Zum Inhalt springen

Editorial KNICKER N° 3

Nigeria kauft seinen Sprit in Europa

Von

Artikel teilen

Leipziger Buchmesse. Gespräch mit einem Besucher am Stand des Katapult-Magazins: »Nun sagt mal, gehört ihr eigentlich auch zum linksgrünen Mainstream?« Bislang hielt ich diese Formulierung immer für Ironie. Er aber meint es ernst. Die Frage ist sein Gesprächseinstieg und ersetzt die Begrüßung.

Ohne die Antwort abzuwarten, greift er ein Heft, schlägt es auf und entdeckt die Überschrift »Kernkraftwerk«. So lautet der Titel des Editorials aus Katapult-Ausgabe No. 9. Mit Atomkraft hat der Text nur am Rande zu tun, doch die Überschrift reicht ihm, um ein Urteil zu fällen. »Atomkraftwerke, darüber schreibt ja sonst niemand. Vielleicht seid ihr doch nicht ganz Mainstream.«

Das kennt man aus den sozialen Netzwerken: Viele kommentieren, ohne den Artikel vorher zu lesen. Nicht immer besonders kenntnisreich, oft aber kreativ. Zur Aufklärung, dass der Titel »Kernkraftwerk« inhaltlich nichts mit dem Heft zu tun hat, kommt es nie. Der Besucher ist längst bei Angela Merkel gelandet – von der Überschrift war es thematisch nicht weit bis Fukushima, und von dort zur Bundeskanzlerin. Immerhin: Sein Monolog hat ihn von Katapult überzeugt, er kauft das Heft.

Dass über Atomkraft niemand berichtet, stimmt nicht. Stattdessen existieren mediale Aufmerksamkeitsspiralen – beim Thema Energiepolitik wie bei jedem anderen auch. Drei typische Auslöser bringen es in die Nachrichten: Katastrophen, politische Konflikte und starke Proteste. So heißen die Aufreger der letzten Jahre Fukushima, Hambacher Forst, Nordstream 2 – das umstrittene deutsch-russische Pipelineprojekt. Seit Neuestem Greta Thunberg. »Klima-Greta«, wie die »Bild« sie nennt, »der junge Ökostar«.

Richtig aber ist: Über Ressourcen wird öffentlich wenig gestritten, vielleicht zu wenig. Weder darüber, wo wir sie herbekommen, noch über die Folgen ihres Raubbaus. Das ist ein Problem. Der Energiefluss zwischen den Kontinenten ist extrem unausgeglichen. Ein Beispiel: Nigeria exportiert jedes Jahr Millionen Tonnen Rohöl, auch nach Deutschland. Für seine eigenen Bewohner aber reicht es nicht. Strom erzeugt die Bevölkerung, wenn überhaupt, mit Generatoren. Benzin und Diesel müssen dafür importiert werden – größtenteils aus Europa.

Beginnt ein neuer Kampf um Ressourcen? Seit einigen Jahren diagnostizieren Politologen die Rückkehr der Geopolitik: Internationale Abkommen verlieren an Verbindlichkeit, nationale Interessen gewinnen wieder an Bedeutung. Rohstoffe spielen dabei eine zentrale Rolle: Öl, Gas, Lithium, Kupfer. Und Kohle.

Seit einigen Jahren investiert China massiv in den Kohle- und Ölsektor Afrikas. Während in Westeuropa langsam, aber sicher die Kohlekraftwerke vom Netz gehen, entstehen in Ost- und Südasien neue Kohlekraftwerke. Doch auch Europa sichert sich afrikanische Energiereserven: Noch immer gehören europäische Konzerne zu den wichtigsten Akteuren vor Ort, sie finanzieren neue Gas- und Ölpipelines und schürfen in den afrikanischen Minen die Metalle für die deutsche Energiewende.

Auf einer A1-Karte zeigen wir Ihnen ganz detailliert, wo wichtige Ressourcen abgebaut werden, wo neue Kohlekraftwerke entstehen und erklären, warum rohstoffreiche Staaten oft arm sind.

Hoffentlich ist der Besucher vom letzten Jahr wieder bei der Buchmesse, diesmal gibt's nämlich die Kernkraftwerke auf der riesigen Karte im Innenteil. Aber das schreibe ich natürlich nicht in den Titel. Ich würde stattdessen gern mit ihm über die Wirkung von Überschriften diskutieren. Über Kraftwerke meinetwegen auch.

Aktuelle Ausgabe

Dieser Text erschien in der dritten KATAPULT-Sonderausgabe »KNICKER«. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin schon ab 19,90 Euro im Jahr.

KATAPULT abonnieren

Autor:innen

Geboren 1988, ist seit 2017 bei KATAPULT und Chefredakteur des KNICKER, dem Katapult-Faltmagazin. Er hat Politik- und Musikwissenschaft in Halle und Berlin studiert und lehrt als Dozent für GIS-Analysen. Zu seinen Schwerpunkten zählen Geoinformatik sowie vergleichende Politik- und Medienanalysen.

Neueste Artikel

In Graz ist der Stadtkern ein echter Kern

In Graz markiert die Statue eines Pfirsichkerns die Stadtmitte. Seit 2012 wissen also alle ganz genau, wo der Stadtkern liegt.

Fast jeder Zehnte betroffen

Beinahe jede*r Zehnte in Deutschland hat depressive Symptome. Damit liegen Deutsche über dem EU-Durchschnitt. Nur in Luxemburg ist der Anteil an der Gesamtbevölkerung größer.

Stell dich nicht so an!

Im Leistungssport wird Höchstleistung erwartet. Zwei Sportlerinnen haben in letzter Zeit öffentlich über ihre psychischen Erkrankungen gesprochen. Nicht alle hatten Verständnis. Viele Fans forderten, dass die Sportlerinnen einfach weitermachten. Das Problem ist ein Generelles: Menschen mit psychischen Erkrankungen haben es schwer, wahr- und ernstgenommen zu werden.