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Corona

Warum die Inzidenzzahlen in Deutschland und Indien nicht vergleichbar sind

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Indien wird gegenwärtig besonders heftig von seiner zweiten Corona-Welle getroffen. Letzte Woche stellte der Subkontinent einen traurigen Rekord auf: Mit über 330.000 Neuinfektionen an einem Tag löste er die Vereinigten Staaten von Amerika als bisheriger Spitzenreiter ab. Dort waren am 8. Januar 2021 300.669 Neuinfizierte gemeldet worden.

Anfang der Woche hatten wir dazu bereits berichtet. Wir haben abgebildet, wie viele Menschen seit Beginn der Coronakrise infiziert waren und noch sind. Die Zahlen sind hoch. Und trotzdem: Verglichen mit anderen Staaten sind die gängigen Kennzahlen in Indien auf den ersten Blick nicht besonders alarmierend. Dass ein Staat mit über einer Milliarde Einwohner:innen mehr Neuinfektionen verzeichnet als beispielsweise Frankreich ist nicht überraschend. Und auch die 7-Tage-Inzidenz erklärt die weltweite Sorge um Indien nicht. Die Inselgruppe Lakshadweep verzeichnet mit 214 den höchsten Inzidenzwert in Indien. Zum Vergleich: Thüringen steht aktuell bei 221.

Schlechtes Gesundheitssystem und zu wenige Betten

In beiden Ländern ist der Anteil der Bevölkerung, der an Corona erkrankte ähnlich hoch. Doch liegen Welten zwischen den beiden Staaten. Die Situation in Indien ist derzeit katastrophal. Dies liegt zum einen an einer Überlastung des Gesundheitssystems. Indischen Krankenhäusern geht der Sauerstoff aus und erkrankte Menschen müssen auf Pritschen vor den Gebäuden versorgt werden, falls ihnen überhaupt noch ein Platz zugewiesen wird. Schon vor Corona hatte das Gesundheitssystem große Probleme, auch wenn es in den letzten Jahren Fortschritte machte - etwa durch die Ausrottung der Kinderlähmung. Die weit verbreitete Unterernährung und Infektionskrankheiten wie Malaria und Tuberkulose belasten die öffentliche Gesundheit beispielsweise stark. 

Ein wesentlicher Grund für die Probleme im Gesundheitssystem: Indien hat das am stärksten privatisierte Gesundheitswesen der Welt. Die Kosten für private Behandlungen sind hoch und für viele unbezahlbar. Dem gegenüber steht eine mangelhafte staatliche Versorgung. Die Folge ist ein Zweiklassensystem in der Medizin. Gut ausgebildete Ärzt:innen arbeiten in privaten Krankenhäusern in den Städten, in ländlichen Regionen fehlt dagegen medizinisches Personal. In staatlich finanzierten Krankenhäusern gibt es 0,8 Ärzt:innen und 0,5 Klinikbetten pro 1.000 Einwohner:innen. Im Vergleich dazu hat Deutschland rund acht Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner:innen. Bis 2025 will Indien die Bettenanzahl auf drei pro 1.000 erhöhen. Die derzeitige Lage zeigt erneut, dass Indien diese Verbesserungen braucht.

Wanderarbeiter:innen tragen das Virus in die ländlichen Regionen

Es liegt nicht am Gesundheitssystem allein. Schutzmaßnahmen sind in den urbanen Zentren aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte und der verbreiteten Armut schwer durchzusetzen. Darüber hinaus waren die ländlichen Teile Indiens von der ersten Welle nicht sonderlich stark betroffen. Dies könnte nun zum zusätzlichen Problem werden. Zahlreicher Wanderarbeiter aus ländlichen Regionen saßen zwischenzeitlich in den Städten fest. Sie kehren nun heim und dann dürfte das Virus auch die ländlichen Regionen mit voller Wucht treffen. Die Infektionszahlen steigen aktuellen Studien zufolge jetzt schon überall. Dass die täglichen Infektions- und Todeszahlen kurzfristig sinken werden, ist vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich.

Pandemie? Dann lieber Wahlkampf!

Ein weiterer Grund für das massive Problem mit Corona in Indien: Die frühen Lockerungen der Regierung. Denn überraschend kam die aktuelle Zuspitzung für viele Beobachter:innen nicht. Die Warnungen vor der zweiten Welle seien von der Regierung schlicht nicht ernst genommen worden. Stattdessen habe man sich aufgrund der abflachenden ersten Welle seit September 2020 in trügerischer Sicherheit gewähnt. Andere gehen in ihrer Kritik noch weiter: Nicht nur habe Premierminister Narendra Modi die Warnungen nicht ernst genommen, er habe vielmehr die Gesundheit der Bevölkerung dem eigenen Wahlkampf geopfert. Tausende Anhänger im Cricket-Stadion? Kein Problem. Die Kumbh Mela, das größte religiöse Fest der Welt: warum nicht? So reihte sich in den letzten Wochen ein Superspreader-Event an das nächste - während den Krankenhäusern der Sauerstoff ausging. Auch da half die Regierung tatkräftig mit. Statt sich der Warnungen aus der Wissenschaft anzunehmen, erweckte sie lieber den Eindruck, dass Indien am Ende der Pandemie stehe. Symbolisch untermauert wurde dies durch den Export von Sauerstoff und Impfstoffen. Im Januar 2021 exportierte Indien 734 Prozent mehr Sauerstoff als ein Jahr zuvor. Nun wird im Land die Luft zum Atmen knapp. Hilfe kommt aus dem Ausland. Großbritannien, Deutschland und die USA bereiten Lieferungen von medizinischen Geräten und Medikamenten vor. Auch Frankreich, Kanada und Pakistan haben ihre Hilfe angeboten.

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Fußnoten

  1. Bhowmick, Nilanjana: How India’s second wave became the worst COVID-19 surge in the world, auf: nationalgeographic.com (24.4.2021).
  2. New York Times (Hg.): India Corona Virus Map and Case Count, auf: nytimes.com (27.4.2021); Robert-Koch-Institut (Hg.): COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit, auf: rki.de (27.4.2021).
  3. Tagesschau (Hg.): Staaten sichern Indien Hilfen zu, auf: tagesschau.de (25.4.2021).
  4. Sharma, Dinesh C. (übersetzt von Mentschel, Stefan): Zwischen Versorgungsnotstand und Medizintourismus, auf: bpb.de (28.4.2014).
  5. Alex, Boris: Covid-19: Gesundheitswesen in Indien, auf: gtai.de (23.4.2020).
  6. Radtke, Rainer: OECD-Länder - Krankhausbetten je 1.000 Einwohner bis 2019, auf: de.statista.com (18.1.2021).
  7. Pfeiffer, David: Wozu Populismus führt, auf: sueddeutsche.de (26.4.2021).
  8. Ranjan, Rajesh; Sharma, Aryan; Verma, Mahendra K.: Characterization of the Second Wave of COVID-19 in India, auf: medrxiv.org (21.4.2021).
  9. Pfeiffer, David (2021).
  10. Bhowmick, Nilanjana (2021).

Autor:innen

Seit 2020 Redakteurin bei KATAPULT. Hat Journalismus und Kommunikation in Wien und Amsterdam studiert. Themenschwerpunkte sind Gesellschaftspolitik und feministische Themen. Macht auch Podcasts.

Geboren 1986, ist seit 2020 Redakteur bei KATAPULT. Er hat Politikwissenschaft und Geschichte in Freiburg und Greifswald studiert und wurde mit einer Arbeit im Bereich politische Ideengeschichte promoviert. Zu seinen Schwerpunkten zählen die deutsche Innenpolitik sowie Zustand und Entwicklung demokratischer Regierungssysteme.

Geboren 1987 und seit 2020 als Redakteurin bei KATAPULT vor allem für aktuelle Berichterstattung zuständig. Sie ist ausgebildete Fotografin und studierte Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

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