfach froh, dass der Damm gebrochen ist.

KATAPULT: Mit Shirin David gibt es unter anderen auch namhaften und reichweitenstarken Support aus der Szene, die sich hinter die Betroffene stellt. Was bedeutet das für die Bewegung?

Jane: Das hat einfach für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Shirin David ist ein Star in der Szene. Wenn sie sich kompromisslos zu diesem Fall äußert und auch selbst Konsequenzen aus Vorwürfen zieht, dann ist das schon sehr stark – und macht die Bewegung größer, als das vielleicht ohne sie passiert wäre. Auf der einen Seite ist es traurig, dass es eine derart bekannte Person braucht, um dem Thema eine Art Validität zu geben. Auf der anderen Seite ist es einfach gut und wichtig, dass sie sich dem Thema angenommen hat und ihre Reichweite genutzt hat, um einen Fokus darauf zu setzen. 

KATAPULT: Du hast jetzt zusammen mit anderen die Initiative @deutschrapmetoo zu gegründet. Wer seid ihr und was macht ihr?

Jane: Die Initiative besteht aus fünf Frauen, die alle in irgendeiner Form in der Szene aktiv sind oder waren und dabei teilweise selbst Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben. Innerhalb der Initiative kümmern wir uns gerade um ganz unterschiedliche Bereiche. Im Vordergrund steht die Betreuung von Betroffenen, die sich bei uns melden. Wir arbeiten mit verschiedenen Organisationen zusammen, die unter anderem psychologische Supervision und Erstberatungsgespräche für Betroffene anbieten. Ein Teil von uns beschäftigt sich mit organisatorischen Aufgaben und damit, wie wir die Initiative festigen können – auch aus juristischer Perspektive. Ich kümmere mich vorwiegend um Presseanfragen.

KATAPULT: Vor knapp drei Wochen habt ihr gesagt, dass sich nach geringer Zeit schon über 100 Betroffene per Mail oder auf Instagram bei euch gemeldet haben. Wie viele Nachrichten bekommt ihr täglich?

Jane: Ich will keine Zahlen nennen, weil das auch immer variiert. Aber es reißt nicht ab. Die Initiative gibt es jetzt seit gut zwei Wochen und es geht immer weiter.

KATAPULT: Wiederholen sich die Namen der Beschuldigten? Zeigen sich Muster?

Jane: Die Namen wiederholen sich, es gibt durchaus Wiederholungstäter. Es zeigen sich auch deutliche Muster. Viele der Betroffenen waren beispielsweise zu dem Zeitpunkt wahnsinnig jung, häufig spielen auch Drogen eine Rolle. Ganz oft ist viel Manipulation im Spiel – und Übergriffigkeit, die aber oft ganz subtil stattfindet, was dazu führt, dass Betroffene häufig erst sehr spät verstehen, was überhaupt passiert ist. Und je jünger die Frauen sind, desto weniger gut können sie in der Regel reflektieren, was ihnen angetan wurde. 

KATAPULT: Die Initiative besteht aus Frauen, die zum Teil selbst Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in der Szene gemacht haben. Wie geht es euch jetzt damit, täglich solche Nachrichten zu lesen? 

Jane: Das ist schon sehr sehr belastend – vor allem angesichts der Tatsache, dass wir teilweise selbst die Täter kennen und wissen, wie sie in der Öffentlichkeit agieren. Wir achten aber sehr gut aufeinander, grenzen uns auch rechtzeitig ab und geben Dinge weiter, wenn es nicht mehr geht.

KATAPULT: Auf Instagram teilt ihr aktuell anonymisiert die Nachrichten von Betroffenen, veröffentlicht Informationen zur Initiative und leistet Aufklärungsarbeit zu sexualiserter Gewalt. Wie reagieren die Leute auf den Instagram-Account?

Jane: Ich hab das Gefühl, dass das Ganze überwiegend positiv aufgenommen wird – auch von großen Teilen der Szene. Wir spüren viel Solidarität und fühlen uns gut supportet. Was uns auch immer wieder Kraft gibt, sind die Nachrichten von Betroffenen, die uns danken und schreiben, dass sie jetzt im Zuge der Gesamtsituation selbst mehr Mut finden, über das Thema zu sprechen. Dennoch macht es uns sehr betroffen, wie zaghaft die Frauen häufig ihre Erfahrungen formulieren und wie sehr sie sich trotz allem auch immer noch selbst die Schuld daran geben, was ihnen angetan wurde. 

KATAPULT: Bekommt ihr viele Hassnachrichten?

Jane: Es gibt schon eine Sparte an Rappern, die jetzt Panik bekommen und Machtverlust befürchten. Hassnachrichten und negative Rückmeldungen gibt es schon auch, aber die lesen sich größtenteils sehr albern und trollig – so nach dem Motto: fragile masculinity joined the chat. Viel verletzender sind für uns Nachrichten von Frauen, die den strukturellen Sexismus einfach sehr verinnerlicht haben – zu einem Punkt, an dem sie selbst diese Rape Culture verteidigen, Victimblaming betreiben oder uns Sachen schreiben wie: „Das sind doch Rapper, als hätten die das nötig, Frauen zu vergewaltigen. Die können doch haben, wen sie wollen.” Das macht uns schon sehr betroffen.

KATAPULT: Viele Medien mussten ihre Artikel, die anfangs auf den Fall um den Rapper Samra eingegangen sind, wieder offline nehmen – höchstwahrscheinlich wegen Abmahnungen der Anwält:innen des Beschuldigten. Aktuell teilt ihr anonymisiert die Erfahrungen betroffener Frauen. Bald wollt ihr jedoch beginnen, die Namen der mutmaßlichen Täter:innen zu nennen. Wie entscheidet ihr, wann ihr die Namen welcher Täter:innen und das Ausmaß der ihren vorgeworfenen Taten veröffentlicht? Wie soll das ablaufen?

Jane: Wir werden unsere Strategien nicht offenlegen. Das ist zum einen von der juristischen Grundlage abhängig und zum anderen kommt es auf jeden Fall auch immer darauf an, ob die Betroffenen das überhaupt wollen.

KATAPULT: Auf Twitter hast du geschrieben:  „Wir wollen keinen Skandal. Wir wollen euch umerziehen,” Was meinst du damit?

Jane: Unsere Absicht ist nicht, eine einzelne Person herauszupicken und die Sau durchs Dorf zu treiben. Das Benennen einzelner Leute als Täter dient aber auch als Warnung möglicher zukünftiger Betroffener vor bestimmten Leuten oder ihrem Umfeld und kann so eventuell weitere Taten verhindern. Wichtig ist uns aber, dass erkannt wird, dass hier ein strukturelles Problem vorliegt, welches an der Wurzel gepackt werden muss. „Umerziehung” ist drastisch ausgedrückt, aber am Ende geht es genau darum. Die Leute müssen das gewohnte Verhalten ablegen und verändern. Mir persönlich ist es auch relativ egal, ob sie das aus Erkenntnis oder Angst vor Karriereverlust machen. 

KATAPULT: Andererseits heißt es auch gerade im aktuellen Zusammenhang immer wieder, dass trotz allem niemand so schnell vergesse wie die Deutschrapszene ...

Jane: Ich finde es erst mal grundsätzlich schwierig, das Ganze so Rap-spezifisch aufzuziehen. Diese Problematik ist kein Rap-Problem, sondern zieht sich durch die gesamte Medienbranche und natürlich alle anderen Branchen. Rape Culture ist einfach ein fester Part dieser Gesellschaft. Das nur auf Rap beziehen und zu sagen, Deutschrap vergesse schnell, ist einfach unqualifiziert. Am Ende des Tages haben das bei Cristiano Ronaldo oder Roman Polanski auch alle vergessen. Polanski gewinnt sogar einen Oscar, während ein Haftbefehl wegen Missbrauchs einer Minderjährigen gegen ihn aussteht. Dieser Fokus auf Rap bei der ganzen Sache wird immer wieder in den Kulturwissenschaften aufgemacht. Dabei handelt es sich auch einfach um das Abschieben von Verantwortung – als würde es im Kulturwissenschaftsbetrieb oder an Universitäten nicht genauso ein MeToo brauchen.

KATAPULT: Teile der Szene sprechen jedoch immer wieder über Rap als „Spiegel der Gesellschaft”. Was denkst du darüber?

Jane: Das ist eine alberne Verromantisierung, mit der ich nichts anfangen kann. Rap ist kein Spiegel der Gesellschaft, sondern ein Teil der Gesellschaft. Dieses hohle Gelaber über die „Kultur” ist auch Quatsch. Im Ursprung ist Rap eigentlich politisch, dagegen ist das in Deutschland aktuell alles größtenteils apolitisch, wenn nicht sogar hochgradig neoliberal geprägt. Ich kann mit dieser Verklärung von Hip-Hop nichts anfangen. Wir bekommen auch immer wieder Nachrichten von Leuten, die uns vorwerfen, wir hätten Hip-Hop nicht verstanden. Die Leute befürchten einfach, dass man ihre „Bro-Culture” anrührt. Frauenverachtung ist halt nicht Teil der ursprünglichen Elemente von Hip-Hop.

KATAPULT: Dazu kursiert gerade auch im Internet eine Petition, die frauenfeindliche Raptexte, die Missbrauch legitimieren, verbieten will. Bisher haben über 13.000 Menschen die Petition unterschrieben. Wie steht ihr dazu?

Jane: Das halte ich für Quatsch. Die Kriminalisierung von Sprache wird nichts an den Strukturen und Geisteshaltungen ändern. Wenn den Leuten verboten wird, wie sie reden, dann würde das Ganze vielleicht oberflächlich schön sein, aber es würde an den Strukturen nichts ändern. Am Ende des Tages kreieren wird damit nur Trotzreaktionen. Darum geht es uns nicht. 

KATAPULT: Du hast gerade gesagt, Teile der Szene befürchten, dass #DeutschrapMeToo ihre „Bro-Culture” zerstört. Das passt auch ganz gut damit zusammen, dass einige Rapper die Bewegung als „irgendwelche Frauengruppen” oder „dumme Feministen” abtun. Gleichzeitig nutzen sie aber den Hashtag, um Rivalen bloßzustellen und Promo für sich selbst zu machen. Wie geht ihr damit um? 

Jane: Wir haben damit einfach nichts zu tun. Außer den paar Fanboys dieser Rapper checken alle, was das für eine miese Nummer ist, die da abgezogen wird. Gleichzeitig wissen wir auch, dass viele der Beteiligten oder der Leute, die teils alarmistisch auf diese Aktionen reagieren, selbst Täter sind oder zumindest Täter schützen. Das ist sehr ekelhaft und heuchlerisch. Natürlich wäre es toll, wenn wir auch diese Leute mit unserer Arbeit erreichen und sie zu einer Erkenntnis bringen. Es ist aber auch gar nicht unser Ziel, Rapper in Einzelgesprächen aufzuklären. Am Ende feiern die sich dann nur als Feminist Icons für irgendwelche Selbstverständlichkeiten. Wir lassen uns von diesen Leuten nicht instrumentalisieren. Insofern befassen wir uns mit der Thematik auch nicht.

KATAPULT: Schadet das denn der Debatte?

Nein, ich seh die Diskurshoheit ganz klar bei uns. Wenn es jetzt eine Gruppe von Pseudo-Gangsterrappern gibt, die im Kreis wichst und sich selber immer Recht gibt, dann werden wir das auch nicht ändern können. Wir können damit leben, dass diese Leute existieren und nicht verstehen wollen, worum es uns geht. Das hat mit uns oder den Betroffenen nichts zu tun. Ich glaube nicht, dass das der Debatte schadet. Wir sind stärker als die paar Pfosten.

KATAPULT: Was sind die langfristigen Ziele der Initiative?

Jane: Ohne genauer darauf einzugehen: Wir arbeiten schon an konkreten Ideen, wie wir ein Umdenken in der Szene einfordern können, und an konkreten Möglichkeiten, wie wir unsere Vorstellungen in den Strukturen verankern können. Beispielsweise über einen Code of Conduct für Labels, Verlage, Konzerte und Festivals – zum Beispiel mehr Awareness-Teams oder bessere Alterskontrollen. Andere langfristige Ziele sind bisher einfach schwer abzusehen. Unser gesamtes Team ist in die Initiative geschäftlich reingerutscht und muss sich erst mal orientieren. Zudem ändert sich der Prozess gerade täglich, weil wir ständig neuen Input reinbekommen, was die Planung fester Zielsetzungen oder bestimmter Zeitrahmen aktuell noch erschwert.

KATAPULT: Wie kann man die Initiative unterstützen?

Jane: Vor allem finanziell, PayPal! Zum einen stecken wir bereits tief in juristischen Beratungsgesprächen, die nicht pro-bono geleistet werden. Zum anderen haben wir selbst viel Arbeitszeit und Energie vorgestreckt. Ansonsten gebt uns weiter Reichweite, teilt uns, supportet uns und sprecht weiter über das Thema. Und sprecht vor allem außerhalb des Internets darüber – redet mit euren Freund:innen, mit euren Brüdern und euren Vätern! Es geht hier nicht um das bloße Benennen von Tätern in der Hip-Hop-Szene, #DeutschrapMeToo soll zur Aufklärung über sexualisierte Gewalt beitragen und Bewusstsein für dieses gesellschaftliche Problem schaffen. Das fängt am besten im privaten Umfeld an.  


Kostenlose Hilfetelefone in Deutschland:

Gewalt gegen Frauen*:  0800 116 116

Gewalt gegen Männer*: 0800 1239900

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder: 0800 22 55 530

Hilfetelefon in Österreich:

Gewalt gegen Frauen*: 0800 222 555

Weitere Informationen und Unterstützung:

www.weisser-ring.de

Fußnoten

  1. Shirin David verschob die Veröffentlichung eines neuen Songs, in dem anscheinend Samra positiv erwähnt worden wäre, um die Textzeilen herauszunehmen-
  2. Ein Code of Conduct (engl. für „Verhaltenskodex”) ist eine Art Selbstverpflichtung, bestimmten Verhaltensmustern zu folgen oder diese zu unterlassen und dafür Sorge zu tragen, dass niemand im Umfeld entgegen der ausformulierten Punkte handelt.
  3. Die Aufgabe von Awareness-Teams bei Events ist es in der Regel, für Betroffene von sexualistierter Gewalt (oder von Rassismus, Ableismus, Trans- und Homophobie oder andere Formen der Diskriminierung) ansprechbar zu sein und sie zu unterstützen. Häufig gibt es dafür extra Schutzräume, in denen den Betroffenen zugehört wird, ihre Perspektive nicht infrage gestellt wird und sie nicht mit den Aussagen anderen Personen konfrontiert werden.

Autor:innen

Geboren 1993, ist seit 2017 Redakteur bei KATAPULT. Er ist Chefredakteur von KATAPULT Kultur und für die Produktionsleitung des Magazins verantwortlich. Er hat Geographie an der Universität Augsburg und der Universitat de Barcelona studiert. Er ist zudem als freiberuflicher Fotograf tätig.

Geboren 1993, ist seit 2021 Redakteurin beim KATAPULT-Verlag. Sie hat Sprach-, Kultur- und Translationswissenschaft in Germersheim und Moskau und Kulturwissenschaft, DaF und englische Literaturwissenshaft in Greifswald, Lancaster und Saskatoon studiert.

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