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Editorial von KATAPULT 16

Steigerung von scheiße

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Mail kommt rein: »Lieber Herr Friedrich« – FRIEDRICH? – »Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie für den LeadAward nominiert worden sind.« – Lead Award, denke ich, kenne ich gar nicht. Frage in der Redaktion nach, was das ist. Redakteur Gabele kennt es und meint, das Ding ist voll anerkannt und in Hamburg. Außerdem futtern die das beste Essen. Ist n Argument, aber ein Benjamin Friedrichs bleibt in solchen Situationen erst mal skeptisch. Hamburch, denke ich dazu noch, das ist doch auch nur so ne Stadt.

Wat sacht Google? Der Lead Award ist einer der anerkanntesten deutschen Medienpreise. Die besten Medienmacher Deutschlands zeichnen die zukünftigen besten Medienmacher Deutschlands aus. Sehr schön. Aber ich wäre nicht der Medienmacher Benjamin Frädrichs, wenn ich nicht weiterforschen würde. Wer hat denn den Preis bisher so gewonnen? Zeit (gut), Süddeutsche (stark), Tagesspiegel (ok) und dann noch Bunte (hä?) und Bild am Sonntag (bidde?). Wie geht das denn zusammen?

Ich muss mich vertan haben. Wofür sollten Bunte und Bams denn Preise bekommen? Ich, Benjamin Fräderich, werde doch sicher nicht für einen Preis nominiert, den auch schon die Bild bekommen hat. Finde das Urteil der Jury im Netz: Die Chefredakteurin der Bams, Marion Horn, habe »einen neuen Ton in den Boulevard gebracht und aus der BamS eine relevante, ernstzunehmende Zeitung gemacht«. Muss den Satz dreimal lesen, bis ich ihn verstehe. Da steht, Horn habe die Bams zu einer ernstzunehmenden Zeitung gemacht. Sind die komplett bescheuert? Das schreibt die Jury einer der anerkanntesten deutschen Medienpreise? So was könnt ihr mir, Benjamin Fähnrich, doch nicht anbieten!

Na gut, vielleicht vertue ich mich ja und die Bams ist viel besser als die normale Bild. Lese Wikipedia-Eintrag zur Bams. Finde raus, die Bild am Sonntag wurde vom Deutschen Presserat mehrfach gerügt. Warum das denn? Gegen Achtung der Menschenwürde verstoßen, Schutz der Persönlichkeitsrechte verletzt und auch Diskriminierung – ganz normal. Verantwortlich war immer die Chefredakteurin Marion Horn. Der Ollen gebt ihr den Lead Award und jetzt soll ich den gleichen Preis bekommen? Puh, jeder weiß, dass ich Benjamin Fridolin heiße und das nicht gut finde.

Beruhige mich wieder. Sollen die doch machen, was sie wollen. Lese aus Neugier noch schnell, wie der Preis finanziert wird. Ergebnis: Wird von Großverlagen (toll!) und der Porsche AG finanziert. Beunruhige mich wieder. Suche Steigerung von »scheiße«. Finde keine. Großverlage geben sich selbst Preise. Leute, ihr seid scheiße.

Nach Relotius sollte alles anders werden. Die ganzen Preise sollten endlich abgeschafft werden und nu, was ist daraus geworden? Der neu aufgelegte Lead Award – ein Preis für Leute, die die Menschenwürde missachten und sich von Porsche das Geld quer reinschieben lassen – Glückwunsch! Wenn die Porsche AG der Bild gerne einen Preis geben will, finde ich das nicht mal überraschend. Aber was haben Zeit und Süddeutsche da verloren? Zusammen mit der Bild und Porsche auf einer Bühne – das ist ein Fehler. Raus da!

Konrad Adenauer wollte in den Fünfzigern übrigens ein Bundespressegesetz zur Kontrolle der Medien verabschieden. Damit das nicht passiert, versammelten sich damals zehn Verleger und gründeten eine eigene Kontrollinstanz – den Deutschen Presserat. Er ist bis heute machtlos, genau so, wie die Verleger es wollten. Wie viele Rügen die Bild vom Presserat bekommen hat, zeigt, wie schlecht die Bild arbeitet, aber es hat keine echten Auswirkungen. Warum eigentlich nicht? Für jede vom Presserat vergebene Rüge sollte eine Zeitung mindestens einen Euro Strafe pro verkauftem Exemplar bekommen und die Chefredakteure sollten pro Rüge zu mindestens einem Monat Sozialarbeit verurteilt werden!

Euer Menowin Fröhlich.

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Autor*innen

Ist einsprachig in Wusterhusen bei Lubmin in der Nähe von Spandowerhagen aufgewachsen, studierte Politikwissenschaft und gründete während seines Studiums das KATAPULT-Magazin.

Aktuell pausiert er erfolgreich eine Promotion im Bereich der Politischen Theorie zum Thema »Die Theorie der radikalen Demokratie und die Potentiale ihrer Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten«.

Veröffentlichungen:
Die Redaktion (Roman)

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