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Geburtenrate

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In China dürfen verheiratete Paare nun bis zu drei Kinder haben. Das war lange verboten. In den 70er Jahren hatte China Angst vor Überbevölkerung, deshalb durften Familien dort seit 1979 nur je ein Kind haben. Jetzt hat China ein anderes Problem: die Bevölkerung ist zu alt. Deshalb wurde die strenge Ein-Kind-Politik schon 2016 gelockert, seitdem sind zwei Kinder pro Paar erlaubt. Doch das führte nur zu einem kurzen Anstieg der Geburtenrate. Schon 2018 zählte China 15 Prozent weniger Geburten pro Einwohner als noch 2016. Und seitdem sinkt die Zahl weiter.

12 Millionen Kinder wurden 2020 in China geboren - 18 Prozent weniger als noch 2019. Das macht der chinesischen Regierung Sorge. Denn gleichzeitig werden die Menschen in China immer älter. Wenig Kinder und immer ältere Menschen - das führt zu einem demografischen Problem: Bald gibt es nicht mehr genug junge Menschen, um all die alten zu versorgen. Noch gibt es in China mehr Kinder als alte Menschen. Aber schon jetzt sind über 11 Prozent der chinesischen Bürger 65 Jahre oder älter. In Deutschland sind derzeit über 21 Prozent der Bürger mindestens 65. Dieses Niveau erreicht China voraussichtlich ungefähr 2036.

Dann zeigen sich die langfristigen Folgen der Ein-Kind-Politik. Bei deren Einführung befürchtete China noch, dass einfach irgendwann zu viele Menschen in dem Land leben und nicht mehr alle versorgt werden könnten. Das Kinder-Verbot setzte der Staat mit strengen Maßnahmen durch. Häufig wurden Familien mit Geldstrafen und Verlust des Arbeitsplatzes bestraft. Es wurden aber auch Frauen zu Abtreibungen gezwungen, vielen wurde gegen ihren Willen Verhütungs-Spiralen eingesetzt oder sie wurden zur Sterilisationen gezwungen. Das sind krasse Verletzungen der Menschenrechte. Dabei ist nichtmal sicher, ob die Ein-Kind-Politik überhaupt den gewünschten Effekt hatte. Denn schon vor ihrer Einführung ging die Geburtenrate in China stark zurück. Diese Entwicklung ist ähnlich zu der in anderen Ländern: Wenn der Lebensstandard steigt, sinkt die Geburtenrate. Wirtschaftliche Entwicklung, mehr Bildung, Frauenrechte und zunehmende Urbanisierung könnten ebenso Gründe für diese sinkende Geburtenrate sein wie die harte Familienpolitik.

Kinder kann sich keiner leisten

Jetzt wachsen in China Generationen von Einzelkindern heran. Das führt auch dazu, dass Eltern weniger Geld für Kinder ausgeben müssen. So können sie mehr sparen, investieren oder ausgeben. Das kurbelt die Wirtschaft an. Chinesische Eltern geben außerdem viel Geld für die Ausbildung ihres Einzelkindes aus. Die jungen Chinesen sind sehr gut ausgebildet. Viele streben nach einer Karriere und einem guten Leben in den teuren Großstädten. Sie wollen gar nicht mehr Kinder bekommen. Oder sie können es sich schlicht nicht leisten. Denn obwohl sich die chinesische Regierung anscheinend mehr Kinder wünscht, unterstützt sie die Eltern kaum. Es gibt kein Kindergeld, große Wohnungen sind extrem teuer. Ein Platz im Kindergarten ist schwer zu kriegen und kostet 500 bis 1.000 Euro im Monat. Doch teure Betreuungsangebote und Privatkurse sind nötig, um dem eigenen Kind einen Platz an einer guten Schule zu sichern. Schwanger zu werden ist außerdem schädlich für die Karriere. Mütter haben Anspruch auf mindestens drei Monate bezahlte Elternzeit. Väter dagegen erhalten keine Familienzeit. Deshalb stellen Firmen lieber Männer ein - oder Frauen, die schon ein Kind haben. Doch statt die Voraussetzungen zu schaffen, die es Eltern leichter machen, regelt der Staat lieber weiterhin die maximal erlaubte Anzahl an Kindern.

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Fußnoten

  1. Worldbank (Hg.): Population ages 65 and above (% of total population), auf: data.worldbank.org (ohne Datum).
  2. Wurzel, Steffen: Chinesische Familienpolitik wälzt Verantwortung auf die Frauen ab, auf: deutschlandfunk.de (6.6.2021).
  3. Yang, William: How has the one-child policy affected China?, auf: dw.com (19.7.2018).
  4. Ebd.
  5. Ebd.
  6. Wurzel 2021.
  7. Kirchner, Ruth: Chinas Frauen halten nicht viel von Pekings neuer Drei-Kind-Politik, auf: deutschlandfunk.de (5.6.2021).

Autor:innen

Geboren 1987 und seit 2020 als Redakteurin bei KATAPULT vor allem für aktuelle Berichterstattung zuständig. Sie ist ausgebildete Fotografin und studierte Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

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