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EDITORIAL

Was Religion und Sadomaso gemeinsam haben

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Welches ist das erfolgreichste Buch der Welt? Die Bibel – heißt es oft. Das stimmt wahrscheinlich auch, zumindest wenn man nach der Menge der Exemplare geht, die in Umlauf gebracht wurden. Auf dem zweiten Platz? Möglicherweise der Koran, vielleicht aber auch Propagandalektüre von Mao. Das ist nicht so leicht zu sagen und es existieren je nach politischer Färbung unterschiedliche Annahmen. Das Problem: Für solche Einschätzungen fehlen verlässliche Daten; in Bezug auf historische Auflagen sind diese kaum seriös zu rekonstruieren.

Dass aber zu den meistgelesenen Büchern der Welt auch einige zeitlose Erzählungen gehören, scheint gesichert. Vorne dabei: Don Quijote (erschienen 1605/1615), Der kleine Prinz (1943), Pinocchio (1883), Der Traum der Roten Kammer (1791) und Charles Dickens’ Geschichte zweier Städte (1859). Aus dem späteren 20. Jahrhundert gelten vor allem Harry Potter und Der Herr der Ringe als absatzstärkste Publikationen.

Viel einfacher, als historische Schätzwerte zu ermitteln, ist festzustellen, was aktuell bei Lesern gefragt ist. Bei den meistverkauften Büchern im deutschsprachigen Raum zwischen 2011 und 2020 fällt auf: Es geht ziemlich viel um Sex. Unter den Top 10 finden sich allein drei Bücher, die sich explizit um Lustpraktiken drehen. Alle stammen von derselben Autorin: E L James (aka Erika Leonard). Der erste Teil ihrer dreiteiligen Serie Fifty Shades of Grey verkaufte sich im deutschsprachigen Raum fast drei Millionen Mal. Die literarische Qualität schätzen die meisten Kritiker zwar als mangelhaft ein, wenig schmeichelhaft wurde die Serie auch als »mommy porn« oder »Arztroman ohne Doktor« bezeichnet. Dennoch gilt es als das am schnellsten verkaufte Taschenbuch im Vereinigten Königreich – und erreichte als Trilogie weltweit eine Auflage von über 100 Millionen.

Was sagt dieser Erfolg über unsere Moderne aus? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Das wäre Küchenpsychologie – das sollten Wissenschaftler beantworten, nicht ich. In einigen Ländern aber führte der Inhalt von Fifty Shades of Grey zum Verbot der Bücher oder der Verfilmung. In Malaysia sind die Schriften nach wie vor nicht erhältlich. Dahinter steckt ein altbekanntes Muster. Sex beziehungsweise der Verstoß gegen Moralvorstellungen war in der Vergangenheit immer wieder Anlass zur Zensur – ähnlich wie religiöse Themen.

Der Witz: Publikationsverbote sorgen nicht zwangsläufig dafür, dass bestimmte Inhalte tatsächlich verschwinden. Ungeschickte Beschränkungsversuche können im Gegenteil die Aufmerksamkeit erst darauf lenken. Online ist dieses Phänomen unter dem Stichwort »Streisand-Effekt« bekannt, zurückgehend auf die Schauspielerin und Sängerin Barbra Streisand. Sie hatte 2003 versucht, einer Internetplattform das Verwenden eines Fotos zu untersagen. Es war eine von etwa 12.000 Aufnahmen der kalifornischen Küste, die Erosionsprozesse dokumentieren sollten – und in diesem Fall auch das Haus der Sängerin zeigte. Das Bild hätte wohl kaum Aufmerksamkeit erregt, wenn sie nicht sein Verbot und Schadenersatz gefordert hätte. So verbreiteten sich Foto und die Information zu ihrem Wohnsitz millionenfach im Internet.

Dennoch: Für viele Literaten weltweit ist Zensur ein großes Problem. Wie Verbote das Wirken von Autoren beeinflussen und welche Auswege ihnen bleiben, um diese zu umgehen, erfahren Sie in diesem KNICKER. Außerdem thematisiert diese Ausgabe, was Bücher erfolgreich macht. Denn dabei geht es nicht nur um literarische Qualität, sondern vor allem um Marktmechanismen. Dass ausgerechnet Schwedenkrimis in Deutschland großen Anklang finden, ist nämlich kein Zufall. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass sich unter den Top 1.000 der meistverkauften Bücher in Deutschland, der Schweiz und Österreich kein einziges Buch afrikanischer Autoren befindet und nur wenige aus Asien. Stattdessen: Hunderte US-amerikanische, britische und skandinavische Titel. Mit Qualität hat das nichts zu tun – eher mit etablierten Verlagsstrukturen.

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Dieser Text stammt aus KNICKER-Ausgabe 9 zum Thema Literatur. Wir finanzieren uns durch Spenden und Abonnements. Den KNICKER gibt es mit KATAPULT im Kombi-Abo oder als Einzelausgabe im KATAPULT-Shop.

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Autor*innen

Geboren 1988, ist seit 2017 bei KATAPULT und Chefredakteur des KNICKER, dem Katapult-Faltmagazin. Er hat Politik- und Musikwissenschaft in Halle und Berlin studiert und lehrt als Dozent für GIS-Analysen. Zu seinen Schwerpunkten zählen Geoinformatik sowie vergleichende Politik- und Medienanalysen.

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