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Islamdebatte

Zwei gute Gründe, warum der Islam zu Deutschland gehört

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Die Flüchtlingsdebatte ist vor allem auch eine Debatte über den Islam. Würde es sich bei den Geflüchteten um Nicht-Muslime handeln, hätte die Flüchtlingsfrage wahrscheinlich nicht den hohen Stellenwert eingenommen, den sie gegenwärtig besitzt. Immerhin geht es um die Wahrung einer angeblich christlich-jüdischen Identität. Folgende Frage wird dann von Kritikern häufig in den Raum geworfen: Gehört der Islam zu Deutschland? Wenn ja, wie lässt sich dieser mit der »deutschen« Kultur in Einklang bringen?

Ja, der Islam gehört zu Deutschland. Diese Antwort rechtfertigt sich durch zwei Beobachtungen: Zuallererst zeigt ein Blick auf die Statistik, dass es sich bei den etwa vier Millionen Muslimen um die mit Abstand größte religiöse Minderheit handelt. Es wäre unbedacht, zu behaupten, dass über vier Millionen Muslime keinen Einfluss auf das gesellschaftliche Geschehen der Bundesrepublik haben.

Zweitens lässt sich das Vorhandensein von Muslimen in Deutschland mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen, als tatarische Einheiten in der preußischen Armee dienten. Deutlicher wird es, wenn die deutsche Nachkriegszeit betrachtet wird: Die muslimischen Einwanderer waren gemeinsam mit den deutschen Bürgern maßgeblich daran beteiligt, die Republik so zu formen, wie wir sie heute kennen. Einige ihrer Kinder und Enkelkinder gehören zu den profiliertesten Persönlichkeiten des deutschen Kultur- und Wissenschaftsbetriebs. Der Konzert- und Opernsänger Selcuk Cara, der Filmregisseur Fatih Akin, der Schriftsteller Navid Kermani und der Klimaforscher Mojib Latif sind nur einige dieser Namen.

Aus der historischen und statistischen Perspektive erscheint der Schluss, dass der Islam zu Deutschland gehört, entsprechend plausibel. Folglich bemühen sich staatliche und öffentliche Institutionen, den Islam in die demokratischen Strukturen besser einzubinden. So steigt die Zahl der Lehrstühle für Islamwissenschaften an den Universitäten und seit 2010 werden muslimische Theologen an deutschen Hochschulen ausgebildet. Damit sorgen die Universitäten dafür, dass sich ein aufgeklärter und kritischer Islam herausbilden kann. Auf diese Weise würde auch den Islamisten ihre Kritik vorweg genommen werden: Ihr Argument - das auch gerechtfertigt ist -, weiße Europäer würden Muslimen auf »oberlehrerhafte« Art vorschreiben, was der Islam zu sein hat und was nicht, ginge hier ins Leere. Die Debatte würde innerhalb des Islams erfolgen, durch Gelehrte und Wissenschaftler, die eine reflektierte Ausbildung absolviert haben.

Einen Islam, der zu Deutschland passe, beschrieb die FAZ als »religiöse Renaissance eines europäischen Islam«. Eine andere Auslegung wäre hier aber angebrachter. Denn ein aufgeklärter Islam würde sich mit der eigenen Vergangenheit versöhnen - mit seiner rationalen und philosophischen Tradition, die im Spätmittelalter im Nahen Osten ihr Ende fand.

Genau diese Tradition gilt es von den in Deutschland lebenden Muslimen wiederzubeleben. Ein Beweis dafür, dass dies von deutschen Muslimen versucht wird, ist der Ibn-Ruschd-Preis. Dieser wird Personen verliehen, die sich für die Demokratie und freies Denken einsetzen.

Der Namenspatron Ibn Ruschd gilt als bekanntester Vertreter der rationalen Auslegung des Koran im Frühislam und ist folglich ein Kritiker seiner strikten Auslegung. Noch heute gilt Ibn Ruschd bei muslimischen Intellektuellen und Philosophen als möglicher Ausgangspunkt für eine innerislamische Aufklärung.

Auch für Europa besitzt der islamische Gelehrte einen besonderen Stellenwert. Die Philosophen der Renaissance kannten ihn unter seinem lateinisierten Namen Averroës. Er kommentierte Aristoteles' Werke ausführlich. Aus dem arabischen Andalusien gelangten seine Bücher nach Europa; um Aristoteles zu verstehen, nahmen die christlichen Scholastiker Ibn Ruschds Kommentare häufig als Sekundärquelle.

Seine Arbeiten legten damit den Grundstein zur Wiederentdeckung des Aristoteles im abendländischen Raum. Folglich schlägt Ibn Ruschd auch bei den Europäern eine Brücke zwischen ihrer Antike und ihrem eigenen, damals noch zu realisierenden Aufklärungsprojekt.

Autor*innen

Schwerpunkte
Sprachphilosophie
Friedens- und Konfliktforschung

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