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Asymmetrische Kriege

Wie ein Begriff Kriege legitimiert

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Früher war Krieg noch übersichtlich. Reguläre Armeen kämpften gegeneinander. Ein Staat erklärte dem anderen den Krieg. Die Überlegenheit einer Seite führte zum Sieg, der mit einem Friedensvertrag besiegelt wurde. Aktuelle Kampfhandlungen unterliegen anderen Regeln: komplexe Konfliktkoalitionen wie im Nahen Osten, grenzüberschreitende Regionalkämpfe ohne klare Frontverläufe, weltweite Terroranschläge, verdeckte Interventionen. Die Abgrenzung des Schlachtfeldes ist heute unschärfer.

Diese Unübersichtlichkeit bezeichnen einige Stimmen im Sicherheitsdiskurs als »neue« oder »asymmetrische Kriege«.[1] Damit wollen sie betonen, wie stark sich heutige Auseinandersetzungen von denen der vorigen Jahrhunderte unterscheiden. Auch die Politik reagiert auf die wahrgenommenen Veränderungen. Im Herbst 2017 eröffnete in Finnland ein gemeinsames Zentrum von EU und NATO zur »Abwehr hybrider Bedrohungen«. Doch solche Begriffe stehen im akademischen Diskurs in der Kritik. Sie sind analytisch problematisch und haben Missbrauchspotential.

Die neuen Kriege

Die »neuen« beziehungsweise »asymmetrischen Kriege«, so meinen Vertreter dieser Gegenwartsdiagnose, zeichnen sich durch eine extrem hohe Komplexität aus. Auf den Schlachtfeldern der heutigen Zeit stehen sich häufig zersplitterte, regionale Gruppen oder sehr diverse Akteure in unübersichtlichen Konstellationen gegenüber. Kriegs- und Friedenszustände sind nur schwierig zu bestimmen. Häufig schwelen Konflikte lange, bis sie zu bestimmten Zeitpunkten in bewaffnete Auseinandersetzungen umschlagen.

Zudem sind heutige Auseinandersetzungen durch eine Reihe von Entgrenzungen gekennzeichnet. Auffällig ist die Brutalität, der vor allem die Bevölkerung zum Opfer fällt. Bis zu 80 Prozent der Kriegstoten sind Zivilisten.[2] Das internationale Kriegsvölkerrecht, das in den letzten Jahrhunderten immer weiter ausgebaut wurde, sollte den Krieg zähmen und Zivilisten schützen. Die Akteure heutiger Auseinandersetzungen sind jedoch kaum auf Regeln zu verpflichten. Der Grund: Die Kämpfe werden häufig von Warlords, Söldnern und privaten Sicherheitsunternehmen bestritten.

Diese haben häufig auch kein Interesse an Friedensbemühungen, da sie nicht aus ideologischen, sondern ökonomischen Motiven kämpfen. Raub, Menschen- und Drogenhandel im Schatten der Globalisierung sind ihr Geschäftsmodell. Auch Terroristen führen ihren Kampf grenzüberschreitend. Neben unmittelbarer Waffengewalt finden sich internationale Kommunikations- und Desinformationsstrategien oder Cyberattacken.
Für diese »neuen Kriege«, das ist der Grundtenor, bedürfe es neuer Strategien, denn sie bedrohten die modernen Staaten auf bislang ungekannte Weise.[3]

Unterkomplexe Begriffe

Sind die »neuen Kriege« jedoch tatsächlich neu? In der deutschen Debatte ist es vor allem der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der diese Position vertritt und medienwirksam vor den Gefahren der neuen, hybriden Bedrohungen warnt. Die meisten Konfliktforscher stimmen mit ihm darin überein, dass viele der genannten Aspekte für heutige Konflikte charakteristisch sind. Die Etikettierungen als »neue« oder »asymmetrische« Kriege hingegen weisen sie zurück.

Das hat zunächst konzeptionelle Gründe. Unter den Begriffen werden so unterschiedliche Konflikte zusammengefasst, dass es ihnen an analytischer Schärfe fehlt: von ethnischen Ausschreitungen mit örtlicher Begrenzung bis zu internationalem Terrorismus. Diese universelle Anwendbarkeit führt dazu, dass sie sich exzellent als Schlagwort in öffentlichen Debatten eignen. Für fundierte Analysen sind sie jedoch zu unterkomplex, urteilen Kritiker wie der Berliner Konfliktforscher Sven Chojnacki.[4] Zusätzlich gehe mit der Fokussierung auf das vermeintlich Neue der Blick dafür verloren, dass Staaten weiterhin an vielen Konflikten zentral beteiligt sind, wie sich aktuell in Syrien und der Ukraine zeigt.

Der zweite wesentliche Einwand ist empirisch begründet. Er richtet sich gegen die Behauptung, dass es sich bei den beschriebenen Veränderungen um grundlegende Neuheiten handele. Allein nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Krieges lassen sich je nach Definition zwischen 150 und 200 kleinere Kriege zählen.[5] Die meisten wurden asymmetrisch geführt, meint der Experte für historische Friedens- und Konfliktforschung Jost Dülffer.[6]

Geordnet eskalieren: Kriegsgeschichte

Zwischenstaatliche Kriege waren aus historischer Perspektive allenfalls im europäischen Raum der Regelfall. Doch selbst in der frühen Neuzeit, aus dem das Idealbild des »alten Krieges« stammt, kämpften die Armeen mitunter in asymmetrischen Konstellationen und alles andere als human.

So konnten sich die Spanier beim Unabhängigkeitskampf (1807/1808-1814) dem Feldherren Napoleon nur erfolgreich entgegenstellen, weil sie auf Milizen, Guerillakämpfer und Schmugglerbanden setzten, um ihre regulären Kräfte zu ergänzen. Ludwig XIV. hingegen griff im Neunjährigen Krieg (1688-1697) zu Terror und Abschreckung. In der Pfalz und Württemberg zerstörten französische Truppen zahlreiche Städte und Dörfer. Im August 1695 bombardierten sie Brüssel und vernichteten ein Viertel der Siedlungsfläche. Was die feindlichen Truppen durch Einschüchterung schwächen sollte, bewirkte allerdings das Gegenteil: Die Zerstörungswut sorgte im restlichen Europa für Empörung und stärkte den Zusammenhalt seiner Gegner.[7]

Seit der Verwüstung des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) versuchten europäische Mächte zwar, den Krieg durch zahlreiche Vertragswerke in »zivilisierte Bahnen« zu lenken. Dem humanistischen Ideal des ehrbaren Soldaten stand jedoch immer auch das widersprüchliche Bild der Praxis gegenüber: Sexuelle Übergriffe, Terror, ungeregelte Gefechte – all das ließ sich auf den Schlachtfeldern innerhalb und außerhalb Europas finden.[8]

Asymmetrisch, schmutzig, nicht neu: Kolonialkriege

Besonders bei Auseinandersetzungen in Afrika und Amerika griffen die regulären europäischen Armeen beständig auf irreguläre Strategien zurück. Von der frühen Neuzeit bis weit ins 20. Jahrhundert vermischten sich offene Feldschlachten und Taktiken des »kleinen Krieges«: Grenz- und Sicherungsposten des Gegners wurden überfallen, Dörfer in Brand gesetzt.[9]

Zu den eindringlichsten Beispielen irregulärer Militärtaktik gehören die Kriegsverbrechen der Kolonialmächte. Der Vernichtungsfeldzug des Deutschen Reiches gegen die Herero und Nama im heutigen Namibia (1904-1908) gilt als einer der ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts. Auch gegen die Aufständischen des damaligen Deutsch-Ostafrika[10] gingen die deutschen Truppen brutal vor. Da sie angesichts vieler kleiner Fronten und Guerillataktiken den Gegner nur schwer identifizieren konnten, brannten sie Dörfer und Felder nieder. Schätzungen gehen von 75.000 bis 300.000 Todesopfern aus.[11]

Bei solchen Exzessen handelt es sich, wie die Historikerin Susanne Kuß rekonstruiert, nicht um einmalige Eskalationen ansonsten anständiger Armeen, sondern um eine Kriegsführung, die eine klare Unterscheidung zwischen europäischen Soldaten und kolonialen Gegnern traf. Das wurde vor allem militärisch begründet. Die Asymmetrie des Kräfteverhältnisses war nicht nur entscheidend für den Ausgang der Kämpfe, sie rechtfertigte die begangenen Verbrechen. Die Tatsache, dass die militärisch unterlegenen Widerstandskämpfer offene Feldschlachten mieden und stattdessen auf Guerillataktiken setzten, disqualifizierte sie für eine humane Kriegsführung. Irreguläre Kämpfer fielen, so die Denkweise, nicht unter das Kriegsvölkerrecht.[12]

Asymmetrisch, schmutzig, aktuell: Militärstrategien moderner Demokratien
»Asymmetrie« ist auch eine Legitimationsformel für irreguläre Militärstrategien moderner Staaten. Das meinen beispielsweise der schweizerisch-amerikanische Forscher Yves Winter sowie die Politikwissenschaftlerin und ehemalige UN-Beraterin Anna Di Lellio. Sie kritisieren die Mittel, mit denen westliche Demokratien im 21. Jahrhundert Krieg geführt haben. Waterboarding, Inhaftierungen ohne Haftbefehl, Verschleppungen nach Guantánamo: Während der Feldzüge in Afghanistan und dem Irak gehörten diese Praktiken fest ins Repertoire der US-Streitkräfte.

Ihre Anwendung benötigte einerseits eine rechtliche Grundlage. Dafür wurden nicht immer neue Gesetze geschaffen, sondern bestehende Regeln uminterpretiert. Kämpfern von Taliban und Al-Qaida etwa verweigerte Präsident Bush den sogenannten Kombattantenstatus. Als »ungesetzliche Kämpfer« galt für sie das Kriegsvölkerrecht, insbesondere die Genfer Konventionen, nur eingeschränkt.[13]

Andererseits brauchte diese Strategie eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit, die bislang illegale Foltermethoden als angemessen erscheinen ließ. Der Asymmetrie-Diskurs diente als wesentliches Begründungsmuster, so die Kritiker. Hinterhalte der Gegner, versteckte Aufenthaltsorte: Die begriffliche Gegenüberstellung von regulären Kräften und ungesetzlichen Kombattanten habe eine moralische Grenze gezogen, die die eigenen Truppen idealisiere und die Gegner als feige und verbrecherisch diskreditiere. Staaten mit übermächtigen Militärapparaten erschienen als Opfer, die permanent durch einen unsichtbaren Gegner bedroht würden.[14]

Die paradoxe Rolle ziviler Opfer

Die gleiche Rechtfertigung liegt den Drohnenangriffen zugrunde. Sie sollen gezielt Terroristen ausschalten, ohne eigene Soldaten zu gefährden. Allerdings führen sie immer wieder zu sogenannten Kollateralschäden. Nach offiziellen Angaben kamen zwischen 2009 und 2015 bis zu 116 Zivilisten bei US-Drohnenangriffen ums Leben. Unabhängige Journalisten gehen von bis zu 800 Todesopfern aus.[15]

Doch zu den zivilen Opfern der eigenen Kriegsführung haben moderne Demokratien ein paradoxes Verhältnis, wie der Politikwissenschaftler Jens Hiller am Beispiel des US-amerikanischen Irakkrieges erforscht hat.[16] Die Bevölkerung von despotischen Machthabern zu befreien, diente als wesentliches Argument zur Legitimation des Einsatzes. Außerdem sollte dieser besonders human geführt werden, da die Präzision der US-amerikanischen Waffensysteme zivile Opfer vermeiden würde.[17] Diese Einschätzung erwies sich als falsch.

Die zahlreichen getöteten Zivilisten fanden jedoch kaum Berücksichtigung in US-amerikanischen Medien. Falls sie in den Nachrichten vorkamen, wurde die Verantwortung dafür abgewiesen: Mit der Positionierung ihrer Stellungen in urbanen Gebieten machten die Aufständischen einen regulären Kampf unmöglich.[18] Von US-Truppen getötete Zivilisten dienten damit als Beweis für die Barbarei der irakischen Feinde.

Globalisierte Allzuständigkeit?

Skeptiker des Konzeptes vom »neuen Krieg« wenden ein, dass sich weniger die Konflikte, sondern vor allem die Wahrnehmung verändert habe. Ein weltweiter Informationsaustausch und die Universalisierung der Menschenrechte hätten das Blickfeld auf die gesamte Welt ausgedehnt.[19]

Sichtbares Zeichen dafür ist die Zahl internationaler Interventionen, die nach dem Ende des Kalten Krieges drastisch gestiegen ist. Begründet wurden diese nicht mehr mit Territorialansprüchen, sondern vor allem moralisch.[20]

Das bringt eine besondere Verantwortung mit sich. Mitglieder der deutschen Regierung betonen seit einigen Jahren, dass Deutschland in der globalen Sicherheitsarchitektur eine stärkere Rolle spielen solle, und bezeichnen hybride Kriege und Cyberwars als Zukunftsthemen.[21]

Allerdings warnen Experten wie der Historiker Jost Dülffer oder die Konfliktforscherin Anna Geis davor, die verschiedenen Konfliktherde undifferenziert als diffuse, permanente Bedrohung zu interpretieren, auf die militärisch reagiert werden müsse. Mit einem stärkeren Engagement der eigenen Streitkräfte begäben sich demokratische Staaten schließlich zwangsläufig öfter in die Situation »asymmetrischer« Konflikte.

Deshalb ist eine öffentliche Debatte über aktuelle sicherheitspolitische Herausforderungen prinzipiell wichtig. Diese müsse jedoch stärker differenzieren und anerkennen, dass westliche Demokratien ihrerseits unkonventionelle Strategien anwenden, folgert Friedensforscher Erhart. Diese beinhalteten stets die Gefahr einer Entgrenzung von Konflikten.[22] Dabei könne die Idee der Asymmetrie durchaus aufgegriffen werden, bedarf jedoch einer Konkretisierung, meint der Berliner Politologe Felix Wassermann.[23]

Medienvertreter hingegen sollten sehr achtsam mit den Etiketten der »neuen«, »hybriden« und »asymmetrischen« Kriege umgehen. Als vage Sammelbegriffe tragen sie nicht immer zur Aufklärung bei, sondern verhindern diese teilweise sogar.

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Autor:innen

Geboren 1988, ist seit 2017 bei KATAPULT und Chefredakteur des KNICKER, dem Katapult-Faltmagazin. Er hat Politik- und Musikwissenschaft in Halle und Berlin studiert und lehrt als Dozent für GIS-Analysen. Zu seinen Schwerpunkten zählen Geoinformatik sowie vergleichende Politik- und Medienanalysen.

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